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ELEMENTAR

Basaltskulpturen von Georg Hüter in der Dankeskirche

Vom 17. April bis zum 15. Juni 2010 gastierte Georg Hüter mit seiner Installation und Ausstellung „ELEMENTAR“ in der Dankeskirche Bad Nauheim.

Zur Ausstellung einige Gedanken und Anregungen von Pfrin. Barbara Wilhelmi:

Steine gibt es viele in einer Kirche.
Steine gibt es viele schon in der Bibel.
Wer wälzt uns den Stein vom Grab unseres Retters?
- die bange Frage der Frauen am Ostermorgen...

Der Stein des Anstoßes, Jesus von Nazareth, sollte schließlich doch zum Eckstein werden, zum Schlussstein des hohen Hauses. Im ersten Teil der Schrift gibt es steinerne Herzen, die weich und fleischern werden durch Gott.

Später sind es Christinnen und Christen, die als lebendige Steine das Unmögliche zu leben versuchen, gleichzeitig fest und beweglich zu sein, verlässlich und verletzbar im Umgang miteinander.

Steine gibt es viele,
verbaut zu Kirchen von Christen, denen das Blätterdach des Waldes nicht mehr reichte. Sie formten runde und spitze Bögen und legten sich auf einen Grundriss fest. Das war meist ein Kreuz, wie auch hier in der Dankeskirche.

Und dieses Kreuz als Achse des Bodens nimmt der Künstler Georg Hüter auf und setzt auf die Punkte, an denen Jesus von Nazareth ans Kreuz genagelt wurde, seine Skulpturen als Kreuznägel. Draußen unter dem Turm postiert er ein weiteres Kreuz – in Form eines Fisches auf einem Sockel. Der Fisch als Christussymbol. Die Steine, aus denen diese Kirche gebaut sind, stammen aus dem nahegelegenen Vulkangebiet des Vogelberges. Es ist das Lavatuffgestein: Basalt.

Genau aus diesem sind auch die Formen der Kunstwerke von Hüter gehauen, die hier mit dem Thema ELEMENTAR ausgestellt sind.

Georg Hüter wurde 1948 in Seligenstadt geboren und  ist Bildhauer. Sein bevorzugtes Material ist der Basaltstein, aus dem er elementare, archaische Formen herausschneidet. Hüter absolvierte sein Studium der Bildhauerei an der Frankfurter Städelschule bei Professor Michael Croissant. Von 1979 bis 1981 war er zwei Jahre Assistent an der Architekturabteilung der TU-Braunschweig bei Jürgen Weber. Danach lehrte er zwei Jahre von 1981 bis 1983 an der Hochschule Hildesheim. 1989 wurde er Leiter der Fachschule für Steinmetze und Steinbildhauer in Aschaffenburg. Diese Funktion übte er bis 1999 aus. Zurzeit wirkt Hüter als Lehrbeauftragter an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main und lebt und arbeitet in Schmerlenbach nahe Aschaffenburg.

„Georg Hüter ist ein Bildhauer im vollen Sinn des Wortes: Mit großer Kraft schlägt er seine elementaren Formen aus dem Stein, der ganz und gar sein Material ist. Der Stein mit seiner Schwere, seiner Härte, seinem Widerstand gegen Bearbeitung und Formung bedeutet für ihn eine unaufhörliche Herausforderung. Je härter aber der Stein ist und je mehr er sich der Bearbeitung widersetzt, desto größer ist für Hüter der Anreiz, sich mit ihm auseinanderzusetzen - daher seine Vorliebe für die Urgesteine Granit und Gneis und vor allem den vulkanischen Basalt. Für ihn ist der Stein nicht einfach totes Material, sondern vielmehr ein Gegenüber, mit dem er in Dialog tritt, mit dem er kämpft …“

Dr. Ursula Geiger, Aschaffenburg 1991, Katalog der Fachschule für Steintechnik

Rede zur Ausstellungseröffnung am 17.4.2010

In der momentanen Ausstellung in der Bad Nauheimer Dankeskirche wird ein Künstler vorgestellt, der in höchster Perfektion Meister seines Faches ist. Der Bildhauer Georg Hüter, weit über die Grenzen Hessens bekannt, kennt die Schwere und Härte seiner Steine, er kennt das Spiel mit Illusion und Realität , mit Nähe und Distanz und mit einer vorsichtigen Installation seiner Arbeiten.

Georg Hüter ist quasi in der Steinmetz Werkstatt aufgewachsen. In Seligenstadt geboren, beginnt er nach seiner Schulzeit eine Steinmetzlehre im väterlichen Betrieb und lernt nicht nur die Begebenheiten der verschiedenen Werkstoffe kennen, er erfährt auch vieles von den Abläufen eines solchen Betriebes, von der Handwerksethik und den Unterschieden der jeweiligen Aufträge, die eine solche Werkstatt auszuführen hat. Nach seiner Meisterprüfung kommt er dennoch zu dem Entschluss, sich nicht dem wirtschaftlichen Zwang eines Handwerksbetriebes zu unterwerfen, sondern den Weg eines freien Bildhauers einzuschlagen. Anstatt den väterlichen Betrieb zu übernehmen studiert er von 1973-1978 an der Frankfurter Städelschule freie Bildhauerei bei Michael Croissant. Es folgten Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen. Zurzeit unterrichtet er an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Der wichtigste Teil seiner Arbeit besteht jedoch in der freien Bildhauerei.

Schon bevor wir in das Innere der Kirche treten, sehen wir Georg Hüters Steine in ihrer ganzen Schönheit im Spitzbogen des Kirchturmes. Nicht nur die Spannung zwischen den rauen, teils moosgrünen, unbehauenen Oberflächen zu den, aus dem Stein hervorgebrachten tiefschwarzen, geglätteten Flächen reizen das Auge und die taktile Neugier des Betrachters. Auch die vermutete ungeheure Wucht der Basaltblöcke lässt den Betrachter stocken. Es ist die Einfachheit der Formensprache, die Senkrechte und die Waagerechte, die in Beziehung zueinander stehen, die die Basaltblöcke zu einer Skulptur werden lassen und von den elementaren Dingen der Bildhauerei erzählen.

Vor uns sind zwei Basaltsäulen so zueinander geordnet, dass man meint, der leiseste Hauch würde den aufgesetzten Block aus seiner Gewichtung bringen und ihn umkippen lassen. Dieser Moment trifft nicht ein, keiner aber weiß, wie kurz wir vor diesem Punkt stehen. Es ist der Punkt kurz vor dem Kippen, der alle Spannung in sich trägt. Dort wo die Schwerkraft den Block hält, und auf der anderen Seite zum Kippen bringen will, dort ist die Leichtigkeit und die Schwere der Steine vereint, dort liegt der formale Sinn der Skulptur verborgen. Dennoch müssen wir hier etwas genauer überlegen, denn Georg Hüter macht es sich zur Aufgabe in einem sakralen Raum Arbeiten zu präsentieren, die inhaltlich einen Bezug zur religiösen Botschaft des christlichen Gotteshauses haben. Auch wenn wir uns bei der Rezeption dieser Skulptur auf grundlegende Parameter der Bildhauerei beschränken können, so werden wir der Arbeit nur zum Teil gerecht.

Die Form der Arbeit bezieht sich zum einen auf das Innere der Kirche, indem sie die Grundrissform der Architektur aufgreift, zum anderen spielt sie in ihrer Erscheinung mit der Kreuzesform und einem quer aufliegenden, an einen Fisch erinnernden Stein. Und Kreuz und Fisch sind die allgemein verbreiteten Symbole Jesu Christi. Damit stimmt Georg Hüter den Besucher der Kirche auf die Thematik seiner Installation im Kircheninneren ein.

Unser Blick schweift weiter in das Kircheninnere und wieder sehen wir ein Beispiel Georg Hüters Spiel mit der Balance. Betreten wir das Kirchenschiff, fühlen wir uns plötzlich wie in einer weiteren Architektur im Kirchenraum. Die scheinbar bezugslos angeordneten Steine formen sich zu einem Raum im Raum und treten in Beziehung zueinander. Plötzlich wissen wir nicht mehr wie wuchtig diese Basaltsteine sind, sie wirken durch ihre sparsame aber genaue Bearbeitung beinahe grazil. Aber es sind drei Steine oder Stehlen. Diese gewaltigen Säulen sind sehr bewusst im Raum platziert. Wir alle wissen, dass der Grundriss unserer christlichen Kirchenbauten die Form des Kreuzes nachempfindet, wobei der Chor und die Apsis, der Raum, wo sich der Altar befindet in Richtung Osten zeigt, dorthin, wo sich die heilige Stadt Jerusalem befindet.

Auch hier in der Dankeskirche haben wir den Grundriss eines Kreuzes. Georg Hüter platziert seine Steine an die imaginären Stellen des Kreuzes, wo sich die Kreuzesnägel befinden. Wuchtige, schwere Nagelsymbole. Und die Betrachter, in diesem Fall die Gemeinde sitzt mitten in dieser Passion der Kreuzigung. Es ist gleichsam eine Erinnerung an die täglichen Leidensgeschichten, von denen wir durch Presse und Nachrichten erfahren, oder die wir selbst kennen, manchmal aus nächster Nähe.

Noch dazu ist die Zahl drei von großer Bedeutung. Georg Hüter hat seine Steine in eine Dreiteilung gegliedert, wobei der mittlere Teil bearbeitet ist und das Innere des Steines preisgibt. Der Stein im Eingangsbereich der Kirche zeigt eine Gestaltung von drei in den Stein gemeißelten Säulen im mittleren Teil der Stehle. Es ist eine klassische Dreierteilung, wie es Georg Hüter nennt, aber es gibt wiederum den möglichen Bezug zur christlichen Theologie, indem wir an die heilige Dreifaltigkeit, Gottvater, Sohn und heiliger Geist denken können.

Ich will mit dieser Erwähnung deutlich machen, dass in einer Installation wie wir sie hier vorfinden, wenig dem Zufall überlassen ist und Material, Bearbeitung und Inhalt Hand in Hand gehen. In dieser Ausstellung sehen wir sehr deutlich zum einen die wunderbare handwerkliche und künstlerische Gestaltung des Steines, doch noch wichtiger ist Georg Hüters Sensibilität bei der Auswahl der Exponate und bei der Platzierung der Steine, die dadurch sein künstlerisches Konzept schlüssig machen und genau auf ihren momentanen Ort abgestimmt sind.

Dr. Michael Herrmann, Kunsthistoriker

Bericht über die Ausstellungseröffnung

Am Samstag, 17. April 2010, wurde in der Dankeskirche die Ausstellung des Bildhauers Georg Hüter eröffnet. In dem lichtdurchfluteten Kirchenraum, konnte eine ansehnliche Besucherzahl von 50 Personen an der Ausstellungseröffnung teilhaben. Kantor Frank Scheffler stimmte mit der impulisven Orgelmusik von Felix Mendelssohn-Bartholdy, einem Allegretto aus der Sonate B-Dur auf die Ausstellung ein. Kirchenvorstandsmitglied Thomas Völker eröffnete die Ausstellung, Pfarrerin Barbara Wilhelmi gab einen geistliche Impuls und der Marburger Kunsthistoriker Dr. Michael Herrmann ging auf den Künstler und die ausgestellten Werke ein. Unübersehbar teilen die drei Basaltskulpturen innerhalb der Kirche den Raum neu. Beim Betreten des Kirchenschiffes richtet sich der Blick zum Altar, nun wird er massiv von dem ersten Basaltblock aufgehalten. Da er sich dem Besucher in den Weg stellt, kommen unweigerlich die hinterfragenden Blicke zu den zwei weiteren Basaltblöcken rechts und links vor dem Altarraum. Können sie eine Antwort geben? Sie stehen dort mannshoch, unübersehbar, ursprünglich und gewaltig.

Der Kunst- und Kirche-Ausschuss der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Nauheim hat den Bildhauer Georg Hüter mit Bedacht ausgewählt, diese Ausstellung zu gestalten. Bevorzugtes Material von Georg Hüter ist der Basalt. Eben jenes Material, aus dem auch die Dankeskirche gebaut wurde. Nach einem Besuch bei dem Künstler im Spessart stand der Entschluss fest, dass dieser Künstler und sein Material durch eine Ausstellung in der Kirche einen wichtigen neuen Impuls für die Gläubigen und die Besucher der Kirche geben werden.

Die drei Basaltblöcke im Innern der Kirche stellen die drei Kreuzesnägel Christi dar. Hüter platziert seine Steine an die Stelle des Kreuzes, an dem sich die vorgestellten Kreuzesnägel befänden und erinnert damit daran, dass das Kreuz täglich erneuert wird. Die Gemeinde sitzt somit inmitten der Passion der Kreuzigung. Dies ist der vom Künstler gegebene theoretische Hintergrund. Ein weiterer Bezug zur christlichen Theologie ergibt sich mit dem Gedanken an die heilige Dreifaltigkeit, Gottvater, Sohn und Heiliger Geist, dargestellt durch die drei Steine in der Dankeskirche.

Der Betrachter - und an dieser Stelle sind alle Nauheimer und Besucher der Kurstadt eingeladen, sich darauf einzulassen – kann den Kirchenraum neu erfassen. Die Basaltblöcke intensivieren den Eindruck des Kreuzes. Die geschliffenen Flächen des Basaltes geben sein Inneres preis. Beim Umschreiten der Basaltblöcke entstehen je nach Blickwinkel Materialkompositionen mit dem Marmor, den Wänden und den Kirchenfenstern. Der gewachsene Stein, der mit seinem vulkanischen Ursprung einstmals flüssig war, steht respekteinflößend vor uns. Die hellgrünen Flechten lassen ihn lebendig erscheinen, und der meisterhafte Umgang des Bildhauers Georg Hüter mit dem Material zeigt sich in der bewusst gesetzten Ausstrahlung und dem Spiel von Schwere und Härte des Steines. Hervorragend erleben wir dieses Balancespiel bei der Betrachtung der Skulptur im Nordeingang der Kirche, also außerhalb des Kirchenraumes. Hier ist ein weiteres christliches Symbol zu erahnen, die geschliffene Fläche kann als ein Fisch gesehen werden. Wie der Kunsthistoriker Dr. Michael Herrmann ausführte, erleben wir diese Skulptur in ihrer Einfachheit der Formensprache, der Senkrechten und der Waagerechten. Spannung entsteht aus dem nicht mittig aufgesetzten oberen Block, ihrer Beziehung zueinander, die die Basaltblöcke zu einer Skulptur werden lassen und von den elementaren Dingen in der Bildhauerei erzählen.

Dr. Michael Herrmann sprach ebenso von dem Werdegang Georg Hüters. Ein Leben, ganz dem Stein verschrieben: Er absolvierte eine Steinmetzlehre im väterlichen Betrieb. Nach der Meisterprüfung geht er den Weg des freien Bildhauers und studierte an der Frankfurter Städelschule. Er übernahm verschiedene Lehraufträge an Hochschulen und unterrichtet nun neben seiner bildhauerischen Tätigkeit an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach.

Die vier Exponate haben die Besucher noch weit über eine Stunde in ihrem Bann gehalten. Georg Hüter erklärte im Anschluss an die Ausstellungseröffnung in freundlicher, ruhiger Art seine Sicht- und Arbeitsweise und konnte Verständnis für seine Arbeit auch bei den skeptischen Zuhörern erwirken. Die Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim hofft mit dieser Ausstellung viel bewegen zu können, zum Denken anzuregen und neue Blicke zu eröffnen.

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