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Kunst in der Dankeskirche

Kirchenräume sind nicht einfach nur Orte, an denen sich die Kirchengemeinde trifft. Sie sind als Raum selbst an der Verkündigung beteiligt. Sie berühren uns. Man kann mit ihnen spielen wie mit einem Instrument. Es geht im Kirchenraum nicht nur um Worte. Er wirkt anders auf uns bei einem Konzert, auch abhängig von der Musik, die in ihm angestimmt wird: klassische Kirchenmusik, Gospelkonzerte oder Rockmusik von den Prinzen. Und er wirkt auf uns durch sein Inventar, zu dem die Kunst gehört.

Die Kunst spricht uns auf unterschiedliche Weise an. Es kann sein, dass sie uns wenig oder auch nichts sagt. Dann bleibt sie uns verschlossen und schweigt. Aber andere Menschen spricht sie an. Und andere Kunst im Kirchenraum öffnet auch uns für die religiöse Dimension unseres Lebens. Für die Fragen nach dem Woher und Wohin, nach Gut und Böse. Sie bietet Sinnerfahrung wie ein Gespräch an. Dafür ist ihre Freiheit wesentlich. „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2. Kor 3, 17).

Immer wieder gibt es in der Dankeskirche Ausstellungen. Dann kommt zur fest installierten Kirchenkunst für einen kleinen Zeitraum weitere Kunst hinzu, die ihre Wirkung im Raum hat, ihn für eine gewisse Zeit in etwas Neues verwandelt. Dies ist hier dokumentiert.

Manche Kunst in unserer Kirche hat einen transitorischen Charakter. Sie ist nicht für alle Zeiten dort installiert, so wie in einem Museum. Auf der Homepage können wir beides zeigen, Früheres und Gegenwärtiges. Beides hat sein Recht als Versuch, jeweils zu seiner Zeit aktuelle Antworten auf unsere Glaubensfragen hier in unserer Kirche zu finden oder wenigstens zu Fragen anzuregen.

Wandteppiche

Die ehemals im Chorraum hängenden Wandteppiche stammen von Rudolf Koch (Offenbach). Sie sind in den Farben blau, rot und grün als den Farben für Glaube, Liebe und Hoffnung gehalten und wurden zum 25. Einweihungstag 1931 von 25 Frauen der Gemeinde aus naturgesponnenem Leinenfaden gearbeitet.

An älteste Formen dieser kirchlichen Kunst anknüpfend, zeigen sie in ausdrucksstarken Linien links und rechts die vier Evangelisten mit ihren Zeichen, in der Mitte das für unsere Badestadt charakteristische Sprudelmotiv, dazu das Wort des Psalmisten (65,10): „Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle" und die bekannte Sprudelinschrift: „Auf Gottes Geheiß aus der Tiefe geboren, der Lebenden Leiden zu lindern erkoren".

In ihrer Gesamtheit sollen diese Teppiche daran erinnern, dass „wie die Heilquellen aus geheimnisvoller Tiefe immerfort ans Licht steigen, (auch) das von den vier Evangelisten geschriebene Wort Gottes aus der Tiefe der Katakomben… immer wieder siegreich zum Licht und zum Leben emporsteigt" (Pfarrer Hermann Knodt, 1938).


Triptychon Stephan Guber

Aus Spenden wurde das  Triptychon von  Stephan Guber 2015 erworben. Es hängt unter der Südempore am romanischen Taufstein. Es entstand über einen längeren Zeitraum aus Naturmaterialien, die der Künstler der Grabungs- und Baugrube  für den Neubau neben der Dankeskirche entnommen hat – Erde, Lehm und  salzhaltiges Material. Basale Elemente aus dem Boden unserer Kirche, aus der unmittelbaren Nachbarschaft.  Der  kreative Schaffensprozess des Kunstwerkes erinnert an den Schöpfungsakt des Menschen  aus der Erde, aus Lehm.

Die drei Bilder sind  von unterschiedlicher Größe. Aus den erdigen, warmen Farben  heben sich nach und nach Gestalten ab, undeutlich und schemenhaft zu erkennen. Ist es Jakob auf der rechten, kleinsten Tafel, mit der Himmelsleiter an seiner Seite? Dann könnte auf der linken Tafel  vielleicht Abraham zu erkennen sein, den Gott berufen hat, sich auf den Weg zu machen aus seiner Heimat in ein Land, das ER ihm zeigen wird. Im Zentrum des Triptychons, aus der Tiefe, dem Hintergrund, der hellen Fläche der Tafel scheint sich eine Gestalt langsam zu erheben. Sie wendet uns den Rücken zu, bald wird sie aufrecht stehen. Ist es Adam, der erste Mensch?

Dann zeigt das Triptychon also, geschaffen aus Material, aus dem auch unser Kirchengebäude entstand,  einen Blick in die biblische Urgeschichte, auf die Erschaffung des Menschen, der sich  aus der Erde erhebt, zum Individuum wird,  aufrecht geht, sich auf den Weg macht, und mit Gott in Kontakt bleibt.

Paramente

Im Dezember 2008 wurden der Kirchengemeinde neue Antependien übergeben, die von der Textilwerkstatt des Elisabethenstifts in Darmstadt angefertigt worden sind. Antependium – das ist die Bezeichnung für die Altar- und Kanzeltücher, wörtlich: die Vorhänge, in den Kirchen. Möglich wurde diese Neuanschaffung durch die großzügige Spende eines Gemeindemitgliedes.

Paramente sind Textilien, die der Gestaltung von Gottesdiensträumen und dem Gebrauch im Gottesdienst dienen. Vom lateinischen parare mensam, wörtlich übersetzt: „den Tisch bereiten", leitet sich der Begriff „Paramentik“ ab, der das textile Kunsthandwerk im Bereich der Kirche bezeichnet.

Frau Frey-Jansen, Leiterin der Textilwerkstatt in Darmstadt, hat die Herstellung der Stoffe im Gottesdienst am 20.9.2009 dargestellt und ihre Muster und Farben erläutert.

Kreuzigungsbild von Carl Vaillant (1905-1993)

Carl Vaillant hat fast 20 Jahre an diesem Kreuzigungsbild gearbeitet. Er hat wohl auch seine eigenen Erlebnisse als Soldat im Zweiten Weltkrieg eingebracht. Es mag sein, dass er sich wiederfindet in dem Soldaten, der warnend die Hand zum Betrachter erhebt.

1905 in Oberhausen geboren, zog er bald mit seiner Familie nach Gelsenkirchen. Er gehörte in seinen jungen Jahren zu einem, Kreis von Künstlern, die von einer Aufbruchstimmung getragen waren. Namen wären zu nennen, sie alle verbindet ihre Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen. Dem Bauhaus verbunden, gehörte Vaillant bald zu den unliebsamen Außenseitern, die in der Nazizeit als „entartet“ eingestuft und mit Berufsverbot belegt wurden.

Er zog als Soldat in den Zweiten Weltkrieg und erlitt Jahre der Gefangenschaft. Danach begann er als dreiundvierzigjähriger Künstler einen neuen Abschnitt. 1965-1973 wirkte er als Kunsterzieher in Frankfurt/Main, seit 1971 lebte er mit seiner Frau Fee Vaillant in Bad Nauheim. Hier habe ich ihn in den Jahren seit 1974 kennengelernt und ihn immer wieder – Vaillant war ja Glied unserer Kirchengemeinde – besucht.

Im September 1993 verstarb Carl Vaillant im Propst Weinberger Haus. Kurz vor seinem Tod hat er mir für die Kirchengemeinde sein Bild „Kreuzigung“ geschenkt. Es hat mich beeindruckt, und so habe ich meine Gedanken im Rahmen einer Wochenschlussandacht der Gemeinde vorgetragen.

Pfarrer i.R. Dieter Ruhland

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