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Jugendfahrt nach Prag im Oktober 2009

Was wissen wir über die Tschechen oder Tschechien im Allgemeinen?

Sind das nicht die mit den böhmischen Knödeln, den Oblaten und dem leckeren Pilsner Bier? Stimmt, aber über das kleine Volk unserer östlichen Nachbarn lässt sich noch einiges anderes herausfinden.

Hin und her gereicht von den Besetzern und Großmächten vergangener Zeiten, erlebte das sich als Zentrum Europas definierende Land goldene Stunden, aber auch leidvolle Momente: „Teil des Habsburger Großreiches“, „Der Lebensraum im Osten“, Dubceks „Prager Frühling“ und die westliche Definition Tschechiens als Satellitenstaat des sowjetischen Machtimperiums. Das alles klingt uns noch in den Ohren. Aber was ist heute davon übrig geblieben?

Räumen wir mit verstaubten Klischees auf und machen uns auf die Suche nach den unbekannten Wahrheiten: Zusammen mit Citroënchen, Bully, Škoda (dem echten Tschechen) und Schnokelbus (welcher auf der letzten Herbstfahrt getauft wurde), starten wir gen Osten, in die goldene Stadt der hundert Türme.
An deutsche Nachkriegsstädte gewöhnt, erscheint uns der erste Anblick von einer der Brücken auf die Prager Innenstadt unwirklich schön. Mit seinen Prachtbauten aus der Gründerzeit atmet selbst unser Prague Square Hostel, direkt in der Altstadt gelegen, Geschichte, der Legende nach erscheint nächtlich ein weißer Reiter, der ab und zu Dinge verschwinden lässt. Als wir zum ersten Mal durch die goldene Oktobersonne geweckt werden, pulsiert bereits das Leben in den verwinkelten Prager Gassen, durch die uns wenig später unser tschechischer Freund und Begleiter Ivo Janoušek führt.

Beginnend am „Goldenen Kreuz“ (Hauptachse am unteren Wenzelsplatz) gelangen wir nach einer nostalgischen Straßenbahnfahrt in „Dubceks letzter Rache“ (Straßenbahnwaggon aus den 70er Jahren) auf den Hradschin (Festung über Prag).Sibirische Witterungen verhindern einen ausgedehnten Blick über die atemberaubenden Prager Dächer sowie die Moldau. Schnell suchen wir in den schützenden Innenhöfen des Schlosses Zuflucht, und Ivo berichtet über die berühmten „Prager Fensterstürze“ (3 an der Zahl). Hier residiert auch der „Prime Minister“ Klaus über die Untertanen seiner überschaubaren Republik (10 Mio. Einwohner). Architekturgeschichte und eisiger Wind pfeifen uns bei den „Graffitis“ (3-dimensionale Fassadengestaltungskunst des 16. Jahrhunderts) und der gotischen Burgkirche um die Ohren, welche wir daraufhin bei heißer Schokolade aufwärmen. 

Als wir mit Ivo, dem stets mit seiner Zeitung voraneilenden „Dampfross“ einen kurzen Stopp einlegen, erfreuen wir uns des aufmunternden Nickens des auf dem ehemaligen Sockel des Stalin Denkmals platzierten Metronom und erinnern uns an den stetigen Fortgang der Geschichte. Nach einem deftigen Essen der landestypischen Küche genießen wir die freie Zeit und erkunden die Stadt auf eigene Faust.Abends blicken wir hinter die glänzende Fassade und entdecken abseits der vorgetrampelten Touristenpfade die ungeschminkten Vorstadtsiedlungen Prags. Hierher hat uns die böhmische Brüdergemeinde, welche im katholischen Tschechien eine Minderheit darstellt, eingeladen. Von einer Jugendgruppe werden wir sehr herzlich aufgenommen und bewirtet. Durch gegenseitiges Vorstellen und gemeinsames Singen, aber auch durch den Austausch unterschiedlicher Glaubensvorstellungen und über Tradition und Missionierung finden wir eine spannende Form des Miteinanders. Nach hitzigen Diskussionen kommt der Abend dank des diplomatischen Geschicks des Jugendpfarrers („Let´s sing a song-in music we are united“) zu einem stimmigen, friedlichen Ausklang. Zurück in unseren wackeligen Hostelbetten ziehen wir das Resumé, wie unterschiedlich Glaubensauffassungen selbst unter Menschen gleicher Konfession sein können.

Am folgenden Tag tauchen wir mit Kipas auf den Köpfen und den Besuchen zahlreicher Stätten jüdischen Lebens in eine andere Religion ein. Wie viele europäische Städte hatte auch Prag seit dem Mittelalter ein jüdisches Ghetto, welches aber prachtvollen Jugendstilvillen weichen musste und heute nur noch schlichte Synagogen aufweist. Während die Meiselsynagoge und die Klausensynagoge als Museen der jüdischen Tradition fungieren, sind die Spanische Synagoge sowie die Alt-Neue Synagoge nach wie vor von einer aktiven Gemeinde belebt. Unser Weg führt uns hinaus auf den hügeligen, jüdischen Gemeindefriedhof, der wie ein halboffenes Buch durch den Erhalt jahrhundertealter Grabsteine (teilweise von ganzen Bäumen umwachsen) eine Geschichten flüsternde, geheimnisvolle Atmosphäre aufbaut.

Um Prag bei Nacht und die künstlerisch-kulturelle Szene der jungen Metropole zu spüren, besuchen wir das Schwarzlichttheater „Image“, das uns ganz ohne Sprache mit fantastischen Lichteffekten verzaubert.

Der dritte Tag soll uns noch einmal in die Geschichte des Landes und seiner jüdischen Einwohner mitnehmen: Die mittelalterliche, astronomische Uhr am Karlsplatz verblüfft uns mit ihrer jahrhunderteüberdauernde Exaktheit in Anzeige des Datums, der Jahreszeiten, der Planetenstellungen und vielem mehr. Das einzige kriegsversehrte Gebäude der Innenstadt hält einige Anekdoten bereit, welche Ivo uns auf seine schelmische Art erzählt.

Während der Busfahrt in das 60km entfernte Terezīn (tschechisch, dt.: Theresienstadt) passt das Wetter zur Stimmung: matschiger Schneeregen. Das Ende des 18.Jahrhunderts unter dem Habsburger Kaiser Josef II errichtete sternförmig angelegte Militärlager sollte als Bollwerk gegen die Preußen dienen. Nachdem es dann 1939 von den Nazis erst als Gefängnis weitergenutzt wurde, erfolgte der Umbau als Durchgangslager und Teil der „Endlösung der Judenfrage“. Theresienstadt unterschied sich von den übrigen KZs durch seine einmalige Aufgabe, die Weltöffentlichkeit (z.B. das Rote Kreuz) zu täuschen, indem eine „heile Welt der jüdischen Stadtbewohner“ vorgegaukelt wurde. Der Lagerkomplex ist in zwei separate Lager, die „Kleine Festung“ und die „Große Festung“, aufgeteilt. Zuerst betreten wir, wie damals auch die Häftlinge, das kleine Lager durch eines der Tore mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“, um weiter durch die Diensträume der Aufseher in die Arrestzellen und Waschräume zu gelangen. Da hier ausschließlich politische Häftlinge, Partisanen und „kriminelle Häftlinge“ interniert waren (darunter auch Christen), waren die Lebensbedingungen schlechter als in „normalen Lagern“. Bedrückend und markerschütternd erfahren wir am eigenen Leib, wie es ist, in eine niedrige, enge Zelle ohne Tageslicht eingesperrt zu sein. Man kann sich kaum vorstellen, wie es mit zusätzlich 20 Mithäftlingen auszuhalten war, einen Monat dort drinnen ohne Toilette eingesperrt zu bleiben.

Von diesem sehr ursprünglich belassenen Ort, in dem man damaligen Gefühlen, Stimmungen und Gedanken nachspüren kann, fahren wir zur benachbarten „Großen Festung“, die uns in ihrer Gestalt erschreckt: An Stelle einer aufgearbeiteten Gedenkstätte erwartet uns eine bilderbuchartig restaurierte, bewohnte Kleinstadt, die ihre Vergangenheit genau wie letzte Spuren an den Häuserblocks beseitigt hat. Nur wenige Gebäude der Anlage sind heutige Gedenkorte: Darunter das „Waisenhaus“ gleich gegenüber der Kirche am Marktplatz, das die Kunst und Hinterlassenschaften der Kinder in den Vordergrund rückt. Außerdem gibt es eine Euthanasie- Ausstellung, mit einem Informationsfilm, der Teile des Propagandafilms „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ und Todeslisten der Inhaftierten auf skurrile Weise kombiniert. Wir fügen uns dem Alltagstrott, der uns in die nebenan liegende Kneipe zum Kohlsuppe- und Bratenessen lockt.

Anschließend sehen wir uns die 4-gliedrige Ausstellung in der „Magdeburger Kaserne“ an. Musik, Kunst, Theater und Literatur der Häftlinge stehen auch hier im Vordergrund. Ein damaliger Wohnraum mit dreistöckigem Etagenbett, Koffern und provisorischer Kochstelle wurde hier nachgebaut und erweckt den Eindruck, dass die Zeit hier in diesem dunklen Kapitel unserer Geschichte stehen geblieben ist. Als eine Nische in der sonst lückenlosen Überwachung der Nazis empfinden wir die versteckte Synagoge, in deren grottenähnlichem Raum mit hebräischer Wandbeschriftung heimlich Gottesdienste gefeiert wurden. Die Dichte unserer Eindrücke lässt sich auf der Rückfahrt nur schwer mit neuen Informationen von Ivos Seite mischen. Er berichtet uns aus seiner Sicht die Entwicklung zur Samtenen Revolution und aktuellen Entwicklungen in Gesellschaft und Politik.

Doch die Bilder aus Theresienstadt lassen uns nicht los.

Fast lückenlos leiten die Eindrücke des Tages zu unserer Verabredung am Freitag über. Dagmar Lieblova ist eine der letzten Überlebenden von Theresienstadt. Betont sachlich berichtet Frau Lieblova von ihren Erfahrungen mit den Besetzern, die sie und ihre Familie im Alter von 10 Jahren nach Therezin gebracht und weiter nach Auschwitz deportiert haben. Nur auf Grund eines Tippfehlers in einer Liste konnte sie den Klauen der Vernichtungsmaschine entrinnen und nach Kriegsende und dem Tod ihrer gesamten Angehörigen ein neues Leben beginnen. Besonders interessant war für uns ihre Antwort auf die Frage, ob sie von der künstlerischen Seite des Lagers etwas mitbekommen hat: „Ja, ich habe bei Brundibar selbst mitgemacht!“ Da wir uns im Vorfeld mit dieser Kinderoper von Hans Krasa durch einen Vortrag beschäftigt hatten, waren wir mit ihren Inhalten vertraut. Dass sie, als Tschechin, der alles Glück von den Deutschen genommen wurde, uns in der Sprache der Täter so freundlich und entgegenkommend alle unsere Fragen beantwortete, erschien uns nach ihrem Schicksal unbegreiflich. Als bewegend empfinden wir immer noch ihr Anliegen, ihre Botschaft von der Echtheit der Verbrechen weiterzugeben und Mitmenschen aufzuklären.

Der Nachmittag stand für den Besuch verschiedener Museen offen, während die „Büchernarren“ den gebürtigen Prager Franz Kafka besuchten und über die Karlsbrücke flanierten, beschäftigte sich der Rest der Gruppe mit der Geschichte Tschechiens nach 1945 unter der sowjetischen Fahne oder mit shoppen. Das Kommunismus-Museum hinterließ einen bleibenden Eindruck mit Details über den Prager Frühling, die Selbstverbrennung Jan Pallachs und Filmaufnahmen von den Panzern im Jahr 1968 auf dem Wenzelsplatz.

Der Abend stand nochmals im Schein der Menora, die pünktlich zum Einbruch der Dunkelheit den „Kabballat Shabbat“-Gottesdienst in einer jüdisch-liberalen Synagoge eröffnete.Die ungewohnte, aber dennoch angenehme Integration in die Gemeinde durch singen Hebräischer Verse und Lieder gefiel uns sehr gut. Sehr positiv bleibt ebenfalls die Einladung zum anschließenden Beisammensein und einer angeregten Unterhaltung in Erinnerung.

Unseren letzten Abend verabschieden wir in Form eigener Partyerfahrungen im Hostel oder auswärtig. Nach einer morgendlichen Abschlussrunde und dem Feed-back der Fahrt müssen wir uns widerwillig in unsere Gefährte gen Heimat begeben und geraten bei ausgelassener Stimmung an der Tschechisch-Deutschen Grenze in einen Schneesturm, bevor wir spät abends sicher nach Bad Nauheim zurückkehren.

Wann werden wir zurückkommen, um auf der Moldau Tretboot zu fahren -„Maybe yesterday?“

Noch lange werden wir uns an diese bewegende Fahrt erinnern, die uns wie alle vorherigen Reisen auch an Erfahrungen reicher und offen für neue Standpunkte machte.

Děkují Susanná* et Friedelmóv
Na shledanou Praha!

*Das Redaktionsteam bedankt sich bei Susanne und Klaus für die freundliche Bewirtung mit warmen Getränken während der Sitzungen.

Außerdem geht ein riesiges, herzliches Dankeschön für die finanzielle Unterstützung dieser traumhaften Herbstfahrt an den Kreis Wetterau!

Von Judith Pieper und Vera Bornkessel

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