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Die Glocken in Schwalheim

Erst 1957 erhielt Schwalheim neue Glocken. Die alten wurden im Zweiten Weltkrieg missbraucht.

„Der Meister ist da und ruft dich“ (Joh. 11,28)

Rund zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs spielte das Thema Glocken, d. h. Kirchenglocken, in den meisten Kirchengemeinden rundum eine besondere Rolle. Gewaltige Anstrengungen wurden unternommen, um die im Krieg an den Staat abgegebenen Glocken wiederzubeschaffen. Ein sichtbares Zeichen für den Abschluss der Kriegszeit. Nach der Ernüchterung über den entgangenen ‘Endsieg’ kam manchem wieder in Erinnerung, wie man 1942 in das ‘glockenlose Zeitalter’ gerutscht war. Aber wie konnte es denn passieren, dass man, wie in anderen Orten, die altehrwürdigen Kirchenglocken an den Staat ablieferte? Etwa freiwillig? Ein Rundschreiben des Landeskirchenamtes der Ev. Landeskirche Nassau-Hessen(!) aus Darmstadt vom 19. April 1940 an die evangelischen Kirchenvorstände klärt den Sachverhalt auf eine makabre Weise. Deshalb soll das Schriftstück hier ungekürzt wiedergegeben werden.

In dem Schreiben wurde unter dem Betreff „Anmeldung von Glocken aus Bronze“ und unter Bezugnahme auf die im Reichsgesetzblatt erfolgte Veröffentlichung folgende Anordnung vom Beauftragten für den Vierjahresplan Generalfeldmarschall Göring bekannt gemacht:

1. Die in Glocken aus Bronze und Gebäudeteilen aus Kupfer enthaltenen Metallmengen sind zu erfassen und unverzüglich der deutschen Rüstungsreserve dienstbar zu machen.

2. Die Glocken aus Bronze sind anzumelden und abzuliefern. Gebäudeteile aus Kupfer sind zunächst nur anzumelden. Die Festsetzung des Zeitpunkts der Ablieferung bleibt vorbehalten. Über die anzumeldenden Gegenstände darf ohne besondere Anweisung nicht verfügt werden.

3. Ausbau und Abtransport der Glocken erfolgen auf Kosten des Reichs. Die Gewährung von Ersatzmetall und eine angemessene Entschädigung des Wertes der Glocken nach Kriegsende wird zugesichert. Die Ersatzbeschaffung und Kostenerstattung für auszubauende Gebäudeteile aus Kupfer wird von Fall zu Fall geregelt.

4. Der Reichswirtschaftsminister trifft die zur Durchführung dieser Anordnung erforderlichen Bestimmungen. Er kann Ausnahmen von der Ablieferungspflicht zulassen. (Berlin, den 15. März 1940)“

Von einem anliegenden Schreiben, der amtlichen Kanzelerklärung der auf NSDAP-Kurs gebrachten Kirchenleitung, soll nur der Schluss im Wortlaut zitiert werden; er spricht für sich: „Unsere Glocken steigen nun herab von den Türmen. Sie wollen in anderer Gestalt mit draußen dabei sein, dass der Endsieg unser ist. Wir lassen sie freudig ziehen mit dem Gebet auf den Lippen: ‘Gott segne den Führer, Gott schütze unser Reich, o Herr hilf, o Herr lass wohl gelingen!’“

Entsprechend einer in der Kanzelerklärung enthaltenen Zusage verblieb auch der Schwalheimer Gemeinde eine Glocke, die kleinste. Zwei Wochen nach Abholung der Glocken in Dorheim wurden die beiden Schwalheimer Glocken Ende Januar 1942 abtransportiert; es wäre vielleicht nicht uninteressant zu wissen, wie die näheren Umstände waren.

Auf die von Göring zugesicherte „angemessene Entschädigung“ wollte die Schwalheimer und Rödger Kirchengemeinde nach Kriegsende doch nicht länger warten - sie würde wohl heute noch darauf warten. In einer Form von praktischer Bewältigung der vom Krieg hinterlassenen Probleme kümmerte man sich recht bald um die Wiederbeschaffung eines Glockengeläutes.

In der Zeit des Wirtschaftswunders liefen also Sammlungen in der Gemeinde an. Im April 1957 wurden so über 1.000 DM dem Glockenfonds zugeführt. Die bürgerliche Gemeinde gab einen Zuschuss von 200 DM. Und der Verkauf der im Krieg nicht abgeholten kleinen Glocke brachte ja auch einen gewissen Betrag. Der Glockenguss erfolgte beim Bochumer Verein. Für die drei neuen Glocken mussten in der 1. Rate 4.020 DM, später 270 und 2.010 DM bezahlt werden, dazu kamen noch Nebenkosten. Die Gesamtkosten von knapp 6.500 DM erscheinen aus heutiger Sicht niedrig, müssen aber zu dem damaligen ebenso niedrigen Lohnniveau ins Verhältnis gesetzt werden, so dass die Anstrengungen für die Anschaffung der Glocken entsprechend hoch eingeschätzt werden müssen.

Über den Verlauf der Einweihungsfeierlichkeiten unterrichten zwei Zeitungsartikel von Max Liebig und über die vorbereitenden Arbeiten eine Zuschrift von Karl-Heinz Frey. Der Festgottesdienst war danach für den Sonntag nach Ostern vorgesehen. Aber schon an Karsamstag holten Gerhard Jöckel und Willi Wagner mit einem von Pferden gezogenen gummibereiften Wagen die acht, sechs und vier Zentner (in einem anderen Zeitungsartikel ist von 13, 10 und 7 Zentner die Rede) schweren, mit Tannenzweigen geschmückten Glocken vom Güterbahnhof Bad Nauheim ab. Der Zug wurde von Reitern angeführt und von Männern der Freiwilligen Feuerwehr begleitet; Schulkinder und Gemeindemitglieder folgten durch die Dorfstraßen. Bei der Ankunft an der Kirche hielt Pfarrer Vetter eine Ansprache zur Begrüßung. Er rief darin in Erinnerung, dass die Gemeinde nun zum dritten Mal neue Glocken angeschafft habe und dankte den Spendern für ihre Freigebigkeit. Bürgermeister Niko-laus „sprach die Hoffnung aus, nie mehr wegen eines Krieges neue Glocken anschaffen zu müssen.“ Am Tag nach Ostermontag hob ein Kranwagen der US-Armee die Glocken in nur wenigen Minuten auf den erhöhten Platz vor der Kirche. Dort wurden sie die Woche über ausgiebig in Augenschein genommen. Die Inschrift auf der kleinen Glocke lautet: „Dienet dem Herrn mit Freuden! Ps. 100,2“, auf der mittleren: „Komm, dass du hörst! Pred.4,17“ und auf der großen steht: „Der Meister ist da und ruft dich. Joh.11,28“.

Die Montage der neuen Glocken in dem Kirchturm erforderte einige Vorbereitungen, an die dankenswerterweise Herr Frey erinnerte: Er war 1957 als Zimmergeselle in dem Zimmergeschäft seines Großvaters Georg Wagner VI. beschäftigt und erlebte die notwendigen Veränderungen am Glockenstuhl hautnah. Denn der 79-jährige Großvater hatte der Kirchengemeinde ein kostengünstiges Angebot unterbreitet (ganze 116 DM). Diese Veränderung war notwendig, da die neuen Glocken größere Ausmaße hatten. Vier Personen kümmerten sich die Woche nach Ostern um die Installierung: Außer dem Firmeninhaber und Karl-Heinz Frey dessen Onkel Karl Wagner und ein von der Glockengießerei abgestellter Außendienstmitarbeiter, ein Herr Bovenschulte, der im Haus des Kirchendieners Bingel während seines Aufenthaltes in Schwalheim übernachtete. Ein Gerüst brauchte man nicht erstellen. Denn eine große Seilwinde machte es möglich, die Glocken hoch in den Turm zu hieven, sie passten gerade durch die Schallöcher. Mit einem Flaschenzug und einem dicken Seil wurden die Glocken anschließend an ihren eigentlichen Ort im Turm bewegt. Erwartungsvoll schaute man nun auf den nächsten Sonntag, den 28. April.

Nach Auskunft der Wetterauer Zeitung vom 30.4.1957 war „die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt; es mussten sogar noch Stühle gestellt werden.“ Und weiter berichtete Liebig: „Im Mittelpunkt stand die Weiherede von Propst Weinberger (Gießen). Er legte seiner Predigt die Worte zugrunde, die auf der großen Glocke stehen: ‘Der Meister ist da und ruft dich’ und erläuterte jeden Teil der Inschrift. Die Glocken, an sich totes Material, seien nicht zum Ruhm der Gemeinde da und nicht geschaffen, um nur an Vergangenes zu erinnern, sondern um der Gegenwart  Lebenssinn zu geben; sie möchten das Herzstück im Leben der Gemeinde sein. Die kleine Glocke soll die Zeitglocke, die mittlere die Gebetsglocke und die große die Sonntagsglocke sein. Feierlich läuteten die Glocken erst einzeln und schließlich gemeinsam. Die Gemeinde sang: ’Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen.’

Dekan Saal/Friedberg und Pfarrer Vetter/Dorheim beglückwünschten die Gemeinde zu dem Tage mit einem Petrus- und einem Pauluswort und würdigten den Tag als Tag wahrer Freude, als Tag des Dankes, als Tag der Besinnung und Tag der Hoffnung. Umrahmt war die Feier durch Darbietungen des Gesangvereins Schwalheim, des Kirchenchors Dorheim und des Posaunenchors Bad Nauheim. Anschließend waren die geladenen Gäste und viele Mitwirkende vom Kirchenvorstand und der Gemeindevertretung zu einer kleinen Nachfeier in den Saal des Schützenhofes gebeten. Die Frauen der evangelischen Frauenhilfe betreuten die Gäste mit Kaffee und Kuchen.“

Wir wünschen uns, dass das Gemeindefest anlässlich der Kirchweih am 19. August 2007 auch einen würdigen Rahmen für das Jubiläum der Glockenweihe von 1957 bieten wird - nicht zuletzt aus Dankbarkeit für die genossene Friedenszeit. Dann werden wir wieder bedeutungsvoll von der Sonntagsglocke gerufen, der im Anschluss an die Erweckung des Lazarus das Wort der Martha an ihre Schwester Maria zugeordnet ist: „Der Meister ist da und ruft dich.“

Herbert Pauschardt

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