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Profil

Auf Wunsch einiger Gemeindemitglieder veröffentlichen wir hier alle bislang erschienenen Beiträge zur Serie "Rettet die Reformation"

Mit einer sechsteiligen Serie wollen wir die Reformation in unserem Gemeindebrief beleuchten. Mit Blick auf das Reformationsjahr 2017 ist es uns wichtig, die Kernanliegen der Reformation zu verdeutlichen - ohne Gerüchte und Legenden.

Teil 1 - Der missbrauchte Name Luthers

Eine ganz andere Welt

Wir steuern auf ein neues Reformationsjubiläum zu. Das Jahr 2017 wird seitens der EKD zu Recht als große Chance angesehen, an die Reformation zu erinnern, in einer Zeit, in der die Gesellschaft die Welt des Glaubens mehr und mehr vergisst. Marktgerecht werden Events organisiert, bis in die kleinsten Gemeinden hinein wird an die Reformatoren erinnert werden. Darüber hinaus winkt der ganzen Gesellschaft ein freier zusätzlicher Feiertag, der 31. Oktober 2017 - an ihm jährt sich der berühmte Thesenanschlags Luthers zum 500. Mal.

Jubiläen verfälschen

Die Verklärung Luthers begann schon 1617. Hier musste er dafür herhalten, dass die evangelischen Stände im konfessionell geteilten Heiligen Römischen Reich deutscher Nation im Machtpoker um den meisten Einfluss auf das Land nicht nachgaben. Auch die Reformierten - also die Anhänger der Schweizer Reformation - beriefen sich auf Luther. In einer Zeit, in der der süddeutsche Katholizismus kulturell die eher norddeutschen evangelischen Gebiete wieder überholte, war diese starrköpfige Haltung der Protestanten mitverantwortlich dafür, dass bald darauf der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) ausbrach. Einhundert Jahre später stellten die Pietisten die tiefe Frömmigkeit Luthers in den Mittelpunkt. In Thüringen wurden die ersten Lutherwege eingeweiht. Auf dem Wartburgfest 1817 war für die dort auftretenden Studenten Zeuge für eine antirömische und antifranzösische Haltung. Nach den Schrecken der Kriege gegen Napoleon galt Luther als eine Art Pate für die deutsche Nation. Und im Ersten Weltkrieg erinnerten auch evangelische Theologen an den Durchhaltewillen Luthers während seiner theologischen Auseinandersetzungen. Hiermit sollten die Soldaten an den Fronten des Ersten Weltkrieges und die hungernde einheimische Bevölkerung getröstet werden. Man kann gut erkennen, dass die Menschen Luther so sahen, wie sie ihre Welt deuteten. Mit Reformation hat das nicht viel zu tun.

Und wie wollen wir 2017 feiern? Luther wird Busreisegruppen als gemütlicher alter Herr dargestellt, der gerne ausschweifend trank und aß. Auch an einige seine derben Sprüche wird erinnert. Darüber hinaus wollen Artikel immer wieder auf die vermeintliche politische Ebene der Reformation verwiesen. Dieses Lutherbild erscheint uns realistisch. Doch spiegelt es nur unsere Wahrnehmung auf die Welt wieder. Die Welt des 16. Jahrhunderts war aber eine ganz andere im Vergleich zu der unseren.

Zu den Quellen

Noch vor einigen Jahrzehnten gingen Kirchenhistoriker davon aus, dass Luther deswegen erfolgreich sein konnte, weil seine Zeitgenossen wenig Kenntnisse über theologische Themen hatten. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Gerade im Übergang des 15. zum 16. Jahrhundert wurden zunehmend Kirchen gebaut, auch in kleineren Orten. Die Menschen und an deren Spitze die Landesherren waren bereit dazu, mehr und mehr Vermögen für kirchliche Zwecke auszugeben. Verantwortlich dafür waren auch die Humanisten, die ihrer Zeit vorwarfen, die menschlichen Errungenschaften der Antike vergessen und verschleudert zu haben. Sie riefen: „zu den Quellen“ („ad fontes“). Als eine bedeutende Quelle der Zivilisation galt der christliche Glaube. Die Intellektuellen begannen, in der lateinischen oder griechischen Bibel zu lesen, und fanden Dinge, die der kirchlichen Lehre zuwiderliefen. Schon Ende des 15. Jahrhunderts versuchten gebildete Männer, die Bibel zu übersetzen. Doch die Sprache war im deutschen Kulturraum nicht überall zu verstehen. Die Dialekte in der deutschen Sprache unterschieden sich deutlich.

Ein explosiver Mix

Neben der neuen Frömmigkeit und der Orientierung an alten Zeugnissen fiel auch ärmeren Menschen zunehmend auf, wie selbstherrlich sich die Männer der Kirche verhielten. In manchen Fällen spielten sie ihre Macht aus und machten Dinge, die die Menschen nicht verstanden. Das lag daran, dass sie ihre Messe auf Latein lasen. Auch inhaltlich fühlten sich viele Menschen bei der Beichte in ihren Anliegen nicht verstanden. Außerdem wussten die Oberschichten davon, dass die römische Kirche faktisch pleite war. Das Augsburger Geschlecht der Fugger profitierte als Hauptgläubiger der Kirche ausgezeichnet davon. Kredite sollten erst dann wieder ausgegeben werden, wenn die Päpste ihre Einnahmen vergrößerten. Schließlich wollten auch sie Kirchen bauen, daneben den neuen Petersdom im Rom. Wenn sie schon in deutschen Landen verschuldet waren, dann wollten sie sich auch dort ihr Geld zurückholen. Deshalb verkauften sie die berüchtigten Ablassbriefe nur nördlich der Alpen. Und hier liegt der Hauptgrund dafür, dass die Forderungen einer kirchlichen Erneuerung hier besonders laut formuliert wurden. Anders als noch hundert Jahre zuvor konnte die Kritik durch vollzogene Todesurteile nicht mehr eingedämmt werden.

Auftrag für das Reformationsjubiläum

Soll das Reformationsjubiläum ernst betrieben werden, muss zunächst darauf geschaut werden, was den Großteil der Menschen damals interessierte und in welcher Weise sich die Themen des 16. Jahrhunderts von jenen 500 Jahre später unterschieden. Erst dann werden wir dazu in der Lage sein zu erkennen, was uns die Reformatoren noch heute zu sagen haben. Es hilft nicht zu spekulieren und die eigene Weltanschauung auf die der neuen Denker zur Zeit Luthers zu übertragen. Wir sollten zu den Ursprünge schreiten - oder wie die Humanisten sagten: zu den Quellen.

 

Hans-Winfried Auel

Teil 2 - Was ′evangelisch′ heißt

Martin Luder, 1483 geboren, hat bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr nie eine Bibel in der Hand gehabt. Damit lebte er typisch für die Menschen im ausgehenden Mittelalter: Der erste Weg führte nach der Geburt in die Kirche, schon weil die Säuglingssterblichkeit hoch war. Die Kinder wurden nach dem Heiligen des Tauftages benannt. So erklärt sich Luthers Vorname: Er wurde am 11. November 1483 getauft, am Tag des Sankt Martin. Schon zu Kindeszeiten ging Luder regelmäßig in die Kirche. Weil er in durchaus privilegierter Stellung eine Lateinschule besucht hatte, konnte er sogar verstehen, was die Priester von sich gaben, aber er hinterfragte es nicht.

Auf der Suche

Da er nach elterlichem Wunsch Jurist werden sollte, begann Luder zu studieren. Zu Studienbeginn kam er erstmals mit philosophischen und theologischen Themen in Kontakt, die ihn zunehmend interessierten. Halb aus Sorge darüber, dass Martin „in glühender Jugendhitze“ auf Abwege käme, halb aus der Familienplanung heraus, die in den Händen der Eltern lag, wollte Luders Vater seinen Sohn verheiraten. Luder entfloh der für ihn bedrohlichen Situation, indem er 1505 ins Kloster ging. Immer wieder wird dieser Entschluss mit zwei Legenden gekoppelt. Ein furchtbares Gewitter und Luders Gelübde, sollte er es überleben, wollte er fromm werden, stellt die eine dar, die barsche Reaktion von Luders Vater die zweite. Beides ist von Martin Luder selbst überliefert, muss aber eingeordnet werden. Wahrscheinlich wendete Luder sein Leben dem Kloster zu, weil der Wunsch über längere Zeit in ihm aufgestiegen war. Das furchtbare Gewitter stellte also nur einen äußeren Anlass für die Entscheidung dar. Die Eltern Luders waren anfangs nicht begeistert über den Entschluss, freundeten sich mit diesen alsbald aber an. Nur deswegen ist es plausibel, dass Luders Vater die offizielle Einführungsfeier seines Sohnes als Mönch, die Primiz im Kloster, äußerst großzügig finanziell unterstütze.

Die Gerechtigkeit aus dem Glauben

Das eintönige Leben im Kloster erfüllte nicht die Hoffnungen Luders. Zunächst lebte er gar nicht so streng, wie er es Jahrzehnte später immer behauptete. Vielmehr nutzte er die festen Gebetszeiten zur heimlichen Lektüre von philosophischen Schriften. Hier fand er aber keine Antwort auf seine drängende Frage: „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“. Erst dann kam die Zeit die Selbstkasteiung, diese empfand Luder als immer bedrohlicher. Sein Ordensvater empfahl ihm, Theologie als Professor zu lehren. Auch nach seinem Umzug von Erfurt nach Wittenberg kreiste Luder vor seinen Studenten immer und immer wieder um die Frage. In der wiederholten Lektüre des Briefes des Paulus an die Römer fand er wohl zwischen 1515 und 1518 die ersehnte Antwort: „Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben, wie geschrieben steht: ;Der Gerechte wird aus Glauben leben‘“ (Röm 1,17). Luder fühlte sich von nun an frei. Er nannte sich zunächst „Eleutherios“ (griechisch: frei). Aus Martin Luder wurde Luther wie dereinst aus Saulus Paulus wurde. Die Erkenntnis der beiden war die gleiche: Der Mensch wird allein aus dem Glauben gerecht, nicht aus den Werken. (Röm 3,28).

Berufung auf das Evangelium

Alle weiteren Handlungen Martin Luthers leiteten sich aus der Bahn brechenden Erkenntnis ab. Die massive Kritik am Papsttum am 31. Oktober 1517 mit dem Aushang der 95 Thesen konnte Luther so untermauern. Vom Papst werden Menschen dazu angehalten, Ablassbriefe zu kaufen und gute Werke zu tun. Beides bringe den Menschen vom Glauben ab. Das Papsttum habe nicht das Recht, über den Glauben zu verfügen. Zwei Jahre später gewann Luther mit seinen Mitstreitern ein in der Öffentlichkeit als spektakulär wahrgenommenes Streitgespräch in Leipzig (Disputation) gegen den von der römischen Kirche dorthin geschickten offiziellen Vertreter Dr. Johannes Eck (von Luther stets „DrEck“ genannt). Nicht nur der Papst könne irren, sondern auch Kirchenversammlungen, wenn sie der Wahrheit des Glaubens widersprächen, die allein im Evangelium verbrieft sei. Damit führte Luther ein wichtiges reformatorisches Prinzip ein. Nicht Amtsträger in der Kirche könnten definieren, was der rechte Glaube sei. Dies sei allein durch die Schrift herauszufinden, durch das Evangelium. Weil für die (eine, d.h. katholische) Kirche das Evangelium die Richtschnur ist, muss sie evangelisch sein und nicht römisch. Mit diesem Ansatz verteidigte er sich auch auf dem berühmten Reichstag zu Worms 1521. Nachdem der unbequeme Professor die mittelalterliche Kirche gegen sich aufgebracht hatte, nutzte sie ihre Kontakte zu den weltlichen Herrschern und wollte Luther zum Schweigen bringen. Dass Luther den Reichstag überlebte, war Glück. Der noch junge Kaiser Karl V. konnte nur Spanisch sprechen. Er war damit von Anfang an ein Fremdkörper in dem Reich, das er regieren sollte. Die Kurfürsten wollten im Falle Luther ihre Macht in deutschen Landen demonstrieren. Luthers Forderung aber blieb im Raum stehen und wurde zum Grundprinzip des Protestantismus: Er würde seine Haltung nur dann zurücknehmen, wenn er mithilfe der Vernunft oder der Schrift widerlegt werden könne. Nichts von beidem war möglich. Evangelisch sein heißt: Wir berufen uns auf das Evangelium.

Bibelübersetzng

Luther hatte seine Erkenntnisse der Schriftlektüre zu verdanken. Deshalb war es ihm ein Anliegen, die Bibel zu übersetzen. Auch seine Arbeit auf der Wartburg ist legendär. Weil Luther bekannt war und schon einige seine Schriften im Reich der Deutschen weit verbreitet waren, wurde seine Bibelübersetzung ein großer Erfolg. Hinzu kam sein großes Sprachtalent. Luther nutzte nicht nur die deutsche Sprache, er prägte sie auch wie kein anderer. Die Bibeln wurden nicht nur gekauft, sondern auch gelesen. Menschen konnten mündig gläubig werden. Bis heute hält die evangelische Kirche die Bedeutung der Schrift zumindest formal hoch. Nicht umsonst erhalten Konfirmanden eine Bibel, ganz einfach um darin zu lesen. Die tägliche Lektüre der Bibel ist aber ein Ideal, das der Wirklichkeit überhaupt nicht mehr entspricht.

Ausbildung der Christen, Schüler und Pfarrer

Die Menschen mussten zunächst einmal lesen können. Daher sollte Kinder in die Schule gehen, Getaufte sollten sich mit den Inhalten des Glaubens auseinandersetzen können. Aus all den Gründen formulierte Luther die beiden Katechismen, den Kleinen und den Großen. Letzterer sollte auch eine Richtschnur für die jungen Männer sein, die Theologie studierten. Pfarrer sollten theologisch gebildet sein und nicht nachplappern, was ihnen vorgeschrieben wird. Das ging nur wenn sie die Originalsprachen der Bibel beherrschten, Hebräisch und Griechisch. Der Anspruch an das kirchliche Personal stieg immens.

Grenzen des Schriftprinzips

Die Idee, Glaubensaussagen immer an der Richtschnur der Bibel zu messen, befreite die Menschen von den kirchlichen Unterdrückungen des ausgehenden Mittelalters. Das von Luther aufgestellte Schriftprinzip, dessen hohe Stellung aus seinem Lebenslauf abzuleiten ist, fand aber auch immer seine Grenzen:

  • Dies zeigte schon das Marburger Religionsgespräch 1529. Luther und seine Anhänger konnten sich mit den schweizerischen und oberdeutschen Theologen nicht darüber einigen, wie die Abendmahlsworte Jesu zu verstehen waren. Sie deuteten die Worte Jesu unterschiedlich, obwohl die Textgrundlage die gleiche war.
  • Schon Luther, noch mehr aber die ihm verpflichteten Theologen des späten 16. und des 17. Jahrhunderts überhöhten das Schriftprinzip, indem sie auch naturwissenschaftliche und lebenspraktische Dinge komplett aus den Büchern der Bibel ableiten wollten. Deshalb verneinten protestantische Herrscher zum Beispiel eine notwendige Kalenderreform bis ins Jahr 1700. In römisch-katholischen Gebieten wurde der alte Kalender Gaius Julius Cäsars schon 1582 erneuert.
  • Noch heute berufen sich vor allem evangelikale Christen auf Luther, wenn sie behaupten, jede Aussage der Bibel sei von Gott diktiert worden (Verbalinspiration). Die Ergebnisse solcher Denkhaltungen sind erschreckend, weil die Selbständigkeit im Glauben wieder verloren geht.
  • In einer Art Gegenbewegung neigen Vertreter der evangelischen Kirchen seit etwa fünfzig Jahren dazu, die Bedeutung der Schrift zu relativieren. Dies startete mit dem zunächst stimmigen Ansatz, den Kern der Aussagen Jesu und anderer Vertreter der Bibel vor dem Hintergrund ihrer Lebenszeit, der gesellschaftlichen und politischen Umstände, des Weltbildes und der Bedeutung der Sprache in biblischen Zeiten herauszuschälen. Teilweise wird hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, indem zentrale Glaubensaussagen auf den Kopf gestellt werden.

Will die evangelische Kirche ihren Selbstanspruch wahrnehmen, ist es ihre Aufgabe, ihr Wirken an der Schrift auszurichten und zu erklären, was „Evangelium“ heißt, nämlich frohe Botschaft. Dazu gehört dann aber auch, die Bibelstellen den Gläubigen vorzustellen, die befremdlich stimmen, wenn sie vom Zorn Gottes berichten oder den Provokationen Jesu gegenüber seinen Mitmenschen.

Hans-Winfried Auel

Teil 3: Aus Glauben frei

Die Kirche nahm Luthers Kritik nicht an. Seine Feststellung, sowohl der Papst als auch Kirchenversammlungen, könnten irren, empfanden nicht nur Kirchenmänner als maßlos. Auch einige der Fürsten des Reiches empfanden Luthers Argumente provokativ. Daher lag ein großer Prozess im Raum. Die Kirche durfte kein weltliches Recht sprechen. Sie musste auf das Vorgehen der Mächtigen des Reiches warten.

Die Gefangenschaft der Kirche

Die Brisanz seiner Lage war Luther bewusst. Allein auf seine weitgehende Sympathie der deutschen Bevölkerung konnte er sich nicht verlassen. Dank des Buchdrucks lasen die Menschen seine 95 Thesen. Das neue Medium wollte Luther nutzen. Bevor ihm der Prozess drohte, mit dessen Hilfe er zumindest mundtot gemacht werden könnte, nahm er die Feder in die Hand und formulierte 1520 seine drei reformatorischen Hauptschriften. In der ersten warf er dem Papsttum Unfähigkeit vor, die Kirche zu reformieren. Daher wandte er sich „An den christlichen Adel deutscher Nation“ (so der Name der Schrift). Dieser sollte sich dafür einsetzen, dass nicht nur die Bischöfe lesen könnten. Solange das Papsttum unbeweglich bleibe, sollten die weltlichen Herrscher für eine ordentliche Führung der Regionalkirchen sorgen. Hoffnung darauf, dass er von den Bischöfen gehört würde, machte sich Luther immer weniger. Daher suchte er weiterhin die Auseinandersetzung. Er attestierte der Kirche, sie sei gefangen. In seiner zweiten großen Schrift des Jahres 1520 „Von der babylonischen Gefangenschaft“ der Kirche kritisierte Luther das problematische Sakramentsverständnis des Papsttums. Sakramente – die zentralen heiligen Handlungen im Gottesdienst – dürften allein durch Christus eingesetzt sein, nicht aber durch den Papst. Daher gebe es nur zwei Sakramente, nämlich Abendmahl und Taufe.

Missverständnisse

Die höchste Bedeutung bis in die Gegenwart hinein hat die Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Hier reagierte Luther auf die häufig geäußerte Kritik an seiner reformatorischen Erkenntnis (vgl. Teil 2 der Serie). In der Lektüre des Römerbriefes hatte Luther die Erkenntnis des Paulus befreit: Durch seine Werke erhalte der Mensch keine Gerechtigkeit vor Gott, sondern allein durch den Glauben. Nun erwiderten (nicht nur) seine Gegner: Damit würde es gar nichts bedeuten, wie sich ein Mensch verhalte. Ein Mensch, der human handle, könne dennoch am Leben vorbeileben, wenn die Triebfeder seines Tuns nicht der Glaube sei. Oder umgekehrt: Wer Schlimmes wirke, sei schon deswegen freigesprochen, wenn er einfach glaube. All das passe nicht zusammen, musste sich Luther anhören.

Glauben und Tun

Luther wusste durchaus die Bibel auf seiner Seite. Jetzt war aber sein Schriftprinzip auch auf die Probe gestellt, wollte er den Angriff der Irrlehre von sich weisen. Neben Paulus konnte er auf Jesus verweisen: Das Gleichnis „Vom reichen Jüngling“ (Mk 10, 17-27) zeige, dass es nicht allein genüge, sich an die Gebote Gottes zu halten, wenn das letzte Vertrauen in ihm fehle. Andererseits werde im Gleichnis „Vom verlorenen Sohn“ (Lk 15, 11-32) deutlich, dass auch Gott verwerfliche Handlungen vergebe, wenn sich der Mensch in Reue glaubend an ihn wende. Dennoch gelte daneben auch immer der Jesus-Satz: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Mt 7,16). Wenn er sich in seinen Predigten auch auf diese Stellen berief, wusste Luther, dass es unmöglich sei, die Handlungen vom Glauben zu trennen. Nur war ihm wichtig, die Bedeutung von beidem aufzuzeigen: Nicht das Verhalten ist Voraussetzung für den Glauben, sondern umgekehrt: Aus dem Glauben heraus folgen gute Taten, die die Welt verbessern. Auch ohne Glaube ist es möglich, vorbildlich zu handeln, aber dem Menschen fehlt dann die Rechtfertigung durch Gott.

Frei, aber dienstbar

Der Wittenberger Professor machte diese beiden Themen zu Brennpunkten seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Im Glauben sei der Mensch unbedingt frei, weil Gott ihn die Gnade schenke, nicht an den Dingen des Diesseits gebunden zu sein. Gottes Herrschaft sei absolut. Daher sei der Mensch völlig frei nur im Glauben. Dieser fuße auf der Gewissheit, dass jeder Mensch von Gott geschaffen sei. Darum liege im Menschen die Pflicht, allen Anderen so zu begegnen, wie es Gott tue. Wenn er glaube, könne der Mensch nicht anders, als dem Nächsten zu dienen, weil es notwendig sei. Diese Dopplung fasst Luther in den berühmten Worten zusammen: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Typisch an der Schrift ist Luthers Denken in Gegensatzpaaren. Schon um 1515 formulierte der Reformator: Wir Menschen seien Sünder, weil wir in dieser Welt lebten – von Gott getrennt. Daneben seien wir durch die Taufe und den Glauben mit Gott verbunden. Daher seien wir gerecht. Der Mensch sei nicht sündhaft oder gerecht, wir können nicht einfach in Gut oder Böse einteilen. Der Mensch sei Sünder und Gerechter zugleich, in ein- und derselben Person. Das erklärt unsere Widersprüchlichkeit.

Werte sind zu wenig

Solche Erklärungen treffen heute (im Lutherjahr 2017) auf eine Realität, in der diese Begriffe kaum noch verstanden werden. So wird gefragt, was es heiße, vor Gott schuldig zu sein, wenn an ihn gar nicht geglaubt wird. Um die Bedeutung der Reformation hochzuhalten, bemühen Kirchenvertreter die Notwendigkeit der vermeintlichen „christlichen Werte“. So nett diese Beschreibung erst einmal klingt, so sehr widerspricht sie der Lehre Luthers: Wenn es eben der Glaube ist, auf den es ankommt, sind es die „Werte“, die ihm folgen. Wer diese als letzte Verteidigungslinie des christlichen Glaubens bemüht, irrt aus unterschiedlichen Gründen: Zum Einen ist im Sinne der Reformation das Christentum nur insofern von seinem Wirken her zu verstehen, als diesem der Glaube voransteht. Zum Anderen sind die Werte auch anders als religiös zu begründen, z.B. durch das Grundgesetz. Dagegen wäre es wohl wichtiger zu betonen, dass der Glaube erst einmal nur mittelbare gesellschaftliche Bedeutung hat. Wenn wir Luther ernstnehmen, werden wir im zweiten Schritt merken, dass die Freiheit des Glaubens eine innere Haltung sittlichen Handelns gegenüber den Mitmenschen schafft. Wenn wir nicht mehr die Gerechtigkeit des Menschen vor Gott benennen, fehlt der absolute Begründungszusammenhang dafür. Das zu benennen, wäre mutig – gerade bei den aktuellen Feierlichkeiten der Reformation.

Hans-Winfried Auel

Teil 4: Zeit der Entscheidungen

Kalte Mauern kannte er. Luther lebte 1521 zwangsweise auf der Wartburg, weil Friedrich der Weise von Sachsen ihn hierhin in Sicherheit gebracht hatte. Luther war allein, vor ihm lag das Neue Testament in der griechischen Version. Er hatte Papier und Tinte zur Hand. Also machte er das, was er über viele Jahre gelernt hatte. Er beschäftigte sich mit dem Evangelium. Luther war noch immer Mönch, desgleichen Professor für Theologie. Rekordverdächtig schnell gelang ihm eine Übersetzung, deren Worte so eingängig waren, dass sie populär wurden.

Unklarheit und Ungeduld

Allmählich wurde Luther ungeduldig, denn die Ereignisse seit dem Thesenanschlag hatten ihn verändert. Zu groß waren seine Enttäuschungen gegenüber der römischen Kirche, die sich gar nicht darum bemüht hatte, seine Anliegen ernst zu nehmen. Mittlerweile war Luther mehr als Mönch und mehr als ein Professor der Theologie. Er hatte eine Entwicklung in Gang gesetzt, die sich nicht mehr aufhalten ließ. Eine der spannendsten Fragen, die die Menschen in den unterschiedlichen Bevölkerungskreisen stellten, war die nach dem Verbleib Luthers. Er sei ausgeraubt worden, sagten die Einen, die Anderen, er befände sich jetzt in kaiserlicher Gewalt. Wie aber die Sache Luthers weitergehen sollte, blieb auch seinen Mitstreitern unklar. Luther hatte sich ja gegen die derzeitige Lehre der Kirche geäußert, für welche Gestalt er stand, das ließ sich nur indirekt aus seiner Kirchenkritik ableiten.

Ohne die Ausstrahlung seiner Person fehlte den Theologen die Richtschnur. Das gilt gerade auch für Wittenberg, jene Stadt im Beritt des sächsischen Kurfürsten, an der Luther gelehrt hatte. Zwar wirkte hier auch der sein engster Vertrauter, Philipp Melanchthon, der so begabt war, dass er bereits im Alter von 22 Jahren Vorlesungen gehalten hatte. Gerade mal anderthalb Meter groß konnte er seinen Gegenspielern innerhalb der Theologenschaft nicht die Stirn bieten. Mehrheitsfähig war die Meinung, jetzt müsse die wahre Kirche gebildet werden, die mit allen Traditionen brechen sollte. Da die Sache der Kirche im allgemeinen Interesse stand, ging es nicht mehr allein um akademische Auseinandersetzungen. Auch die Bürger in einigen mitteldeutschen Städten dachten kaum daran, sich der herrschenden Kirche zu unterwerfen. Sie wollten jetzt selbst gestalten.

Die Wittenberger Kirchenordnung

Luther hörte auf der Wartburg von den Unruhen. Inkognito reiste er durch Sachsen. Ihm gingen die geplanten Veränderungen zu weit. Recht spät, erst 1523, gab er sich zu erkennen und bremste seinen größten theologischen Widersacher aus, Andreas Karstadt. Dieser hatte sich nach eigenem Empfinden noch sehr viel stärker als Luther bislang auf die Heilige Schrift berufen, wenn er die Taufe von Kindern ablehnte und forderte, dass alle Bilder aus den Kirchen verschwinden sollten, falls nötig auch gewaltsam. Die Menschen vor Ort verstanden diese radikalen Aktionen nicht. Daher war Luther mit seiner offiziellen Wiederkehr im Sommer 1523 erfolgreich, weil er die Situation beruhigen konnte. Zusammen mit Melanchthon schuf er die Wittenberger Kirchenordnung, die mit weniger Traditionen brach, als manchen Theologen lieb gewesen wäre.

Krieg mit Worten und Waffen

Wenn selbst Luther den Weg nicht konsequent weitergangen sei, so äußerten sich die Radikalsten, dann müsse die Veränderung eben durch andere Kräfte vorangetrieben werden. Soziale Spannungen fanden sie überall vor. Inspiriert durch die Gedanken Luthers, forderten die Bauern quer durch Deutschland politische Teilhabe, die ihnen die Fürsten nicht gewähren wollten. An der Spitze der Aufständischen stellte sich mit dem Pfarrer Thomas Müntzer ein einstiger Anhänger Luthers, der allerdings schon bald beanstandete, dass Luther trotz seiner Kirchenkritik die Ungleichheit der ständischen Gesellschaft nicht anprangerte. Die Unruhen der Bauern wuchsen sich zum Bürgerkrieg aus. Müntzer sah das Ende aller Zeiten herbeigekommen und er wollte auf der richtigen Seite stehen. Daher stachelte er die Bauern an, sich jetzt zu widersetzen, denn Gott helfe ihnen.

Luther wurde jetzt von den Fürsten angesprochen, die ihm unterstützt hatten, neben Friedrich dem Weisen auch Philipp der Großmütige, der Landgraf von Hessen. Der an sich unpolitische Luther musste sich politisch äußern. Er argumentierte emotional und rief die Söldner dazu auf, gegen die Bauern hart vorzugehen. So endete der Bauernkrieg blutig. Während bei der Schlacht in Frankenhausen im Mai 1525 6.000 Bauern fielen, waren es nur sechs Soldaten. Die Situation war befriedet, die gesellschaftliche Ordnung wiederhergestellt und Luther hatte mit seinem dilettantischen politischen Statement Schuld auf sich geladen.

Entgegen anderslautender Gerüchte aus dem Lager der „Schwärmer“ (so nannte Luther die fanatischen Reformatoren) ist bekannt, dass Luther seine anstachelnden Worte gegen die Bauern bereute und auch die Fürsten ob ihrer Willkür gegen die Schwachen kritisierte. Nichtsdestoweniger stand er in deren Abhängigkeit, weil sie allein in der Lage waren, die Kirchenreform gegen den Kaiser und seine Verbündeten zu verteidigen.

Das erste Pfarrhaus

Die Zeit des Mönchseins war vorbei. Zu deutlich hatten sich die Dinge geändert, zu sehr widerstrebte das abgeschiedene Leben der Wirklichkeit der anbrechenden Reformation. Aufgabe von Pfarrern sei es, das Wort Gottes zu verkündigen. Dagegen war es kein Widerspruch zu heiraten. Luther ging diesen Weg selbst. Im Jahr 1525 ehelichte er die ehemalige Nonne Katharina von Bora. Beide zusammen führten eine glückliche Ehe, begründeten das erste evangelische Pfarrhaus und bewirteten zahlreiche Gäste. Gleichzeitig erlebten sie den Alltag der „normalen Leute“. Von ihren sechs Kindern mussten sie zwei früh zu Grab tragen. Luther selbst respektierte seine um sechszehn Jahr jüngere Frau sehr.

Gerade im Jahr 1525 hatte Luther grundlegende Entscheidungen getroffen. Neben seiner Abkehr vom mönchischen Leben hatte er mit allen radikalen Verfechtern der Reformation gebrochen. Seine Entscheidungen kristallisierten das heraus, was später einmal evangelische Kirche sein sollte: Auf Grundlage des Evangeliums muss Kirche einerseits mit den einen Traditionen brechen, aber die anderen bewahren. Der Grundsatz dafür besteht darin, den Kern der Botschaft gewissenhaft zu kennen und auf die jeweilige Situation anzuwenden. Bezogen auf die Kritiker Luthers heißt dies: Zwar ist in den Evangelien davon die Rede, dass Jesus als Erwachsener getauft wurde, dennoch ist die Taufe von Kindern von Gott zugesagt, weil gerade sie seine Kinder sind. Im Fall Müntzer erkannte Luther: Zwar ist davon die Rede, dass Gott mit den Sanftmütigen ist, aber das gibt niemanden das Recht, einseitige politische Forderungen aus dem Evangelium abzuleiten.

Bis heute muss die Kirche Entscheidungen treffen. Es ist ihr zu wünschen, dass sie das Anliegen der Reformation nicht aus dem Blick verliert: Die Autorität des Handelns liegt allein im Evangelium begründet.

Hans-Winfried Auel

Teil 5: Verlorene Einheit

Er sah sich als mächtigsten Mensch seiner Zeit. Karl V. war König von Spanien, gleichzeitig als Oberhaupt der Habsburger Kaiser des deutschen Reiches, das sich noch immer heilig und römisch nannte, und Herr über die Welt im neu entdeckten Kontinent. Neuspanien nannten sie das Gebiet, das als erster Kolumbus entdeckt hatte. Karl V. hatte die Vorstellung davon, dass in seinem Reich die Sonne nie unterging. Es sollte eine echte Einheit darstellen, politisch und religiös. Weil er der Herrscher war, wollte er auch diese Einheit gestalten. Dabei sah er zu Beginn seiner Herrschaft in den 1520-er Jahren vier große Gegner, die dem Ideal seines Weltreiches in die Quere kamen: Clemens VII., Bischof und Rom und Papst, Franz I., König von Frankreich, Süleyman I., Sultan des Osmanischen Reiches, und – tatsächlich – den einstmaligen Mönch Martin Luther.

Kämpfe in Rom und vor Wien

Nun war es die Aufgabe Karls, seine erklärten Gegner nacheinander auszuschalten. Obwohl er überzeugter Katholik war, wendete er sich zunächst Papst Clemens VII. zu. Dieser hatte seinerseits den Konflikt zwischen den Habsburgern und Frankreich ausspielen und den Kirchenstaat in Mittelitalien vergrößern wollen. Mithilfe deutscher Söldner konnte Karl 1527 Rom einnehmen und plündern lassen. Für die Stadtbevölkerung war es erschreckend, wie sie unter den Truppen des Kaisers litt. Dieser hatte indes sein erstes Ziel erreicht. Der Papst fügte sich, akzeptierte die Machtstellung des Monarchen und krönte ihn sogar zum Kaiser.

Damit hatte Karl das Symbol, das er brauchte: Er war der mächtige Vertreter der Christenheit, er hatte das Recht, die Türken, die zwar Muslime waren, damals in Europa als ungläubig angesehen wurden, auf ihrem Vormarsch gen Westen aufzuhalten. Nicht vergessen war die Einnahme der stolzen christlichen Stadt Konstantinopel 1453. Und jetzt – 1529 – belagerten sie Wien. Alle Truppen des Reiches wurden benötigt, um Süleyman und seine Soldaten von der Donaumetropole abzuhalten. Auch die Reichsstände, die protestantisch geworden waren, beteiligten sich am Kampf um Wien. Sie ließen sich auf einen Deal ein: Karl V. bekam die Truppen, die er brauchte, und die evangelischen Stände konnten ihren Glauben innerhalb ihrer Teilstaaten frei bekennen. Auf dem Augsburger Reichstag dokumentierten sie 1530 ihren Glauben in der Confessio Augustana, die noch heute als Bekenntnisschrift gilt. Damit hatte übrigens das Protestschreiben (die protestatio) aus dem Jahr 1529 Erfolg, weswegen wir uns bis heute Protestanten nennen.

Doch keine Verständigung

Eigentlich waren die Grundlagen für eine Verständigung gelegt: Karl sah die Probleme des Kriegsführens, auch die hohen Kosten, und suchte den Weg, auf einer großen Kirchenversammlung die Einheit des Glaubens wiederherzustellen. Eine friedliche Lösung mit den Protestanten hätte eine Grundlage dafür sein können, sich selbstbewusster Frankreich zuzuwenden, das als Nachbarstaat penibel die immer größere Machtstellung Karls beäugte. Aber die Protestanten machten es dem Kaiser nicht leicht. Luther war schon ein Ärgernis, schließlich hatte er 1521 dem noch jungen Kaiser auf dem Reichstag zu Worms eine symbolische Niederlage beigebracht. Dass jetzt immer mehr Glaubensrichtungen entstanden, wurde zu dem Problem. Viele der ehemaligen Luther-Anhänger wendeten sich vom Wittenberger Theologen ab. Die Oberdeutschen und Schweizer hielten Luthers Abendmahlsverständnis für nicht glaubwürdig, denn in den Elementen des Abendmahls sei Jesus nicht real gegenwärtig. Wein und Brot seien allein Symbol für Jesus Christus. Die sogenannten (Wieder-)Täufer, behaupteten, es sei nicht legitim, Kinder zu taufen. Andere sagten, man brauche keine sichtbare Kirche mehr und müsse sich allein vom Geist Gottes führen lassen - das war die Vorstellung der Spiritualisten.

Das landesherrliche Kirchenregiment

Aus Sicht vieler Katholiken, allen voran Karls, war der Glauben in Mitteleuropa nicht nur gespalten, er war zerbröselt. Eine Verständigung schien immer schwieriger zu werden, zumal auch Luther und seine Mitstreiter politische Bündnisse befürworteten. Die evangelischen Fürsten schlossen sich 1531 zum Schmalkaldischen Bund zusammen. „Rettet die Reformation“, war ihr Schlagwort. Für die Argumente waren die Theologen zuständig, für die Waffen die Monarchen. Und sie bekamen etwas dafür: das landesherrliche Kirchenregiment. Solange noch keine große kirchliche Lösung gefunden war, galten die Fürsten als oberste Bischöfe ihres Beritts. Weltliche und kirchliche Herrschaft kamen in eine Hand. Daher versteht es sich, dass keine Fürst daran dachte, die neu gewonnene Macht wieder abzugeben. Aus der Not der politischen Situation heraus war die nun neue evangelische Kirche in eine neue Gefangenschaft geraten, die in späteren Epochen der deutschen Geschichte noch zu einem bösen Erwachen führen sollte.

Protestanten vor dem Aus

Über das Zusammenrücken der Protestanten war Karl V. erbost, auch weil er eine kräftezehrenden Krieg gegen die Franzosen führen musste, ohne direkte Hilfe der Protestanten zu erhalten. Tatsächlich war es Karl gelungen, Frankreich 1544 zu besiegen. Er hatte auch Söldnerheere anwerben können. Bezahlt hat er sie zum Teil mit den eingeschmolzenen Schätzen aus Amerika. Erbost über die aus seiner Sicht nicht kompromissvolle Haltung der evangelischen Stände rüstete er zum Krieg gegen die norddeutschen Territorien. Die Gelegenheit schien günstig. Die protestantischen Vorzeigeherrscher waren alt geworden, unter ihnen Philipp der Großmütige von Hessen. Und 1546 verstarb Luther, zufällig an seinem Geburtsort Eisleben. Zwar war Luther in den letzten Jahren immer verbissener geworden und hatte auch gegen Juden polemisiert, trotzdem konnten sein Name, seine Gestalt, ja seine einfache Präsenz noch immer mobilisieren. Der Tod Luthers war gewissermaßen der natürliche Auslöser zum Krieg gegen die Protestanten. Karl konnte ihn schnell gewinnen.

Auch der Kaiser scheitert

Er war also 1547 scheinbar am Ziel seiner Vorstellungen: Karl V. hatte alle seine Gegner besiegt und danach die Verständigung mit ihnen gesucht. In Fragen des Glaubens wollte er jetzt hart sein: Das evangelische Bekenntnis sollte verschwinden, der Katholizismus in ganz Europa wiederhergestellt werden. Das war die Einheit, von der der Kaiser träumte. Doch kaum konnte er seine Planungen konkretisieren, suchten die noch auf freiem Fuß befindlichen protestantischen Herrscher das Bündnis mit Frankreich. Sie versprachen die Übergabe der Reichstädte Metz, Toul und Verdun an das Nachbarland, wenn sie finanzielle und militärische Hilfe bekämen. Karl V. sah die Gefahren, die auf ihn zukamen. Alt und am Ende seiner Kräfte zog er sich nach Spanien zurück und übergab seinen zwei Söhnen sein riesiges Reich. Die Legende sagt, Karl habe im Ruhestand Uhren gesammelt und alle so stellen wollen, dass sie zu exakt denselben Zeitpunkt zur Stunde erklingen. Da es ihm nicht gelang, sei er darüber verrückt geworden. Vielleicht hatte er auch einfach gespürt, dass die Uhren plötzlich anders tickten, als er sich während seiner Herrschaft vorgestellt hatte.

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