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Chorraum

Neue Kunst in der Dankeskirche - die Gestaltung des Chorraumes

Über viele Jahrzehnte und Jahrhunderte behalten Kunstwerke einer Epoche in Kirchen ihren festen Platz. Diese Zeugnisse einer vergangenen Zeit werden bewahrt und gepflegt. Daneben ist es aber auch wichtig, die Kunst der Gegenwart in den Kirchenräumen zur Geltung zu bringen. Was zeitgenössische Kunst zu leisten vermag, benennt ein Satz aus dem Memorandum zum Verhältnis von Kirche zur bildenden Kunst der Gegenwart aus dem Jahr 1993: Der Grund für das wachsende Interesse an der Kunst der Gegenwart liegt u.a. darin, dass man in den Kunstwerken ein unverbrauchtes Angebot hinsichtlich der Fragen nach Sinn, Symbol, Mythos und Lebens- und Weltdeutung zu begegnen hofft.

Den Künstlern und Künstlerinnen wird nicht nur eine eigene Ausdruckskraft zugesprochen, sondern auch eine Art seismographischer Blick. Sie formulieren oft als erste und in besonderer Weise aktuelle Entwicklungen in der Gesellschaft. Nach welchen Kriterien sollen nun diese zeitgenössischen Werke für Kirchen ausgewählt werden? Zunächst liegt der Gedanke nahe, auch hier wie beispielsweise in Museen Fachleute heranzuziehen. Aber in einer basisdemokratisch strukturierten Kirche mit dem auf alle Bereiche des Gemeindelebens ausgelegten allgemeinen Priestertum aller Gläubigen stößt das mitunter auf Unverständnis.

Ist es also besser dasjenige auszuwählen und zu nehmen, was allen gefällt, um etwaige Konflikte zu vermeiden? Aber dann besteht die Gefahr, dass „gefällige" Kunst gewählt wird, dekorativ oder illustrativ, die sich an den gängigen Bildsymbolen orientiert.In den Jahrhunderten des Mittelalters und der frühen Neuzeit hatten Illustrationen und wiedererkennbare Abbildungen die Aufgabe, als eine Art „Bilder-Bibel" zur Verkündigung zu dienen - vor allem für diejenigen, die keinen Zugang zur Bibel hatten. An diese Tradition erinnern noch die neugotischen Fenster dieser Kirche.Aber Kirche bildet heute anders.Wir können demnach keinen Maßstab im Gefälligen und leicht Verständlichen haben, im Gegenteil: Ein Kunstwerk sollte den Anspruch erfüllen, lange Zeit betrachtet werden zu können, ohne sich zu erschöpfen - immer neue Impulse soll es geben und anregen zur Reflexion und Interpretation. Den vier Künstlern und Künstlerinnen wurde der Chorraum der Dankeskirche als Aufgabe gestellt. Die Betonung lag zunächst auf dem Raum, der bisher wenig Räumliches hatte und nicht als wesentlicher Ort der Kirche wirkte. Ein roter Teppich betonte den Gang zum Altar. Die Besonderheit wurde lediglich werktags durch ein kleines Schild aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts kenntlich gemacht: „Betreten des Chorraumes verboten". Die Entwürfe der Künstler sollten sich auf die Themen der drei Chorraumfenster beziehen: Weihnachten (Lukasevangelium), Kreuzigung (Johannesevangelium) und Auferstehung.

Eine Jury, bestehend aus dem Ausschuss für Kunst und Kirche der Kirchengemeinde und zwei externen Fachberatenden (der Kunstbeauftragte der EKHN und eine Mitarbeiterin des EKD-lnstitutes für Kirchenbau und Kunst), traf in einem langen Prozess die Entscheidung aus drei eingegangenen Entwürfen. Der Kirchenvorstand bestätigte den Vorschlag und Tobias Kammerer wurde mit der Wandgestaltung des Chorraumes beauftragt.

Tobias Kammerer hat für viele Kirchen Kunstkonzepte entwickelt. Neben der Raumgestaltung (auch in Bad Nauheim in der neuen Kapelle der Kerckhoffklinik) ist er besonders als Glaskünstler bekannt geworden. Sein Entwurf für den Chorraum der Dankeskirche besteht aus einem dreigliedrigen Wandgemälde. Der Künstler schreibt dazu: Die Idee war es, hier den vorhandenen Themen in den Chorfenstern jeweils eine Bildfläche zuzuordnen. Als Bildträger dient eine Holzplatte, die auf gleicher Ebene mit der Wandfläche in die Vertiefung im Putz eingebracht wird, so dass eine Schattenfuge entsteht. Die Malerei geht über die Bildfläche hinaus auf die Wand über. Die Farbe tritt plastisch hervor, so entsteht ein haptischer Eindruck. Der pastose Auftrag des Pigments lässt die Oberfläche matt und samtig erscheinen.

Die Silber- und Goldflächen reflektieren sanft das Licht im Raum.

Tobias Kammerer macht auch inhaltliche Angaben zu seinen Bildern. Darin werden seine Bezüge deutlich, Aspekte der Herangehensweise und der Versuch, das für ihn Wesentliche zu benennen. Aber ein Kunstwerk zeigt immer mehr als das. Es birgt für jeden und jede etwas Eigenes. Die Erläuterungen des Künstlers sollen nur ein Anfang sein, ermuntern selbst mehr zu sehen und zu empfinden. Dem Weihnachtsfenster ist die Silberfläche zugeordnet: Silber als Symbol der Läuterung und Erneuerung deutet auf die Ankunft des Messias hin. Silber weist hin auf das klare Licht und den weiß leuchtenden Glanz des Kometen, Stern von Bethlehem, dem die drei Magier folgen.

Dem Fenster mit der Kreuzigungsszene ist die violette Fläche zugeordnet: Das dunkle Violett als Farbe der Passion deutet als zwiespältigste Farbe auf Melancholie und Traurigkeit hin. In der Natur begegnet uns diese Farbe im Untergang der Sonne, beim Übergang des Tages zur Nacht. Die spannungsreiche, aber auch verbindende Wirkung zwischen den Ausdruckswerten des vitalen Rot und des transzendenten Blau kommt hervor. Als Farbe der Vermittlung schafft Violett den Ausgleich zwischen Erde und Himmel, Sinnen und Geist, Leidenschaft und Intelligenz, Liebe und Weisheit.

Dem Fenster mit dem Auferstehungsthema wird die Goldfläche zugeordnet: Gold gilt als das himmlische Element, als Symbol des Himmels überhaupt. Gold ist das Sinnbild für das sonnenhafte Licht, die Ewigkeit und Erfüllung. Schwarze Linien verbinden die einzelnen Tafeln und schaffen so eine Bildfläche und einen thematischen wie kompositorischen Zusammenhang. Die schwarzen Linien bilden auch ein optisches Gegengewicht zu der dunklen Eisenkonstruktion der Fenster. Diese schwarzen Linien beschreibt Kammerer formal und kunstwissenschaftlich. Die dunklen Wandstrukturen lassen aber auch eine theologische Deutung zu. Der Künstler nannte bereits zur Farbe Violett das Stichwort Verbindung. Auch die schwungvollen, schwarzen Striche verbinden - die Nischen. Sie treten aus den Ecken heraus, von einer zur anderen, letztlich gibt es sogar noch ein Zeichen auf dem Auferstehungsbild. Auf den ersten Blick scheinen sie zu stören und erinnern vielleicht an Kindertage, als Übermaltes als falsch gewertet wurde: Übergetreten!

Durch diese lebendigen Striche werden vor allem die Themen Weihnachten und Kreuzigung verbunden, und sie markieren die Zeit des Lebens Jesu. Welches Jesusbild tritt uns in diesen schwarz gemalten Strichen entgegen? Sicherlich mehr als das, was wir in dem Kontrast des Schwarz-Weiß sehen. Kommt diesem in den Evangelien erzählte Leben Jesu nicht gerade das so wenig Gefällige, Durchkreuzende sehr nah? Wir spüren den Zusammenhang mit dem Leben Jesu, das gleichermaßen Polarisierende und Verbindende.

Der Künstler arbeitet Teile der Wandgemälde pastos und beschreibt es als haptisches Hervortreten. Das griechische Wort haptein - begreifen - bedeutete ursprünglich mit dem Mund berühren, so wie beispielsweise ein Kind die Mutterbrust sucht und dadurch mehr „begreift" und „spürt" als den Ort der Nahrungsaufnahme. So begreifen wir in der Art der gemalten Striche und der violetten dicken Farbe auch auf unmittelbare Weise, gerade in den uneinheitlichen Gefühlen, die aufsteigen mögen durch die Spannung, die zwischen den Strichstrukturen und den silber-goldenen Flächen entsteht.

Der pastige, dickwulstige Farbauftrag zum Kreuzigungsthema im mittleren Teil hebt sich ab von den glänzenden, silbernen und goldenen Bildflächen zur Linken und zur Rechten. Eine stumpfe zähfließende Masse ist zu sehen, die an Blut und emotionales Leiden erinnern mag. Das Aufgeworfene und Ungeglättete macht einen rohen, vielleicht auch abstoßenden Eindruck. Aber vielleicht kommt es gerade darin dem Kreuzesgeschehen sehr nahe, denn ist es nicht eine Notwendigkeit, dass das Kreuz wild aussehen muss? Wie sollte das Kreuz filigran und fein gemalt werden? Immerhin finden sich auch in der Bibel drastische Worte, die das Unpassende kennzeichnen: Der Apostel Paulus beschreibt das Kreuz als Skandal und Ärgernis.

Schwache Spuren der violetten Farbe aus dem mittleren Kreuzigungsbild finden sich auch auf den Nachbarbildteilen, dem silberfarbenen Bild des Anfangs und dem goldfarbenen Auferstehungsbild. Die stumpfe Farbe des Leidens scheint auch - zu einem kleinen Teil - die anderen Themen zu betreffen, wenngleich auf den Flächen zur Linken und Rechten das Licht dominiert. Der Glanz dieser Bilder wirft etwas ab und wer sich vor diesen Bildern aufhält, vielleicht in einem Kreis um den Altar steht beim Abendmahl, kann in das besondere Licht getaucht werden.

Die Nischenbilder und die Wandbemalung bilden ein Gesamtwerk und stehen nicht nur thematisch in Korrespondenz zu den Fensterbildern. Gerade durch die Nicht-Gegenständlichkeit der neuen Kunst kann diese Verbindung geschehen und in der leuchtenden Farbgebung öffnet sich der Raum.

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