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Predigten

Einige Predigten der letzten Zeit zum Nachlesen oder Anhören:

Erntedank am 1.10.2017 von Kirchenpräsident Dr. Volker Jung

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«. Jesaja 58,7-12

Liebe Gemeinde,

am vergangenen Sonntag wurde ein neuer Bundestag gewählt. In dieser Woche wurde viel über das Ergebnis diskutiert. Erstmals sind sechs Fraktionen im Deutschen Bundestag. Die Regierungsbildung ist nicht einfach. Erschreckt hat viele, dass eine Partei am rechten Rand so viele Stimmen bekommen hat. Immer wieder hieß es: Diese Partei haben viele Protestwähler gewählt - Menschen, die unzufrieden sind. Oft wird die Flüchtlingspolitik genannt. Aber auch manches andere: wirtschaftliche Entwicklungen, die Angst vor terroristischen Anschlägen, ein großes Gefühl der Unsicherheit, was die Zukunft bringen wird. Es gibt sicher auch etliche, die unzufrieden sind mit ihrer persönlichen wirtschaftlichen Situation. Wir wissen es – aus der Geschichte, aber auch aus anderen Ländern, dass in solchen Situationen verstärkt die gewählt werden, die am lautesten über die Unzufriedenheit und die Ängste reden. Und die oftmals einfache Lösungen versprechen. Auch wenn klar ist, dass es für viele Fragen keine einfachen Lösungen gibt.

Vielleicht denken Sie jetzt: Oh ha, das ist aber gleich ganz schön politisch. Muss das wirklich sein? Am Erntedanktag? Geht es da nicht erst einmal darum, dass wir dankbar sind. Dankbar für die guten Gaben Gottes. Ja, genau darum geht es. Aber das ist zugleich auch sehr politisch. Weil damit die Frage verbunden ist, wie wir mit diesen guten Gaben Gottes umgehen. Wie wir sie selbst nutzen. Wie wir sie verteilen. Aber auch: wie wir sie produzieren und wie wir wirtschaften.

Diese Fragen haben sich zu allen Zeiten gestellt. Und sie werden sich immer wieder stellen. Die alten Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja, die der Predigttext für den heutigen Erntedanktag sind, führen uns jedenfalls direkt hinein.

Worum ging es damals? Viele Menschen waren unzufrieden. Sie hatten sich mehr erhofft. Die Israeliten waren aus der Gefangenschaft zurück. Sie konnten Jerusalem wieder aufbauen. Eine Zeit, der sie sich entgegengesehnt hatten. Aber vieles lief nicht so, wie es erträumt war. Für viele reichte das Geld, das sie erwirtschafteten, nicht zum täglichen Leben. Manche erdrückten die Schulden. Sie gerieten in Schuldsklaverei. Äcker, Häuser, Weinberge mussten verpfändet werden. Kinder wurden verkauft – in Sklaverei und sogar Prostitution. Es gab große soziale Unruhen. Und offensichtlich waren es die Bessergestellten, die fragten: Warum gibt es diese Unruhen? Und sie richteten die Fragen auch an Gott: Warum? Wir fasten doch regelmäßig. Wir halten uns an die religiösen Vorschriften. Zugespitzt fragten sie: Warum Gott sorgst du nicht dafür, dass es uns besser geht?

Auf diese Fragen antwortet der Prophet mit den eindrücklichen Worten: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut. … Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“

Die Antwort bedeutet. Das Fasten als fromme Übung nützt nichts, wenn ihr in eurem Alltag nicht gerecht miteinander lebt. Und gerecht miteinander leben, das heißt natürlich: sich um die Hungrigen und die Obdachlosen zu kümmern. Das ist mehr als Almosen zu geben und Not zu lindern. Auch das wird mit diesen Worten gesagt. Es geht darum, Menschen nicht zu unterjochen. Oder zu erniedrigen – das heißt mit den Fingern von oben herab verächtlich auf Menschen zeigen und sagen: Die sind selbst dran schuld. Was wollen die überhaupt. Die Worte mahnen an, sich um eine Gesellschaft zu mühen, in der Menschen als Menschen behandelt werden und nicht als Ware. Sie mahnen an, sich darum zu mühen, dass es gerecht zugeht. Dann ja, dann wird das Licht aufgehen in der Finsternis! Das sind große und eindrückliche Worte.

Was bedeutet dies für uns – heute an diesem Erntedanktag?

Wir haben vor uns einen wunderbaren Erntedankaltar. Der Erntedankaltar führt uns vor Augen, dass wir von Gott beschenkte Menschen sind. Frühere Generationen, die - viel mehr als die allermeisten von uns heute - in der Landwirtschaft arbeiteten, hatten ein gutes Gespür dafür: „Wir pflügen und wir streuen den Samen in das Land, doch Wachstum und Gedeihen liegt in des Himmels Hand.“ Es war klar: Wir setzen uns ein und arbeiten. Wir tun, was wir können. Aber das Entscheidende können wir nicht machen. Das Entscheidende ist: Dass wir leben und Gott uns am Leben erhält – durch alles hindurch, was wir tun. Dafür sind wir von Herzen dankbar. Am Erntedanktag machen wir uns besonders bewusst: Wir leben als Menschen nicht aus uns selbst – allein aus eigener Kraft. Das kann niemand von uns. Wir sind in diesem tiefsten Sinn von Gott beschenkte Menschen.

Wir feiern diesen Erntedankgottesdienst hier in Bad Nauheim in der Dankeskirche! Sie hat ihren Namen, weil die Menschen dankbar waren für die besonderen Quellen. Das zeigt ein großes Gespür dafür, dass es gut ist mit dem Dank auf alles zu schauen, was uns gegeben und damit auch anvertraut ist. Die Wärme der Sonne, die Luft, die uns umgibt, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, die Böden, die wir bearbeiten und bepflanzen und vieles, vieles mehr. Ja, und ganz besonders die Menschen, von deren Arbeit wir leben. Und die Menschen, die uns mit Liebe begleiten.

All das ist uns anvertraut. Ja und in all dem erfahren wir und erleben wir Gottes Nähe und seine Fürsorge. Und es ist uns aufgegeben, dies miteinander zu teilen, so dass alle Menschen leben können.

In diesem besonderen Jubiläumsjahr der Reformation soll auch in dieser Erntedankpredigt ein Hinweis auf Luther nicht fehlen. Nicht der Form halber, sondern weil er manchmal die Dinge so wunderbar auf den Punkt gebracht hat. In seinem berühmten Buch von der Freiheit eines Christenmenschen hat er folgendes geschrieben.

„Ei, so will ich solchem Vater, der mich mit seinen überschwänglichen Gütern so überschüttet hat, umgekehrt frei, fröhlich und umsonst tun, was ihm wohlgefällt, und gegen meinen Nächsten auch ein Christ werden, wie Christus es mir geworden ist, und nichts mehr tun, als was ich nur sehe, dass es ihm not, nützlich und selig sei, dieweil ich doch durch meinen Glauben alle Dinge in Christus genug habe. Siehe, so fließet aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies williges, fröhliches Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen. Denn gleichwie unser Nächster Not leidet und dessen, was wir übrig haben, bedarf, so haben wir vor Gott Not gelitten und seiner Gnade bedurft. Darum, wie uns Gott durch Christus umsonst geholfen hat, so sollen wir durch den Leib und seine Werke nichts anderes tun, als dem Nächsten zu helfen.“

Wir sind von Gott beschenkte Menschen. Und Glauben bedeutet: Das zu sehen und darauf auch all sein Vertrauen zu setzen. Gott, der dich mit deinem Leben beschenkt hat und es dir erhalten hat und erhält, ist für dich da – in diesem Leben und darüber hinaus. Und für Luther war klar: Wenn ich das glaube, dann verändert das meinen Blick auf andere Menschen. Dann sehe ich, dass diese wie ich von Gott beschenkte Menschen sind. Dann sorge ich mich auch um die anderen. Dann will ich, dass sie leben können, so wie ich auch lebe.

Und dann ist es unser aller Aufgabe, so zusammen zu leben, dass niemand in unserer Mitte unterdrückt wird. Dann ist es unsere Aufgabe, so miteinander zu wirtschaften, dass es einigermaßen gerecht zugeht. Gerade am Erntedanktag fragen viele Landwirte zu Recht: Werden wir gesehen? Wird unsere Arbeit gewürdigt? Und vor allem wird sie auch gut und gerecht bezahlt? Am Erntedanktag ist es richtig zu fragen: Können wir denn einfach gute Böden, die über Jahrhunderte so wertvoll geworden sind, hergeben? Am Erntedanktag ist es aber auch richtig zu fragen: Tuen wir genug dafür, dass wir nicht durch unsere Art zu leben, Menschen an anderen Orten dieser Welt das wegnehmen, was sie zum Leben brauchen. Mehr und mehr haben wir ja auch gelernt, dass die Fragen des guten Wirtschaftens und es gerechten Wirtschaftens globale Fragen sind. Es ist verhängnisvoll, wenn Menschen meinen, es sei der richtige Weg zu sagen: Wir zuerst. Unser Land, unsere Nation zuerst.

Zur Zeit des Propheten Jesaja waren Menschen unzufrieden, weil sie gefastet haben und es doch soziale Unruhen gibt. Ich habe den Eindruck: Heute sind manche Menschen aus anderen Gründen unzufrieden. Wir wirtschaften und konsumieren und manchmal sogar sehr erfolgreich. Und trotzdem fehlt etwas.

Ich finde, die Antworten unserer Bibelworte haben nichts von ihrer wegweisenden Kraft verloren:

„Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“

Und so bewahre der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

Diakoniesonntag am 3.9.2017 von Anny Rahn-Walaschewski, stellvertr. Leiterin Diakonisches Werk Wetterau

Was willst du, dass ich dir tue?

Liebe Gemeinde,

nein, das geht nun wirklich nicht, dass man auf dem Weg zum Schafott einfach so von der Seite angesprochen und um Hilfe gebeten, ja geradezu genötigt wird! Da ist man doch mit sich selbst beschäftigt! Da hat man kein Auge mehr für andere! Da hört man nach innen, nicht nach außen!

Nein, das geht zu weit! Wir haben Verständnis für das Umfeld Jesu, das den Schreihals zur Ruhe bringen will! Wenn er wenigstens den Mund halten würde! Dann könnten wir ihn schlicht ignorieren, so tun, als ob wir ihn nicht sähen. Aber nun zetert er da rum, wie unangenehm! Nun muss ich mich verhalten!

Was nun?

Sie merken, ich habe die Szene auf dem Weg von Jericho nach Jerusalem klammheimlich in unseren Alltag transferiert. Ich habe sie zu einer Szene gemacht, wie wir sie beinahe täglich erleben: Da sitzt jemand mit einem Gebrechen in der Fußgängerzone und hält uns einen Becher hin, er schüttelt ihn, damit wir die paar armseligen Cents klingeln hören und an unser vergleichsweise Gut-betucht-Sein erinnert werden. Vielleicht meldet sich ja bei uns eine innere Stimme, vielleicht laut, während die des Bedürftigen stumm bleibt.

Spinnen wir die Geschichte noch ein wenig weiter.

Was geht uns nicht alles durch den Kopf, um dem unformulierten aber sichtbaren Anspruch nicht genügen zu müssen: Hier gehen so viele vorbei, die bestimmt mehr verdienen als ich, da z.B., die Frau mit dem sündhaft teuren Kostüm und dem Familienreichtum um den Hals; die könnte doch nun wirklich was geben, das fällt bei ihrem Wohlstand doch gar nicht ins Gewicht.

Oder da, der junge Mann im Armani-Anzug, den kenn ich, der arbeitet bei einem Großunternehmen, der verdient sich dumm und dämlich!

Oder anders: Man kennt das ja. Das sind doch gut organisierte Banden, die tagsüber betteln und abends dann von ihrem Bandenboss eingesammelt werden samt den paar Cents, die sie erbettelt haben.

Oder: so schlimm kann’s ja nicht sein mit dem, der da hockt und unverschämt zu mir aufblickt. Der raucht ja und hat zwei Hunde. Und … und … und …

Im Erfinden von Ausreden, die unser sich meldendes Gewissen beruhigen sollen, sind wir durchaus kreativ. Nur, den Ausreden fehlt die Kraft, die Stimme in uns zum Schweigen zu bringen. Weil wir ihnen ja selbst nicht glauben können. Weil sie ja nicht mal uns überzeugen, die doch so gerne so leicht überzeugt würden.

Nein, auch ein stummer Anruf ist ein Anruf, auch ein nicht explizit geäußerter Anspruch ist eine Aufforderung, dem Anspruch nachzukommen. Das wissen wir oder wir spüren es jedenfalls, sonst würden wir ja nicht mit gesenktem Blick an dem Bedürftigen vorbei gehen und angelegentlich die Auslagen im Schaufenster in den Fokus nehmen.

Kehren wir noch einmal zurück an die Straße von Jericho nach Jerusalem. Der Mann schreit noch immer! Was will der Mann? Warum schreit der so? Lapidar gesagt: Weil er ein Anliegen hat. Und weil er ahnt, da ist einer, der kann sich meines Anliegens annehmen und mir helfen. Die ganze Gegend weiß ja davon, dass er Unmögliches möglich machen kann. Das ist mein Mann! Der darf mir nicht entwischen! Also schreit er weiter!

Und es geschieht etwas Unerhörtes: Er wird beachtet, er wird erhört! Der Angerufene bleibt stehen. Wird er dem Unverschämten jetzt Gehör schenken? Wird er sich die Störung mit dem Hinweis, auf das, was ihn erwartet, verbitten? Wird er ihm ein paar nette mitfühlende Worte sagen und dann weiter seiner Wege gehen? Wird er ihm sagen, dass es nicht um Einzelschicksale gehen kann, wenn es um das Schicksal aller geht?

Nein, er lässt ihn tatsächlich zu sich rufen und stellt sich ihm. Was ist das nun wieder? Sieht er denn nicht, dass der Mann blind ist? Merkt er denn nicht, dass der Rufer sich nicht traut, sich nichts zutraut?

Nun, wir dürfen wohl annehmen, dass er das sieht. Wir dürfen davon ausgehen, dass er weiß, was er tut. Er vertraut. Er vertraut darauf, dass der andere ihm vertraut.

Ich muss gestehen, die nun folgende Szene amüsiert mich ein bisschen. Jesus fordert seine Begleiter auf, den Rufenden zu sich zu führen - so jedenfalls erzählt es Lukas. Und die, die vorher nichts Dringenderes zu tun hatten, als den Mann zum Schweigen bringen zu wollen, beeilen sich jetzt, ihn zu Wort kommen zu lassen vor Jesus.

Ich sehe sie förmlich zu dem Gebrechlichen hinwieseln, ihn zu holen. „Mensch, hast du ein Glück, er ruft dich. Nun aber mal ein bisschen fix. Brauchst keine Angst zu haben, komm, komm, steh auf! Wir bringen dich hin!“ So viel Beflissenheit nach früherer Abwehrhaltung lässt mich schmunzeln.

Nun steht er da, der Quälgeist, vor Jesus. Was wird jetzt geschehen? Wird er ihn zurechtstauchen? Wird er ihm ungefragt ein paar Lebensweisheiten um die Ohren hauen? Wird er ihm ein paar Cent in die Hand drücken, um Ruhe vor ihm zu haben und seinen Weg weitergehen zu können? Alles das könnten wir verstehen, weil es uns nicht fremd ist.

Aber Jesus tut das alles gerade nicht. Er entledigt sich nicht mit ein paar Floskeln und mehr oder weniger geheuchelter Teilnahme einer unangenehmen Aufgabe. Er vermutet nicht, was der andere will. Das ist ja eher unser Ding, dass wir immer besser wissen, was der andere nötig oder nicht nötig hat und ihm gut tut oder ihm schadet. Jesus entledigt sich nicht quasi im Vorübergehen einer eher lästigen oder belästigenden Aufgabe. Er fragt. Und diese Frage hat es in sich.

„Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Nicht wahr, das kommt uns merkwürdig bekannt vor und gleichzeitig sperrig unbekannt. Wir kennen die Frage sozusagen in der alten Fielmann-Fassung: „Was kann ich für Sie tun, Lady?“

In unserer Welt, in unserer Zeit kommt diese in großer Häufung vor. Man kann ihr kaum entkommen.

Der Bäcker fragt so und der Tankwart. Die Friseuse wie die Empfangsdame. Die Sprechstundenhilfe wie der Physiotherapeut. Und da beschleicht mich manchmal der Verdacht, dass der, der fragt, was er tun kann, in Wirklichkeit darauf aus ist, etwas lassen zu können, das Zuhören beispielsweise oder das Reden mit dem Gegenüber.

In jedem Fall erheischt die so achtlos hingeworfene Frage eine schnelle Antwort nach dem Motto: „Komm zur Sache!“ Die sich so sozial gebende Frage ist oft eine bloße Floskel und zumeist höchst unsozial gemeint.

Wie anders war das in früheren Zeiten, bevor diese Frage zum sinnentleerten Ritual verkümmerte.

Vor dieser Zerfall durfte die Frage - wie in unserer Lukasgeschichte - anstandslos als Zeichen besonderer Zuvorkommenheit verstanden werden. Wer so fragte, verriet Wärme, Wohlwollen, ja Fürsorge für den Adressaten.

Können Sie sich diesen Inhalt in der Frage: „Was kann ich für sie tun, Lady?“ vorstellen. Ich kann es nicht. Und wie wenig diese Frage auf ein zukünftiges Bemühen gerichtet ist, belegt der spätere Schlusssatz des Werbespots: „Vergessen Sie’s!“

Deshalb liebe ich die lutherische Formulierung: „Was willst du, das ich dir tun soll?“ Sie hat so etwas Sperriges, gleichsam etwas widerhakenversehenes, dass sie als Floskel gar nicht zu gebrauchen ist.

Ich stelle mir gerade die Irritation vor, die die so formulierte Frage bei der Lady aus dem Zitat auslösen würde. Und umgekehrt die Antwort: „Vergessen Sie’s!“ bei dem blinden Bartimäus.

Was ist so anders an der Frage des Rabbuni: Sie zwingt zum Nachhören, zum Nachdenken und verbietet geradezu ein „schnelles Geschäft“.

Weil sie ein echtes Interesse signalisiert am Befinden des anderen. Weil sie den so Fragenden in den Dienst des anderen stellt. Das ist für mich der eigentliche Höhepunkt der Erzählung.

Mag man auch mit und für Bartimäus die Wiedererlangung der Sehkraft als ein Wunder ansehen und das heißt ja, für etwas Außerordentliches, etwas, das die Ordnung der Welt überschreitet oder durchbricht, mir ist die radikale Zuwendung zum anderen das eigentliche Wunder, das Außerordentliche, das die Ordnung unserer Selbstbezogenheit und der höchstens flüchtigen Kenntnisnahme der Ansprüche anderer, durchbricht.

Dass Bartimäus sehend wird ist ein Wunder, aber es ist nicht in erster Linie ein medizinisches Wunder, sondern eines des Vertrauens. Denn auch das gehört für mich zum bemerkens- und bedenkenswerten an der Zusage Jesu: Er spricht nicht davon, dass er - Jesus - dem Bartimäus geholfen habe. Könnte er ja machen. Oder zumindest mit innerem Stolz über seine Wohltat bedeutungs- und hoheitsvoll voll schweigen und die Propaganda anderen überlassen. Nein, nicht er hat geholfen, sondern der Glaube des Bartimäus.

Widerspricht das nicht der Fragestellung „Was willst du, dass ich dir tun soll?“

Ganz und gar nicht. Jesus hat etwas für Bartimäus getan, er hat ihm den Glauben vermittelt oder - wenn Ihnen das eher angemessen erscheint - geschenkt, dass Unmögliches möglich ist. Und Bartimäus geht darauf ein. Er lässt sich in diesen Glauben hineinziehen, die Augen öffnen, und er folgt Jesus nach.

Sprache kann verräterisch sein: „Was willst du, das ich dir tun soll?“ oder „Was kann ich für Sie tun?“ Beides scheint dasselbe zu meinen und offenbart doch eine je ganz andere Geisteshaltung und Einstellung zum Adressaten.

Wenn Sie nur das mitnehmen aus der Geschichte von Bartimäus, dass die Zuwendung zum anderen nicht oberflächlich, nicht flüchtig (im wahrsten Sinne des Wortes) sein darf, sondern radikal sein muss, wenn Sie das verstehen, dass Diakonie die Antwort auf einen Anruf ist, dann haben Sie - so meine ich - das Wesen der Diakonie erfasst.

AMEN.

Fürbittengebet

Wir beten:

Für alle, die Gott tastend suchen, dass sie ihn finden mögen.
Für die, die meinen, Gott zu besitzen, dass sie beginnen mögen, ihn zu suchen.
Für alle, die sich vor der Zukunft fürchten, dass sie Vertrauen wagen.
Für alle, die gescheitert sind, dass sie immer wieder eine neue Chance bekommen.
Für alle, die zweifeln, dass sie nicht verzweifeln.
Für alle, die sich verloren fühlen, dass sie ein neues Zuhause finden.
Für die Einsamen, dass sie einem Menschen begegnen.
Für alle, die –wo nach auch immer- hungern, dass sie gesättigt werden.
Für alle, die satt sind, dass sie erkennen mögen, was hungern heißt.
Für alle, die es gut haben, dass sie nicht hartherzig werden.
Für die Mächtigen, dass sie die Verletzlichkeit allen Lebens begreifen.
Für alle, die in dieser Welt leben, zwischen Hoffnung und Furcht.

Und für uns selber beten wir zu Gott mit den Worten, die uns sein Sohn gelehrt hat:

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld. Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Unterstützung im Haus Wetterau in Bad Nauheim

Das Angebot des Wohnheims richtet sich an volljährige Menschen, die einen rechtlichen Anspruch auf Eingliederungshilfe haben und die aufgrund langer bzw. wiederkehrender psychischer Erkrankung für längere Zeit nicht zur selbstständigen Lebens-führung fähig sind. Das Wohnheim bietet Platz für 24 Menschen, die in Einzelzimmern wohnen und verteilt in 5 Wohngruppen ihren Alltag miteinander gestalten.

Die BewohnerInnen werden in folgenden Bereichen begleitet und praktisch unterstützt:

  • Einüben in lebenspraktischen Fertigkeiten (u.a. Haushaltsführung, Umgang mit Geld),
  • Umgang mit der Erkrankung und psychische Stabilisierung (u.a. Begleitung zu Arzt-besuchen, Umgang mit Medikamenten und Begleitung in Krisen),
  • Therapeutische und pädagogische Angebote (u.a. Gesprächsgruppen, Training sozialer Kompetenzen),
  • Förderung im handwerklichen, kreativen und arbeitstherapeutischen Bereich (u.a. lernen, verschiedene Aufgaben zu planen und konzentriert sowie ausdauernd umzusetzen),
  • Vorbereitung der beruflichen Wiedereingliederung (u.a. lernen, pünktlich zu sein, Absprachen zu treffen und Arbeitsprozesse zu strukturieren).

Für die Maßnahme wird ein individueller Hilfeplan gemeinsam erstellt. Eine fachärztliche Bescheinigung ist Voraussetzung für die Hilfegewährung. Die Kosten werden, sofern Einkommens- und Vermögensgrenzen nicht überschritten werden, in der Regel vom zuständigen Träger der Sozialhilfe übernommen.

Einführung des neuen Konfirmanden-Jahrgangs am 27.8.2017 von Vikarin Anne Kampf

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Eltern, liebe Gemeinde.

Aufräumen macht ja manchmal richtig Spaß.
Und es befreit.
Altes Zeug wegschmeißen, alles rauswerfen,
Platz schaffen für Neues.
Alte Apps vom Smartphone löschen und neue installieren.
Was Neues ausprobieren, gucken wie das läuft, ob das besser ist als der Kinderkram von vorher.

Gott tut das offenbar auch gerne: Aufräumen.
Neu machen.
Das sehen wir an der Schöpfung, am Kreislauf von Nacht und Tag, Winter und Sommer, Sterben und Leben.
Immer wieder erneuert sich alles.

Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden merkt an euch selbst, wie ihr neu werdet. Die Jugend ist ja eine ziemlich verrückte und spannende Zeit. Nicht nur der Körper verändert sich – auch im Gehirn ist eine Großbaustelle. Nervenbahnen ordnen sich neu. Alles wird umgebaut, neu sortiert. Man könnte sagen: Der Schöpfer installiert ein neues Programm. Und manchmal purzeln dabei Gedanken und Gefühle durcheinander.

Genau in diese spannende Lebensphase fällt die Konfi-Zeit. Man könnte fragen – und Eltern fragen auch gelegentlich so – : Muss das denn sein? Ihr seid gerade mit so vielem beschäftigt und manchmal ganz verwirrt – und ausgerechnet jetzt sollt ihr euch auch noch mit dem Glauben, mit der Kirche, mit Gott auseinandersetzen?

Das ist anstrengend, ja. Jeden Dienstag sollt ihr anderthalb Stunden Zeit investieren. Zeit, die für andere Dinge fehlt. Ab und zu sollt ihr sonntags zum Gottesdienst gehen, obwohl euch vielleicht gar nicht danach zumute ist.
Muss das sein?

Wenn ich an meine eigene Konfi-Zeit zurückdenke, fällt mir auf: Das war genau die richtige Zeit. Mein Kopf, in dem sich alles neu zu ordnen begann, wollte nämlich mit 13 Jahren alles wissen. Wollte es nochmal neu, besser und genauer wissen als ich es als Kind geglaubt hatte: Wer ist dieser Gott? Gibt es den überhaupt? Wo hält der sich denn auf? Und falls er irgendwo sein sollte: Was hat der eigentlich mit mir zu tun? Will der mich nerven oder meint der es gut mit mir? Will ich diesem rätselhaften Gott den Zugriff erlauben auf meine Gedanken und Gefühle?

Das Bild von der neuen App auf dem Smartphone passt ziemlich gut zur Jahreslosung für dieses Jahr: Ein Vers aus dem Buch des Propheten Hesekiel. Eine Botschaft von Gott an sein Volk. Gott sagt:

„Ich schenke euch ein neues Herz.“ 

Ein neues Herz. Was bedeutet das? Medizinisch gesehen ist das Herz ein Muskel, der Blut durch den Körper pumpt. Absolut lebenswichtig – ohne die Pumpe läuft nichts. In unserer Sprache reden wir außerdem vom Herzen, wenn wir Gefühle meinen: Wer sich verliebt, verliert sein Herz – und wenn nichts draus wird, hat man großen Herzschmerz…

In der Bibel allerdings steht das Herz nicht nur für die Gefühle, sondern auch für die Funktionen, die wir dem Gehirn zuordnen würden: Mit dem Herzen kann der Mensch verstehen. Er kann Fragen stellen, abwägen und beurteilen. Nach der Bibel fühlt und denkt der Mensch mit dem Herzen. Das Herz ist das Zentrum, die Mitte des Menschen.

Und da will Gott aufräumen. Genau in der Mitte.
Altes Zeug rauswerfen, neues installieren.

Wenn wir mal annehmen, dass dieser Zuspruch euch gilt, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden:

Gott schenkt euch ein neues Herz.

Wie fühlt sich der Gedanke für euch an? Die Vorstellung, dass Gott mitten in euch hineingreift und ein neues Herz einbauen will?

Ich finde, das kann auch Angst machen. Denn man denkt ja automatisch an eine Herztransplantation. Eine gefährliche Operation. Aber auch bildlich gesprochen: Wer weiß, ob dabei nichts kaputt oder verloren geht? Wer weiß, ob das neue Herz funktioniert? Ob es wirklich gut denken und verstehen kann? Ob das Leben damit einfacher wird? Ob sich Dinge ordnen, die bisher kompliziert waren?

Was will Gott eigentlich erreichen mit dem neuen Herzen, das er euch schenken will?

Der Bibelvers geht noch weiter:

„Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.“

Ein Herz aus Stein – ich stelle mir vor, dass sich das ziemlich unangenehm anfühlt. Es tut weh  im Brustkorb. Es ist hart, es drückt, es zieht einen runter. Gott will es rausholen – das, was hart ist und weh tut. Die Verletzungen, die sich verhakt haben und dir das Leben schwer machen. Wie es in deinem Herzen wirklich aussieht, das weiß nur Gott. Er kennt dich genau und weiß, was bei dir läuft. Ob da irgendwelche Störprogramme aktiv sind oder lästiges Zeug, das sich wie Stein anfühlt.

Gott kann das löschen. Er kann ein Reinigungs-Tool laufen lassen und was Neues installieren. Eine neue Herz-App. Als Geschenk – ohne dass wir uns mit der Installation beschäftigen müssten. Gott kümmert sich darum. Gott schenkt das neue Herz. Natürlich gilt das nicht nur den Jugendlichen – auch als Erwachsene bekommen Sie so ein neues Herz, wenn Sie wollen. Auch mehrmals im Leben.

König Salomo fällt mir ein, der weise König, der sich etwas wünschen durfte. Er bat Gott: „Gib mir ein hörendes Herz!“ Ein Herz mit Ohren sozusagen. Ein Herz, das auf Empfang eingestellt ist. Gott fand das total gut und sagte zu Salomo: „Ich gebe dir ein weises und verständiges Herz.“ Ein Herz, das versteht. Besser und tiefer und mehr, als der Kopf verstehen kann.

Im Konfi-Unterricht lernen wir zwar auch mit dem Kopf, aber das ist nicht das Wichtigste. Wichtiger ist das Lernen mit dem Herzen.

Aus Fleisch soll es sein, das neue Herz, also weich und lebendig. Sensibel. Dadurch kann Gott selbst leichter zu Dir kommen und seine Liebe installieren. Darum geht es nämlich bei all dem, was wir in der Konfi-Zeit und überhaupt in der Kirche reden und tun: Um Dich und Gott. Um die Beziehung zwischen Dir und Gott. 

Und natürlich um die Beziehungen untereinander. Da sind noch viele andere Leute mit neuen Herzen, die alle mit Gott verbunden sind. Und weil sie das wissen, schlagen sie auch füreinander. Sind einander nicht egal. Es ist wichtig und schön, zusammen zu sein, gemeinsam zu feiern, zu lernen und Gott zu loben.

 „Ich schenke euch ein neues Herz“, sagt Gott.

In der Volxbibel wird es so ausgedrückt: „Ich werde euch neu machen, ein neues Programm wird in euren Gedanken aufgespielt werden.“ 

Nein, sie ist nicht gefährlich, diese Neuinstallation. Sie tut auch nicht weh. Sie ist nur zu deinem Vorteil und tut dir gut. 

Aber sie erfordert dein Einverständnis. Wenn du auf „OK“ klickst, kann es losgehen.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

zu den ′Jubelkonfirmationen′ am 11.6.2017 von Pfarrer Rainer Böhm

Liebe Jubilarinnen, liebe Jubilare, liebe Gemeinde,

ich will Ihnen zuerst erzählen, was mir vor dem Predigtschreiben durch den Kopf gegangen ist:

  1. Ich selbst bin ja gar nicht konfirmiert worden. Ich ging als katholisches Kind vor über 50 Jahren zur Kommunion. Aber darf man nur über das reden, was man selbst erfahren hat? Ich finde nicht. Immerhin hatte ich inzwischen ein paar Hundert Konfirmanden.
  2. Ich musste an meinen Vater denken, der inzwischen 85 geworden ist. ER hatte eine riesige Diasammlung von allen seinen Reisen, privat und geschäftlich. Unzählige Stunden hat er uns mit ihnen erfreut und gequält. Es müssen tausende gewesen sein. Im vergangenen Jahr hat er sie alle aussortiert, mit meiner Mutter zusammen. Ein paar hundert sind übrig geblieben.
  3. Und drittens: Predigen Sie kurz und herzhaft hieß es bei unserem Vorbereitungstreffen.

In den vergangenen Tagen habe ich mir noch einmal die alten Konfirmationsbücher angeschaut. Und gesehen, wer Ihre Konfirmatoren damals waren: 1942, 1947, 1952 und 1957.

Pfarrer Knodt und Dekan Schäfer, Pfarrer Müller, Schnabel, Propst Trautwein. Manche davon habe ich noch selbst gekannt. Und ich sah die ganze Breite Ihrer Jahrgänge, Ihrer Mitkonfirmanden und Mitkonfirmandinnen und mich erinnert an so manche, so manchen, von denen wir haben Abschied nehmen müssen, die ich auch noch gut gekannt habe.

Sie haben mir erzählt von den Schuhen, die es auf Bescheinigung gab oder die Sie ausgeliehen hatten in der schlechten Zeit. Von der Kleiderordnung die es damals gab – dass nämlich jeder in Schwarz gekleidet sein sollte. Von der großen Fahrradtour nach der Konfirmation 1957 an die Ostsee haben Sie mir erzählt mit den Pfadfindern.

Psalm 23  haben Sie alle damals auswendig gelernt, so wie es die Konfirmanden heute auch noch lernen müssen. Ich denke, dieser Satz »Der Herr ist mein Hirte«, das kann man schon sagen, wenn man diesen Tag noch erleben kann, nach so langen Jahren. Ja, wenn man dann einen Tag wie diesen heute erleben kann, dann ist da sicher viel Dank, Dank für so viel an geschenkten Tagen, an geschenktem Leben.

Und wenn wir uns noch einmal auf diese Jahre besinnen, diese 75, 70, 65, 60 Jahre seit der Konfirmation: Es waren ja, wenn wir das Bild des Lebens im Ganzen sehen, gute, erfüllte, reiche Jahre. Wer hätte das gedacht, damals, 1942, noch im Krieg, mancher der Väter, der Brüder war ja noch im Krieg. Und dann: drei Jahre noch, und dann eine für damalige Zeit unvorstellbar lange Friedenszeit. Für frühere Generationen war der Krieg, alle paar Jahrzehnte, der Normalfall. Für uns heute nicht mehr denkbar.

Jahre, in denen es, ich denke, uns allen im Ganzen gut gegangen ist: Sie haben Ihre Berufe lernen können und ausüben. Ihre Familien gegründet. Ihre Häuser gebaut. Und irgendwie stimmt da ja gerade dieser Satz aus dem Psalm: »Mir wird nichts mangeln.« Ja, eigentlich ist immer alles dagewesen, was man gebraucht hat. Und das ist ja auch nicht selbstverständlich. Die Älteren erinnern sich sicher noch gut daran, wie arm viele Menschen auch im reichen Bad Nauheim  in früheren Zeiten waren: Zeiten, in denen der Mangel der Normalfall war, so, wie es in manchen Regionen der Welt noch heute ist. Dass wir haben, was wir brauchen, und immer gehabt haben: sicher ein Grund, dankbar zu sein und sich dankbar an so vieles, das in diesen Jahren war, zu erinnern.

Dankbar sich zu erinnern, auch an die Menschen, die das Leben in diesen Jahren begleitet haben: Ihre Eltern, damals noch, stolz auf die Tochter, den Sohn, nun schon so groß. An manche Ihrer Eltern kann ich mich auch noch erinnern.

Und all die andern: Ehepartner, die Familie, Freunde und Nachbarn, Bekannte und Kollegen: So viele, die das Leben begleitet haben und mit dazu beigetragen haben, dass das Leben immer wieder gelang.

Dank: Ja, da ist heute auch der Dank an Sie für das, was Sie für andere waren in dieser Zeit: an unserem Ort und anderswo, in manchen Vereinen, Freundschaften, und auch in manchen Kirchengemeinden: Dankbar sind wir dafür, dass wir Sie in diesen Jahren in unserer Mitte hatten und noch haben.

Und in und durch diesen Dank: Der Dank an Gott, den Herrn, dessen Wort vom Segen damals, hier, an dieser Stelle ausgesprochen, durch all diese Jahre mit ihrem Auf und Ab getragen hat.

Ja, sicher, da ist auch noch der andere Teil des 23. Psalms: nicht nur frisches Wasser, nicht nur grüne Auen, auch das tiefe Tal: Kein Leben ist so einfach, so glatt, so unangefochten, dass es nicht auch davon wüsste: ein tiefes Tal, und manchmal sind es Abgründe, an denen der Lebensweg vorüberführt.

Auch daran erinnern wir uns heute: Und sagen uns doch: Auch und gerade da hat sich erfahren lassen, was Bewahrung und was Segen bedeutet: neue Hoffnungen, Neuanfänge, neue Wege, die immer wieder da waren. So haben wir alle es erlebt

Und so glauben und vertrauen wir uns heute aufs Neue seinem Segen an. Wir bauen darauf, dass er bleibt und trägt, in allen Wechselfällen des Lebens, was da noch geschehen mag: »Ich werde bleiben im Hause des Herrn. Immerdar.« Bleiben? Wie lange? Wie lange noch? Die Antwort ist: Immerdar; denn du gehst nicht und niemals verloren. Immerdar – für mich eines der schönsten biblischen Worte.

Amen

am 21.5.2017 von Vikarin Anne Kampf

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Liebe Gemeinde,

haben Sie gelernt, zu beten?

Meine beiden Schwestern und ich haben eine erste Einweisung durch unsere Oma gekommen. Sie ging zwar nicht in die Kirche, aber gebetet hat sie mit uns. Abends vor dem Einschlafen. „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“

Meine kleine Nichte hat zu ihrer Taufe einen Gebetswürfel geschenkt bekommen. Das ist ein faustgroßer Würfel aus Holz, auf dem sechs Gebete draufstehen. Zum Beispiel: „Wo ich gehe, wo ich stehe, bist du, guter Gott, bei mir.

Wenn ich dich auch niemals sehe, weiß ich sicher, du bist hier.“

Muss man denn das Beten lernen? Ich glaube schon. Am besten als Kind, damit man auch später noch beten kann wie ein Kind. Mit ganz einfachen Worten.

Die Jünger Jesu mussten das Beten als Erwachsene lernen. Oder: wollten es neu lernen. So wie Jesus wollten sie beten können, so vertraut mit Gott reden wie er. Einmal beobachteten sie Jesus beim Gebet und als er geendet hatte, baten sie ihn: „Herr, lehre uns beten!“ Jesus sagte ihnen daraufhin die Worte, die wir als das Vaterunser kennen.

Dann erzählte er ein Gleichnis.

Es steht im Lukasevangelium im 11. Kapitel.

5 Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote;

6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann,

7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.

8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.

Interessiert sich Gott überhaupt für unser Gebet? So haben Sie sich vielleicht auch schonmal gefragt. Hört er überhaupt zu? Macht er die Tür auf, wenn wir mitten in der Nacht anklopfen? „Stellt ihn euch vor wie einen Freund“, sagt Jesus in diesem Gleichnis. Na klar macht der Freund die Tür auf! Reicht drei Brote raus oder - so stelle ich es mir vor - lässt gleich alle Leute rein und kocht ein richtiges Essen. Wir gehen Gott nie auf die Nerven mit einem Bittgebet, und sei es noch so simpel und alltäglich wie die Bitte um drei Brote.

Müssen wir denn überhaupt Gott um das bitten, was wir sowieso bekommen? So etwas wie Brot? Gegenfrage: Ist es denn so selbstverständlich, dass wir das haben? Ist es nicht. Mit dem Wohlstand kann es ganz schnell vorbei sein. Die Geflüchteten unter uns wissen das, die Älteren auch. Wir sind auf Versorgung angewiesen und manchmal auch auf Hilfe. Niemand kann ganz autonom leben.

Sich das einzugestehen, fällt manchen schwer - weil sie lieber stark als schwach sein wollen, lieber alles alleine schaffen anstatt sich helfen zu lassen.

Die Bitte an Gott um Alltägliches ist deswegen auch ein Bekenntnis: Ich glaube, dass ich mein Leben Gott verdanke und es nicht selber erhalten kann.

Außerdem: Wenn wir genau hinschauen, sehen wir, dass die Bitte in dem Gleichnis eine Fürbitte ist. Der, der anklopft, braucht ja das Brot, um einen anderen zu bewirten, der auf der Durchreise ist und Hunger hat.

Wenn wir für andere beten, stehen wir damit für sie ein, stellen uns mit ihnen in eine Reihe. Wir zeigen, dass ihre Not uns nicht egal ist. Genauso gut könnten wir in ihrer Lage sein! Wir erklären uns solidarisch mit Menschen, die bedürftig sind und Hilfe brauchen.

Nach dem Gleichnis geht die Rede Jesu weiter mit einer Ermahnung zum Gebet.

9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.

10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

11 Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange?

12 Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion?

13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Das Bild vom Freund wird hier verstärkt durch das Bild vom fürsorglichen Vater. Der würde seinen Kindern nur Gutes und nie etwas Gefährliches geben. Noch mehr als ein Freund auf den andern angewiesen ist, ist ein Kind von den Eltern abhängig. Unerträglich der Gedanke, Eltern würden ihr Kind nicht mit dem Lebensnotwendigen versorgen!

Aber vermutlich widersprechen einige von Ihnen im Stillen und fragen: Ja, aber wie ist das denn mit den Gebeten, die wir an Gott gerichtet haben, und die er nicht erhört hat? Wir haben um Heilung gebeten und der Kranke wurde nicht gesund.

Wir haben darum gebeten, dass zwei Menschen sich vertragen, doch die Beziehung brach auseinander.

Wir haben darum gebeten, dass eine Jugendliche ihre Prüfung schafft, aber sie ist durchgefallen.

Wie sollen wir denn Vertrauen in Gott haben, wenn er unsere Gebete nicht erhört?

Eine einfache Antwort auf diese berechtigte und schwierige Frage kann ich Ihnen nicht anbieten. Aber es gibt in der Rede Jesu etwas zu entdecken, das die Frage vielleicht in eine andere Perspektive rückt.

Lassen Sie uns zwischen den Zeilen lesen und sehen, was da nicht steht:

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.

Fällt Ihnen etwas auf? Diese Sätze sind unvollständig! Da fehlt jeweils das grammatische Objekt. Wen oder was gibt uns denn Gott, wenn wir bitten? Wen oder was finden wir denn, wenn wir suchen? Und an welche Tür klopfen wir überhaupt an, die uns aufgetan wird?

Das Objekt fehlt, weil es beim Beten nicht in erster Linie um unsere Wunsch-Objekte geht und weil Gott kein Wunsch-Erfüllungs-Automat ist. Weil es beim Beten um mehr geht als um drei Brote, ein Ei oder einen Fisch. Und um etwas anderes als Gesundwerden, Versöhnung oder eine Prüfung.

Die Rede Jesu endet mit:

… wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Da haben wir ganz am Schluss ein grammatisches Objekt: Den Heiligen Geist - den wird Gott geben. Obwohl in den Beispielen, die Jesus nennt, niemand um ihn gebeten hat. Bittet, so wird euch Heiliger Geist gegeben - die Kraft von Gott, die euch tröstet, ermahnt, inspiriert, kräftigt, verändert. Suchet, so werdet ihr Heiligen Geist finden - der euch mit Gott verbindet. Klopft an, und ihr kommt hinein in Gottes Haus, in die Gemeinschaft der Christen untereinander und in die Gemeinschaft mit ihm.     

Durch Gebet werden zwar nicht alle Wünsche erfüllt. Aber es passiert etwas zwischen dem betenden Menschen und Gott. Eine Beziehung entsteht, die von Nähe und Verlässlichkeit geprägt ist. Wie zwischen einem kleinen Kind und seinen Eltern. Oder wie zwischen zwei Freundinnen.

Deswegen lohnt es sich, wie Jesu Jünger das Beten neu zu lernen: Weil eine Beziehung gepflegt werden muss, wenn sie Bestand haben soll. Was wir mit Gott reden, ist gar nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass wir beten. Und zwar nicht nur ab und zu und nicht nur in der Kirche, sondern in unserem alltäglichen Leben - zu Hause, bei der Arbeit, in der Schule, und warum nicht auch in der Turnhalle, im Freibad, im Café oder im Park?

Die spanische Mystikerin Teresa von Avila hat einmal gesagt:

„Das Gebet ist meiner Ansicht nach nichts anderes als ein Gespräch mit einem Freund, mit dem wir oft und gern allein zusammenkommen, um mit ihm zu reden, weil er uns liebt.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

am 14.5.2017 (Thomasmesse) von Vikarin Anne Kampf

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Sie steht am Ufer des Jordan.

Hinter ihr das Land Moab. Die Felder ihrer Familie, die Häuser ihrer Geschwister, vertraute Heimat.

Vor ihr, auf der anderen Seite: Juda. Die Heimat ihres verstorbenen Mannes.

Hier steht sie am Jordan, an der Grenze zum Gelobten Land. Rut kennt dieses Land nicht.

Sie steht hier mit Orpa, ihrer Schwägerin, die in derselben Lage ist: Witwe und keine Kinder. Und mit Naomi, ihrer Schwiegermutter, die aus Bethlehem in Juda stammt und vor Jahren nach Moab ausgewandert war.

Jetzt will Naomi zurück. Und zwar allein. Sie schickt Orpa und Rut nach Hause: „Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! (…) Der HERR gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause!“ Das Beste für die beiden wäre, in Moab neu zu heiraten, findet Naomi. 

Orpa weint, umarmt und küsst Naomi, dreht sich um – und geht zurück.

Rut bleibt sehen. Es ist noch nichts entschieden… 

Wie fühlt sich das an, wenn du am Ufer stehst und dich fragst: Soll ich rübergehen? Ganz neu anfangen? Eine neue Arbeitsstelle, eine andere Stadt, lauter neue Gesichter… Traust du dich das wirklich? So eine Entscheidung ist schwer! Ob du das alles schaffst? Ob du dich zurechtfinden wirst? Ob du Leute kennenlernst, die es gut mit dir meinen… ?

Rut blickt auf das fließende Wasser und versucht, ihre Gedanken zu ordnen. Noch könnte sie Orpa einholen. Doch dann trifft Rut ihre Entscheidung.  Sie will rübergehen. Mit Naomi, ihrer Schwiegermutter. Zu ihr sagt Rut die folgenden Worte:   

Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte.

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.

Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden.

Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

Was für ein Versprechen!

Klingt wie bei einer kirchlichen Trauung – daher kennen Sie vielleicht diese beiden Verse aus dem Buch Rut. Doch der Schwur ist stärker als ein Eheversprechen – so stark wie Gottes Bund mit seinem Volk: „Ihr sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein“, heißt es beim Propheten Jeremia. Worte der göttlichen Bundesformel aus dem Munde einer Frau an ihre Schwiegermutter gerichtet… Das ist ungewöhnlich. Sehr mutig, fast schon überheblich….

Wie fühlt sich das an, wenn du die entscheidenden Worte aussprichst? In diesem Moment blendest du alles andere aus… Du weißt: Jetzt ist der Moment. Jetzt sag ich den anderen, dass ich gehe. Jetzt gebe ich die Kündigung ab. Jetzt unterschreibe ich den Vertrag. In diesem Moment wächst du über dich hinaus, hebst vielleicht ein bisschen ab. Der Mut verleiht dir Flügel.   

In diesem Moment schaut Rut nach vorne, nicht zurück. Vielleicht wird ihr bei der Ankunft drüben in Juda klar werden, dass sie mit dem Schritt über den Jordan alles Vertraute verlassen hat: Ihre Heimat, ihre Familie, ihr Volk, sogar ihre Religion. Alles.

Wie fühlt sich das an, ein ganzes Leben hinter dir zu lassen? 

Die vertrauten Straßen deines Heimatortes wirst du nicht mehr betreten. Die Kollegen werden sich nicht mehr melden. Die Gruppen und Kreise, zu denen du gehört hast, treffen sich ohne dich.

Beim Übergang verlierst du einen Moment lang den Boden unter den Füßen. Weißt nicht, was am andern Ufer passieren wird, kannst aber auch nicht zurück. Du schwimmst irgendwo zwischen den Welten.

Der Anfang ist schwer für die Ausländerin Rut in Bethlehem. Niemand redet mit ihr. Wie soll sie Anschluss finden? Doch Naomi kennt Leute und besitzt ein Stück Land. Geschickt sorgt sie dafür, dass Rut einen Mann kennenlernt, der das Recht hat, mit ihr – anstelle von Naomi  – die Schwagerehe einzugehen: Er heißt Boas und er hat Respekt vor dem Mut seiner zukünftigen Ehefrau:

„Man hat mir alles angesagt, was du getan hast an deiner Schwiegermutter nach deines Mannes Tod; dass du verlassen hast deinen Vater und deine Mutter und dein Vaterland und zu einem Volk gezogen bist, das du vorher nicht kanntest. Der HERR vergelte dir deine Tat, und dein Lohn möge vollkommen sein bei dem HERRN, dem Gott Israels, zu dem du gekommen bist, dass du unter seinen Flügeln Zuflucht hättest.“

Zuflucht. Ein neues Zuhause. Boas und Rut bekommen einen Sohn – Obed – und sie leben mit Naomi in einer Art Patchworkfamilie zusammen. Ein ungewöhnliches Modell, das aber von den Leuten in Bethlehem akzeptiert wird.

Rut hat alles auf eine Karte gesetzt – und gewonnen. Dieser Gott, an den Naomi glaubt… seine Wege sind manchmal ein bisschen verrückt… Aber es ist gut, ihm zu vertrauen.

Wie fühlt sich das wohl an, wenn du ein Jahr nach deiner Jordan-Überquerung Bilanz ziehen wirst? Vielleicht hast du dann schon  Leute kennengelernt, die dir helfen. Vielleicht hast du dann schon ein bisschen gespürt, dass du dazugehörst. Und dass deine neue Aufgabe sinnvoll ist. Vielleicht wirst du dann sagen können: Es ist besser als früher. 

Wir springen nochmal zurück an den Punkt, wo die Entscheidung fällt.

Ans Ufer des Jordan. Wenn du da noch stehst: Hab Mut, rüberzugehen!

Trau dich, was Neues zu machen!

Gott traut dir das zu.

Er segnet die, die Mut haben und zum Aufbruch bereit sind.       

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. 

Amen.

zur Konfirmation am 14.5.2017 von Pfarrerin Meike Naumann

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

liebe Festgemeinde,

ich habe hier ein Körbchen mit Glückskeksen, die habe ich für euch gebacken. Pfarrerin Pieper wird gleich jedem und jeder von euch einen Glückskeks geben. Ihr kennt die sicherlich alle vom Chinesen. Da stehen dann zukunftsweisende Sprüche drin wie… „Der Fluss des Lebens wir dich dorthin tragen, wo der Sinn deines Lebens dich braucht.“

Ich  öffne den Glückskekes noch beim Essen. Er schmeckt nicht wirklich, aber den Spruch will ich wissen – auch wenn ich ihn zu Hause meist schon wieder vergessen habe. Und spannend bzw lustig ist das Vergleichen mit den Sprüchen der anderen. Und zu gucken, ob der Spruch vielleicht doch irgendwie zu der Person passt. Das ist ein bisschen so wie Horoskope lesen.

Die meisten hier in der Kirche heute werden zwar beteuern, dass sie Horoskope nur beim Frisör oder beim Zahnarzt lesen, aber lustig ist es doch wenn da steht:

Steinbock, männlich: „Venus und Saturn bringen diesen Monat Ruhe in Dein Leben. Du kannst dich auf deine Freundin voll verlassen und ihre Nähe genießen.“

Auch wenn wir im Grunde alle wissen, dass das Quatsch ist – warum haben dann trotzdem Glückskekse und Horoskope so eine magische Anziehungskraft auf uns Menschen, egal wie alt wir sind?

Eine Vermutung: Die offene Zukunft macht uns etwas bange. Wir wollen uns gern auf das einstellen, was auf uns zu kommt.

Erinnern wir uns an die Konfifreizeit. Etliches stand da schon vorher fest und man konnte sich darauf einstellen. Für euch Konfis, aber auch für uns Hauptamtliche und die Teamer war das wichtig.

Klar war: Wann fahren wir los? Wann kommen wieder? Darf ich morgens ausschlafen? Nein! – Kann ich mir aussuchen mit wem ich in einem Zimmer bin? Im Prinzip JA! – Gibt es w-Lan? 

Das und noch etliches anderes ließ sich klären. Aber wie es wirklich wird, wie es dir geht weg von allem, was dir gewohnt ist, ob du eine Freundin haben wirst oder einen verlässlichen Kumpel, ob dich die anderen akzeptieren – das konnte dir vorher keiner sagen.

In der Schule gibt es das auch: auf eine angesetzte Klassenarbeit kann ich mich vorbereiten – theoretisch zumindest. Aber, ob ich morgen die Mathehausaufgaben an der Tafel vorrechnen muss, dass weiß ich nicht. Auf diese Frage bekomme ich keine Antwort. Ich würde mich ja schon gern darauf einstellen, sprich wissen, ob es sich lohnt die Hausaufgaben zu machen.

Wenn wir Menschen so gar nicht wissen, was kommt, macht uns das unsicher, weil wir uns eben auf nichts einstellen können. Wir versuchen, Wahrscheinlichkeiten zu errechnen, Prognosen einzuholen, irgendwie die Zukunft in den Griff zu bekommen.

Firmen lassen sich Prognosen errechnen. Ebenso die Politik. Aber wen Zukunftsberechnungen nicht befriedigen oder beruhigen können, der greift eben gern mal zum Horoskop. Um überweltliche Sicherheit zu bekommen.

Paul zum Beispiel kann sein Problem gar nicht berechnen. Er fragt sich nämlich: „Klappt das endlich mit dem Mädel, das ich jetzt schon seit drei Wochen beharrlich in jeder Pause anlächle?“

Dieses Mädel aber hat ganz andere Sorgen: „Schaffe ich die Schule gut? Komme ich zuhause klar? Werde ich Menschen finden, mit denen ich durch dick und dünn gehen kann, egal was kommt? Freunde, auf die ich mich verlassen kann? Damit ich eben nicht einsam und klein in der großen weiten Welt meinen Weg finden muss, sondern gemeinsam, verlässlich und deswegen gestärkt, mutig, neugierig in Angriff nehmen kann, was kommt.“

Genau deshalb sind es doch die Themen Freundschaft, Liebe und Beziehung, die in Horoskopen und Glückskeksen am meisten vorkommen, weil es da mit dem Berechnen so gar nicht klappt.

So! -  Aber was steht jetzt in euren Glückskeksen? Schaut doch jetzt einmal nach!

Was steht bei dir? Und bei dir?

„Jesus Christus spricht: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“

Den Spruch haben wir eben bei der Lesung gehört und bei jedem Taufgottesdienst – nichts Neues also. Und dann auch noch für jeden derselbe – Ein bisschen enttäuscht?

Bei euren Konfisprüchen habt ihr euch euren ganz eigenen, persönlichen Vers ausgesucht, habt gewählt, was euch von Gott und für Gott besonders gut gefällt. Das ist wichtig. Das zeigt, dass ihr euch Gedanken gemacht habt, was Gott und Glauben für euch bedeuten. Und das ist bei jeder und jedem ein bisschen anders.

In unserem Glückskeks hier habt ihr alle denselben Spruch, weil genau dieses Versprechen für die Zukunft für euch und uns alle gleich gilt!

Jesus Christus spricht: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Gott macht keine Unterschiede: ob hochbegabt, gewinnend, sympathisch, musikalisch oder  pubertär oder raunzig – Gott verlässt keinen, egal, was im Horoskop steht und was die Zukunft bringt. Darauf kannst du dich verlassen. 100%. Das ist eine gute Prognose für die Zukunft.

Dieses Glückszettelchen sagt dir nicht, was im Einzelnen sein wird – Schuljahr geschafft, Lottogewinn, Traummann gefunden und wieder verloren, Auto geschrottet, Ausbildungsplatz bekommen.

Dieses Zettelchen sagt dir, was schon längst vor dir galt, was genau für dich gilt und auch nach dir für andere  gelten wird.

Es sagt, dass du keinen Schritt tust, egal in welches Fettnäpfchen oder in welches unbekannte Seelenland, keinen Schritt, der nicht von Gott begleitet ist. Denn das gilt nicht nur für dein Leben mit allen Höhenflügen und Abgründen, sondern  „Bis an der Welt Ende!“

Bei deiner Taufe hat er das versprochen, jedem von uns gleich. Denn der Taufbefehl, aus dem der Spruch ja ist, wird ja bei jeder Taufe verlesen. Deswegen sind alle Glückskekse gleich.

Und nun: Glaubst du da dran? Treue, Verlässlichkeit, Sicherheit bedeuten dir doch viel. Aber es ist bloß ein Wort, auswendig gelernt, umhüllt von gerade mal 200 Kalorien – davon kann man doch nicht leben. Dann drehe den Spieß einfach mal um.

Sag nicht: Das möchte ich gerne glauben, aber es spricht so viel dagegen, und so richtig spüren tu ich es auch nicht.

Mache es andersrum: Gehe einfach mal davon aus: Gott glaubt an dich. Du bist ihm wertvoll, dir will er treu sein und verlässlich.

Beweisen kann man das nicht. Aber es zeigt sich etwas davon: Wenn wir als kleine Kinder getauft werden, werden wir Gott anvertraut. Von diesem Zeitpunkt an macht Gott beziehungsmäßig ernst.

Da kamen bei einigen dann Kinderkirche, Kinderfreizeit, Lutherfest, Adventsbasteln, Reli-Unterricht.

Ihr habt euch zu Konfiunterricht angemeldet und seid dabei geblieben, habt euch auf die Projekte eingelassen, habt etwas gehört und erlebt, was ihr nicht  gekannt habt. Manches war blöd und ist morgen abgehakt. Anderes wächst weiter.

Und jetzt sitzt ihr in eurer eigenen Konfirmation und wollt gleich „ja“ sagen. Da ist doch eine Geschichte zwischen Gott und dir. Kein Beweis, klar, aber eine Geschichte, eine Beziehungskiste: schon jetzt nicht die kürzeste. Er lässt dich wissen: Ich bin bei dir alle Tage, egal was kommt. Und er glaubt an dich über deinen Tod hinaus – und über die Vorboten des Todes hinaus auch, über Krankheit, Verlust, Kummer, alle Not. Er trägt dich rüber.

Und deswegen sag nachher einfach „ja“. Ja, ich will mit diesem Gott leben. Ich lebe ja schon längst mit ihm. Ja, mein Glaube verändert sich, weil ich mich verändere. Aber es bleibt Glaube, weil eben Gott verlässlich ist. Ja, ich will in seiner Gemeinde bleiben. Ich gehöre zu denen, denen Gott treu ist.

Amen.

zur Konfirmation am 7.5.2017 von Pfarrerin Susanne Pieper

Gottes Liebe, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Konfirmandinnen und liebe Konfirmanden, liebe Familien und liebe Gemeinde!

Nein, ich werde heute, an eurem großen Tag, nicht auf all das eingehen, was wir im vergangenen Jahr gelernt haben. Etwas anderes ist mir wichtig. Und das hat zu tun mit dem Rückblick auf unsere gemeinsame Zeit. „Was hat dir an der Konfirmandenzeit gefallen?“ so lautete eine der Fragen in der vorletzten Konfistunde. „Dass wir alle zusammen lachen konnten“, hat jemand von euch dazu geantwortet.

Ja, wir haben zusammen gelacht! Und das sollte niemand geringschätzen.

Da war Lachen und Freude in der Konfizeit: bei den gemeinsamen Spielen zu Beginn des Jahres; in den vielen Projekten; bei unserem sog. „Casino – Abend“ auf der Freizeit, allein schon bei den Montagsmalern… Beim Singen mit Herrn Scheffler und genauso auch beim Gestalten eurer Taufkerzen.

Ja, bei Kirchens darf gelacht werden! Und ihr habt, wie alle, ein Recht aufs Unbeschwertsein. Auf Glück und auf Leichtigkeit. Gerade in unserer Zeit. Nachher, im Wechselgespräch zwischen euch und dieser Gemeinde, werden wir es zusammen sagen: „Das Leben ist schön. Wir freuen uns, dass wir leben. / Lasst euch die Freude durch nichts und niemanden nehmen.“ Ja - und das meinen wir Erwachsenen nun wieder ziemlich ernst J. Ihr habt ein Recht darauf, glücklich zu sein.

Worüber werdet ihr euch wohl heute freuen? Ganz sicher darüber, dass heute eure Familie euretwegen zusammen gekommen ist und euch alles Gute wünscht. Sicher auch über die Geschenke, die ihr bekommen werdet. Über den Segen Gottes, den er euch schenkt, und darüber, dass ihr nun von den Erwachsenen anders angesehen und anerkannt werdet. Einige freuen sich darüber, dass die Konfizeit nun zu Ende ist - andere wieder bedauern das.

Vielleicht ist es für euch auch interessant zu erfahren, worüber ich mich heute freue: zuerst einmal freue ich mich, dass ihr alle hier heute in der Kirchenbank versammelt seid und konfirmiert werdet. Das war zwischenzeitlich nicht immer selbstverständlich. Manchesmal war ich wie eine Hirtin, die ihre Herde gut zusammenhalten musste. Aber nun seid ihr alle da, und ich bin froh!

Ich bin gern mit euch auf dem Weg gewesen – auch wenn es manchmal ziemlich laut war. Ich habe mich gefreut über eure wachen Fragen und Gedanken; z.B. auch über die eigenen Psalmen, die ihr auf der Konfifreizeit formuliert habt. Und die davon erzählen, wie viel ihr von Gott schon verstanden habt. Das zu lesen, das hat mich richtig glücklich gemacht. Wir haben zusammen nachgedacht, welche Bedeutung Jesus für uns hat, und wie wir zusammen leben können.

Manche Fragen haben wir auch nicht beantworten können miteinander. Z.B. diese: „Was hat Gott eigentlich gemacht, bevor er die Welt erschaffen hat?“ (Auf solch eine Frage muss ja auch erst mal kommen!) oder diese Frage: „Warum redet Gott heute nicht mehr so wie zur Zeit der Bibel?“ Ich bin sicher, er redet noch! Aber vielleicht müssen wir viel genauer hinhören, um seine Stimme zu verstehen. Jemand, Elie Wiesel, hat einmal gesagt: „Die Frage ist die Königin der Antwort!“ Also wichtiger. Wie langweilig wäre es, wenn wir schon alle Antworten wüssten! Aber wenn wir weiterhin Fragen haben, dann bleiben wir innerlich neugierig und lebendig, und das Leben bleibt spannend. Wer weiß, vielleicht finden wir die Antworten ja später.

Doch nun noch einmal zur Lebensfreude zurück: ihr bekommt heute von uns einen Martin Luther geschenkt. Einen Playmobil - Luther. Vielleicht stutzt ihr jetzt, lacht darüber und denkt: „Was soll das denn?“

Der kleine Luther soll euch an die Freude erinnern. Wir feiern ja in diesem Jahr das 500. Gedenken an die Reformation, die er ins Rollen gebracht hat. Luther hat vieles Neue erkannt und hat die Kirche umgekrempelt. Und ich behaupte: er hat den Menschen seiner Zeit die Freude zurückgebracht. „Ihr habt einen gnädigen Gott. Darum soll und muss ein Christ ein fröhlicher Mensch sein.“ Das sind seine Worte. Oder: „Liebe ist Freude. Freude ist Liebe. Und Freude ist Leben.“

Ja, Luther wusste, dass es ohne Freude kein Leben gibt, dass ohne Freude das Leben nicht lebenswert ist. Lachen und Freude sind ein Lebenselixier. Lachen ist heilsam für Körper und Seele. Es macht das Leben leichter. Darum sagte Luther: „Gott möchte uns fröhlich sehen. Wenn Gott wollte, dass wir traurig wären, würde er uns nicht Sonne, Mond und die Früchte der Erde schenken.“

Freude ist Leben. Freude macht unser Leben lebenswert. „Gott ist ein Geist der Freude,“ sagte Martin Luther. Das bedeutet: wir müssen keine Angst mehr haben. Luther hat den Menschen die Angst vor Gott genommen und hat ihnen die Freude an ihm wiedergegeben. So hat er lachende Gesichter in die Kirchen gezaubert. Und er hat die Bibel übersetzt. Nun gilt nicht mehr der unreflektierte Gehorsam gegenüber einem einzelnen Priester, sondern es gilt die Freiheit des eigenen Lesens und Denkens. Nun müssen wir nicht mehr in der Lebensangst oder gar in der Todesangst verharren, sondern können Gott ganz vertrauen.

Nun sind wir nicht mehr unmündig, sondern dürfen mündige, aufrechte Christinnen und Christen sein.

Luther hat für uns den Weg zur Freude wieder frei gemacht, auch den Weg zur Freude über Gott. Daran soll die kleine Lutherfigur euch erinnern. Nun können wir in guten wie in schwierigen Tagen sagen, so wie es in euren eigenen Psalmen steht: „Gott ist mein Fels in der Brandung. Er ist die Mauer, auf die ich mich stützen kann. Das Haus, das mir Zuflucht gibt. Ihm vertraue ich.“

Und ich, ich wünsche euch, dass ihr alle Gottes Nähe in eurem Leben weiter erfahrt und es erlebt, dass er bei euch ist. Ich wünsche euch, dass Gottes Licht mit euch ist. An vielen Tagen ist sein Licht wie die helle Sonne; an manchen Tagen ist es auch wie das Licht der Sterne am dunklen Nachthimmel, aber es ist immer da.

„Und euer Herz soll sich daran freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“

Amen.

am 26.3.2017 von Vikarin Anne Kampf

Liebe Gemeinde,

Worte sind oft schwer verdaulich. Auf manchen Worten, die wir zu hören bekommen,  müssen wir erstmal ordentlich herumkauen, bevor wir sie runterschlucken können. Mit dem Lesen ist es oft genauso. Dem englischen Philosophen Sir Francis Bacon wird ein Zitat zugeschrieben, das ich hier in Bad Nauheim vor der Stadtbücherei entdeckt habe: „Manche Bücher darf man nur kosten, andere muss man verschlingen und nur wenige kauen und verdauen.“ Welche Bücher sind wohl für Bacon die besseren? Diejenigen, die er nur kosten darf? Die, die er verschlingt? Oder die, die er kauen und verdauen muss?

Der Predigttext für den heutigen Sonntag gehört zur letzten Kategorie: schwer verdauliche Kost aus dem Johannesevangelium. Hören Sie doch mal hin, ob Ihnen diese Worte schmecken oder nicht.

Johannes 6, die Verse 55 bis 65:

Mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank.
Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.
Wie mich gesandt hat der lebendige Vater und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen.
Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte.
Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören?
Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Nehmt ihr daran Anstoß?
Der Geist ist's, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben.
Aber es sind etliche unter euch, die glauben nicht.
Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben.

Kein Wunder, dass die Jünger sich ärgern. Ich stelle mir vor, dass sie richtig mit Jesus schimpfen. „Was sollen wir?!? Dein Fleisch essen und dein Blut trinken?!? Das ist ja eklig, was wir uns hier anhören müssen – und dann auch noch in der Synagoge!“ – Bei der Vorstellung von rohem Fleisch auf dem Teller und Blut im Becher kann es einem ja nur schlecht werden! Menschenfleisch essen – die frommen Juden, die Jesus in dieser Szene zuhören, kennen diese Vorstellung aus einem griechischen Kult, aber für sie selbst und ihre Religion ist das ein absolutes Tabu.

Es ist völlig klar: Die Rede Jesu kann nicht wörtlich gemeint sein. So schwer verdauliche Worte sind eine unerhörte Provokation. Eine krasse Überspitzung. Ein inszeniertes Missverständnis. Der Kontext hilft, das zu erkennen: Vor unserem Predigttext berichtet Johannes von der Speisung der 5000 und Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens“, was ja viel appetitlicher klingt. Direkt nach unserem Predigttext geht es darum, wer von den Jüngern bei Jesus bleibt und wer sich abwendet. Für die Leser heißt das: Nur wer das Bild vom Fleisch und Blut richtig versteht und sich hier nicht auf die falsche Fährte schicken lässt, bleibt in der Gemeinschaft.

Ich will versuchen, diese seltsame Rede zu erklären. Und dabei auch mit Ihnen darüber nachdenken, was das Ganze für uns heute als Christinnen und Christen bedeuten könnte.

Es geht ums Essen und Trinken, um die tägliche Nahrung, die uns am Leben erhält. Aber nicht um die Pausenbrote in der Schule oder das Festessen, auf das sich die Tauffamilie jetzt schon freut – nein, der Text spricht von der geistlichen Nahrung. Jesus löst es ja in Vers 63 selbst auf: „Der Geist ist's, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben.“

Dieses Motiv ist den Adressaten des Johannesevangeliums durchaus bekannt, jedenfalls wenn sie bibelfest sind. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“, heißt es im 5. Buch Mose. „Dein Wort ward meine Speise, sooft ich's empfing“, sagt der Prophet Jeremia, und sein Kollege Hesekiel muss eine Schriftrolle runterschlucken, die in seinem Munde „so süß wie Honig“ schmeckt. Gottes Wort als Speise.

Nun warten vielleicht einige von Ihnen vermutlich darauf, dass ich auf das Abendmahl zu sprechen komme. Darum geht es doch wohl scheinbar in diesem Text: um das Ritual, bei dem wir symbolisch Leib und Blut Christi verspeisen. Das wäre ja solche geistliche Nahrung: Wir stehen um den Altar, wir essen eine Hostie und trinken einen Schluck Saft, weil durch das Sakrament unser Glaube und unsere Gemeinschaft gestärkt werden.

Der Theologe Jan Heilmann hat vor ein paar Jahren Aufsehen erregt mit seiner Doktorarbeit über das Johannesevangelium. Heilmann sagt: Die Brotrede Jesu inklusive dieser Stelle mit dem Fleisch und Blut hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Abendmahl zu tun. Sondern das ist eine Metapher. Heilmann sagt: Essen und Trinken stehen dafür, dass man Worte in sich aufnimmt. Fleisch von Menschen essen, das konnte in der Antike heißen, dass man ihre Bücher las. So ähnlich, wie wir heute auch sagen, dass wir „ein Buch verschlingen“. 

Mich überzeugt Heilmanns These. Sie passt zum Johannesevangelium: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“, so beginnt es, und dann: „das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ Der Begriff „Fleisch“, der steht in unserem Predigttext nicht, um uns anzuekeln, sondern weil der Evangelist Johannes damit etwas deutlich machen will: Nämlich dass es um den ganzen Jesus geht, sozusagen mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele. Denn seine Worte und seine Person, sein Reden und Wirken sind nicht voneinander zu trennen. Wer zu ihm gehören und ihm nachfolgen will, kann nicht nur hier und da ein Stück abbeißen, sondern muss ihn sich – um im Bild zu bleiben – komplett einverleiben.

Was kann das das nun für uns bedeuten? Die wir als Christinnen und Christen in Bad Nauheim wohnen oder zur Reha hier sind, die wir unsere Kinder taufen lassen? Und was kann es speziell am Sonntag Laetare bedeuten, an dem schon die Vorfreude auf Ostern durchschimmert, obwohl noch Passionszeit ist?

„Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ Interessant ist das Verb, das hier im Griechischen steht. Es heißt nicht einfach nur „essen“, sondern: nagen und zerkauen, beißen und dabei richtig mit den Zähnen Krach machen, auf etwas herumkauen.

Ich tue das oft. Auf Texten der Bibel oder auch Glaubenssätzen unserer Kirche herumkauen. Weil sie kaum zu verstehen sind. Noch schwieriger finde ich manches, was Jesus von seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern erwartet. Daran beiße ich mir die Zähne aus. Vermutlich geht es Ihnen ähnlich.

Gerade die Sache mit dem Leiden und Sterben Jesu… Wie sollen wir das verstehen: „Für uns gestorben?“ Jemand hat mich vor kurzem gefragt: Glaubst du wirklich alles, was im Glaubensbekenntnis steht? „Hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden…“ – so, wie wir es jeden Sonntag hier in der Kirche bekennen. Die Antwort fiel mir schwer.

Aber heute, nach der Beschäftigung mit dieser Fleisch-und-Blut-Rede, kann ich sagen: Wenn „glauben“ bedeutet, darauf herumzukauen, zu fragen und zu zweifeln, mich aufzuregen wie die Jünger – dann ist meine Antwort: Ja. Ich kann glauben, weil mir klar geworden ist: Mein Glaube ist nicht fertig und wird niemals fertig werden im Sinne von: „Jetzt hab ich’s kapiert!“ – Sondern Jesus ist nun mal schwer verdaulich, ich muss auf ihm herumkauen! Das ist okay so! Gründliches Kauen hilft ja, die Nahrung besser zu verdauen.

Das Schöne an der ganzen Sache ist: Wir sind nicht allein mit unserem Fragen und Zweifeln und Kauen. Da sind andere – wie jetzt hier in der Dankeskirche oder im Hauskreis oder im theologischen Seminar … – da sind einige, die sich gemeinsam an ihm die Zähne ausbeißen. Und manchmal erleben wir, wie beim Herumkauen auf den Worten etwas durchschimmert. Etwas, das wir nicht produzieren können, sondern was sich von selbst einstellt: Eine Gewissheit, eine Ruhe, ja ein geistliches Sattwerden. Manchmal stellt sich beim gemeinsamen Nagen an seinen Worten wie von selbst eine tiefe Freude ein. Freude darüber, dass wir „in ihm bleiben und er in uns“. 

zur Christvesper 2016 von Pfarrer Rainer Böhm

Liebe Gemeinde an Weihnachten,

drei verschiedene Geschichten gingen in den letzten Tagen mit mir um, und das Gefühl, sie gehören zusammen.

Nach dem Adventssingen am 1. Advent kam eine Frau wieder zurück in die Dankeskirche. Sie fragte den Küster: „Ist das Ihr Christbaum, der da hinten im Park in einem Abfalleimer steht?“ Es war tatsächlich unser Baum, den wie jedes Jahr der städtische Bauhof hier an der Kirche abgelegt hatte. Hinein nehmen können wir ihn nicht, sonst nadelt er zu schnell. Zu dritt haben sie ihn dann zurück gebracht und wieder draußen abgelegt. Manches Risiko muss man einfach eingehen. Wer klaut der Kirche schon den Weihnachtsbaum? Verfall christlicher Werte oder ein Streich dummer Jungs? Seine Spitze war nicht mehr so ganz in Ordnung. Aber das fällt niemandem auf, meinte Herr Horstmann, unser Küster.

Was verbinden die Deutschen mit Weihnachten? Platz drei hält die Zeit mit der Familie. Auf Platz zwei landen die Geschenke. Und auf Platz eins der Christbaum – was ich gut nachvollziehen kann. Oh Tannenbaum, sage ich nur. Er ist wohl Teil unserer Leitkultur. Und ich stelle mir die vielen Flüchtlinge vor, die zum ersten Mal Adventskränze und Weihnachtsbäume gesehen haben. Seltsam der Gedanke, dass in den meisten Ländern Weihnachten auch ganz ohne ihn funktioniert. Welche Bedeutung er bei uns hat, kann man ablesen an den häuslichen Diskussionen: Schlicht oder bunt; Lametta oder Strohsterne; rote, goldene oder sonst welche Kugeln; Nordmann oder Fichte; echte Kerzen oder elektrische.

Den Schmuck an diesem Baum hat unser Küster selbst gemacht. Der Baum nicht ganz so hoch, damit er sich in der Kirche leichter schmücken lässt. Aber was bitte hat er mit Weihnachten zu tun?

Soweit war ich mit meiner Predigt gekommen, als der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin geschah. Ein Bild der Idylle gegen das Grauen dort. Ein niederträchtiges Attentat auf völlig unschuldige Menschen. Wie lässt sich da noch vom Weihnachtsbaum und über Lametta sprechen? Ich schrieb sofort eine Nachricht an meine jüngere Tochter, die in Berlin studiert. Am Tag vorher hatten wir noch über die Adventsmärkte dort gesprochen. Ich machte mir Sorgen. Sie hat überraschenderweise innerhalb einer Minute geantwortet und ich war beruhigt. Unzählige Menschen haben in den Stunden nach dem Anschlag nach Freunden und Verwandten in Berlin gefragt, wie ich am nächsten Tag im Radio hörte. Aus Sorge, Verbundenheit, Verantwortung. Viele kleine Zeichen einer solidarischen Gemeinschaft im Alltag.

Ein offener Staat lässt sich so leicht ausspielen, wie sich unser Christbaum entwenden lässt. Wir wollen den Baum nicht anketten. Wir wollen weiter schöne Weihnachtsmärkte haben.

Und schließlich die Weihnachtsgeschichte: Gott wird Mensch, erzählt sie uns. Und in vielen Farben malt sie die Lächerlichkeit Gottes aus, der nicht an seiner Macht und Überlegenheit festhält. Er geht in die Knie, er lebt unser Leben, er spricht die Sprache unseres Stammelns.

Er geht in die Knie wie ein Vater sich klein macht unter dem Baum, wo die Geschenke liegen. Er macht sich klein, um bei dem Kind zu sein, etwas aufzubauen. Das geht nicht von ganz dort oben.

Der Sohn Gottes, der kleine König, hat keinen Ort, wo er mit Anstand geboren werden kann. Ein zugiger Stall ist gut genug für ihn. Es huldigen ihm ein paar zerlumpte Hirten. Der kleine König wird versteckt und heimlich außer Landes gebracht, denn die Macht trachtet nach seinem Leben. Er ist nicht der erste Flüchtling und wird nicht der letzte sein.

Unsere Welt wird nicht gerettet durch die Macht der Mächtigen, sondern durch die Teilnahme Gottes an unserer Ohnmacht und unserem Leid. Gott geht in die Knie in Jesus, wie wir in die Knie gehen, wenn das Leben uns schlägt. Er hat gelernt, was Hunger und Durst sind, Einsamkeit, Angst und Gewalt. Ob Menschen Brot haben oder nicht, ob sie geschlagen werden oder in Ruhe leben können, ob sie bombardiert werden oder nicht – das alles ist eine spirituelle Angelegenheit geworden, seit Gott unsere Wunden trägt.

Seit Gott unsere Gestalt angenommen hat, ist alles wichtig geworden: Brot und Wasser, Glück und Wunden, Zerstörung des Lebens und seine ganze Fülle,

Die Bibel erzählt uns, dass der kleine König gesiegt hat – er ist auferstanden, die Mächte des Todes haben verloren. Die Geschichte von der machtlosen Liebe, die das Leben gewinnt, ist schwer zu glauben. Was wir immer wieder erfahren, spricht gegen sie. Aber wie könnten wir leben ohne sie. Sie ist der versprochene Segen, wenn uns das Leben in die Knie zwingt. Sie ist Ausgangspunkt und Ziel zugleich.

Der Weihnachtsbaum, die Gewalt in Berlin oder Syrien, die Weihnachtsgeschichte. Sie passt in unsere heutige Welt. Schon zu Zeiten von Jesus war Frieden ein wahres Wunder, etwas Verletzliches und Bedrohtes – wie heute. Kurz nach seiner Geburt geschah der bethlehemitische Kindermord. Grausam wie die Kriege heute. Deshalb wird der kleine König so demütig angebetet: ‚Friede auf Erden‘ – das ist ein himmlisches Geschenk. Wir müssen lernen, ihn zu bauen und seinen Wert zu ermessen. Er entsteht nicht durch Ausgrenzung und nicht durch Rechthaberei.

Es ist der Triumph der Milde über die Macht, der Klugheit über die Bosheit, des Kindes über den Krieg. Ein pragmatisches Miteinander der Religionen, wie es bei der Trauerfeier in Berlin sichtbar geworden ist.

Und der Baum? Er ist Symbol für den Paradiesbaum. Das Paradies ist nicht mehr verschlossen, der Engel steht nicht mehr davor, die Tür ist geöffnet. Deshalb hängen wir Paradiesfrüchte an diesen Baum, Äpfel oder rote Kugeln. Hier in unserem Baum sind übrigens immer noch zwei Vogelnester versteckt. Er hat also zwei Vogelfamilien im Vogelsberg, wo er gewachsen ist, eine Heimat geboten.

Und wenn wir dann vom Weihnachtsbaum aus auf die andere Seite gehen zu unserer Weihnachtskrippe, dann haben wir dort die Liebe Gottes vor Augen mit dem Kind in der Krippe. Mehr braucht es nicht, damit es Weihnachten werden kann.

Mehr braucht es nicht, damit so manche Unstimmigkeit oder Einsamkeit in unserem Leben heil wird. Denn Gott betrachtet unser unvollkommenes und gewöhnliches Leben mit liebevollen Augen und mit Wertschätzung, wohlwollend. Beim ihm gilt Gnade vor Recht – für jeden von uns. Das ist seine Art, unsere heillose Welt heil zu machen: Mit Menschlichkeit und Liebe. Das wollen wir heute feiern, heute am Heiligen Abend! Amen.

Adventsandacht am 17.12.2016 von Pfarrer Rainer Böhm

Fürchte dich nicht

I. Vom Unmöglichen getroffen

Manchmal passiert einem etwas Unerwartetes.

Manchmal wird man vom Unmöglichen getroffen.

Was bedeutet es wohl: schwanger zu werden?  Plötzlich ist alles anders, plötzlich verändert sich der ganze Körper, das ganze Leben. Alles muss umgestellt werden: die Ernährung, die Lebensweise. Und man merkt, wie da etwas Neues heranwächst.

Vielleicht können wir der Erfahrung nachspüren, die Maria gemacht hat, nämlich Christus in uns Raum zu geben, zu erfahren wie das ist, wenn das Wort Fleisch wird.

Doch beginnen wir noch einmal von vorne.

Da steht ein Engel im Raum und äußert einen ungewöhnliches Gruß:
„Sei gegrüßt, du Begnadete des Herrn, der Herr ist mit Dir!“

„Sie erschrak über das Wort und sann darüber nach.“

Der Schrecken ist eine der häufigsten Reaktionen, von denen die Bibel berichtet, wenn jemand eine Gottesbegegnung hatte. Weniger die Angst vor einem strengen Richter oder einem unendlichen Wesen, sondern vielmehr der Adrenalinschub, der einen durchfährt, wenn man im Dunkeln etwas neben sich spürt, wenn man merkt: diese Silhouette dort, dieser Schatten dort – da steht jemand. Die Gedankenfetzen, die einem kommen, wenn man sich alleine wähnte und doch ist dort jemand.

Umso erstaunlicher, dass berichtet wird, wie Maria weniger über das Engelswesen erschrak, als über diesen rätselhaften Gruß. Sie ließ sich verwirren, führte nicht das Unbekannte in das eigene Weltbild zurück, sie ließ sich ein auf das Gesagte. Auf das schier Unmögliche.

„Fürchte dich nicht, denn Du hast Gnade gefunden bei Gott!“

Es gibt viel Furchteinflößendes: in der Welt, im eigenen Leben und auch in dieser Begegnung. Es geht hier vielleicht auch um die Furcht, die einem befällt, wenn etwas Neues entsteht, etwas, dass noch keine festen Konturen hat.

Fürchte dich nicht, denn hier ist Gnade, fürchte dich nicht, denn du bist angenommen, fürchte dich nicht, denn hier entsteht etwas Neues, etwas Heilsames!

Und dann lesen wir die Beschreibungen dieser mysteriösen Empfängnis: „der Heilige Geist wird über dich kommen, die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“. So wie der Heilige Geist aus dem Chaos der Urflut, das Leben schaffte, so soll hier in einer chaotischen Welt etwas völlig Neues entstehen. Gott will hier zur Welt kommen.

II. Raum geben

Wenn man Unglaubliches erlebt, ist man gezwungen Antworten zu finden. Man muss sich dazu verhalten. Maria fand eine Antwort indem sie sagte: „Mir geschehe nach deinem Wort!“.

Raum geben heißt, dass da etwas in uns wachsen darf, dass zugleich innig mit uns verbunden ist und doch fremdartig, doch etwas Neues, ist. Etwas, das wir uns nicht so recht ausmalen können. Etwas, worüber wir nicht verfügen können.

Raum geben bedeutet, dass etwas in uns Resonanz finden kann und unsere ständig um uns kreisenden Gedanken unterbricht.

Raum geben heißt vor allem, dass wir bereit sind, der Ort zu sein, an dem etwas Neues in die Welt treten kann.

Es bedeutet, dass wir Gott zutrauen, dass er mitten in der Unaufgeräumtheit unserer Leben, Gestalt gewinnen will.

Und Raum machen für Gott  ist nicht zu trennen davon, dass man Raum macht für den anderen.

Das kann schon damit beginnen, einander richtig zuzuhören, der Stimme des Anderen Raum zu geben. Oder es kann heißen, dass wir einen Raum schaffen, an dem der Andere aufatmen kann, an dem er sich zeigen darf. An dem er nicht fürchten muss, meinen Vorstellungen unterworfen zu werden, an dem er mein Urteil nicht fürchten muss.

Raum geben heißt eben auch: Zeit geben, Aufmerksamkeit geben, gute und hilfreiche Worte geben, manchmal auch kritische Worte.

III. Der Aufruhr

Etwas weiter im Evangelium des Lukas steht das Magnifikat, das Gebet der schwangeren Maria. Und das ist ein äußerst aufrührerisches Gebet:
„Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“

Die Metapher des Raum Gebens wird schief, wenn man nicht betont, dass sich dadurch auch etwas ändert. Dort, wo Gott Gestalt gewinnen darf, da können auch Welten ins Wanken geraten. Da bekommen plötzlich Menschen Raum, die sonst gar nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen: Die, die sich im Zentrum der Aufmerksamkeit wähnen, die die sich selbst für wichtig halten, müssen auch mal zurücktreten und die, die am Rand standen kommen plötzlich ins Rampenlicht. Die Privilegierten gehen plötzlich leer aus und die Hungernden werden gesättigt. Man entfernt den kritischen Stachel aus der Adventszeit, wenn man aus ihr nur eine besinnliche Zeit macht..

Advent ist eine gefährliche Zeit, in der Fragen aufgeworfen werden, in der wir in Frage gestellt werden. Denn wo einem Gott zustößt, da werden Leben geöffnet und da kommen Welten ins Wanken.

Und manchmal passiert einem etwas Unerwartetes.

Manchmal wird man vom Unmöglichen getroffen.

Fürchte dich nicht.

zum Buß- und Bettag 16.11.16 von Pfarrer Dr. Ulrich Becke

Buße und Gnade – kein größerer Gegensatz ist denkbar.

Das fängt schon beim Klang an: Buße: dumpf, trüb niederdrückend wie das Tuba mirum im Requiem, der Ruf zum Gericht Gottes. Althochdeutsch büezen bedeutet „bessern, wiedergutmachen, vergüten“. Im NT steht hier metanoia, „Sinnesänderung, Umkehr“, also der Blick nicht auf die Aktion des Wiedergutmachens gerichtet, sondern nach innen. Gnade: das klingt dagegen hell und klar, gleichsam ein wie ein Trompetenruf. Althochdeutsch genade bedeutet „Rast, Behagen, Gunst, Erbarmen“. Vielleicht hören wir dabei zu Recht Händels Arie Ombra mai fu aus der Oper Serse oder Xerxes, wo jemand überraschend und erquickend Schatten und Frieden unter einem Baum findet. Im NT steht charis, das hat also mit Charisma zu tun, der hellen Ausstrahlung, die jemand verschenkt – wie eine große unverdiente Gnade eben für den, der das Charisma hat und den, den er damit beschenkt.

Wo reden wir heute von Buße, von Gnade – außerhalb der Kirche?

Buße: ein Bußgeldbescheid kommt ins Haus – jemand verbüßt eine Haftstrafe– ein anderer erlebt eine Einbuße am Lohn – das wirst du mir büßen! droht uns jemand

Gnade: der eine erhält das Gnadenbrot, der andere den Gnadentod – eine andere wird begnadigt – es gab den Richter Gnadenlos in Hamburg - ob die Gnadenhochzeit (70 Jahre) wirklich Gnade ist, sei dahingestellt – gnädige Frau stirbt als Anrede in der Hallo- und Tschüss-Zeit aus.

Ein großer Schritt nun zurück – zu dem, mit dem alles anfing: Martin Luther.

Was ihm Buße und Gnade bedeutete, was er darüber am eigenen Leib, an der eigenen Seele erlernt und weitergegeben hat, das ist Fundament des Protestantismus – und Protestanten sind wir ja schließlich alle - aus gutem Grund, oder?

Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Mit dieser Frage quält sich Luther ein halbes Leben lang herum. Sein Grundgedanke: Gott ist absolut gerecht – wir Menschen absolut unvollkommen. Also heißt Gerechtigkeit Gottes: am Ende aller Zeiten macht uns Gott gründlich fertig für alle unsere Sünden und Unvollkommenheiten.

Im Bild, das damals in vielen Kirchen zu sehen war, Luther war es von Kindheit an unheimlich vertraut: Gott hat ein Schwert, das aus seinem Mund dringt, um die Bösen – und damit eigentlich uns alle – kräftig zu strafen.

So sieht ihn der junge Martin von klein an in vielen Kirchen abgebildet als einen terroristischen Gott, der nur Furcht auslöst, ein Gott wirklich und wahrhaftig  zum Abgewöhnen. Das aber will Martin gerade nicht, er will diesen Gott lieben und kann es doch nicht. So beginnt er ihn zu hassen eben wie ein völlig unerreichbares und auch völlig unwürdiges Liebesobjekt, weil er sich nicht traut, vor sich selber einzugestehen: ich hasse Gott,  sagt er – als Projektion und Umkehrung - : Gott hasst mich.

Sein therapeutischer Novizenmeister Johann von Staupitz (ohne ihn: keine Reformation!) hält ihm entgegen: nicht Gott hasst Dich, er ist die Liebe, nein: du hasst Gott! Und jetzt sucht Martin verzweifelt nach Gründen, Gott lieben zu können in einer langen und spannenden Suche.

Auf der Klosterkloake, dem einsamen Mönchsabort erhält er schließlich die Erkenntnis geschenkt: Gott straft nicht in seiner absoluten Gerechtigkeit, nein, er schenkt sie uns aus freien Stücken, um uns frei zu sprechen von allem.

Das ist die reformatorische Grunderkenntnis – ABER: da ist eben noch etwas: da ist das freie Geschenk der Gnade Gottes, ohne Ablasszettel, ohne Wallfahrten, ohne Rackern und Mühen mit guten Werken und Klosteraskese.

Aber da ist doch auch eine grundlegende Vor-Bedingung bei uns Menschen nötig: eben die BUSSE!

Eigentlich ist der Gedanke kinderleicht: nur einem Kind, das sagt, ich hab was falsch gemacht, können wir sagen: halb so schlimm oder gar nicht schlimm, beim nächsten Mal machst Du es besser!

Ohne Reue keine Verhaltensänderung, ohne Buße keine Gnade

Wer nur Buße! Buße! denkt und fordert und die Gnade vergisst, wird zur verkrüppelten Seele oder zum Masochisten

Wer aber nur Gnade! Gnade! betont, der (oder die) verliert alle Maßstäbe für das richtige eigene Handeln, verliert jede Kritikfähigkeit gegenüber sich selbst.

Das wird brisant im Politischen, je und je in unserer Gegenwart und Gesellschaft: Was ist mit einem uralten Mann, der Naziverbrechen mitverübt hat und jetzt noch vor Gericht und in den Knast soll? Wo Gnade zu billig und unter jedem Preis verschenkt wird, verliert sie ihren kostbaren Wert. Wo wir gnädig umgehen mit einem, der bereut und Buße zeigt, können wir das nur, weil Gott selbst uns seine kostbare Gnade schenkt, wo wir Buße getan haben.

Martin Luther sagt in den 95 Thesen:

 Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: "Tut Buße" usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll

Also sollen, nein: dürfen wir nachdenken über uns und unsere Kriterien und unser Handeln Tag um Tag, konzentriert und offen für Kritik und Selbstkritik.

Buße, griechisch metanoia, neues Bewusstsein, das lässt uns umdenken, so wie einst die Perestroika in Russland, umdenken und umgestalten. Das verleiht uns Freiheit der Selbstreflexion.

Das öffnet uns und anderen Wege in ein neues Sein der Freiheit, in eine neue und bessere, für alle bessere Welt!

Das ist der Weg hin zum Horizont, an dem alle von uns gesetzten engen Grenzen schwinden, wo die Freiheit eines Christenmenschen, ja die Freiheit aller Menschen, die guten Willens sind, recht eigentlich beginnt.

AMEN

zum Reformationstag 2016 von Pfarrerin Susanne Pieper

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,

„Not lehrt beten“. So behauptet der Volksmund. Das meint: wenn uns der Schuh drückt, wenn uns etwas auf den Nägeln brennt, wenn es uns schlecht geht, dann wenden wir uns an Gott. Kürzlich erzählte mir ein alter Herr, den ich zu seinem Geburtstag besuchte, dazu eine Geschichte. Er war in seinem aktiven Berufsleben ein Seemann. War zuhause auf den vielen Meeren dieser Erde. Und er sagte zu mir: „Wissen Sie, die Leute an Land meinen, Seeleute seien rauhe Kerle. Das sind sie auch. Aber sie sind gottgläubig. Wenn man auf See in Bedrängnis kommt, dann faltet man die Hände und betet. Auf dem Meer ist man Gott näher als an Land.“

Not lehrt beten. Was für den alten Mann noch selbstverständlich ist, ist es für viele Jüngere längst nicht mehr. Das Beten ist heute bei vielen Menschen aus der Mode gekommen. Man kann den Eindruck bekommen, dass wir eher „Not mit dem Beten“ haben. Das sagen mir jedenfalls manche Konfirmandinnen und Konfirmanden, wenn wir im Unterricht über das Beten sprechen: „Früher haben die Eltern mit mir vor dem Einschlafen gebetet. Aber das ist ja lange her.“ Oder sie sagen: „Wenn wir bei den Großeltern zu Besuch sind, dann beten wir vor dem Essen. Zuhause kommt das eher selten vor.“

Es ist nicht leicht mit dem Beten. Oft nehmen wir uns keine Zeit dafür: am Morgen nicht, weil alles schnell, schnell gehen muss. Bei Tisch nicht, weil die Mittagspause eh nur so kurz ausfällt. Und am Abend sind wir zu erschöpft dazu.

Es ist nicht leicht mit dem Beten. Wie können wir es machen? Wie ist es stimmig für uns? Was geht? Was nicht?

Den Jüngern Jesu ist es ähnlich ergangen. Eines Tages bitten sie Jesus: „Lehre uns beten!“ Und Jesus gibt ihnen das Vaterunser an die Hand. So wird es zum Gebet schlechthin. Kurz. Konzentriert. Das Wesentliche zusammengefasst. „Damit ihr nicht plappert wie die Heiden“, wie Jesus es an anderer Stelle betont. Es geht nicht darum, viele Worte zu machen. Es geht nicht darum, andere mit der eigenen Beredsamkeit zu beeindrucken.

Wer betet, geht zunächst nicht nach außen. Das Beten – das ist nicht etwas, was sich hören lassen will. Was sich sehen lassen will. Es ist etwas sehr Privates. Ja Intimes. Deshalb fordert Jesus die Jünger auf, sich zum Beten zurückzuziehen, ins stille Kämmerlein zu gehen.

Beim Beten bin ich nur für mich. Niemand hört mich sonst. Niemand sieht mich. Ich gehe hinein in die Besinnung. Ich brauche wirklich nur zu sagen, was mir auf dem Herzen liegt. Und Gott, der ins Verborgene sieht, wird es hören und wahrnehmen. Für das, was wir sagen sollen, dafür hat Jesus uns das Vaterunser ans Herz gegeben und ans Herz gelegt.

Auch die Menschen zur Zeit Martin Luthers hatten es nicht leicht mit dem Beten. Luther kannte ihre Schwierigkeiten. Einerseits trauten sie sich nicht, Gott mit ihren Anliegen zu bedrängen. Andererseits meinten sie, Gott wisse sowieso schon alles. Er sei schon im Bilde, wisse, was der Einzelne nötig habe und was ihm fehle. Daher sei es gleichgültig, ob man sich an ihn wende oder nicht. Es mache keinen Unterschied.

Doch Luther widerspricht. Er erinnert die Menschen an die biblische Verheißung aus Psalm 50, 15 (an die „Telefonnummer Gottes“), wo es heißt: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.“ Luther kann sagen: „Du musst Gott mit seiner Verheißung die Ohren reiben, bis sie heiß sind.“ Martin Luther macht Mut, zu beten, das Beten zu wagen, Tag für Tag. Am Morgen, am Mittag und am Abend. Dabei bedeutet Beten nicht nur die fromme Ergebung in Gottes Willen. Es kann auch die Frage und Klage sein: „Wo bist du jetzt, Gott? Warum mutest du mir das zu?“

Im Sinne Luthers können wir Gott anvertrauen, was uns gerade beschäftigt, was uns bewegt, was uns Druck macht, und was uns nicht zur Ruhe kommen lässt. Von Luther selbst stammt der Spruch: „Heute habe ich viel Arbeit. Deshalb muss ich viel beten!“

So zu beten, das ist wie ein unsichtbares Band, das uns mit Gott verbindet. Das da ist, auf das wir uns jederzeit zurückbesinnen können. Es kann sein, dass wir nur in Gedanken und ganz still und leise mit Gott im Gespräch sind. Es kann auch sein, dass wir halblaut dabei vor uns hin murmeln. Und es kann sein, das wir uns einfach am Geländer des Vaterunsers festhalten, weil wir sonst gerade keine eigenen Worte finden. Entscheidend ist es, im Kontakt zu sein.

„Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe.“ Die wichtigsten Dinge zuerst: so ist der Anfang jeden ernsthaften Gebetes, sagt Jesus: Gott die Ehre geben. Es geht um ihn. Mir bewusst machen, wem ich mein Leben verdanke, wer der Grund meines Lebens ist, wer mich hält, wer mich trägt, noch bevor ich den Mund aufmache. Sein Name steht über allen anderen Namen. Nichts ist wichtiger als er. Er soll größer werden; bekannt und geachtet werden. Dein Name werde geheiligt.

In seinem kleinen Katechismus, den Martin Luther verfasste, um den Menschen seiner Zeit einen Leitfaden an die Hand zu geben für ihr evangelisches Denken und Leben, schrieb er: „Gottes Name ist zwar an sich heilig, aber wir bitten, dass er auch bei uns heilig werde.“

Das bedeutet: Die Heiligung des Namens Gottes, die Wertschätzung und Ehre seines Namens ist nicht begrenzt auf heilige Orte, auf Kirchen oder Andachtsstätten. Und sie ist nicht begrenzt auf heilige Zeiten, auf Sonntage oder auf Feiertage. Die Heiligung des Namens Gottes geschieht im Alltag der Welt: dass wir auch am Montag oder Mittwoch oder Freitag die Welt und unsere Umgebung sehen und fragen: „Wie will Gott sie haben? Was ist sein Wille für diese, unsere Welt? Wie möchte er, dass wir miteinander leben? Als Familie, als Nachbarn, als Arbeitskollegen und -kolleginnen? Als Menschen verschiedener Herkunftsländer? Was will er von uns als Kirche?“

Die Heiligung des Namens Gottes bewährt sich im Alltag unserer Welt. Darin, dass wir die Versöhnung suchen nach einem Streit, darin, dass wir einander das Leben leichter machen, nicht schwerer. Darin, dass wir liebevoll und heilsam miteinander umgehen.

Das 500. Jubiläum der Reformation wird mit dem heutigen 31. Oktober eingeläutet. Vor uns liegt ein großes Jahr mit vielen Erinnerungen an die Reformationszeit, aber auch mit vielen Ereignissen, Angeboten und besonderen Gottesdiensten. Und mit der Frage, was „Reformation heute“ denn bedeuten könne. Für mich gehört auch dazu, für ein besseres Miteinander der Konfessionen einzutreten und dazu beizutragen, alte, verletzende Gräben und Spannungen zu überwinden und in der Gegenwart neue Wege miteinander zu beschreiten.

Darum ist es z.B. gut, dass Papst Franziskus sich am heutigen Tag in der schwedischen Stadt Lund aufhält und dort zusammen mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes einen ökumenischen Gottesdienst feiert zum Thema „Vom Konflikt zur Gemeinschaft.“ Diese ökumenische Geste ist ein großes Hoffnungszeichen in unserer Gegenwart.

Darum ist es z.B. gut, dass im März nächsten Jahres ein ökumenischer Gottesdienst, gemeinsam von der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz, gefeiert wird, mit dem Thema „Healing of Memories“ – lasst uns anstreben, dass Erinnerungen heilen können; dass Wunden heilen können, die unsere Konfessionen sich in der Vergangenheit zugefügt haben.

Gemeinsam Gott die Ehre geben, gemeinsam den Namen Gottes heilig halten, das macht unser Herz weit und lässt uns einander die Hände reichen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Die Psalmen: Psalm 126 (20.11.2016 von Pfarrer Rainer Böhm)

Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.

Dann wird unser Mund voll Lachens
und unsre Zunge voll Rühmens sein.

Dann wird man sagen unter den Heiden:
Der Herr hat Großes an ihnen getan!

Der Herr hat Großes an uns getan;
des sind wir fröhlich.

Herr, bringe zurück unsre Gefangenen,
wie du die Bäche wiederbringst im Südland.

Die mit Tränen säen,
werden mit Freuden ernten.

Sie gehen hin und weinen
und streuen ihren Samen

und kommen mit Freuden
und bringen ihre Garben.

Mit Tränen gesät.

Der Tag der Beerdigung.
In den Arm genommen werden.
Andere in den Arm nehmen.

Mit Tränen gesät.
Briefe bekommen.
Dankbriefe schreiben.
Versicherungsunterlagen sortieren.
Mit Tränen gesät.

Die Bilder der Verstorbenen ansehen.
Durch die leere Wohnung gehen.
Das Grab besuchen.

Mit Tränen gesät.
Wohnung auflösen.
Altkleider wegbringen.
Überlegen, was bleiben soll.

Mit Tränen gesät.
Dasitzen und traurig sein.
An früher denken.
Ein kleines Lachen wagen.

Mit Tränen gesät.
Verstehen, dass Trauer Zeit braucht.
An die Toten denken.
Spüren, dass die Schmerzen weniger werden.
Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.
Verstehen, dass auch die Freude Zeit braucht.
Ein größeres Lachen wagen.

Von der Zukunft träumen.
Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.

Gebet

Gott, hier sind wir.
Warten auf die Ernte.
Weinen, lachen – je nachdem.
Heute eher weinen.
Weil wir an unsere Toten denken.
Weil es immer noch wehtut.
Aber sie sind bei dir.
Du hast sie erlöst.
Manchmal vergessen wir das.
Ob du mit unseren Toten lachst?
Das würde trösten.
Schenk uns das Lachen wieder.
Schenk uns das Lachen.

Psalm 126 am Ewigkeitssonntag

Ein großzügiger, grüner Landstrich, viele sanfte Hügel, eine Küste vielleicht, ein Strand, und keine Grenzen für einen Blick, der in die Weite gehen will; ein bunter Garten, voller Düfte und Blüten, in allen Farben – und Pfirsichbäume darin. Pfirsichbäume müssen sein und Erdbeerfelder.

Ein helles Haus, mit großen Fenstern, hohen Decken, mit Balkonen und Terrassen; die Haustüre hat kein Schloss und Jalousien braucht es keine. Ein Tal, zum Meer hin offen – und Abend- und Morgenrot strahlt von den Hängen. Und immer, immer ist Zeit für Begegnungen und Gespräche, morgens am Tisch und abends am Kamin, Gespräche mit meinem Vater, der vor zwölf Jahren gegangen ist, meiner Großmutter, die sich auf mich freut, mit Freunden, die ich lange schon vermisse.

So stelle ich mir das vor. So erträume ich mir das, was etwas verlegen »die Ewigkeit« heißt, das Leben im Jenseits, die Zeit nach dieser Zeit.

Ob es so sein wird – ich weiß es nicht. Keiner weiß es und keiner – heißt es ganz richtig in einer alten Weisheit – ist je zurückgekehrt, um davon zu erzählen. Aber ich nehme mir die Freiheit zu träumen. Der 126. Psalm, den wir eben gehört haben, der gibt mir die Erlaubnis dazu. »Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.« Zu träumen ist also gestattet, wir dürfen uns unsere Bilder machen, dürfen uns diese Ewigkeit ausmalen mit den Pinselstrichen und Farben, die uns zur Verfügung stehen, mit all unserer Phantasie und Kreativität. Zu träumen ist erlaubt.

Ich bin sehr froh, erleichtert geradezu, dass da kein Gott steht, mit erhobenem Zeigefinger und strenger Mine, der uns mahnt: »Mach dir bloß keine Illusionen, es kommt ja doch anders als du denkst; du wirst doch nicht glauben, dass du Menschlein, mit deinem begrenzten Verstand, deinem beschränkten Gemüt, deinem überschaubaren Gefühl, dass du je erahnen wirst, wie es zugeht nach deiner Zeit. Wart’s ab, halt still, bleib bescheiden!« Im Grunde wär das ja vernünftig, denn wir wissen eben nichts.

Und so fühlt sich das auch an, wenn wir vor Särgen und Urnen, wenn wir an Gräbern stehen: Wir wissen nichts und sind ratlos. In uns breitet sich eine tiefe Trauer aus wie ein Schatten, der sich langsam und kalt auf die Seele legt; und wir haben keine Antworten mehr. Viele von Ihnen haben an Sterbebetten ausgeharrt, haben einen Menschen, mit dem Sie verbunden waren, gepflegt und begleitet, bis es nicht mehr ging. Bis die Kraft zu Ende war und der Tod den Schlusspunkt setzte. Ihnen sind unsere menschlichen Grenzen schmerzhaft bewusst; auf die braucht niemand Sie zu verweisen. Auch Gott nicht.

Aber der tut es auch nicht, nein, er lässt unsre Träume gelten. Und mit unseren Träumen doch auch: unsere Hoffnungen.

Wenn ich Menschen an Sterbebetten besuche, wenn ich mit Trauernden spreche, wenn wir Abschiede vorbereiten müssen und des Menschen gedenken, der nun gegangen ist, wenn große und kleine Geschichten erzählt werden von dem, mit dem Sie verbunden waren, dem Vater, der Mutter, Tochter und Sohn, dann spüre ich jedes Mal sehr: Das, was die Mühe durchhalten lässt, das was die Kraft gibt, Pflege und Abschied durchzustehen, das ist eine Liebe, die sich wünscht, auch über den Tod hinaus zu gelten; das ist eine Hoffnung, die nicht bereit ist zu glauben, dass mit dem Tod eines Menschen alles gesagt und getan sei. Liebe und Hoffnung, die träumen sich ein Jenseits jenseits der Schwelle, die ersehnen sich ein Leben nach dem Schmerz, nach Tod und Abschied.

Und sie tun es zurecht. Gott sagt uns das zu.

Im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, macht Gott den Horizont ganz weit, und lässt er uns durch Johannes sagen: »Und Gott wird bei ihnen wohnen – und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein!« (Offb 21,3 f.)

Gott sagt uns das zu. Und wenn er das tut, wenn er uns sein Wort gibt, dann ist das nicht bloß eine vage Hoffnung, nicht nur leichthin gesagtes, nach dem Motto »Schau’n wir mal! Kommt Zeit, kommt Rat! Abwarten!«

Nein, Gott lässt unsere Träume jetzt schon gelten, und er gibt unserer Sehnsucht und unserer Hoffnung jetzt schon Recht. Im 126. Psalm höre ich alte, vertraute Bilder vom Säen und Ernten, von Aussaat, Frucht und Erntedank: »Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.« Es klingt, als sei das ganz selbstverständlich so, ganz folgerichtig und fraglos: Wer sät, wird ernten, wer weint, wird lachen, wer Schmerz erträgt, wird erfüllt sein von Glück. So ist das: Gott sagt es, Gott sorgt dafür. Ganz einfach.

So einfach fühlt sich das freilich nicht an. Weine ich, dann bin ich aufgelöst in Tränen; muss ich Abschied nehmen, reißt der Verlust mir eine schmerzliche Wunde ins Herz, steh ich vor einem Grab, schau ich ins Dunkle und weiß ich mir keinen Rat, ich schaue über das Kreuz mit dem wohl vertrauten Namen nicht hinaus. Das ist nicht einfach – das tut weh.

Doch in allem  atmet auch eine leise Hoffnung, durch alle Ratlosigkeit zieht sich eine zaghafte Sehnsucht, in aller Trauer regt sich ein vorsichtiger Traum. Dieser Traum, dass wir einander wiedersehen, dass wir uns an Leib und Seele gesund wieder in die Arme schließen. Ein Traum vom Lachen und von glücklichen Augen, in denen nicht mehr Leid und Schmerz stehen, sondern Liebe und Dankbarkeit; ein Traum vom Erkennen und Wieder-beieinander-Sein, als geheilte Menschen, die viel zu erzählen haben, die Zeit haben füreinander – eine ganze Ewigkeit lang.

Ein Traum – und Gott gibt unseren Träumen Recht.

Träumen wir also, träumen wir mutig. Denn wenn wir träumen und unserer Sehnsucht vertrauen, dann ist es, als öffne sich die Tür einen Spalt weit und als falle schon etwas Licht herein von diesem Leben nach dem Tod, vom Licht der Ewigkeit, die unsre Heimat ist. Es ist, als hebe sich der Nebel ein wenig, als strahle durch die Finsternis ein erstes Morgenlicht, und wir sähen schon ein wenig über den Horizont, hinüber ins neue, ins Gelobte Land; als dämmere der herrliche Tag schon heran, in dessen Licht wir glücklich sein werden.

Das alles, liebe Gemeinde, sind nur Bilder, Traumbilder – aber Gott ermutigt uns dazu, gibt uns das Recht, zu träumen.

Denn genau so, mit diesen Träumen, mit dieser Sehnsucht in den Seelen, mit dieser Hoffnung im Herzen lässt es sich leben hier und jetzt, da wir nur träumen können und noch nicht schauen. Mit diesen Träumen können wir getrost sein.

Der 126. Psalm hat eine Überschrift; die zeigt an, wofür er gedichtet wurde, bei welchen Gelegenheiten er gesungen wurde. »Ein Wallfahrtslied« steht über dem Psalm, er ist ein Lied für Wege. Jeder Schritt, den wir gehen, ob wir weit ausgreifen und mutig schreiten oder ob wir fast kraftlos einen Fuß vor den anderen setzen, wie wir es getan haben, traurig auf den Friedhöfen bis zum Grab – welchen Weg auch immer wir zu gehen haben, dieses Lied und sein Versprechen begleitet uns. Gott gibt uns sein Wort: Wir werden lachen und ernten, wir werden allen Schmerz vergessen und die Liebe feiern.

Und träum ich jetzt von Pfirsichbäumen und Erdbeeren, von Freunden und Gesprächen im Abendlicht, dann weiß ich, Gott spottet dieser Träume nicht, nein, mit mehr, mit viel mehr als meinen Träumen wird er mich überraschen.

Wir werden sein wie die Träumenden. Bitte, träumen Sie!

AMEN

Die Psalmen: Psalm 139 (6.11.2016 von Pfarrer Dr. Ulrich Becke)

5 Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.
6
 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,
ich kann sie nicht begreifen.
7
 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,
und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
8
 Führe ich gen Himmel, so bist du da;
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
9
 Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer,
10
 so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.
11
 Spräche ich: Finsternis möge mich decken
und Nacht statt Licht um mich sein –,
12
 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,
und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.
16
 Deine Augen sahen mich,
als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.
17
 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!
Wie ist ihre Summe so groß!
18
 Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand:
Am Ende bin ich noch immer bei dir.
23
 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich's meine.
24
 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.

Wie finden sie amerikanische Fernsehprediger? Ich finde sie nicht so gut. Sie sind für mich ähnlich einer nicht so geglückten deutschen Fernsehshow etwas älteren Formats: pathetisch, im Tone eines Stadionsprechers, inhaltlich wenig reflektiert, doch gewiss massenwirksam, vielleicht gerade wegen der kitschigen Musik.

Dennoch war da ein Moment in meinem Leben, wo mich ein amerikanischer Fernsehprediger zutiefst angerührt hat, und das war morgens am Sonntag weit draußen auf hoher See, im südchinesischen Meer.

Wieder einmal war ich als Bordseelsorger an Bord der MS EUROPA mit dabei. Der Gottesdienst auf dem Schiff mit Abendmahlsfeier war gehalten, ich zurück in der Kabine, oder wie auf MS EUROPA üblich, der „Suite“. Meine Reiselektüre war ausgelesen, zufällig wurde im Moment keine weitere Mahlzeit auf dem Programm angesagt: also tat ich etwas, was ich zuhause nie mache: mich auf dem Fernseher durch die Programme zappen. Und da war er, der predigende Mitbewerber aus den Staaten, vor einigen tausend Menschen in einer Art Sporthalle, und da war der eingeblendete Text zu seiner etwas pathetischen Lesung:

If I take the wings of the morning, and dwell in the uttermost parts of the sea; Even there shall thy hand lead me, and thy right hand shall hold me.

Genau das war meine Lage: auf Flügeln der Morgenröte (oder eher: mit einem Jumbojet) ans andere Ende der Welt gereist, jetzt am äußersten Meer unterwegs, und den Satz von Herzen spürend, ihm in Gedanken nachsinnend so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten - ein Moment, dessen Dichte ich nach Jahren noch in der Erinnerung spüre.

Bei diesem Psalm ist etwas eigentümlich: es ist ein Text mit Fans und Kritikern – anders als der 23. Psalm.

Und da geht ein Riss durch manche Familien. Die einen sagen. Das ist doch wohl ein bedrängendes Gottesbild, das uns körperlich-seelisch zu nahe rückt, ja, eine Art Stasi-Gott: Von allen Seiten umgibst du mich.

Auf der anderen Seite heißt es: das gibt mir ein Gefühl totaler Geborgenheit, ur-kindlichen Vertrauens.

Gewiss: so gewaltig und übermächtig ist Gott in diesem Psalm, dass der Beter glaubt, vor ihm fliehen zu müssen: Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

Aber in Höhen und Tiefen eines Lebens bleibt Gott der erfahrbar Nahe, das persönliche Gegenüber, zu dem wir DU sagen dürfen.

Himmel und Totenreich – das sind gewiss Glaubensaussagen, aber auch Bilder für Höhen und Tiefen menschlichen Lebens: oben wie unten ist und bleibt Gott erfahrbar.

Ob diese Bilder auch für ein Leben nach dem Tod stehen, das erscheint mir im Alten Testament fraglich! Denn es ist höchst vorsichtig in seiner Rede über das, was nach dem Tode kommt – oder nicht kommt…

Dass aber über allem und allen – schon lange vor und noch lange nach uns -  ein ewig gültiger Plan Gottes waltet, ist im AT unbestritten. Der Psalmbeter fragt hier nicht nach Ungerechtigkeiten oder Widersprüche zum freien Willen des Menschen – diese Debatte der Reformationszeit ist ihm völlig fremd: alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

Vielleicht hat er hier weniger die individuelle Biographie des einzelnen Menschen im Blick als das gesicherte unendliche Kontinuum der Zeit, schlechthin, also: die Ewigkeit, ganz im Sinne der Kernaussagen des 90. Psalms.

Und jetzt kommt ein Aufschrei des Beters, der bis dahin schwankte zwischen Bestürzung und Geborgenheit angesichts der Größe und Unendlichkeit Gottes:

Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!
Wie ist ihre Summe so groß!
Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand

Wie kann ich diesem gewaltigen unfasslichen verborgenen Gott gegenübertraten, gar mit ihm rechten wie einst Hiob? Wie das? Luther hat das getan, dessen Thesenanschlag wir im nächsten Jahr 2017 weltweit gedenken.

Im tiefsten Hader mit einem allmächtigen und allwissenden gerechten Gott, der im Gericht am Ende aller Zeiten die Menschen prüfen und strafen wird, beginnt der junge Luther Gott zu hassen mit ganzem Herzen.

Bis ein Mensch ihm begegnet, der ihn rettet und herausreißt aus Schwermut und Depression im Kloster: sein Novizenmeister und lebenslanger Freund Johann von Staupitz, der seinem Schüler allerdings nicht folgen wird in die Reformation…

Man muss den Mann anschauen, der da heißt Christus, sagt Staupitz zu Luther. Nur der sich in Christus aus freien Stücken selbst geoffenbarte Gott ist wichtig, der deus revelatus, nicht der deus absconditus, der dennoch bleibt unserer Vernunft verborgen bleibt.

Was dich erschreckt und ängstigt, kann nie und nimmer Gott sein, denn Christus tröstet uns und erschreckt uns nicht – so redet Staupitz mit Luther und rettet so dessen Glauben und dessen Seele.

Und jetzt zurück zum 139. Psalm:

Am Ende bin ich noch immer bei dir.

Es scheint mir, als ob hier das AT behutsam und aus der Ferne vom Geheimnis der Auferstehung rede: Am Ende bin ich noch immer bei dir. Am Anfang und am Ende unserer kleinen Endlichkeit steht und bleibt Gott, dessen Geheimnisse wir nicht entschlüsseln können und dürfen.

Was schreibt Luther am Ende eines langen Wirkens?

Die Hirtengedichte Vergils kann niemand verstehen, er sei denn fünf Jahre Hirte gewesen. Die Vergilschen Dichtungen über die Landwirtschaft kann niemand verstehen, er sei denn fünf Jahre Ackermann gewesen. Die Briefe Ciceros kann niemand verstehen, er habe denn 25 Jahre in einem großen Gemeinwesen sich bewegt. Die Heilige Schrift meine niemand genügsam geschmeckt zu haben, er habe denn hundert Jahre lang mit Propheten wie Elias und Elisa, Johannes dem Täufer, Christus und den Aposteln die Gemeinden regiert. Versuche nicht diese göttliche Aeneis, sondern neige dich tief anbetend vor ihren Spuren! Wir sind Bettler, das ist wahr.

Gott selbst bleibt Richtschnur und Prüfstein unseres Handels, an ihn wendet sich noch einmal das Gebet des Psalmisten am Ende des 139. Psalms:

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich's meine.
Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.

AMEN

Die Psalmen: Psalm 148 (30.10.2016 von Pfarrerin Meike Naumann)

Liebe Gemeinde,

Sie haben es sicher gemerkt, nicht nur die Würmer sollen Gott loben und die Planeten – und wir Menschen stehen daneben und drehen Däumchen. Nein, nicht nur die Vögel und die Regentropfen sollen Gott loben mit ihren Klängen, sondern auch wir, die Menschen! Wir sollen einstimmen in den großen Chor aller Geschöpfe. Darauf zielt der Psalm ab. Die ganze Schöpfung lobt ihren Schöpfer, zum Teil mit Stimmen, die wir Menschen hören können, wie zum Beispiel die Nachtigallen ganz am Anfang heute oder das Meeresrauschen. Und zum Teil mit Tönen, die wir nicht hören können. Schon die Ultraschallfrequenzen von Fledermäusen liegen ja knapp außerhalb des Bereichs, den das menschliche Ohr wahrnehmen kann – erst recht der Gesang von Sternen und Milchstraßen. Oder eben das Halleluja der Regenwürmer. Oder das kaum hörbare Geräusch von Schneeflocken. Ich finde es eine erstaunliche Vorstellung, die uns der Psalm da vor Augen stellt – oder eher vor die Ohren stellt: dieses gewaltige vielstimmige Loblied von allen Geschöpfen in allen Tonlagen von laut bis leise, von kaum Wahrnehmbarem bis zum Donnergetöse!

Mir persönlich fällt es am leichtesten, im vielstimmigen Gesang der Vögel ein Loblied für Gott zu erkennen. Wenn ich in freier Natur Vogelstimmen höre und ganz bewusst darauf achte, auf Distelfink, Rotkehlchen, Zaunkönig oder Blaumeise, das ist für mich eine Lobpreisband der Extraklasse. Da brauche ich keine Orgel und kein Symphonieorchester, wenn ich ein Nachtigallenkonzert live miterleben kann. (Liebe Musiker, nicht beleidigt sein. Es gibt auch Psalmen, da wird ausdrücklich dazu aufgefordert, mit allen Arten von Instrumenten Gott zu loben!) Oder wenn ich auf das Rascheln der Blätter im Wind horche, zum Beispiel auf den Lindenbaum vor unserm Haus oder auf das Rauschen eines Tannenwalds, auch da fällt es mir noch einigermaßen leicht, ein Loblied für Gott drin zu erahnen. »Lobt den Herrn, fruchttragende Bäume und alle Zedern. Laubbäume und Nadelbäume, lobt euren Schöpfer!«

Aber wie loben die Berge? Im Fernsehen habe ich letzthin eine Sendung über die Alpen gesehen und da wurde auch über die Gletscher berichtet und das leise Rauschen, dass in den Gletschern durch das Schmelzen des Eises zu hören ist. Ich habe es leider noch nie live gehört. Aber vielleicht ist das das Lob der Berge.

Wie gesagt, es gibt auch Loblieder jenseits von meiner Vorstellungskraft. »Lobt ihn, Sonne und Mond! (?) Lobt ihn, Engel (?) oder Nebel (?)!« Aber auch wenn wir die Stimmen mancher Geschöpfe nicht hören können, sind wir trotzdem eingeladen, unsre eigene Stimme hören zu lassen. »Lobt den Herrn, ihr Könige und alle Völker, Jünglinge und Jungfrauen, Alte mit den Jungen!« Irgendwo in dieser Aufzählung komme auch ich vor, in meinem Fall irgendwo zwischen den Alten und den Jungen. Da ist auch mein Einsatz dabei im vielstimmigen Chor von Welt und Weltall! Lobt ihn, ihr Menschen, auch du, ja du!

Halleluja, lobt den Herrn! Preist seinen Namen! Warum ist es in der Bibel eigentlich immer so wichtig, dass wir Gott loben? »Halleluja« dürfte eines der häufigsten Wörter in der Bibel überhaupt sein. »Lobt den Herrn!« Warum spielt das so eine große Rolle? Die Antwort kann man in einem kurzen Satz zusammenfassen: Loben zieht nach oben. Loben tut gut. Und zwar dem, der lobt, und dem, der gelobt wird. Loben zieht nach oben.

Können Sie sich erinnern an ein Lob, das sie bekommen haben? Als Erwachsene oder als Kinder? Vielleicht hat Sie Ihr Papa gelobt, wenn Sie im Garten mitgeholfen haben, Blumen gegossen, Laub zusammengerecht oder Nüsse geerntet haben. Vielleicht hat Sie eine Lehrerin gelobt, wenn sie gemerkt hat, wie sehr sie sich angestrengt haben. Vielleicht hat Sie ein Trainer gelobt, wenn Sie gedacht haben: Ich gebe es auf, ich  bin nicht gut genug. Vielleicht hat Sie Ihr Enkel gelobt für ein Essen, das Sie gekocht haben. Vielleicht hat Sie ihr Mann gelobt und Ihnen gesagt, wie gut Sie heute aussehen. Ich hoffe, es fallen Ihnen Beispiele ein für manches Lob, das Sie bekommen haben.

Allerdings gibt es umgekehrt auch Erinnerungen an Situationen, wo ein Lob wichtig gewesen wäre – und nie gekommen ist. Mein Querflötenlehrer hat mich zum Beispiel nie gelobt. Wenn er zufrieden war mit dem Ergebnis meiner Bemühungen – ich vermute zumindest rückblickend, dass er dann zufrieden war – dann sagte er: »So, jetzt können wir weitermachen.« Und dann gab es ein neues Stück zum Üben. Es gibt Menschen, denen fällt es sehr schwer, andere zu loben. Vielleicht weil sie selber zu wenig gelobt worden sind. Mir fällt dazu eine Großmutter ein, die nach einem Krippenspiel, das von Kindern und ehrenamtlichen Mitarbeitern wochenlang eingeübt worden war, aufstand mit den Worten: »Jetzt müsste man anfangen, mit ihnen zu proben.« Und ich frage mich: Wenn jemand nicht in der Lage ist, andere zu loben, wenn jemand nicht bereit ist, das Gute wahrzunehmen an Gottes Schöpfung und an seinen Geschöpfen – und dazu gehört ja auch der Mensch und der Mitmensch –, wenn jemand das nicht sehen und nicht sagen will, kann er dann wirklich von Herzen Gott, den Schöpfer loben? Ich habe da meine Zweifel. Mir scheint, es gibt durchaus einen Zusammenhang zwischen dem Lob für die lieben Mitmenschen und dem Lob für den lieben Gott. Wer den Schöpfer loben will, darf seine Geschöpfe nicht verachten.

Und für Christen gilt ganz bestimmt nicht der schwäbische Spruch: »Net gemeckert isch gnug globt!« Auf hochdeutsch: »Nicht gemeckert ist schon genug gelobt.« Die Schwaben sind zwar ein frommes Völkchen, aber das ist nicht biblisch. Bei Gott gilt die Devise: »Halleluja! Lobt!« Deshalb spart nicht mit Lob. Lobt eure Mitmenschen, denn es zieht sie nach oben. Es spornt sie an. Es ermutigt sie. Entdeckt das Lobenswerte in eurer Nachbarschaft, in eurer Familie, bei euren Kollegen, in eurem Verein, in eurer Gemeinde! Lernt das Gute sehen – und redet auch darüber. Denkt es nicht nur, sondern sagt es auch. Lobt eure Mitmenschen, wenn es Gelegenheit dazu gibt. Lobt sie nicht dann erst, wenn ihnen das Bundesverdienstkreuz verliehen wird … ganz nebenbei wird es auch Ihnen selber besser gehen, wenn Sie lernen, das Gute um Sie herum bewusst wahrzunehmen.

Und lobt Gott, denn das zieht nach oben. Das muntert  auf. Richtet den Blick auf die Schönheit in Gottes Schöpfung. Überseht auch die kleinen Dinge nicht, die  gut tun. Lernt das Staunen neu über die großen und kleinen Wunder diese Erde. Wenn schon die Würmer im Dreck Gott loben, dann erst recht du, Menschenkind, Mann oder Frau! Die ganze Schöpfung lobt den Herrn mit lauter oder mit leiser Stimme, mit Klang, mit Gesang oder mit Gekrächze. Darum mach mit und lobe auch du deinen Schöpfer!

AMEN

Die Psalmen: Psalm 8 (23.10.2016 von Pfarrerin Barbara Wilhelmi)

Von der Würde der Menschen, vom Selbstwert und vom Großen des Kleinen.

Liebe Gemeinde!

Ein Psalm ist ein Lied – immer verbunden mit einem künstlerischen Ausdruck im Gesang, mit Musik, mit Beteiligung des Körpers... oft beim Gehen, auf jeden Fall wurde er immer gesungen. Über unserem Psalm 8, den wir heute gemeinsam erfahren wollen, steht der Hinweis für den Chormeister: Es soll auf der Gittit nach der Melodie des „Kelterliedes“ angestimmt werden. Da wir ein Lied eigentlich nur sinnlich erfassen können und um einen Eindruck davon zu erhalten, hören wir in das Spiel eines orientalischen Saiteninstrumentes hinein:

CD Al – Tarab Die Musik Ägyptens, 2000 Heidelberg: Palmyra-verlag, Nr.2, Taqsin (2 Minuten).

Bitte schlagen Sie nun die Nummer 705 im Gesangbuch auf, dort finden Sie den Psalm, den wir gemeinsam nun so lesen, dass er dem Singen sehr ähnlich kommt.

In den Klöstern werden ja die Psalmen immer gesungen oder auf einem Ton zumindest gesprochen. Also wollen wir diesen Psalm nicht „kernig“ lesen, sondern so melodiös, wie wir können.

Gemeinsame L E S U N G von Psalm 8 

(1 Für den Chormeister: Nach dem Kelterlied (zu singen), ein Psalm Davids auf der Gittit):
2  Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name auf der ganzen
Erde, über dem Himmel breitest du deine Hoheit aus.
3  Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge, hast du eine Macht

zugerichtet, deinen Gegnern zum Trotz,
deine Feinde und Widersacher müssen verstummen.
4  Seh` ich den Himmel, das Werk deiner Finger, den Mond

und die Sterne, die Du bereitet hast:
5  Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst und des Menschen 

Kind, dass du dich seiner annimmst?
6  Du hast die Menschen nur wenig geringer gemacht als Gott, hast

sie mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt.
7  Du hast sie als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner

Hände, hast ihnen alles zu Füßen gelegt:
8  All die Schafe, die Ziegen und Rinder und auch die wilden Tiere,

9  die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, alles, was auf den
Pfaden der Meere hindurchzieht.
10 Gott, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

Der achte Psalm beginnt mit dem Lobpreis Gottes.

Luther übersetzte sehr massiv: Herr, unser Herrscher wie herrlich... in einer alten poetischen Reimform. Ursprünglich ist im Hebräischen die Anrede wesentlich einfacher: Gott, Adonai, wie groß ist dein Name auf der ganzen Erde... und Deine Hoheit am Himmel!  Und im Gegenüber dieses großartigen Gottes stehen nun die Menschen, die hier in ihrer Kleinheit benannt werden: Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast Du eine Macht....

Wir Menschen kommen auf die Welt als sehr Abhängige - von der Pflege und Sorge der Erwachsenen – ein Säugling, die alten Griechen sagten „Ein Milchtrinker“, denn der Mensch ist kein Nestflüchter, sondern er bleibt jahrelang im Nest und bedarf lange der Fürsorge und erlebt eine lange Zeit der Hilfsbedürftigkeit.

Und doch oder vielleicht gerade deshalb wird ausgerechnet dieses Lebewesen von Gott ausgesucht, der Zeit seines Lebens die Erinnerung des eigenen Klein-Seins und der eigenen Abhängigkeit bewahren kann.

Der Psalm 8 verbindet immer wieder den Himmel mit der Erde und lässt uns den Blick in den Himmel richten... zu Gott.. und wieder hinunter auf die Erde... Wir spüren das Verbindende... aus der Entfernung zwischen der „Hoheit im Himmel Gottes“ und den „kleinen Menschen“ entsteht eine Nähe. Wieder wendet der Psalm den Blick hoch in die Weite: Wenn ich sehe die Himmel, Deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne....

Ausgerechnet dabei denkt Gott an die Menschen und macht sie zu Partnern über Deiner Finger Werk – in anderen Worten: Gott macht die Menschen zu Partnerinnen und Partnern für die Gestaltung der Welt.

Was ist der Mensch, dass Du, Gott, seiner gedenkst?

Und des Menschen Kind, dass Du sich seiner annimmst..

Du hast die Menschen wenig niedriger gemacht als Gott selbst und hast diese Menschen sogar selbst als Herrscher eingesetzt über die Natur und über andere Lebewesen – die Schafe, Ziegen, Rinder allzumal“.

Das bedeutet: Die Menschen sind auch Schöpfer und Schöpferinnen. Wir müssen uns klarmachen, dass diese Sätze vor dreitausend Jahren auch daran denken, dass Menschen ja die Ackerbaukultur und die Weidewirtschaft erfunden hatten, zu der es notwendig war, dass die Tiere Gottes zu Haustieren gezüchtet wurden. In diesem Psalm werden sie aufgezählt: Die Schafe, Ziegen, Rinder allzumal und auch die wilden Tiere, die ja dazu herhalten mussten, die Haustiere zu züchten. Die Menschen als SchöpferInnen... da könnte man glauben, dass das ja wirklich Fähige und Mächtige sein müssten.

Aber ich gehe noch einmal zurück zum ersten Teil des Psalms, in dem die Menschen gerade nicht als Mächtige benannt werden. In dem Satz: Was ist der Mensch, dass Du, Gott, seiner gedenkst – steht im Hebräischen ein Wort, was eher den „Sterblichen“ bezeichnet - also den anfälligen Menschen „Enosch“ und des Menschen Kind „Ben-Adam“ - der Sohn/der aus Erde gemachte Mensch. Ich formuliere diesen Satz deshalb einmal so:  

Was ist mit dieses Sterblichen, das Du ausgerechnet seiner gedenkst?

Das bedeutet: Wir sind Geschöpfe mit unseren Grenzen – angewiesen auf die Fürsorge der anderen und das kann nur heißen, dass wir diese Phase unseres Lebens – das Klein-Sein und Sich-Klein-Fühlen, einfließen lassen sollen in das spätere Tätigsein – in das „Herrschen über die Welt“!

Es geht hier um das Wissen um die Schwachen, die von uns Abhängigen, die Kleinen, die uns anvertraut sind. Die Erinnerung an unserer eigene frühe Geschichte bereit zu halten in den späteren Situationen, in denen wir Entscheidungen fällen, z.B. bei der Arbeit, bei der Gestaltung der Natur, im Umgang mit Tieren und auch im Umgang miteinander.

Der Psalm mahnt gleichermaßen wie er auch die Menschen selbstbewusst machen will:

Denn sie (die Menschen) sind wenig niedriger als Gott selbst, sie sind also auch Mächtige.

Das bedeutet, die eigene „Stärke“ als Menschen einzugestehen, die „Macht“ als Auftrag zur Gestaltung zu spüren und auch wahrzunehmen, wie wir Verantwortung tragen und sich dabei zu erinnern, wie es war „von anderen abhängig zu sein – wie ein Säugling“.

Wir merken, dass sich mit dieser Erinnerung ein anderes Verhalten ergeben müsste – gegenüber den Nutz-Tieren und gegenüber allen Lebewesen in der Natur... im Umgang mit den Pflanzen und auch gegenüber den Energiequellen auf der Erde.  

Der Psalm befragt uns Menschen:

Wie leben wir Menschen denn unser Auserwählt-Sein von Gott als Schöpferinnen und Schöpfer? ..in unseren kreativen Möglichkeiten, die immer auch eine Gefahr bedeuten, Macht auszuüben.

Was geschieht, wenn die Zeit des eigenen Angewiesenseins ausgeblenden oder überspielen? Wenn wir diese Phasen negativ sehen, in denen wir „nichts leisten“ und eher angewiesen sind auf andere, könnten wir dazu kommen, nur einen Wert zu haben, wenn ich funktioniere und produktiv bin....

Und das kann Folgen haben, auch für die Gesundheit.

Als Seelsorgerin begegnen mir viele Menschen, die durch Krisen und Krankheiten sich gerade nicht stark fühlen. Sie können nicht mehr, was sie früher konnten und werden gepeinigt von Erinnerungen, was früher einmal war, noch ging oder auch was schief ging. Sehr oft verbinden sie den jetzigen Zustand der Schwäche und des Angewiesenseins auf Hilfe mit dem Gefühl

„Nicht-mehr-viel-wert“ zu sein. .. und verlieren an Selbstbewusstsein.....

Da könnte dieser Psalm Licht bringen. In einer Übersetzung dieses Psalm 8 fand ich die Überschrift: Die Herrlichkeit des Schöpfers und die Würde der Menschen: Die Aufgabe von Gott, die wir Menschen bekommen haben, liegt nicht nur im „Machen“ - viel mehr im „Sein“.

Diese Verse beschreiben die Menschen als Kinder, als Säuglinge, aus deren Mund Gott gelobt werden will. Damit wird einerseits gesagt, dass es um diese sehr jungen Menschen geht, die einfach da sind und noch nichts arbeiten können und sich gerade nicht „nützlich“ machen – aber die so gerade zum Lobe Gottes da sind... Und sie können genau so für die Menschen schon etwas Machtvolles haben und das Miteinander menschlich machen.. Kinder können Menschen positiv verändern: Sie bereiten Freude , können Herzen öffnen, lächeln oder die wichtigen Fragen stellen... die Welt verändern. Erich Kästner hat einmal sinngemäß gesagt, doch vom Kindsein etwas zu behalten „Erwachsen wird man nur als Kind“ - z.B. das Staunen zu behalten, die Unmittelbarkeit, das Begeistertsein-Können... Den anderen zu brauchen und gleichzeitig sehr frei zu sein..

Wünschen wir uns das für unser Leben, das aus dem diesem Psalm aufzunehmen:

Beides geht zusammen - Gleichermaßen unser Wert-Sein zu spüren, das Gemeintsein von Gott, ob wir nun klein sind in frühen Jahren oder auch klein sind in späteren Jahren, in einer Lebenskrise – oder aber in der Lebensblüte, in der wir die frühere Zeit nicht vergessen:

Immer den eigenen Selbstwert zu spüren und dabei in Gott zu sein...

AMEN

Die Psalmen: Psalm 121 (16.10.2016 von Pfarrerin Susanne Pieper)

Ein Lied für die Pilgerfahrt

Ich erhebe meine Augen zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt von Adonai her,
dem Schöpfer von Himmel und Erde.
Er lässt nicht zu, dass dein Fuß wankt,
dein Hüter schlummert nicht ein,
siehe, nicht schlummert ein und nicht schläft
der Hüter Israels.
Adonai ist dein Hüter,
Adonai ist dein Schatten über deiner rechten Hand.
Am Tag schlägt dich die Sonne nicht,
und nicht der Mond in der Nacht.
Adonai behüte dich vor allem Bösen,
er behüte deine Seele.
Adonai behüte dein Hinausgehen
und dein Hineinkommen - von nun an bis in Ewigkeit.

Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

ich bitte Sie, den ausgedruckten Psalm während der Predigt in Ihren Händen zu halten.

Sicher kennen Sie diesen Moment, kurz bevor man aufbricht in etwas ganz Neues, etwas Unbekanntes. Von Zuhause ausziehen. Umziehen in eine neue Stadt. Eine neue Arbeitsstelle antreten. Der Eintritt in den Ruhestand. Das sind große Aufbrüche. Oder es gibt auch kleine:

Jeder Weg morgens aus dem Haus ist schon ein Aufbruch, und manchmal auch ein Angang.

In solchen Situationen brauchen wir Stärkung! Sätze wie: Es wird gut werden. Ich werde es schaffen! Eine gute Vision gegen die Ängste und gegen die Zweifel. Die hilft uns, aufzubrechen und den Weg zu wagen.

Der Psalm 121 ist ein Gebet für solch einen Aufbruchsmoment. Generationen von Menschen haben sich diese Worte weitergesagt, haben sich damit für einen Neuanfang gestärkt. Dieses Gebet nun erzählt von einem besonderen Aufbruch: zurück nach Hause, nach dem Besuch des Tempels. Stellen Sie sich den alten Tempel in Jerusalem einen Moment lang vor: das hohe Gebäude steht imposant auf einem Berg. Sonne ist da. Wärme. Hohes Bergland drum herum. Ein Pilger steht am Tor dieses Gotteshauses. Hier war er angekommen, im Heiligtum Gottes. Dem Ziel seiner langen Pilgerreise. Doch nun geht der Weg zurück. Nach Hause. Über die Berge geht es. Sie sind monumental. Und sie flößen Respekt ein. „Werde ich hinüberkommen? Wird meine Kraft groß genug sein dafür? Schaffe ich es, mich den Gefahren zu stellen? Wilde Tiere, Räuber, unwegsames Gelände, abschüssige Pfade, Schluchten?“

Fragen, die ihm kommen. „Ich erhebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ Wenn man in den Bergen unterwegs ist, dann werden die Augen nach oben geleitet. Der Blick wird hoch gezogen: hoch zu den Bergzügen. Zur Silhouette des Gebirges, zur Grenze zwischen den Bergen und den Wolken. Himmel und Erde – da oben grenzen sie aneinander. Von den Bergen selbst kann keine Hilfe kommen, doch sie kommt von der Macht, die all diese großartigen, weiten Gebirgsformationen hervorgebracht und angestoßen hat: dem Erschaffer der Erde und des Kosmos. „Meine Hilfe kommt von Adonai, dem Herrn, dem Schöpfer von Himmel und Erde.“

In diesem Psalm ist es wichtig, dass Gottes Schöpferhandeln in der Form der Gegenwart beschrieben wird: Gott schafft fortwährend Himmel und Erde. Er ist ständig dabei, zu schaffen. (Hebr.: osseh) Würde er auch nur einen Augenblick ausfallen, so fiele unsere Erde in den Abgrund. Gott also erhält die Erde am Leben, er erneuert sie und er schützt sie. Seine Schöpfung ist nicht nur ein Ereignis der fernen Vergangenheit; sie geschieht genauso in der Gegenwart, permanent. Mit seiner Schöpfungskraft ist er noch immer dabei, das Chaos zu bekämpfen. Weil er die Welt erhält, darum kann er auch dem einzelnen Menschen in der Gegenwart eine Hilfe sein, wenn der mit den Bergen seines Lebens konfrontiert ist.

So ist Gott auch der Wächter und Hüter der Gegenwart: „Dein Hüter schlummert nicht ein, siehe, der Hüter Israels schläft nicht“, sagt der Priester am Tempeltor zum Pilger.

In der altorientalischen Götterwelt, in Mesopotamiens Vorstellung, da ist es anders: da haben die Götter das Recht auf einen ungestörten Schlaf. Da ist es göttlich, sich um nichts kümmern zu müssen, einfach schlafen zu können. Nachdem sie die Welt erschaffen haben, wenden sie sich von ihr ab, drehen sich zur anderen Seite und haben kein Interesse mehr an ihr. Doch Adonai, der Gott Israels, ist anders: er erhält Himmel und Erde. Auch nach dem ersten Schöpfungswerk kümmert er sich. Und lässt die Sonne an jedem Morgen neu aufgehen. Auf diesen „Hüter“ kann Israel sich verlassen, aber auch jeder Einzelne, jede Einzelne. Gott trägt Sorge dafür, dass Israels gefahrvoller Weg durch die Geschichte nicht scheitert. Er bleibt zugewandt.

Dies gilt für Tag und Nacht: immerzu. „Am Tag schlägt dich die Sonne nicht, und nicht der Mond in der Nacht.“ Du sollst geschützt sein am Tag: davor, dass die Sonne dich verbrennt, vor Kollaps und lebensgefährlicher Sonnenglut. Und du sollst geschützt sein des Nachts: vor den gefährlichen Kräften des Mondes. Dazu zählt die Mondsüchtigkeit, das Schlafwandeln im unbewussten Zustand. (Die zeitgenössischen Babylonier waren übrigens auch der Meinung, dass ein eigener Mondgott verantwortlich war für das Fieber und den Aussatz bei Menschen). Diese Worte meinen also: dass du bewahrt bleibst inmitten des Wechsels von Tag und Nacht; dass du Ruhe findest und Schlaf; dass du nicht herausfällst aus dem heilsamen Rhythmus von Schlafen und Wachen. Dass du in der Nacht die nötige Kraft findest für den nächsten Tag.

Liebe Gemeinde,

an einer Stelle dieses Psalms bin ich ins Stocken geraten: „Er lässt nicht zu, dass dein Fuß wankt“, heißt es da. Was aber, wenn es doch geschieht? Wenn ich stolpere, mich verletze, mir die Schulter breche oder den Fuß…? Das passiert ja einfach, solch ein Unglück. Aus vielen Gründen. Was dann? Dann komme ich ins Grübeln, Fragen: wie soll ich das verstehen? Wollte ich zu viel in zu kurzer Zeit? Brauchte ich eine Pause, um wieder zu mir selbst zu kommen? Will Gott mir gar etwas damit sagen? Habe ich einen Wink von ihm übersehen? Hat er nicht auf mich aufgepasst?

Diese Verse in Ps 121 haben eine überschießende Sprache. Ihre Aussagen sind nicht wörtlich, sondern metaphorisch zu verstehen. Sicher ist, dass der Psalm keine Grundversicherung gegen Krankheit ist. Und sicher ist auch, dass er von einem besonderen Gottesverständnis erfüllt und getragen ist: Gott ist der, der mir und dir Gutes will. In einem anderen Psalm heißt es: „Der Herr hält alle, die fallen. Und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind.“ D.h.: er ist und bleibt mit seiner Kraft da, auch wenn ein Mißgeschick oder ein Unglück geschehen ist. Er wendet sich nicht ab und schläft nicht. Er hilft mir, mich wieder aufzuraffen, aufzustehen, neue Kräfte zu finden und meinen Weg weiter zu gehen. Und wenn ich ihn im Rücken habe, dann gehe ich anders: innerlich aufrecht. Bekomme Selbstvertrauen. Und mein Vertrauen wird gestärkt.

Stellen wir uns ihn nun zum Schluss noch einmal vor: den Pilger am Ausgang des Tempels. Da steht er. Er hat sein Bündel geschnürt und die Sandalen an den Füßen. Reisefertig steht er an der Pforte. Da tritt der Priester zu ihm und gibt ihm seinen Reisesegen: „Adonai behüte deine Seele. Adonai behüte dein Hinausgehen und Hineinkommen - von nun an bis in Ewigkeit.“

„Er behüte deine Seele“ - das hebr. Wort Nefesch für Seele meint auch Kehle - ganz leiblich, ganz irdisch. Die Kehle ist das Organ, durch das alle Nahrung geht und fließt. Das Organ, durch das wir atmen, sprechen und singen. „Er behüte deine Kehle“, d.h. dann: er behüte und fördere dich in allen deinen Lebensbezügen; was durch dich hindurchgeht, was du von dir gibst an Gedanken und Worten.

Und „er behüte deine Seele“ - deinen inneren Menschen. „Er behüte dich in deiner Ganzheit, mit allem, was dich ausmacht.“ „Er behüte den Weg, den du hinausgehst, und er behüte dein Ankommen an deinem Ziel, bis in Ewigkeit.“  Das ist ein Segen für den ganzen Menschen, ein Segen für den ganzen Weg, ein Segen für alle vorstellbare Zeit.

Der Psalm 121 enthält eine Fülle, die man in einer Predigt nicht ausloten kann. Er ist ein großartiges Gebet des Vertrauens; er kann Kraft geben und Gelassenheit inmitten aller Unsicherheiten oder Ängste, die zu unserem Leben gehören. Dieser Psalm kann das Bewusstsein unseres Glaubens vertiefen.

Und vielleicht machen wir es so wie Dorothee Sölle, und kauen im besten Sinne weiter auf ihm herum: nehmen eine Zeile mit in die neue Woche, meditieren sie immer wieder einmal zwischendurch und lassen uns davon überraschen, wie sie uns verändert.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

am 18.9.2016 im Gospel-Gottesdienst von Pfarrer Rainer Böhm

Erntedankzeit:

In diesem Sommer habe ich Kartoffeln geerntet, nur so viele, wie wir gerade brauchten. Sie wuchsen in dem Garten, in dem wir ein paar Tage Urlaub machten. Man muss mit der Hand in der Erde Graben, manche Knolle liegt noch ganz tief. Danach duftet man nach Erde, in der man gewühlt hat und hat ganz frische Kartoffeln im Topf.

Hier in Bad Nauheim haben wir einen Mirabellenbaum im Garten. Letztes Jahr hatte er nur so etwa zehn Mirabellen; dieses Jahr vielleicht 15 kg. Mirabellen gehören zu meinen Lieblingsfrüchten.. Ich habe Marmelade und Likör von den Früchten gemacht.

„Herr, wie sind deine Werke so groß und viel.“

Süßmost, Süßer heißt der ja hier eigentlich, ist Heimat für mich. Und nie vergesse ich die Abende in einem kleinen südfranzösischen Hotel, als nach dem Essen der Besitzer und Koch in der Küche immer noch eine halbe Stunde lang Nüsse knackte …

Ich weiß auch, dass man Erschreckendes sagen könnte darüber, dass ausgerechnet in dieser Erntezeit Bayer den amerikanischen Saatguthersteller Monsanto für eine große Geldsumme gekauft hat: Ernte ist heute Politik und natürlich Geschäft... Und der Bauer auf seinem Traktor mit den riesigen Reifen sitzt zwei Meter über der Erde, von der wir leben.

„Du hast alles weise geordnet und die Erde ist voll deiner Güter!“

Ich denke an ein älteres Lied aus der Friedensbewegung,  … „Es ist genug für alle da“ … Das ist unsere Hoffnung, unser Traum: es reicht für alle.

Ernte im eigenen Leben

Wir selbst sind ein lebendiger Teil der Natur: Wir wachsen Jahr für Jahr, bis zum Ende hin, werden reich an Erfahrungen und Eindrücken. Die Eindrücke, die wir behalten und die uns prägen: Innere Bilder von Menschen und Landschaften, von Räumen und Dingen, natürlichen und hergestellten. Der Geschmack des Weines und der Küsse, der Mittelmeerküche und der Pflaumenknödel; das Geräusch des Regens und des Windes, das ganze Universum der Musik.

Wir sind wunderbar gemacht. „Und Gottes Augen sahen uns, als wir noch nicht bereitet waren.“

Dieses positive Menschenbild drückt Hermann Hesse auch in seinem Gedicht Stufen aus:

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.  

Und weiter:

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Ich bin oft unzufrieden mit mir selbst. Damit, wie ich bin. Unzulänglich so oft in meinen Augen. Wie ich mich verhalte. Was ich nicht gebacken kriege. Was ich vergesse oder auch versäume. Mannomann - wieder die Liste nicht abgearbeitet, aufgeräumt. Was weggeschafft.

Und auch äußerlich. Diese Unzufriedenheit darüber wie ich aussehe. Wie unbeweglich und unsportlich ich bin, Fehler hier und Fehler da. Aber Gott  sagt ja zu mir. Ich darf gnädiger mit mir sein und mich mit seinen Augen sehen.

Erntedank in meinem eigenen Leben: Dank für die Gemeinschaft, die ich erleben darf; danke dafür, dass ich so sein darf wie ich bin; danke auch dafür, dass ich anders sein darf, danke für Nähe und Liebe, für Düfte und Geschmack – danke für mein Leben.

15 Jahre Gospelchor

Erntedankzeit – Das gilt nicht nur für die Natur und für uns Menschen.

Ich denke an die Anfänge des Gospelchores. Eine Kantorei gab es irgendwie ja schon immer. Da war aber noch dieser nette kleine Jugendchor, der zu einer Art Gospelchor wurde. Es gab den Punkt, an dem Frank, kurz nachdem er zu uns gekommen war, sagte: also entweder lohnt sich das jetzt und es kommen mehr Leute – oder ich stelle die Arbeit mit diesem Chor ein. Wenn da immer nur 10 oder 12 kommen, lohnt es sich nicht. Und dann hast Du bei einer Probe gesagt: „Wenn das nächste Mal keine 20 Leute da sind, hör ich auf. Dann gibt’s keinen festen Chor.“ –

Am Anfang war also das Wort. - Und beim nächsten Mal waren 27 Leute da. Ein klares Wort – eine eindeutige Reaktion. 15 Jahre ‚For Heaven’s Sake‘.

Wir denken an alle Mitglieder des Chores, voller Dank für ihre Freude und ihr Engagement. Voller Bewunderung hast Du mir vor ein paar Tagen gesagt: „Die besuchen sich gegenseitig, wenn sie krank sind!“ Wir denken an die, die jetzt dazu gehören und an die, die heute nicht hier sein können. Wir denken an alle die jemals dabei waren in diesen 15 Jahren und die weiter gezogen sind. Das ist eine große Schar begeisterter Menschen. Begeistert für das Singen, für das Lob Gottes. Für seine Anbetung im Gesang.

Wir denken an die begeisterten Zuhörer in Gottesdiensten und Konzerten, hier und woanders. Ihr wirkt weit über unsere Gemeindegrenzen hinaus für Überall legt Ihr Zeugnis ab für die Frohe Botschaft von Jesus Christus.

Wir denken an die Wochenenden. An gelebtes Miteinander, Reich Gottes im Kleinen. Lebendiges Miteinander in Jesus Christus – Freude an seinem Wort.

AMEN

am 18.9.2016 von Pfarrer Rainer Böhm

Brief an die Gemeinde in Rom

9 Wenn du aber mit deinem Mund öffentlich erklärst, dass es Jesus ist, dem wir gehören, und mit deinem Herzen vertraust, dass Gott ihn von den Toten geweckt hat, dann wirst du gerettet. 10 Vertrauen, das aus dem Herzen kommt, führt zur Gerechtigkeit. Sich mit dem Mund öffentlich zu erklären, führt zur Rettung. 11 Denn die Schrift spricht: Wer auf Gott vertraut, wird nicht scheitern.

12 Deshalb gibt es keinen Unterschied zwischen jüdischen und griechischen Menschen, denn die Lebendige ist Gott aller Menschen. Alle, die zu ihr rufen, haben Teil an ihrem Reichtum: 13 Denn alle, die den Namen der Lebendigen anrufen, werden gerettet. 14 Wie kann das geschehen? Sie können doch nur zu ihr rufen, wenn sie ihr vertrauen. Vertrauen entwickeln können sie aber nur dann, wenn sie von ihr gehört haben. Von ihr hören können sie aber nur dann, wenn es Menschen gibt, die die Botschaft über sie verkünden. 15 Verkündet werden kann sie aber nur, wenn es Menschen gibt, die dazu ausgesandt werden. So ist es geschrieben: Willkommen sind die Füße derer, die gute Nachrichten bringen. 16 Aber nicht alle haben die Freudenbotschaft angenommen. Schon Jesaja spricht: Lebendige, wer findet Vertrauen in das, was wir verkündet haben? 17 Folglich erwächst Vertrauen aus dem Hören auf die Verkündigung; das Wort des Messias begründet, dass Menschen auf die Verkündigung hören.

Liebe Gemeinde,

Hebt euch eure Grundsätze für die wenigen Augenblicke im Leben auf, in denen es auf Grundsätze ankommt. Für das meiste genügt ein wenig Barmherzigkeit.“ Der Satz, der Albert Camus zugeschrieben wird, ist ein freundlicher Satz. Ich stimme ihm gern zu – im Alltag. Für das allermeiste im Leben genügt ein bisschen Barmherzigkeit: Mir selbst gegenüber und anderen gegenüber.

Aber auch die Grundsätze sind wichtig – in manchen Momenten.

In seinem Brief an die Gemeinde in Rom legt Paulus einige seiner Grundsätze dar. Er erklärt der Gemeinde, die ihn nicht persönlich kennt, die ihm aber wichtig ist, was aus seiner Sicht zentral ist im Leben als Christ und als christliche Gemeinde. Die Rechtfertigungslehre, das „Gerechtwerden aus Gnade im Glauben“ hat Martin Luther in diesem Brief entdeckt. Und auch in den Versen, die uns heute als Epistel und Predigtwort gegeben sind, spielen Vertrauen und Glauben eine wichtige Rolle – und ebenso das Bekenntnis zu den Grundsätzen, die Bereitschaft, „sich öffentlich zu erklären“.

Wir hören das Predigtwort nach der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache (Röm 10, 9-17).

Glauben und Bekennen – das genügt. Das klingt einfach – und sehr fremd. Öffentlich erklären, dass und woran ich glaube – das gehört nicht zu meinem Alltag. Und trotzdem ist das Vertrauen in Gott Teil meines Lebens. Woher kommt der Glaube, das Vertrauen, dass wir zu Gott und zu Jesus, dem Christus, gehören? Wie kann dieser Glaube geweckt werden und wachsen?

Vorsichtig hält der junge Vater das Kind auf seinem Arm. Summt leise. Gerade hat seine Tochter getrunken. Aufgestoßen. Geschmatzt. Behutsam streichelt er den Rücken. Das kleine Wesen schläft jetzt und atmet ruhig. Mehr passiert nicht. Nach einiger Zeit blinzeln die kleinen Augen. Als sie sich öffnen, schauen sie in ein freundliches, zugewandtes Gesicht. Das Kind lächelt und er lächelt zurück. Leise, strahlend.

Diese Minuten, diese Sekunden, diese halben Stunden sind es, auf die unser Vertrauen ins Leben, in die Lebendige aufbaut. Jeder Mensch, jede Frau, jeder Mann lebt davon, dass er, dass sie so gehalten, so geliebt, so angesehen wurde als Säugling, als Kind, als Jugendliche – und auch heute noch.

Wie schön, wie wichtig ist es, wenn eine dem andern sagt: Du bist wunderschön für mich. Ich sehe dich mit Freude an... Wie schön, dass Du da bist...

Wie schön ist es, wenn es klingelt und ein unverhofftes Päckchen abgegeben wird: Jemand hat an mich gedacht, mir einen Gruß geschickt, ich packe einen Schal aus und die Liebe für mich, die damit verbunden ist…

Dieses Gesehenwerden, Umsorgtwerden, Geliebtwerden als Kind und auch als Erwachsene weckt das Vertrauen: Ja, ich bin gewollt. Ja, ich bin geliebt. Ja, ich darf sein, die ich bin und werden, die ich werden kann... Ich bin geliebt und Teil einer Gemeinschaft. Ich bin getragen und gehalten und lebe daraus …

Aus diesem Erleben wächst Glauben, Vertrauen in mich selbst, mein Sein und auch in die Menschen und die liebende Wirklichkeit, die mich hält und trägt, in Gott, in die Ewige.

Wer waren die Menschen, die Ihnen den Glauben verkündigt haben?

Am Anfang sind es allermeist Eltern, die „verkündigen“: Mit dem, was sie tun und wie sie es tun: Lieben, sorgen, nähren. Sie sind wichtig. Und natürlich kommen sie auch an ihre Grenzen: Ungeduld, Eigensinn, fehlende Kraft…

Denn: Nie ist es genug. – Auch das ist eine Erfahrung, die unser Menschsein begleitet.

Und nicht jede, nicht jeder erlebt diese Geborgenheit. Nicht in jedem Leben darf das Grundvertrauen von klein an wachsen.

In jedem Menschen lebt aber die Sehnsucht nach dem Vertrauen, das aus dem Geliebt- und Versorgtwerden wächst. Und für manche wird die Sehnsucht nach diesem Vertrauen zum Segel, in das der Wind des Lebens bläst. Mal mehr, mal weniger stark spüren wir die Sehnsucht nach Liebe und Bestätigung durchs Leben hindurch.

Es ist wichtig, das zu entdecken: Ein Mensch und auch mehrere Menschen sind nicht in der Lage, diese tiefe Sehnsucht letztlich zu stillen. Das überfordert jede und jeden. Und selbst wenn jemand reichlich Vertrauen „getankt“ hat. Die Sicherheit, die Menschen geben, auch die Selbstsicherheit kommt an ihre Grenzen.

Zwei Begegnungen kommen mir in Erinnerung:

Weinend steht er da – durch die Prüfung gefallen. Das gibt’s doch nicht. Er weiß, dass seine Eltern ihm daraus wahrscheinlich keinen Strick drehen werden – und trotzdem: Wie steht er da? Was denken seine Freunde? Wie blöd ist das nur…

Der Krankenhausgeruch steckt fest in der Nase. Die Diagnose gellt in den Ohren. Das kann doch nicht sein. Mit 45 Jahren? Wie soll das werden? Wie kann ich das den Kindern sagen?

Wenn das Vertrauen erschüttert wird, finden Zorn und Zweifel Raum. Das ist so, darf und muss auch so sein. Und zugleich ist auch in diesen Momenten das „Verkündigen“ wichtig, der Hinweis: Was kein Mensch kann – bei Gott ist es möglich – und in dem Menschen Jesus hat er das gezeigt. „Geweckt“ – auferweckt, den Tod überwunden.... Worte, die etwas ausdrücken wollen, was nicht zu fassen ist. Die Liebe Gottes ist stärker als der Tod. Der Glaube lebt aus diesem Vertrauen.

Wer hat das Vertrauen in den barmherzigen und sich zuwendenden Gott für Sie hörbar und spürbar gemacht?

Eine Pfarrerin? Ein Jungscharleiter? Eine Großmutter? Ein Freund aus der Jungen Gemeinde? Frauen und Männern, Jungen und Alten vertraut Gott seine gute Nachricht an: Du bist geliebt von Gott, mit allem, was zu Dir gehört und mehr als je ein Mensch es könnte. Wenn Du es zulässt, dann durchdringt und verwandelt Dich Gottes Geistkraft. Denn: Gott braucht Dich, auf Deine ganz eigene und besondere Weise. Als eine Frau, einen Mann, die die frohe Botschaft glauben und verkünden mit Herz und Mund, mit Hand und Fuß.

Könnte das auch Ihre Aufgabe sein: Öffentlich bekennen? Anderen davon zu erzählen, was Sie glauben, worauf Sie vertrauen?

Paulus formuliert:

Sich mit dem Mund öffentlich zu erklären, führt zur Rettung. 11 Denn die Schrift spricht: Wer auf Gott vertraut, wird nicht scheitern. (Röm 10, 9-10 BIGS)

Der junge Mann nach der missglückten Prüfung biegt auf dem Weg nach Hause in eine offene Kirche ab. Grade will er niemand sehen und hören. Er hockt sich ein Bank und die Tränen fließen noch einmal. Als er irgendwann den Kopf hebt und das Altarbild vor sich anschaut, kommt ihm, trotz allem, ein Lachen: „Du bist mein geliebter Sohn“, steht da auf dem Spruchband, das vom offenen Himmel herabwedelt…

Und wenn nichts mehr zu lachen gibt wie bei der Frau mit der schlimmen Diagnose (,wie bei der kanaanäischen Frau aus dem Evangelium)?

Wenn mir die Worte im Hals stecken bleiben und fehlen, dann weiß ich, dass trotzdem gebetet wird um Gott zu bewegen. Trotz allem.

Wenn wir gemeinsam das Vaterunser/ Glaubensbekenntnis sprechen, dann leuchtet in den alten Worten dieses trotzige Vertrauen auf. Sie beschreiben einen Raum des gemeinsamen Betens/ Glaubens durch Raum und Zeit. Nicht mit allem bin ich immer einverstanden. Nicht alles ist mir zu allen Zeiten gleich vertraut und sicher. Meine ganz eigenen Worte wären andere – und Ihre wahrscheinlich auch. Aber wir stellen uns mit dem gemeinsamen Gebet/ Bekenntnis unseres Glaubens zusammen und feiern Gottesdienst - im Vertrauen auf den Gott, den keine Worte fassen können und der sich doch sichtbar gemacht hat, in dem Menschen Jesus.

Amen.

am 28.8.2016 von Pfarrer Dr. Ulrich Becke

Im Wasser und mit dem Wasser geht es los: die NASA sucht Spuren von H2O auf fremden Planeten, ohne Wasser kein Leben.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Die Erde war noch leer und öde,
Dunkel bedeckte sie und wogendes Wasser,
und über den Fluten schwebte Gottes Geist.

So sagt die Bibel – und auch hier: ohne Wasser geht es nicht, am Anfang das Wasser.

Am Anfang das Wasser. Auch ein gutes Motto für Taufen, wie wir sie heute im Gottesdienst feiern. Die Kindertaufe ist bei uns das Übliche geworden, der alte Taufstein dort drüben zeigt uns, dass ganz früher auch noch Erwachsene getauft wurden.

Eine Sage erzählt vom Anfang im Wasser:

Gold ruht auf dem Grunde des Rheins von Anfang an, ein Teil der Schöpfung, funkelnd und schön, bewacht von drei Nixen, Mischwesen, Töchtern des Rheins, bewacht vor Neid und Habgier der Menschen. Im Licht der Sonne funkelt das Rheingold wunderschön in der Riefe des Flusses. Da kommt aus einer anderen Welt ein hässlicher Zwerg. Er beginnt mit den Nixen zu flirten, sie provozieren ihn, necken ihn, ohne ihn irgendwie ernst zu nehmen. Allerdings verplappern sie sich und erzählen dem Zwerg ein Geheimnis: wer das Gold im Fluss an sich reißt und dann ein Leben lang auf Liebe verzichtet, der kann sich daraus einen Ring schmieden, mit dem er die Welt beherrscht.

(Da klingelt es bei Kinobesuchern und Lesebegeisterten:

Ein Ring sie zu knechten,
sie alle zu finden,
ins Dunkel zu treiben
und ewig zu binden.)

Der abgewiesene Zwerg, frustriert wegen der Erfolglosigkeit seiner Anmache, sieht in diesem Moment das glitzernde Strahlen des Goldes in der Tiefe. Er verflucht die Liebe, rafft das Gold an sich und flieht.

Hier sollten wir innehalten: Gold oder Liebe – das scheint oft die Alternative im Leben zu sein.

Und: alles beginnt im Wasser – so auch 16 Stunden Operngeschichte, der „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner – gerade haben wir einen Teil von dessen Vorabend, dem „Rheingold“, in Kurzfassung gehört.

Gold oder Liebe: dass der blinde Wille zur Macht Menschen und andere Kreaturen bösartig macht, zeigt auch der schon erwähnte Roman von Tolkien, Der Herr der Ringe, im Kino nicht ganz 10 Stunden… Wagners Ring des Nibelungen, etwa 16 Stunden, vier davon, die letzten, die „Götterdämmerung“ habe ich vorletzte Woche in Bayreuth erlebt.

Liebe Taufeltern, auch die Entscheidung für ein oder mehrere Kinder folgt der Alternative: Gold oder Liebe.

Wer hat, will noch mehr haben, wer hat, neidet jedem anderen das, was der hat, ist nur  noch darauf aus, ihm das zu nehmen. Anschaulich wird das im Herrn der Ringe geschildert, aber auch schon in Richard Wagners Ring des Nibelungen. Dass der Wille zum Gold, zur Macht die Natur, die Schöpfung zerstört, auch das zeigt Wagners Ring des Nibelungen: der Gott Wotan beschädigt den Ur-Baum, die Weltesche, um sich einen Speer daraus zu machen: eine Waffe, die der friedlichen Urordnung entgegensteht.

Er schreibt seine eigenen Gesetze darauf in Runen, und nun gelten die Urgesetze der Schöpfung auf einmal nicht mehr. Wotan wird an seiner eigenen Gesetzgebung scheitern, die keinen Menschen besser gemacht hat, und abdanken. Am Ende der Handlung wird der Ring, wird das Gold dem Wasser, dem Ursprung zurückgegeben, die Schuld ist gesühnt, die Einheit der Schöpfung wiederhergestellt, ein Neuanfang ist möglich.

Im Wasser und mit dem Wasser geht es los – auch in unserer Stadt in Bad Nauheim. Quellendank feiern wir heute. Dank an Gott, der uns die Quellen unseres Lebens schenkt: H2O – eine gesunde Umwelt – Liebe und Fürsorge der Mitmenschen.

Die Zeichen seiner Liebe sind das Abendmahl und die Taufe.

Auf Gottes Geheiß aus der Tiefe geboren, der Lebenden Leiden zu lindern erkoren… Dank gebührt Otto Wissig für seinen Vers, dafür, dass er die Idee hatte, diese Kirche, unsere Dankeskirche vor über 100 Jahren zu erbauen.

Nicht nur ein Fenster in der Sakristei zeugt von ihm, durch das er patriarchalisch-entrüstet schaute, wenn es vor Beginn des Gottesdienstes in der Dankeskirche zu laut wurde – dann verstummten alle sofort, so wird es jedenfalls erzählt…

Auf die Quellen verweist dieser Tag. Was sind die Quellen unseres Lebens? Wer hat uns gesegnet? Wer hat uns geprägt? Wer begleitet uns in der Art, wie wir leben?

Tag der Taufe unserer Kinder: Anlass genug, darüber, jede und jeder für sich, nachzudenken:

Was sind die Wurzeln unserer einzelnen Existenz?

Aus welchen Quellen speist sich unser Leben?

Wo erfahren wir Bedrohung und Verschmutzung unserer Quellen?

Wie gehen wir dagegen an?

Tauftexte sind da Leuchtfeuer, die uns Wege aufzeigen und Fragen beantworten.                                                                                                         

Gott helfe uns dabei. Amen

am 10.7.2016 von Pfarrer Rainer Böhm

Apg 2, 41-47

41Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen.42Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. 43Es kam aber Furcht über alle Seelen und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. 44Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. 45Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. 46Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen 47und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

Liebe Gemeinde,

so war es also früher, am Anfang.  Lukas wollte davon erzählen. Damit man in den späteren Zeiten ermessen kann, was gewesen ist. Und ahnt, worauf alles hinaus läuft.

Die Erzählungen von früher neigen zur Übertreibung Einem Großvater gleich, der irgendwo anfängt zu erzählen und sich nicht damit genug tun kann, hinzuzufügen und auszuschmücken. Aber: Lukas ist kein Großvater, er will einfach sagen, wie es war. Der Reihe nach. Und auch nicht nach dem Motto: früher war alles besser. Nein, er erzählt einfach. Von dem, der die Menschen zusammen bringt. Und was sie darauf hin tun. Zum Beispiel in ihren Häusern das Brot brechen. So wie früher.

Von früher würde  ich auch gerne erzählen. Wie es in meinem Heimatort auf der Langestraße den Bäcker Roth gegeben hat, den wir in der ersten  Klasse besucht haben. Und wie der den Teig noch mit der Hand formte für die Brötchen und wie es da roch in der alten Bäckerei und wie die Krüstchen und Mohrenköpfe schmeckten.

Früher: in Chile – das sagt ein Flüchtlingsjunge in einem Gedicht von Dorothee Sölle. „Bei uns in Chile sind die Weihnachtsbäume viel größer … und alle kriegen was, verstehst du, keiner kriegt nix, verstehst du – gar keiner.“

In der Pfingstgeschichte können sich  Menschen öffnen, die zuvor verschlossen waren. Offene Türen, offene Worte, offene Ohren. „Und sie wurden alle erfüllt vom Heiligen Geist..“ Bei den ersten christlichen Gemeinden führt die Offenheit für Gottes Geist auch zu einer offenen Hand. Von der Urgemeinde des Petrus und des Bruders Jesu wird eine Offenheit berichtet, die sehr weit gegangen ist: sie teilten alles miteinander. In der Fachliteratur wird es ’Liebeskommunismus‘ genannt.

Das Wort Ich kommt in unserem Abschnitt nicht vor. Die Vorstellung, man müsste für sich selbst sorgen, fehlt. Stattdessen Sätze wie „Sie waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam“. Oder: „Sie teilten aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte“. Es war genug für alle da.

Eine solche Gemeinde ist eine Solidargemeinschaft. Sie ist Kirche für Andere und nicht für sich selbst. Sie öffnet ihre Türen, und es kommen Bedürftige an Leib und Seele: Hier in den Kirchenraum, aber auch in unsere Gruppen und Kreise. Menschen, die einen Riss in ihrem Leben erfahren haben, eine Beschädigung. Und wer gehörte nicht dazu? Kirche begleitet bei den Übergängen des Lebens. Sie fragt nicht nur nach den Nächsten, sondern auch nach den Übernächsten: in unseren Partnerkirchen in Frankreich und Indien, bei den Flüchtlingen in unserer Stadt, bei den Bedürftigen, die aus den sozialen Netzen heraus gefallen sind und am Bahnhof betreut werden.

Eine solche Gemeinde ist zweitens eine Lerngemeinschaft. Sie fragt sich, was Christsein heute bedeutet. Sie ist gleichsam im Gespräch mit der Bibel, nicht nur in unseren Gottesdiensten. Auch wenn wir nicht auf alle Fragen gleich eine Antwort finden – wir wollen miteinander nach Lösungen suchen, gemeinsam.

Drittens ist Kirche für uns Mahlgemeinschaft. Bei uns in der evangelischen Kirche in beiderlei Gestalt, seit der Reformation. Und im großen Kreis um den Altar, auch als Zeichen dafür, dass wir alle gleich weit von Gott entfernt sind. Bzw. gleich nah bei ihm, unabhängig von Amt und Geschlecht. .

Und schließlich ist christliche Kirche eine Gemeinschaft des Gebetes. Aus Indien und den USA kenne ich es, dass die Gemeinde in der Fürbitte auch eigene Anliegen nennt, bevorstehende Operationen, überstandene Krankheiten, Freude und Leid.. Und so werden auch Gäste vorgestellt oder Neuzugezogene, die zum ersten Mal dabei sind. Auch die Musik ist wie ein Gebet, die Lieder der Kantorei. Und jede Kerze hier vorne am Kerzenbaum ist ein Gebetswunsch an Gott.

Die christliche Gemeinschaft kann nicht Gemeinde sein, ohne auf Gottes Wort zu hören; sie kann nicht  das Abendmahl feiern, ohne auch im Alltag die Güter des Lebens zu teilen; sie kann nicht ihren Kirchturm reparieren, ohne über ihn hinaus zu schauen und für andere da zu sein; sie kann nicht christlich und diakonisch handeln, ohne sich im Gebet zu vergewissern.

Aus heutiger Sicht vielleicht eine Utopie. In einer schönen Kirche und einer reichen Stadt ist das nicht so leicht darzustellen. Gütergemeinschaft? Wo gibt es das denn – in deiner Wohngemeinschaft aus den 70er Jahren vielleicht. Oder in einem Orden, wo die Mitglieder keinen Privatbesitz haben. In einem Kibbuz in Israel oder einer Basisgemeinde in Südamerika. Kleine Inseln im Meer des Kapitalismus.

Die Theologin, die das für mich verkörpert, ist Dorothee Sölle. Für manche ein rotes Tuch, Feministin, Sozialistin, Christin – lauter Etiketten. Ich habe sie in Kalifornien kennen gelernt. Sie kam mit dem Bus aus Los Angeles. Als sie ausstieg war  ich überrascht, wie klein sie war. In Deutschland hat sie keine Professur bekommen. In New York hatte sie eine Gastprofessur. Viele protestantische Gemeinden nahmen in diesen Jahren illegale Flüchtlinge auf, um sie vor der Abschiebung zu schützen. Sie stellten sich also gegen ihren eigenen Staat, der in Mittelamerika einen ungerechten Krieg unterstützte. Sölle vertrat diese Option für die Armen, weil Jesus auf der Seite der Armen stand. Sie war oft in den Basisgemeinden Lateinamerikas.

Ich fuhr sie ein paar Tage mit dem kleinen Auto unserer Vermieterin durch die Gegend um San Francisco. In einer Gemeinde in Berkeley hielt sie einen Vortrag: zum Thema Aktion und Kontemplation, Beten und Handeln. Als wir zu der Kirche in Berkeley kamen, wo sie ihren Vortrag hielt, war ich überrascht, wie voll sie war und wie viele Menschen sie persönlich dort begrüßte. „und alle kriegen was, verstehst du, keiner kriegt nix, verstehst du – gar keiner.“

Die Gemeinde als Solidargemeinschaft. Die Spanne zwischen arm und reich wird immer größer. Wir erleben, dass die Mittelschicht  schrumpft -  an der Entwicklung der Immobilienpreise. Das untere Drittel der Gesellschaft gehört schon gar nicht mehr dazu. Bei der Integration der Geflüchteten sind wir als Gemeinde genau so gefordert wie die Urgemeinde in Jerusalem vor 2000 Jahren. Dabei erleben wir, wie Populisten Angst schüren und ganze Gruppen auszuschließen versuchen.

Das Leitbild aus dem Predigttext sagt etwas anderes: Wir werden das Leben miteinander teilen. Die Tür öffnen und den Wein, die Herzen und das Portemonnaie. Wir werden uns weiter einsetzen für diejenigen, die am Rand stehen. Werden weiterhin versuchen, Not zu lindern.

Und früher? Damals in Jerusalem hat sich ein Konflikt zwischen den jüdischen und den griechischen Mitgliedern aufgebaut. Es ging um die Sprache, die Lebensweise, die Ausdrucksformen, das Anderssein. Zur Geschichte der ganz frühen Christenheit gehören die Fremden, die Meinungsunterschiede, das unterschiedliche Einkommen und Vermögen. Aber auch die Bereitschaft, den Konflikt zu lösen. die Anstrengung, sich nicht zu verlieren. Es galt das Konsensprinzip: man hat so lange verhandelt und miteinander geredet, bis alle einer Lösung zustimmen konnten.

Früher, so wird man einmal erzählen, hat England zur europäischen Gemeinschaft gehört. Aber Einheit lässt sich nicht verordnen, lässt sich nicht von oben organisieren.

Sie will gelebt werden. Was verbindet uns, muss man fragen, mit einem Interesse, das nicht nachlässt, nach jener Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu fragen, die in dem Erzählen von früher anklingt wie Glocken, die den Sonntag einläuten: „Es war keiner unter ihnen, der Mangel hatte, sie brachten das Geld, legten es zu der Apostel Füße, und man gab einem jeglichen, je nachdem er in Not war“ (Act. 4,34f).

Amen.

zu den Jubelkonfirmationen am 22.5.2016 von Pfarrer Rainer Böhm

Liebe Jubelkonfirmandinnen, liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde,

heute ist ein richtiger Weißt-du-noch-Tag. Ich bin sicher, viele von den Gesprächen, die Sie heute führen, werden mit diesem Satz beginnen: Weißt du noch? Du hast Zöpfe getragen. Weißt du noch – die vielen Lieder, die wir haben auswendig lernen müssen? Weißt du noch – unsere Freizeit auf der Burg Hohensolms. Und das Nachtgespenst. Und wie wir dort Kartoffeln geschält haben. Und Fußball gespielt mit Pfarrer Schnabel.

Weißt du noch – mit diesen Worten werden heute viele Erinnerungen wach. Erinnerungen an den Konfirmandenunterricht: Streng ging es zu. Lernen und nochmals Lernen wurde gefordert, der kleine Katechismus, Psalmen, Lieder in großer Zahl, und wer die Fragen nicht flüssig beantworten konnte, stand betröpfelt da. .

Jeden Sonntag musste man den Gottesdienst besuchen.. Mancher verlor da die Lust. Aber im Hintergrund waren auch die Eltern, die sehr darauf achteten, dass man sich ordentlich benahm und der Familie keine Schande machte. Und natürlich war da auch die Vorfreude auf die Geschenke, das neue Kleid, der erste Anzug mit weißem Hemd und schwarzer Fliege.. Dann kam die Konfirmandenprüfung – aufregend war das, wusste doch keiner, was und wann er gefragt werden würde. Und manchmal ist es auch schief gegangen – aber durchgefallen ist trotzdem niemand …

Und als das geschafft war, kam er endlich: der Tag der Konfirmation. Die Prozession von der Wilhelmkirche zur Dankeskirche durch unsere Stadt. Zu Hause gab es viel vorzubereiten: Kuchen wurden gebacken, das Festmenü geplant. Es war immer etwas Besonderes, auch wenn die Zeiten schwerer waren. Und manche fehlten an der Festtafel, weil sie aus dem Krieg nicht heimgekehrt waren. Anfang und Mitte der sechziger Jahre haben Sie miterlebt, was man heute als Wirtschaftswunder bezeichnet, und haben vielleicht hier in Bad Nauheim Elvis Presley gesehen und später die Beatles gehört.

Die Geschenke blieben über die Jahre hinweg ähnlich: Die Mädchen bekamen Sammeltassen und etwas für die Aussteuer, die Jungs die erste eigene Uhr. Und Taschentücher. Und wie Sie da so saßen als Mädchen im Konfirmationskleid, als Junge im Anzug, da haben Sie bemerkt: Es ist ja wirklich anders. Die Erwachsenen betrachten mich jetzt mit anderen Augen.

Heute schauen wir zurück. Und Sie werden heute an viele Menschen, Orte, Erfahrungen denken, die Ihre Lebensjahrzehnte geprägt haben. In der Feier der Jubelkonfirmation ist die Dankbarkeit ein Leitmotiv. Dankbar können wir zurückblicken, weil wir erkennen, dass das, was uns bei der Konfirmation zugesagt wurde, die Begleitung Gottes, auf vielen Wegstrecken unseres Lebens erfahrbar geworden ist. Gott war da, in dieser ganzen Zeit. Dankbar kann man heute sein für viel Bewahrung, für Schutz, für Gutes, das geschenkt wurde.

Wir haben als Lesung eine Geschichte gehört, in der es auch um Dankbarkeit geht. Jesus heilt zehn Aussätzige; Menschen, die aufgrund ihrer Krankheit völlig am Rande stehen und von allen gemieden werden. Doch nach dieser Heilung kehrt nur einer zu Jesus zurück und dankt Jesus, und das ist auch noch ausgerechnet Samariter, einer, um den man in Israel einen Bogen macht. Ein Fremder.

Wir alle haben heute Grund, dankbar zu sein. Wir sind hier. Wir haben viel Gutes in unserem Leben erfahren. Aber manchmal ist es so wie in der Geschichte: Die Dankbarkeit macht nur einen Teil aus. Aber es gibt da noch einen anderen Teil; dieser Teil bleibt stumm und findet nicht zur Dankbarkeit. Ich bin sicher, manche von Ihnen werden das verstehen. Eigentlich müsste ich dankbar sein. Aber ich finde noch so viel anderes in mir: Klage oder Stummheit oder Bedauern oder auch Trauer.

Mitten im Glück der anderen kann man sich allein und verlassen fühlen.. Der Ehepartner schon lange tot. Die Gesundheit lässt Reisen nicht mehr zu. Und Bilder von Enkelkindern lassen sich vielleicht auch nicht vorweisen.

Vielleicht haben Sie auch schon so gedacht. Vielleicht haben Sie auch schon zu den neun gehört, die nicht dankbar sein konnten.

Vielleicht denken Sie: Ich habe Angst vor der Zukunft. Ich spüre, wie meine Gesundheit nachlässt, und das macht mir Angst.

Vielleicht denken Sie: Mit fehlen so viele Menschen, die mir im Laufe meines Lebens verlorengegangen sind oder ein ganz bestimmter Mensch, den ich heute so gern an meiner Seite hätte. Sie werden traurig, wenn Sie an Ihre Jugend denken, die so verflogen ist. Sie blicken zurück auf Ihr Leben und denken: Was ich manches ist mir nicht geglückt.

Es gibt viele Gründe dafür, dass einem der Dank nicht recht gelingen mag: Ich denke das betrifft uns auch alle.

Aber ich glaube, wir sind alle auch wie der zehnte: der heute aus vollem Herzen »danke« sagen kann, danke für das viele Gute und Schöne in meinem Leben, für das Geglückte, für mein Leben mit seinen Irrtümern und Umwegen, mit seiner Schwere und seiner Freude. Gott segne Sie in Ihrer Freude.

Jesus sagt nicht: Warum sind die neun so undankbar? Er sagt: Wo sind die anderen neun? Warum sind sie nicht hier, mit ihrer Klage und ihrer Einsamkeit, mit ihrer Angst und ihrer Trauer? Und das heißt: Zu Jesus können wir nicht nur kommen, wenn unser Herz voller Dankbarkeit und Lob ist. Zu Jesus können wir gerade dann kommen, wenn wir stumm, voller Klage oder voller Unsicherheit sind. Und gerade das wird ein Lob Gottes sein, wenn wir unser Herz öffnen und ihm zeigen: So sieht es in mir aus, mach etwas daraus, mach etwas aus mir.

Und darum ist es gut, dass wir uns heute vor Gottes Angesicht versammeln und kommen, so wie wir sind. Wenn wir uns so zeigen können: als Menschen voller Dankbarkeit und Glück, als Menschen, die ihre Schatten und Nöte mitbringen, als Menschen voller Hoffnung oder Menschen voller Angst, als Menschen mit einer geglückten Geschichte oder einem Leben voller Umwege.

Bei ihm sind wir willkommen, so wie wir sind. Wenn wir unser Herz und unser Leben Christus öffnen, dem Auferstandenen, so dass das heilende Osterlicht auch auf uns fällt, dann gilt uns auch das, was Jesus dem einen sagt, der danken konnte: Steh auf und geh in Frieden, dein Glaube hat dich gerettet.

Amen

zur Konfirmation am 8.5.2016 von Pfarrerin Susanne Pieper

Die Liebe Gottes, die Gnade unsres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Konfirmandinnen und liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,

das war ein intensives Jahr, das hinter euch und hinter uns allen liegt - dieses Konfijahr: ihr habt neue Leute kennengelernt, in eurer Gruppe und in eurem großen Jahrgang. Ihr habt Vieles erlebt in diesen letzten 11 Monaten: seid am Felsen geklettert oder probeweise im Rollstuhl durch Bad Nauheim gefahren, ihr habt in Frankfurt die Welt der blinden Menschen entdeckt, habt weihnachtliche Tüten für geflohene Menschen gebastelt oder habt Himmelskisten auf der Freizeit gebaut. Und ihr alle seid im März durch die Straßen unserer Stadt gezogen und habt die Menschen an ihren Haustüren um eine Spende für die Diakonie gebeten.

Und weil es schon zum Ritual meiner Konfipredigten gehört, meinen Konfis die Gesamtsumme der Sammlung weiterzusagen, darum tue ich es auch heute: euer Jahrgang hat insgesamt 1.156,35 Euro zusammengebracht, und eure Gruppe hat dazu entscheidend beigetragen! Ich sage das nicht, weil das Geld mir so wichtig wäre, sondern weil ich euch heute für euren Einsatz danken möchte, besonders im Namen des Diakonischen Werkes. Mit diesem Geld kann es eine qualifizierte Arbeit mit psychisch kranken Menschen in Bad Nauheim leisten. Ihr habt damit praktische Nächstenliebe geübt; ihr habt da etwas Großartiges geleistet!

Auf meine Bitte hin habt ihr mir in der vorletzten Stunde ein Feedback dieses Konfijahres geschrieben. Die Einen ausführlicher. Die Anderen kürzer. Ich habe mich darüber gefreut, denn der Tenor war, dass euch dieses Jahr gut gefallen hat. Die Kritikpunkte, die ihr mir genannt habt, werde ich bedenken und Einiges im nächsten Jahr sicher verändern. Ein Punkt aber, der jemandem, von euch nicht behagt hat, der ist für mich wirklich bemerkenswert. Da stand tatsächlich geschrieben: „Was mir nicht gefallen hat, das war der Laufweg zur Kirche.“ Als ich das las, dachte ich: nun gut, eine so große Leidenszeit kann das letzte Jahr für euch nicht gewesen sein…

Eine jede von euch, ein jeder von euch erinnert sich an etwas Anderes aus dem letzten Jahr. Für jede und jeden bleibt etwas Anderes im Gedächtnis. Vielleicht ist es eine Begegnung oder ein Bild, das ihr vor Augen habt. Vielleicht ist es euer Konfispruch, den ihr euch selbst ausgewählt habt, oder ein Gedanke. Oder einer der Merksätze, die ihr notiert habt.(Das ist übrigens mein großer Wunsch an euch, dass ihr dieses Blatt in eurer Konfimappe ab und zu aufschlagt und es lest. Denn diese Sätze sind wie ein Konzentrat, wie eine Vitamintablette fürs Leben.) An einen dieser Gedanken will ich heute noch einmal anknüpfen. Zum Thema der Taufe heißt es da: „Gott hat mich gewollt. Ich bin sein geliebter Sohn. Ich bin seine geliebte Tochter.“

„Du bist geliebt.“ Das ist das Zentrum des Glaubens für mich, das Zentrum des Evangeliums, der guten Botschaft. „Du bist geliebt“ - egal, was du manchmal von dir selbst denkst, egal, wie du dich selbst einschätzt. „Du bist geliebt“ - egal, was Andere über dich sagen, oder was irgendwelche Leute auf facebook über dich schreiben. Und du bist ein Original: mit deinem besonderen Lachen, mit den vielen Fähigkeiten, die du hast, selbst mit der Art, wie du gehst und dich bewegst. Du bist ein Original. Keine Kopie. Dich gibt es nur ein einziges Mal auf dieser Welt. Darum steh zu dem, was du selbst denkst. Steh zu dem, was du glaubst und wovon du überzeugt bist.

Gott hat dich gewollt. Du bist sein Kind. Er schätzt dich wert. Dein Leben ist unendlich wertvoll.

Ihr werdet innerlich sehr stark sein, wenn ihr diese Liebe Gottes tief in euch hineinfallen lasst. Ihr werdet stark sein und aufrecht gehen und euch nicht kirre machen lassen, wenn euch dieser Gotteszuspruch berührt hat. Und eure innere Überzeugung wird groß sein , dass niemand das Recht hat, euch weh zu tun.

Gott hat euch gewollt. Ihr seid seine Kinder. Er schätzt euch wert.

Meine liebe Konfigruppe, ein Jahr lang waren wir auf dem Weg miteinander. Haben zusammen gelacht, gesungen, gespielt und nachgedacht. Haben zusammen die Bibel gelesen. Nun ist eure Konfirmation da. Ein Meilenstein auf eurem Weg. Jetzt bekommt ihr mehr Verantwortung. Ihr habt euch aus freien Stücken entschieden, das ihr euch zum christlichen Glauben und zur Kirche halten wollt, dass das gut ist für euch und richtig. Einige sind den Weg nicht weiter mit uns gegangen, aber ihr seid dabei geblieben. Ihr habt euch entschlossen, dass ihr euch an Jesus Christus ausrichten wollt, an dem, dessen Worte aus der Bergpredigt wir vorhin gehört haben. Der allen Menschen ohne Vorurteile begegnet ist, der ein großes und der ein so weites Herz hatte.

Jetzt bekommt ihr mehr Verantwortung. Mehr und mehr seid ihr nun herausgefordert und gefragt, verantwortungsvoll mit euch selbst umzugehen. Mit eurer Gesundheit auch, mit eurem Kopf und eurem Leben. Erwachsen werden, d.h. Verantwortung übernehmen. Selber denken. Und darüber nachdenken: was tut mir gut? Und was tut mir nicht gut? Erwachsen werden, heißt unterscheiden lernen zwischen dem, was mir gut tut und was mir nicht gut tut.

Am Beispiel des Smartphones kann man das gut sehen. Es ist praktisch. Völlig unkompliziert kann man mit anderen schreiben, reden oder Quizduell spielen. Und die vielen verfügbaren Apps machen das Leben leichter und schöner: Stadtpläne, Wettervorhersagen, Fahrpläne, Rezepte oder Musiktitel und noch Vieles mehr. Mir selbst macht das z.B. Spaß, mit meiner Familie durch die FamilienApp in Verbindung zu sein und sofort mit allen kommunizieren zu können, wo auch immer sie sind. Im Durchschnitt schauen Menschen heute dreimal pro Minute auf den Bildschirm, ob es etwas Neues gibt. Und 80 % aller Jugendlichen schlafen neben ihrem Smartphone. Kritisch aber wird es mit dem Smartphone im Straßenverkehr, ja lebensgefährlich, wenn man mit dem Kopf nicht mehr in der dreidimensionalen wirklichen Wirklichkeit ist, sondern nur noch in der zweidimensionalen Wirklichkeit des Bildschirms. Und Autofahrer, die meinen, multitasking zu sein und mit ihrem Handy am Steuer hantieren, sind zu einem der größten Unfallrisiken im Straßenverkehr geworden. Es geht schnell, es geht sehr schnell, dass wir über der digitalen Welt unsere reale Welt vergessen, in der wir uns bewegen. Und es kann fatale Folgen haben.

Deshalb ist es z.B. wichtig, über die Frage nachzudenken: wann tut mir das Smartphone gut und wann nicht?

Erwachsen werden, das heißt, unterscheiden lernen: was und wann tut mir etwas gut, was und wann auch nicht?

Ihr werdet Jahr für Jahr größere Freiheiten bekommen. Werdet sicher den Führerschein machen und abends länger unterwegs sein dürfen. Und wenn euch dann z.B. auf einer Party Dinge angeboten werden, die ihr nicht kennt - dann schaut genau hin, und fragt nach, was das ist und ob euch das wirklich gut tut. Und denkt daran, dass nicht der stark ist, der alles mitmacht, sondern der, der auch Nein sagen kann. Erwachsen werden heißt, Verantwortung für sich übernehmen und zu fragen: „Was tut mir gut? Und was definitiv nicht?“

Gott ist euer Schöpfer. Er hat euch beschützt und euch mit seiner Liebe begleitet bis zum heutigen Tag. Er hat euch euer Leben geschenkt. Und das ist einmalig. Darum geht gut und ganz, ganz liebevoll um mit diesem großen Schatz.

Der Glaube gibt euch dabei einen festen Grund unter die Füße. Auf ihm könnt ihr stehen, in guten wie genauso auch in schwierigen Tagen.

Und Gottes Liebe geht weiter mit euch. An jedem Tag. Sie macht euch stark für unsere Welt. Gottes Liebe und die Liebe seines Sohnes geht mit euch. Er hat es gesagt: „Seht, ich bin bei euch alle Tage und bis an das Ende der Welt.“ Nehmt das mit.

Es ist eure KonfiApp: „Seht, ich bin bei euch alle Tage und bis an das Ende der Welt.“

Amen.

an Christi Himmelfahrt 2016 von Pfarrer Rainer Böhm

Eine Umfrage bestätigt das: Dort verbinden zwar immerhin 39 % der Befragten den Himmelfahrtstag mit der Auffahrt Jesu in den Himmel, für 48 % aber – also für fast jeden zweiten Deutschen – ist Himmelfahrt der Vatertag. Und dann gibt es noch 5 %, die dabei an eine Luftfahrtschau denken. Wir müssen zur Kenntnis nehmen: Himmelfahrt ist kein einfaches Fest. Wahlen könnte man damit nicht gewinnen.

Doch auch innerkirchlich ist es kein unbefangenes Fest. Man könnte sagen: Himmelfahrt hat zwei Gesichter. Das eine Gesicht zeigen uns etwa unsere Lieder: Gen Himmel aufgefahren ist, halleluja, der Erdenkönig Jesu Christ, halleluja. Himmelfahrt als Freudenfest. Gotteslob und Halleluja. Denn Christus sitzt nun zur Rechten Gottes. Und uns steht der Himmel offen. So dichtet jedenfalls Philipp Friedrich Hiller über uns Christenleute: …ihnen steht der Himmel offen, welcher über alles Hoffen, über alles Wünschen ist.

Himmelfahrt als Freudenfest. Mit einem  Schlussakkord  lässt Lukas sein Evangelium ausklingen: Er aber führte sie hinaus nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, da schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott. Freude schöner Götterfunken. Und so, das ist wohl die Absicht des Lukas, mögen wir es dann auch nehmen. Als Einladung, nun auch in diese Freude einzustimmen. Jeder in seiner Stimmlage, die Brummbären genauso wie die Amseln unter uns.

Es gibt noch ein anderes Gesicht von Himmelfahrt. Das ist gedrückter. Wieder ist es Lukas, der davon berichtet.  Aber auf einmal klingt anderes an. Da ist nicht mehr die große Freude bei denen, die zurückbleiben. Da ist nicht Enthusiasmus im Tempel und Lobpreis Gottes. Da ist Ratlosigkeit. Da stehen die Jünger wie gelähmt und starren Jesus hinterher. Starren hinauf zum Himmel, als könnte man das Rad der Geschichte noch einmal zurückdrehen. Und es müssen schon Engel auftreten, um dieses Erstarren zu unterbrechen und um die Blicke wieder auf die Erde zu richten. Dorthin, wo unser aller Leben spielt, wo wir gefordert sind und wo unser Platz ist. „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“

Himmelfahrt ist hier wie ein Schock, eine Überrumpelung. Eine Geschichte vom Verlassen werden: Einer geht und andere bleiben zurück. Und so stehen sie dann und spüren, wie ihnen aus der Hand gleitet, was sie nach Ostern wieder sicher bei sich glaubten. Eben dachten sie noch: Jetzt haben wir das Leben fest in der Hand – und plötzlich ist es entschwunden, so ähnlich wie ein Luftballon einem kleinen Kind aus der Hand gleitet und in die Wolken steigt. Und wie das Kind seinem Luftballon hinterher sieht mit einer Mischung aus Staunen und Traurigkeit, so sehen die Jünger in den Himmel. Auch wenn gar nichts mehr zu sehen ist. Aber der Blick bleibt haften. Er sucht nach einem Punkt, der Halt verspricht.

Zwei Gesichter von Himmelfahrt. Welches ist Ihnen heute näher?

Noch einmal zurück zur Umfrage. Die Koalition von Vatertag und Luftfahrtschau bringt 53% der Stimmen zusammen. Eine stabile Mehrheit also. Manche Parlamente träumen davon. Es spiegelt sich darin etwas davon wieder, was man moderne „Himmelsvergessenheit“ nennen könnte. Der Theologe Eberhard Jüngel sagt das so: „Als Kinder der Aufklärung haben wir inzwischen das Diesseits lieben gelernt. Die Moderne hat Abschied vom Himmel genommen und sich ganz der Erde verschrieben.“ Sie hat nämlich zugleich das Band zwischen Himmel und Erde zerrissen, das wir nötig haben, um getrost und froh zu leben auch in einer zerrissenen Welt. Ein Mensch kann nicht auf Erden leben, wenn er nicht im Herzen ein Stückchen Himmel hat.

Deshalb feiern wir Himmelfahrt. Um ein solches Stück Himmel für unsere Erde zurückzugewinnen. Es uns schenken lassen. Vieles ist zum Himmel schreiend. Wer mitfühlen kann, der kann sich dem nicht entziehen. Himmelschreiend ist das Flüchtlingselend und ebenso himmelschreiend unsere Hilflosigkeit und Ratlosigkeit manchmal auch Trägheit, der Not zu begegnen. Himmelschreiend ist, dass weltweit und auch bei uns die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht; himmelschreiend ist die Gewalt und der Terror, der uns aus Nachrichten entgegenschlägt; himmelschreiend ist oft auch das, was wir selbst anrichten  in dieser Welt; himmelschreiend ist der Raubbau mit unseren Ressourcen und manchmal auch mit unsrer eigenen Gesundheit.

Weil so vieles zum Himmel schreit, braucht es Menschen, die den Himmel wieder in den Blick nehmen. Die in der Nachfolge Christi und in seinem Namen zum Himmel schreien und beten, die den offenen Himmel suchen und die aus dem Himmel ihre Kraft ziehen.

Ich weiß nun nicht, welches der beiden Gesichter von Himmelfahrt Ihnen heute näher ist. Das heitere, leichte, oder das erdenschwere. Und wohin wir besser unseren Blick lenken sollten: Zum Himmel, um von dort her neue Hoffnung und Kraft zu finden. Oder zur Erde als dem Ort, wo wir uns gegen himmelschreiendes Unrecht einsetzen sollen.

Wir gehören nicht nur zur Welt. Himmelfahrt erinnert daran: Wir haben eine doppelte Bürgerschaft. Hier auf Erden und nun auch im Himmel. Die kann uns keiner nehmen. Und der Himmel ist dabei nicht so fern, wie wir glauben. Wir müssen ihn jedenfalls nicht jenseits der Wolken suchen als einen Ort somewhere over the rainbow. Gott sei Dank.

Amen

 

zur Konfirmation am 1.5.2016 von Pfarrerin Meike Naumann

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

es ist kaum zu glauben, wie schnell die Zeit vergeht. Irgendwie haben wir uns doch gerade erst beim Konfi-Begrüßungstag kennengelernt und jetzt werdet ihr schon konfirmiert.

Die Zeit ist – jedenfalls für mich – rasend schnell vergangen. Und so vieles an Inhalten hätten wir noch durchnehmen können oder vielleicht auch müssen??? Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ein bisschen werde ich euch vermissen. Die Dienstagnachmittage mit euch waren alles andere als langweilig.

Ihr seid eine nette, unkomplizierte und immer gut gelaunte Gruppe gewesen. Vielleicht manchmal zu gut gelaunt, so dass es auch mir schwer gefallen ist, immer ernst zu bleiben und auf den Lernstoff zu achten. Ich werde euch vermissen  -  und ich bin auch ein bisschen froh…. So ein Dienstagnachmittag ohne Konfi-Unterricht ist ja auch nicht zu verachten.

Doch alles in allem war es mir ein Vergnügen, ein Stück eures Lebensweges mit euch gemeinsam gegangen zu sein. Die Konfirmation ist ein Passageritus. Etwas geht zu Ende und Neues beginnt. Aus Kindern werden Leute, zumindest äußerlich haben wir es heute mit jungen Damen und Herren zu tun.

Ums Gehen-Lassen geht es für die einen. Ums Gehen, immer mehr auf eigenen Füßen stehen und eigene Verantwortung zu übernehmen – geht es für euch. Keiner hat das Recht, euch reinzureden in die Sache mit Gott. Euer Ja heute ist eure Entscheidung, eure Verantwortung. Immer mehr auf eigenen Füßen stehen…

Ich möchte euch von Ronja erzählen. Vielleicht kennt ihr sie, erinnert euch noch an sie – dunkel, damals in grauer Vorzeit als ihr noch Kinder ward… Erinnert ihr euch an Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter und ihren Freund Birk Borkason? Kinderkram, denkt ihr? Dann hört mal zu!

Die Familie samt Räuberbande von Ronja und die Borkasons leben auf einer Burg in den riesigen Wäldern Schwedens. Ronja soll zum ersten Mal allein in den dunklen Wald dürfen. Ronjas Vater Mattis macht sich große Sorgen um sein Kind.

„Hüte dich vor den Wilddruden und den Graugnomen und den Borkaräubern!“ sagt er. „Woher soll ich wissen, wer die Wilddruden und die Graugnome und die Borkaräuber sind??“, fragt Ronja. „Das merkst du schon“, antwortet Mattis. „Na dann“, sagt Ronja.

„Und dann hütest du dich davor, in den Fluss zu plumpsen“, sagt Mattis. „Und was tu ich, wenn ich in den Fluss plumpse?“, fragt Ronja. „Schwimmst“, sagt Mattis. „Na, dann“, sagt Ronja.

„Und dann hütest du dich davor, in den Höllenschlund zu fallen“, sagt Mattis. Er meinte den Abgrund, der die Mattisburg in zwei Hälften teilte. „Und was tu ich, wenn ich in den Höllenschlund falle?“, fragt Ronja. „Dann tust du gar nichts mehr“, antwortet Mattis und stößt ein Gebrüll aus, als säße der Schmerz der Welt in seiner Brust. So sehr sorgt er sich um seine Ronja. „Na, dann“, sagt Ronja, nachdem Mattis ausgebrüllt hat. „Dann falle ich eben nicht in den Höllenschlund. Sonst noch was?“

„O ja“, sagt Mattis. „Aber das merkst du schon selber so allmählich. Geh jetzt!“

Ronja macht sich also auf den Weg, zum ersten Mal allein auf sich gestellt. Selbst kann sie und muss sie nun ihre Entscheidung treffen. Geht es hier lang oder da? Oder ist das vielleicht ein Irrweg? Führt er womöglich sogar in einen Abgrund?

Schon klar, bei uns gibt es keine Wilddruden und Graugnome und keine Borkaräuber. Auch vor großen dunklen Wäldern, in denen man sich hoffnungslos verirren kann, müssen wir uns hier eher nicht fürchten.

Aber auch ohne Gnome und Höllenschlunde hält das Leben die eine oder andere Herausforderung bereit. Immer weitreichendere Entscheidungen werdet ihr treffen – jetzt fängt es an: Welche Ausbildung soll ich machen? Wo kann ich mich für ein Praktikum bewerben? Bleibe ich auf der Schule, die ich gerade besuche? Manch einer weiß schon etwas davon …

Ronja macht sich auf den Weg. Na dann – ich krieg das schon hin. Genau wie Birk. Die beiden werden Freunde.

Die Eltern Lovis und Mattis lassen Ronja gehen, ebenso Undis und Borka ihren Sohn Birk. Beide mit Sorge und Wehmut und mit dem Vertrauen: Du machst das schon. Ihr macht das schon. Wir können sie ja nicht festhalten und ewig beschützen. Wir können ihnen erzählen von den Gefahren da draußen, von den Wilddruden und Höllenschlunden, und dass das Leben kein Ponyhof ist – erfahren können sie es nur selbst. Gut, wenn sie wie Ronja und Birk wissen, sie können jederzeit nach Hause kommen.

Konfirmation ist ein wichtiges Ereignis auf eurem Lebensweg. Auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Auf dem Weg mit Gott. Ihr sagt heute Ja. Ja, ich will meinen Weg mit Gott gehen. Ich will an ihm festhalten und ihn an meiner Seite wissen auf meinem Weg ins Leben. Wenn ich Graugnomen begegne oder sonst etwas, das mich erschreckt, wenn ich nicht weiter weiß. Mich vielleicht verirrt habe, wenn mal ein Abgrund sich auftut, oder es so dunkel ist, dass ich nicht weiß, wie es weitergehen soll. Dann will ich mich erinnern: Gott ist an meiner Seite. Ja, mit Gottes Hilfe.

Und auch dann, wenn alles gut ist, wenn ich Spaß habe, das Leben gerade rund läuft … mal kurz innehalten, danke sagen. Glaubt mir, das macht froh, zu merken, was alles da ist an Gutem und Schönem, Liebe und Freundschaft. Immer wieder mal Danke sagen. Danke, Gott.

Ein Wort von Gott hat jede und jeder von euch sich ausgesucht. Leitsätze, Wegbegleiter wollen sie sein, eure Konfirmationssprüche.

Ich möchte euch heute noch ein Wort von Gott mitgeben – ein Wort aus dem 18. Psalm: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen!“ Mit meinem Gott zusammen bin ich stark. Mit ihm an meiner Seite kann ich Hindernisse überwinden und jede Hürde nehmen.

Ihr habt so viel Energie in euch. Sicher habt ihr auch andere, zB eure Eltern schon viel Energie gekostet. Vielleicht ist ja heute auch ein guter Tag, auch mal Danke zu sagen. Danke für die Liebe und die Kraft, für die Freude und auch für manchen ausgehaltenen Schmerz.

Mit Gott über Mauern springen.

Ich wünsche euch, dass ihr mit Gott an eurer Seite einen Weg findet, eine Richtung für die Energie, die in euch steckt.

Dass ihr gut überlegt, wofür ihr eure Energie einsetzt und wofür lieber nicht. Dass Starksein  viel mehr und vielleicht auch ganz etwas anderes  bedeutet als das, was unsere Gesellschaft euch vorlebt. Es bedeutet eben nicht: höher – schneller- weiter – mehr.

Ich wünsche euch, dass ihr eure Stärken herausfindet, dass ihr sie nutzt und sie nicht verkümmern lasst. Dass ihr sie nutzt, auch für die, die schwächer sind.

Mit Gott über Mauern springen.

Dass ihr nicht jedem Hindernis aus dem Weg geht. Euch auch mal auf unbequeme Wege traut. Dass ihr aufrecht durchs Leben gehen könnt. Dass ihr euren eigenen Weg findet, auch durch die dunklen Wälder und auch durch reißende Flüsse und – trotz der Wilddruden und Gaugnome, die gibt in dieser Welt und auch in uns selbst. Mit Gottes Hilfe.

Amen.

zur Konfirmation am 24.4.2016 von Pfarrer Rainer Böhm

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

»Alles Gute« – diesen Wunsch werdet ihr heute oft hören. Prima Zusammenfassung, damit ich nicht alles aufzählen muss. Ich wünsche dir Gesundheit, denkt vielleicht Oma oder Opa. Ich wünsche dir eine passende Ausbildung und einen guten Beruf, denken vielleicht deine Eltern. Ich wünsche dir etwas, was man teilen kann, denken vielleicht deine Geschwister. Dass du dich immer auf jemanden verlassen kannst, denken vielleicht deine Freundinnen und Freunde. Alles gut. Aber nicht genug. Das reicht noch nicht. Da fehlt noch etwas.

Als vor fast 500 Jahren die ersten Konfirmationen gefeiert wurden, gab es einen Mann, der sich sehr lange überlegt hat, was man euch wünschen und zusprechen soll.

Dieser Mann, Martin Bucer, hat weiter gedacht. Das ganze Leben liegt vor euch: Was braucht ihr dafür? Gesundheit, Freunde, Beruf, Humor, Geld, Freizeit, Hobbys – alles gut. Aber nicht genug.

Und er kam auf folgenden Satz: »Nimm hin den heiligen Geist, Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten aus der gnädigen Hand Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.«

Bevor es um das Gute geht, spricht er erst einmal davon, dass ihr Schutz und Schirm braucht vor allem Argen. Ein altes Wort, wir benutzen es nur ab und zu. Wenn jemand arg krank ist, ist er schlimm krank, lebensbedrohlich. Wenn uns jemand arglistig täuscht, dann lügt und betrügt er uns nach Strich und Faden. Ganz übel.

Dagegen braucht ihr Schutz und Schirm.

Niemand, der etwas von Computern versteht, geht ins Netz ohne Antivirenprogramm. Sonst fängst du dir Spione, Trojaner und andere Schädlinge ein. Wer von anderen schon einmal gemobbt wurde, in der Schule zum Beispiel, braucht Schutz von Familie und Freunden. Antivirensoftware für die Seele.

Bei Martin Bucer heißt das: Heiliger Geist. Geistesgegenwart. Gott selbst ist bei dir mit seinem heiligen Geist, um dich in Schutz zu nehmen. »Nimm hin den heiligen Geist, Schutz und Schirm vor allem Argen.«

Erst dann kommt bei Martin Bucer »alles Gute«. Stärke und Hilfe zu allem Guten. Es ist ja nicht immer leicht zu erkennen, was gut ist. Was in der einen Situation gut ist, ist es in einer anderen vielleicht nicht.

Im Lukasevangelium werden nacheinander zwei Szenen erzählt, in denen man meinen könnte, Jesus würde sich total widersprechen.

Szene 1: Jesus erzählt von einem Raubüberfall auf dem Weg zwischen Jericho und Jerusalem. Das Opfer liegt blutend am Boden. Zwei Leute gehen erst mal vorbei. Dann kommt einer und packt an. Dieser Samariter verbindet den Verletzten und schafft ihn in eine Herberge. Stärke und Hilfe zu allem Guten.

Szene 2: Gleich anschließend kehrt Jesus mit seinen Jüngern bei den beiden Schwestern Maria und Marta ein. Marta packt an und organisiert, Maria setzt sich zu Jesus und hört ihm zu. Da stoppt Jesus Marta in ihrer Aktivität. Stärke und Hilfe zu allem Guten: Setz dich zu uns und entspann dich.

Was ist jetzt das Gute?

Was wäre gewesen, wenn der Samariter sich zu dem Verletzten gesetzt hätte und gesagt hätte: Ich hab Zeit, ich hör dir zu? Erzähl doch mal ein bisschen. Der hätte das wohl kaum gut gefunden.

Und im zweiten Fall: Wäre das gut und gastfreundlich gewesen, immer nur herumzurennen und keine Zeit für die Gäste zu haben?

»Stärke und Hilfe zu allem Guten« – da muss ich zuallererst einmal sehen, was jetzt gut ist. Darum geht es hier nicht um eine allgemeine Regel, was gut ist. Sondern in der Konfirmation bekommt ihr gesagt: »Nimm hin den heiligen Geist« – der wird dir erkennen helfen, was gut ist. Was jeweils richtig ist und angemessen. Wie so eine Art innerer Berater.

Erkennen, was gut für euch ist. Und dann auch sehen, wo ihr für andere gut seid. Wenn andere euch brauchen mit eurer Zeit, mit eurer Hilfe, mit eurem Zuhören. Wenn andere beleidigt oder gemobbt werden. Da brauchen die Freunde Stärke, um aufzustehen und Partei zu ergreifen. Das ist nicht leicht. Vielleicht gerate ich ja dann selbst ins Kreuzfeuer. Für andere einzutreten, die angegriffen werden, das erfordert eigene Stärke. Ganz egal, ob es um körperliche oder seelische Attacken geht. Für andere einzutreten braucht Mut. Woher nehmen?

»Aus der gnädigen Hand Gottes, des Vaters«, sagt Martin Bucer.

Von diesem Vater also, der sein Kind in die Arme schließt, wenn es sich verlaufen hatte; der offen ist für ein Gespräch und sich nach dir erkundigt; der verständnisvoll ist, der auf die eigene Freiheit vorbereitet und sie dann auch  respektiert; der vergibt, noch bevor man sich ganz klein und krumm machen musste. So ist Gott, wie wir von Jesus wissen. Wir Eltern sind leider manchmal anders. Und wollen das gar nicht. Naja, Ihr wisst schon und spürt: wir geben uns jede Mühe. Aber gut, dass es diesen Vater im Himmel gibt, dieses Eltern-Ideal, das jeder sich wünscht und wir zugleich nicht immer entsprechen können.

Die Hand Gottes ist ein Symbol dafür, Gutes auszuteilen. Gottes Hand schöpft aus der Quelle und teilt aus. Gott vertrauen hilft dann dabei, auch sich selbst zu vertrauen, mutig zu sein.

Die gnädige Hand Gottes liegt auf eurem Kopf und nimmt euch in Schutz vor allem Argen. Ich stelle nachher meine Hände zur Verfügung und werde sie euch auf den Kopf legen. Aber eigentlich ist es die Hand Gottes. Meine Hände werden euch nur kurz berühren. Die Hand Gottes bleibt über euch, nimmt euch in Schutz und stärkt euch. Für immer.

Amen

am 13.3.2016 von Pfarrerin Susanne Pieper

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

mit dem heutigen Sonntag Judika sind wir nun mitten in der Kirchenjahreszeit der Passion angekommen. Wenn ich ganz ehrlich bin, so tue ich mich manchmal mit der Passionszeit schwer. Ich sehe so viel Leid im Fernsehen, ich lese von so viel Leid in den Zeitungen. Da frage ich mich manchmal: soll meine Seele sich nun auch noch mit dem Leiden Jesu beschweren? Worin liegt der tiefere Sinn davon, dass wir so intensiv und sieben Wochen lang der Leidenszeit Jesu gedenken und uns mit ihr auseinandersetzen?

Es kann doch nicht der Grund sein, dass die Kirche etwa verliebt ist in das Leiden, in die Schwere der Welt. Es kann doch nicht der Grund sein, dass die Kirche ihren Mitgliedern eine wie auch immer geartete Theologie des Bedrücktseins verordnet.

Wenn ich aber weitergehe in meinen Überlegungen über diese besondere Zeit, erkenne ich: als Kirche, hier und heute, kommen wir her von der Passion Jesu und von Ostern. Niemals können wir das Leiden und das Sterben Jesu von seiner Auferweckung trennen. Hinter Ostern können wir gar nicht mehr zurück.

Und dann heißt die entscheidende Frage: welcher Hoffnungsimpuls liegt darin, dass wir die Passion und das Ostergeschehen bedenken? Inwiefern helfen uns das Leiden und das Auferstehen Jesu, unser Leben heute zu leben? Unseren Alltag zu bewältigen, hier, in unserer Welt?

Auf diesem Fragehintergrund hören wir noch einmal den Predigttext dieses Tages: (Hebr. 5,7-9 und 6,18.19)

„Jesus lebte als Mensch unter uns. In den Tagen seines irdischen Lebens hat er sein Bitten und Flehen unter Tränen zu Gott gebracht. Zu dem, der ihn allein vom Tod erretten konnte. Und sein Gebet ist auch erhört worden; denn Jesus hielt Gott in Ehren.

Auch Jesus, der doch Gottes Sohn war, musste in seinem Leiden Gehorsam lernen. Und als er zu Gott zurückkehrte, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, zur Quelle des ewigen Heils geworden. Nun haben wir einen starken Trost. Wir halten fest an der Hoffnung, die uns von Gott angeboten worden ist. Und wir haben diese Hoffnung als einen sicheren und festen Anker unserer Seele.“

Wir haben einen starken Trost. Denn Gott hat Einen zu uns geschickt, dem war nichts Menschliches fremd. Der war ganz Mensch, wie wir. Er kannte Angst, in allen Variationen, kannte gar Lebensbedrohung, kannte Tränen, Bitten und Flehen. Und ließ doch den Glauben an Gott nicht los. Gab doch Gott als Gegenüber nicht auf und blieb dran am Gespräch mit ihm. Er stellte sich dem Leiden, er hielt es durch, er hielt fest an Gott, trotz alledem. Und er wurde dafür belohnt. Gott hat ihn von seinem Tod errettet, wenn auch anders, als er es sich gewünscht hätte. Doch er hat ihm neues Leben geschenkt.

„Nun haben wir einen starken Trost.“ Denn nun wissen wir: Gott bleibt da. Auch wenn wir leiden, auch wenn wir einmal schwach sind, auch wenn es uns einmal nicht gut geht, fängt er uns mit seinen Händen auf und trägt uns.

Nun wissen wir: Mit dem Tod ist nicht alles zuende. Denn Gott bleibt stärker als der Tod, als alle Gewalt, als alle Zerstörung - sei es in Syrien, im Irak oder in Somalia. Als aller Vernichtungswille - sei es durch das Assadregime oder durch die Terroristen. Als alle Todesverliebtheit, die uns Tag für Tag in den Medien entgegenschlägt.

Gott allein ist unsere Zukunft. Und einmal wird alles gut sein.

Und nicht nur von Trost ist hier die Rede, sondern auch von der Hoffnung. „Wir haben die Hoffnung. Sie ist ein sicherer und fester Anker unserer Seele.“

Die Hoffnung als Anker: das ist ein großartiges Bild. Unwillkürlich denke ich dabei an die Dreigestalt von Kreuz, Herz und Anker, dass die Seemänner im Norden, an der Küste, als Kette um den Hals tragen oder sich auf ihren Oberarm tätowieren lassen. Als Symbol für Glaube, Liebe und Hoffnung.

Wir haben die Hoffnung als Anker: ich denke dabei genauso an meine Kindheit. Da nahm mein Vater, der sehr gern angelte, mich und meinen Bruder manchmal mit, wenn er in seinem kleinen Motorboot zum Fischen auf die Ostsee hinausfuhr. Und wenn wir eine Viertelstunde gefahren waren, dann warf er den Anker aus. Das war wichtig, damit wir nicht durch die Strömung des Meeres abgetrieben wurden. Und damit wir vor allem nicht in die Nähe der Fahrrinne kamen, dort, wo die großen Schiffe und die Fähren unterwegs waren, zwischen Kiel und Skandinavien und zurück. Denen hätten wir nicht ausweichen können. Wie gut, dass wir einen Anker hatten. Wie gut, dass wir uns mit ihm festmachen konnten am Meeresgrund!

„Wir haben die Hoffnung als einen sicheren und festen Anker unserer Seele.“ Manchmal ist unsere Seele selbst wie ein schaukelndes, kleines Boot auf dem Wasser, wie eine Nussschale auf dem Meer. Nach außen wirken wir vielleicht stark und souverän und selbstsicher. Als könnte uns nichts erschüttern. Doch unser Inneres ist manches Mal unsicher, schwankt hin und her, fühlt sich klein, zerzaust und voller Selbstzweifel. Wie wichtig ist es dann, dass unsere Seele Halt findet an einem festen Grund. Wie wichtig ist dann ein starker Anker, der uns Stabilität gibt und Sicherheit.

Die christliche Hoffnung ist solch ein Anker. Sie sagt uns: Gott ist da. Er ist deine Gegenwart. Er ist dein Gegenüber. Er versteht dich. Er versteht auch, wie du das meintest, was du in einer bestimmten Situation gesagt hast. Er begleitet dich. Und er ist deine Zukunft. Er führt dich in ein gutes Land. Darauf kannst du fest hoffen.

Diese Hoffnung haben wir als einen festen und sicheren Anker unserer Seele.

Und fragen wir, worin diese Hoffnung nun wiederum ihren Grund hat, so ist die Antwort: sie liegt in nichts weniger als in der Passion, im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi. An seinem Weg erkennen wir, dass Gott auch uns mitnehmen will in eine gute und helle Zukunft. An seinem Weg erkennen wir, dass Gott alles neu machen will. Das ist die Hoffnung unseres Glaubens.

Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: „So gewiss der Mensch glaubt, so gewiss hofft er. Und es ist keine Schande, zu hoffen, grenzenlos zu hoffen.“

Und Jürgen Moltmann schrieb in seinem berühmten Buch „Theologie der Hoffnung“: „Hoffnung zu haben, ist keine Jugendtorheit. Wir sollten die Hoffnung nicht als Schwärmerei abtun. Sie ist ein Lebenselixier. Und die Hoffnung auf Gottes Zukunft für die ganze, bedrohte Welt ist heute die Lebenskraft der christlichen Existenz und der christlichen Gemeinde.“

Ja, ich glaube, wir können nur von der Hoffnung leben. Tag für Tag. Sie hilft uns, nach Lösungen zu fragen und nicht vor den Problemen zu kapitulieren. Sie gibt uns einen langen Atem. Die Hoffnung hilft uns, nach dem Licht Ausschau zu halten, nicht nach der Dunkelheit. Sie hilft uns, jeden neuen Tag zu sehen als Chance für einen neuen Anfang.

Und so möchte ich schließen mit einem Satz aus dem 15. Kapitel des Römerbriefes, der wie ein Segen ist. Er ist zugleich mein Konfirmationsspruch:

„Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, damit ihr immer reicher werdet an Hoffnung, durch die Kraft des heiligen Geistes.“

Amen.

am 17.1.2016 von Pfarrerin Susanne Pieper

Predigttext: 2. Korinther 4, 6-10

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,

ob Sie es gestern Vormittag auch gesehen haben? Mitten in diesem trüben Himmel riss plötzlich die Wolkendecke auf. Und die Sonne schien mir mit ihren hellen Strahlen gerade ins Gesicht. Einen Augenblick nur. Doch es war ein Moment, der unendlich schön war.

An diesen Augenblick muss ich zurückdenken, wenn ich die Worte des Paulus lese, die er im 2. Korintherbrief schreibt: „Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.“

Einen hellen Schein - in unser Gesicht. Einen hellen Schein – in unser Herz. An jedem Morgen geht mir das so: wenn ich die Fensterläden öffne, wenn ich die Vorhänge zurückziehe: dann genieße ich das Licht des neuen Tages. Dann genieße ich das Licht der Schöpfung Gottes neu für mich. Ein neuer Tag ist mir geschenkt. Eine neue Chance, mein Leben zu leben. Und es ist, als würde dieses Licht mitten in mein Herz treffen: „Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.“

Paulus knüpft mit diesen Worten an die Schöpfungsgeschichte an. Als das Licht in die Welt kam, als Gott das Licht aus der Finsternis rief und alles begann.

Doch Paulus knüpft mit diesen Worten auch an ein anderes Ereignis an, an ein Ereignis seiner Biographie, das schlichtweg alles veränderte. Helligkeit erlebte er - nur für einen kurzen Augenblick. Doch so heftig, doch so mächtig, das es ihm den Boden unter den Füßen wegriss. Paulus war da auf dem Weg nach Damaskus, als ihn ein unfassbares Licht blendete. Und mit dem Licht war da eine Stimme, die sagte: „Saul, was verfolgst du mich?“ Paulus fragte: „Wer bist du?“ Und die Stimme antwortete: „Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf, geh nach Damaskus, dort wird man dir alles erzählen, was du tun sollst.“

In diesem wahrhaft umstürzenden Ereignis erlebt Paulus das helle Licht Jesu Christi. Es greift in sein Leben ein, es erreicht sein Herz. „Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.“ Und es verändert ihn grundlegend. Doch zunächst einmal wird Paulus nach seinem Damaskuserlebnis blind. Angewiesen auf andere. Äußerlich schwach, alles andere als autonom. Das ändert sich wieder. Später. Doch es bleibt etwas Charakteristisches in seinem Leben, auch als Apostel der Völker, dass er hier beides ist: erleuchtet und blind, geblendet. Stark im Glauben und schwach von Gestalt. Er predigt von Jesus Christus wie kein Zweiter und wird dennoch ständig infrage gestellt: „Du willst Bote der frohen Botschaft sein? Sie wirkt doch viel überzeugender, wenn sie durch gesunde, wohlgestaltete Menschen verbreitet wird!“ So wird Paulus angegriffen. Denn die Gegner meinen, eine starke Botschaft verlange auch einen starken Apostel.

Doch Paulus ist kein Strahlemann. Licht und Dunkelheit begleiten ihn von Anfang an. In überschwänglichen Worten kann er predigen von der Herrlichkeit seines Verkündigungsamtes, und zugleich leidet er unter seinem Auftrag. Da gibt es ein Ineinander von Glanz und Zerbrechlichkeit, von Herrlichkeit und Verhüllung in ihm selbst. Sein Körper ist ihm oft hinderlich in seinen Aufgaben. Er ist schmächtig, gebrechlich. Wenig ansprechend. Wenig glamourös. Doch sein Geist ist beweglich wie ein Schmetterling, und sein Glaube ist stark und frei. Paulus weiß, dass es ein großer Schatz ist, den er in sich trägt. Gott hat ihm diesen Schatz ins Herz gelegt, in diesem einen, lichten Moment vor Damaskus: den Glauben an Jesus Christus. So wie Gott aus dem Nichts das Licht geschaffen hat, so hat er Licht gemacht im Herzen des Apostels.

Und Paulus hat erkannt: Jesus Christus ist der eine, der Grund, auf dem er stehen kann. Hier liegt der Schatz. „Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.

Durch uns sollen nun die Menschen Gottes Herrlichkeit erkennen, die in Jesus Christus aufstrahlt. Doch diesen kostbaren Schatz haben wir nur in irdenen, zerbrechlichen Gefäßen.“

Liebe Gemeinde, wir kommen von Weihnachten her. Mit diesem Sonntag, dem letzten in der Epiphaniaszeit, endet der Weihnachtsfestkreis. Und auch die vertraute Geschichte von Bethlehem, die wir wieder gehört haben, auch sie erzählt vom Schatz in irdenen, tönernen, zerbrechlichen Gefäßen: das göttliche, glanzvolle Kind - in der Krippe für die Tiere. Kein Raum in der Herberge. Arme Hirten. Und weise Männer, die einen Säugling auf Stroh finden, aber keinen Herrscher mit Gold, Samt und Schatzkisten. Gott hat offenbar seine eigenen Wege, seinem Schatz in dieser Welt einen Ort zu geben. Und sein Glanz findet seinen Weg. Zu uns. „Wir haben diesen Schatz in irdenen, zerbrechlichen Gefäßen.“

Ein Schatz in einem irdenen Gefäß. Das ist für mich ein großartiges Bild. Da wandern meine Gedanken zum Wetterauer Museum in Friedberg. Und ich denke an den „Wetterauer Münzschatz“, jenen großen Krug aus Ton, der aus der Römerzeit stammt. Und der gefunden wurde im Kastell Ober – Florstadt. Es waren wohl römische Soldaten, die ihn im 3. Jahrhundert aus Angst vor den Germanen dort versteckten. Nun liegt der Krug da, hinter Glas, und in ihm und um ihn herum liegen viele Geldstücke: 1.136 Denare. Ein historisch unendlich wertvoller Schatz in einer töneren Umhüllung. „Wir haben diesen Schatz des Glaubens an Jesus Christus in irdenen, zerbrechlichen Gefäßen.“

Auch wir sind wie ein Gefäß aus Ton. Auch unser Leben kann einen Riss bekommen, so wie ein Tongefäß. Das kann eine Krankheit sein, mit der wir zurecht kommen müssen, oder es kann eine Schuld sein, die wir im Rückblick erkennen, und die nun zu unserem Leben gehört, und auch wenn sie vergeben ist, tragen wir sie weiter wie eine Narbe mit uns. Wir sind wie ein Gefäß aus Ton. Von einem Moment auf den anderen kann ein Riss in unserem Lebensgefäß entstehen, und ein Leid, das uns getroffen hat, raubt uns viele Kräfte. Oder ein Schicksalsschlag verlangt uns viel ab. Sodass wir achtgeben müssen, unsere Lebensenergien zusammen zu halten, nicht buchstäblich auseinander zu fallen. Sodass wir alle Kraft Gottes brauchen, damit der Riss heilen kann.

Wir sind Menschen. Wir sind nicht immer stark. Wir sind auch verletzlich. Und unsere seelischen und körperlichen Kräfte sind begrenzt.

„Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen“. Ja, unser Leben ist auch fragmentarisch. Wenn wir die to – do – Listen lesen, die wir uns gemacht haben, so sehen wir, wir schaffen oft nicht all das, was wir uns vorgenommen haben. Beruf und Familie und Ehe und Haushalt und Ehrenamt und soziale Beziehungen pflegen. Wir bleiben hinter unseren Zielen zurück. Wir können nicht all die Pläne verwirklichen, die wir uns gemacht haben. Wir bleiben auch Fragment.

Vielleicht haben dies die Erzähler des Alten Testaments schon im Kopf gehabt, als sie – lange vor Paulus – die Menschen mit Tongefäßen verglichen haben. So heißt es bei Jesaja (64,7): „Wir sind Ton, du bist unser Töpfer, und wir alle sind das Werk deiner Hände.“ Ja, mit allem, was wir sind und haben, sind wir das Werk seiner Hände. So wie wir sind. Mit unseren starken Seiten und mit unseren zerbrechlichen Seiten. Mit unseren schönen Seiten und mit unseren schlichten Seiten. Und als solche Menschen dürfen wir seinen Schatz in uns tragen. „Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen.“

Es ist der Schatz des Glaubens, wie sein Sohn ihn uns gezeigt hat. Er, der durch das Dunkel gegangen ist und neues Licht gesehen hat. Dieser Glaubensschatz ist eine enorme Kraftquelle. Dieser Glaubensschatz ist eine Kraft, die uns davor schützt, zu zerbrechen. Wir können widerstehen, auch wenn Belastungen uns niederdrücken wollen. Unser innerer Mensch kann sich aufrichten, auch wenn andere uns kleinmachen wollen. „Wir werden bedrängt, aber nicht überwältigt. Wir sind oft ratlos, aber wir verzweifeln nicht,“ schreibt der Apostel.

Der Glaubensschatz ist eine enorme Kraft, die unser Leben tragen kann. Denn auch als Christinnen und als Christen kommen wir an unsere Grenzen. Wir können Gott um diese überschwängliche Kraft bitten, die uns tragen kann, auch durch Täler hindurch. Und er wird uns beschenken mit neuer Hoffnung und mit einem neuen Vertrauen. So haben wir einen Schatz bei uns in unseren irdenen Gefäßen.

Und täglich neu können wir mit Gottes Kraft auferstehen mitten in unserem Leben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

zur Christvesper 2015 von Pfarrer Rainer Böhm

11Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen

12und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben

13und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus,

14der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und hätte ein Volk, das eifrig wäre zu guten Werken. (Titus 2,11-14)

 

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend!

„Heilsam” - ein Wort, bei dem vieles anklingt und mitschwingt wie beim Klang einer Glocke zu Weihnachten: Erinnerungen an die Kindheit, wenn ein gutes Wort von vielen Wehwehchen heilte; wenn ein Pflaster den Schmerz vergessen ließ... Erinnerungen eher an kühlende Umschläge, lindernde Salben und selbstgekochte Säfte - an „Heilmittel” eher als an Medikamente oder Apparate. „Heilsam” so manches, das tiefer reicht als bis zum Körper, das die kleinen oder großen Verwundungen der Seele heilt - das zerstörtes Vertrauen wiederherstellt, Trennung überwindet, Schuld vergibt.. Viele haben solches Heil nötig.

Manche hängen noch dem Bild an, als sei der Körper so etwas wie eine Maschine, auf deren Reparatur wir ein Recht haben; oder wir meinen unbewusst vielleicht, Gesundheit sei ein Anspruch wie die Leistung der Krankenkassen.

Aber, Gesundheit ist Gabe, gesund werden ist Geschenk, Heilung ist Gnade.

Paulus - selber von schwerer Krankheiten geplagt - weiß das. Und darum nimmt er dieses Wort auf, wenn er davon spricht, was Gott für für uns Menschen getan hat – nämlich das, was erschienen ist in Bethlehem, im Stall, in der Krippe und was an jedem Weihnachtsfest neu erscheint: Die „heilsame Gnade Gottes”.

Das Geschehen der Heiligen Nacht heilt das, was verletzt ist - das Verhältnis zwischen Mensch und Gott:

Verletzt ist es - weil schon die ersten Menschen sich einreden ließen, sie könnten ohne Gott auskommen, weil sie selber Gott werden, Gott sein wollten, im Paradies und in Babylon.

Alle Generationen danach haben dies geerbt - und es hat schreckliche Folgen gehabt für das Miteinander der Menschen - wie die Geschichte der ersten menschlichen Brüder Kain und Abel schon zeigt - und wie wir es erleben in all dem, was Menschen einander antun bis heute.

Der Mensch macht sich zum Gott - bestimmt über gut und böse - bestimmt über das Leben seiner Mitmenschen und meint, alles im Griff zu haben.

Gottes Antwort darauf kehrt alles um: Auf den Versuch des Menschen, Gott zu werden, antwortet Gott mit seiner großen Möglichkeit: Er wird Mensch.

Er wird Mensch, genau so, wie auch wir Menschen wurden: Geboren als kleines Kind. Er wird Mensch, wie es viele Menschen werden: Im Notquartier in der Fremde: weil der römische Kaiser, der sich als Gott verehren läßt, die zählen lassen will, über die er herrscht! Wegen der Steuer... Er wird Mensch, wie es vielen Menschen geht: Kaum zur Kenntnis genommen. Irgendwo im Dreck, mit Verlaub.

Das ist - aus Gottes Sicht - eher etwas wie eine schwere, eine lebensgefährliche Operation: Gott wird Mensch - und Menschen verfolgen ihn mit ihrem Hass von Geburt an und bringen ihn ans Kreuz.

Mir geht nach, dass Quirinius Statthalter in Syrien war.

Ich denke daran, dass die syrische Familie, an die wir Anfang des Jahres eine Wohnung vermietet haben, ein paar Monate später ihr drittes Kind bekam, ein Mädchen. Geflohen sind sie aus dem völlig zerstörten Homs. Und dann von Ägypten mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer, 15 Tage ist es auf dem Meer getrieben, südlich von Kreta, bis die Insassen von einem Fischerboot gerettet wurden.

Aus dem gleichen Ägypten, in dem das Kind mit seinen Eltern Asyl gefunden hat vor einem mörderischen Diktator, vor 2000 Jahren.

Es ist das gleiche Meer, südlich von Kreta, in dem vor fast 2000 Jahren Paulus trieb und Schiffbruch erlitt und gerettet wurde, bei Malta, wie es die Bibel berichtet.

Und es ist tatsächlich auch das gleiche Kreta, wohin etwa 100 Jahre nach Christi Geburt unser Predigttext geschrieben wird.

Paulus schreibt an Titus, seinen Schüler: „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes, dass sie uns zu einem besonnenen, gerechten und frommen Leben führe.“ Titus wird sich gefragt haben: Wem ist die heilsame Gnade Gottes erschienen? Lukas sagt: „den Hirten“.

Hirten verlassen ihre Herden, so ist darin zu lesen. Wie Kinder blindlings glauben, so glauben sie dem Engel und wie Kinder Gefahren nicht sehen, verlassen sie einfach ihre Schafe. Sie vertrauen, dass alles gut geht.

Dieser Gang „von den Hürden“ über die Felder nach Bethlem. Hier die Klarheit der Engel und die Aufforderung, alles stehen und liegen zu lassen, dort die Hirten, die sich in das Unbekannte hinein begeben. Die Hirten gehen - und dieses Gehen, dieses Hinüberschreiten klingt in vielen Weihnachtsliedern nach, diese Aufforderung: Herbei oh ihr Gläubigen; Kommt und lasst uns Christus ehren. ‚Kommt lasst uns von den Hürden weg gehen. Wir wollen das Stroh hier liegen lassen und dorthin gehen, wo wir gebraucht werden.“

Können wir, kann ich über diese Hürden springen? Was würde geschehen, wenn man zu Jesus geht?

Viele von uns sind in diesem Sommer einfach losgegangen. In München, in Passau, überall im Land, und auch in unserer Stadt. Vielen Fragen begegnen sie dabei: Nach Verständigung zunächst, nach Zeitaufwand und eigener Kraft, nach dem Sinn und danach, wie eigentlich Integration funktioniert. Auch nach dem schlimmen Schicksal der Christen im ganzen Nahen Osten. Von wo das Christentum einmal zu uns gekommen ist: aus dem Morgenland ins christlich geprägte Abendland. Sie sind Menschen begegnet, vor allem aus dem Land, in dem Quirinius einmal Statthalter war. Und in jedem Fremden begegnet uns Jesus selbst.

Man geht also los und kommt zu den Nächsten, das sind die, die uns am meisten brauchen. Gut ist es, wenn man dabei einen klaren Kopf behält: Besonnen, gerecht und fromm, wie es Paulus dem Titus empfohlen hat.

Die Weihnachtsgeschichte ist „heilsam” für uns. Sie will uns als Einzelne heilen, aber auch als Gemeinschaft aus vielen Verschiedenen und Fremden.

Darum wohl empfinden wir auch den Stall und die Krippe als Idyll, als „heile Welt”; darum wohl wünschen wir uns Weihnachten so feierlich und freundlich; darum versuchen wir einander Freude zu machen, Zuneigung zu zeigen, menschliche Nähe, Wärme, Helligkeit - eben weil wir es spüren, dass Gott uns heil machen will durch seine Gnade.

am Ewigkeitssonntag 2015 von Pfarrerin Susanne Pieper

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,

ein Jahr geht seinem Ende zu. Diese Tage um den Ewigkeitssonntag herum, sie sind für uns Tage der besonderen Erinnerungen. Wir besuchen die Friedhöfe. Wir schmücken die Gräber mit Liebe und Achtsamkeit. Wir erinnern uns in diesen Tagen besonders intensiv der Verstorbenen, von denen wir Abschied nehmen mussten. Von den Angehörigen, von den Freundinnen und Freunden, die uns nahe waren, von Schwestern und Brüdern aus unserer Gemeinde.

Viele Menschen gehen gerade jetzt auch nach draußen: in den Park, in den Wald, in die Natur, um Kraft zu finden. Um freien Atem zu schöpfen, im Gehen oder im Wandern.

Von einem besonderen Erlebnis in freier Natur erzählt uns Jörg Zink, der bekannte Pfarrer und Autor. In einem seiner Bücher hat er ein Bild veröffentlicht, das mich sehr angerührt hat. Und das mich nicht mehr loslässt, seitdem ich es gesehen habe. Da ist ein Baumstamm zu sehen, der Stamm eines lebendigen Baumes. Und in seiner Mitte ein friedvolles Gesicht Jesu. Aus Holz geschnitzt. Jörg Zink schreibt dazu:
„Auf einer Wanderung stand ich einmal vor einem Baum: in ihm war eine Christusfigur eingewachsen.  Vor mehr als 100 Jahren muss jemand sie dort am Stamm befestigt haben. Nun wächst der Baum, und er schließt die Figur ein. Unmerklich und still wächst die Rinde um sie herum. Und auch die offene Stelle wird vielleicht eines Tages ganz zusammengewachsen sein, und der Baum wird wieder wie unversehrt stehen, wenn auch verändert. Und Christus ist in ihm.“

„Bei diesem Bild,“ schreibt Zink, „denke ich besonders an dich. Denn die Trauer, die du empfindest, sie ist wie die Rinde bei diesem Baum. Sie umschließt unsere Lieben, nachdem sie gegangen sind, und sie lässt sie in uns hineinwachsen.“

Liebe Gemeinde, die Trauer um unsere Verstorbenen hat viele Seiten. Sie ist wie Berg und Tal, gerade in der ersten Zeit. Trauer ist auch ein langer Weg, auf dem wir zu gehen haben. Und doch kann die Trauer auch eine heilsame Kraft in sich tragen, von der Jörg Zink in diesem Bild spricht.

Wie jener Baum die Christusgestalt in sich trägt, so tragen wir die Menschen, die uns so lieb waren und es sind, in uns: wir erinnern uns an sie. Wir tragen ihre Schönheit in uns. Ihre Zärtlichkeit. Ihre Weisheit. Wir tragen ihren Kampf um mehr Gerechtigkeit in dieser Welt in uns. Aber auch ihre Lebensfreude . Ihren Humor, der ihnen eigen war. Wir tragen ihre Worte in uns. Ihre tröstenden Worte und ihre Gesten. Ihren Glauben, vielleicht auch ihren kritischen Glauben. Und den Segen, den sie uns hier und da gegeben haben, alles, mit dem sie uns beschenkt haben.

So werden sie ein Teil von uns. Sie geben uns ihre Worte, sie geben uns ihre Liebe, sie geben uns ihre Kraft. Sie bleiben unsichtbar in uns bewahrt. Wir tragen sie in uns.

Der Sänger Herbert Grönemeyer hat in seinem leidenschaftlichen Lied „Der Weg“ die Trauer um seine Ehefrau zum Ausdruck gebracht. Und er formuliert es ganz ähnlich: „Ich gehe nicht weg. Hab meine Frist verlängert. Neue Zeitreise. Offene Welt. Habe dich sicher in meiner Seele. Ich trage dich bei mir, bis der Vorhang fällt.“

Ja. Wir sind in diesem Jahr mit der Lebensgrenze konfrontiert worden. Ja. Wir wissen, was Vergänglichkeit bedeutet. Aber die Bitterkeit soll nicht das letzte Wort haben. Denn all das Schöne, das wir gemeinsam erlebt haben, das kann uns niemand nehmen. Es bleibt bei uns. Es bleibt tief in uns verborgen. Wir behüten es und wir beschützen es. Unsere Seele wird größer daran. Trotz allem Schmerz. Unsere Seele und unser Herz wird reifer daran, und wir verstehen noch einmal ganz anders, worauf es im Leben wirklich ankommt: nämlich reicher an der Liebe zu werden.

Schließlich aber, und das ist nicht von ungefähr, stellt Jörg Zink uns eine Christusfigur vor Augen, die da von einem Baum umschlossen wird.

„Auf einer Wanderung stand ich vor einem Baum, in den eine Christusfigur eingewachsen war.“ Mit diesem Bild, mit diesem Eindruck bietet Jörg Zink uns eine Botschaft an: Jesus Christus ist es, der dieser Welt sagt: „Ich bin das A und das O, ich bin der Erste und der Letzte, ich bin der Anfang und das Ende.“ Von Christus ist uns gesagt, dass er den Tod überwunden hat in der Nacht von Ostern. An ihm hat Gott uns schon beispielhaft gezeigt, dass seine Schöpferkraft zuletzt stärker bleibt als der Tod es sein kann. Neues Leben ist uns verheißen. Ein neue, eine andere, eine unvergängliche Existenz in Gottes Licht und in Gottes Gegenwart. Der Himmel ist offen. Der Himmel ist weit.

„Ich bin der Erste und der Letzte.“ So wie die Christusfigur in den Baum hineingewachsen ist, so will die Lebenskraft Christi in uns wachsen. In uns Raum gewinnen. Möchte in unserem Inneren sein. Diese Lebenskraft Christi ist nicht sichtbar, aber sie kann uns von innen her stärken. Uns trösten. Uns aufrichten.

„Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Welt.“
Sein Friede in unserer Unruhe.
Seine Hoffnung in unserem Gebeugtsein.
Seine Kraft in unserer Schwäche.
Sein Licht in unseren Tränen.

„Nun wächst der Baum und schließt die Figur des Christus ein. Unmerklich wächst die Rinde um sie herum. So steht der Baum da. Und Christus ist in ihm.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

am 15.11.2015 von Vikarin Evelin Talmon

Gnade sei mit Euch und Friede, von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

„Ach wissen Sie“, sagte der Vater, der in einem Taufgespräch dem Pfarrer gegenübersaß, „mit dem ‚lieben Gott‘ kann ich nicht so viel anfangen.“

Der Pfarrer hatte wie dann und wann vorkommt wenig bedacht in einem Nebensatz vom „lieben Gott“ gesprochen.

„Warum nicht?“, fragt der Pfarrer nach, „glauben Sie, dass Gott nicht lieb ist?“

Darauf der Vater: „Wenn ich auf einer Geschäftsreise bin und ich finde etwas, das ich meiner kleinen Tochter mitbringen kann, dann freue ich mich darüber. Und meine Tochter freut sich auch, wenn sie das Geschenk von mir bekommt. Wenn meine Tochter aber kaputt macht, was ich ihr geschenkt habe, dann bin ich ärgerlich. Ich schimpfe dann auch schon mal. Und dann bin ich gar nicht nur der ‚liebe Vater‘.

Ich denke oft, dass Gott doch gar nicht nur der ‚liebe Gott‘ sein kann, wenn der sieht, was hier auf der Erde los ist. Er hat uns die Erde geschenkt. Und was machen wir daraus? Und wie gehen wir miteinander um?

Ich kann mir gut vorstellen, dass Gott auch der zornige, der wütende Gott sein kann. Die Rede vom ‚lieben Gott‘ erschreckt mich manchmal. Ich glaube, dass wir Gott nicht gerecht werden, wenn wir einfach weglassen, dass es nun wirklich genug Fakten und Anlässe gibt, über die Gott zornig sein könnte.“

So der Vater, der seine Tochter gerne beschenkt.

Der Predigttext des heutigen Sonntages greift die Frage nach dem auf, wie wir mit uns selbst und unseren Mitmenschen gut umgehen, was uns zum Segen gereicht – und zwar in einem Bild, in einem Bild, aus einem Gerichtsprozess:

Mt 25,31-46

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!

Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.

Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben?

Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet?

Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln!

Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben.

Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.

Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?

Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.

Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke und Gefangene besuchen!

Das sind Verhaltensweisen, an denen wir uns in der Nachfolge Jesu Christi zu orientieren haben – nicht nur als Einzelne, sondern auch als Kirche insgesamt.

Und in diesem Jahr hören wir an dieser Stelle besonders hin: „Fremde aufnehmen“ – bis Freitagnacht das seit Wochen brennende Thema, das in fast jeder Kommune Deutschlands aktuell ist und die nächsten Wochen und Monate dringend bleiben wird.

Doch der Horizont der Rede Jesu vom Weltgericht übersteigt weit das, was in den kommunalen oder größeren öffentlichen Diskussionen über Armut, Flucht, Asyl verhandelt wird. Die Rede Jesu wirft die ganz existentielle Frage auf: wer ist gesegnet – und dazu: wer ist verflucht?

Dabei stehen alle Menschen, alle Völker vor dem Richterstuhl Jesu Christi: Ein Bild, das in scharfem Kontrast zur Rede vom „lieben Gott“ steht, der alles durchgehen lässt: Gottes Gerechtigkeit unterscheidet ganz genau.

Der Gerichtsgedanke gehört unauflöslich zum christlichen Glauben: „Er wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten!“

Über unser Leben richten wir nicht selbst. Was uns ausmacht, kommt uns von Gott entgegen. Am Ende und in der Tiefe erfährt unser Leben die rechte Ausrichtung von Gott her.

Das kann ein ganz tröstlicher Gedanke sein. Nicht mit dem eigenen eingefleischten, zeitbedingten und wie immer vorläufigen Urteilsvermögen sich selbst richten zu müssen, sondern Einsicht und Klarheit über das eigene Leben von Gott her zu bekommen. Er schaut uns und unser Leben an – vielleicht so ähnlich wie ein Vater seine Tochter.

So verbleibt das Gericht nicht in der Vorstellungswelt einer weltlichen Gerichtsbarkeit.

Was unser Leben ausmacht und wer wir sind, wird nicht abgeschlossen mit dem gelebten Leben. Erst in der Vollendung durch Gott als dem ganz Anderen werden sich der Sinn und unsere wahre Identität zeigen. Das Leben hier und jetzt steht unter dem Vorzeichen der Ewigkeit.

Hinter dem Gericht steht die Hoffnungsvision auf eine versöhnte Menschheit.

Doch wie verträgt sich der Gerichtsgedanke mit dem der Versöhnung? – Versöhnung ist nur möglich durch Aufdeckung, durch Offenbarwerden der Wahrheit. Im Kino ist dieser Tage der Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ angelaufen. Ein wichtiger Film, der neben der Hauptfigur die Schwierigkeiten aufdeckt, sich Schuld zu stellen und konsequent zu benennen.

„Wir werden alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi!“

Der Wochenspruch entstammt demselben Kapitel wie der Folgende:

„Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ (2 Kor 5,19)

Wer ist gesegnet? – Zu Beginn des Evangeliums nach Matthäus hält Jesus seine wohl berühmteste Rede, die Bergpredigt – einen Ausschnitt, die Seligpreisungen – haben wir vorhin zusammen gesprochen.

Selig, glückselig, sind diejenigen, die Leid tragen, sich um Frieden bemühen, die Hunger und Durst nach Gerechtigkeit haben, die selbst barmherzig sind.

»Was ihr den Geringsten unter den Geschwistern getan habt …« – Am Umgang mit den Geringsten entscheidet sich unser Leben. In ihnen begegnet uns Christus.

Man mag an Mutter Theresa oder Albert Schweitzer erinnern, an die vielen „Tafeln“ in unseren Städten und Gemeinden, an die Heilsarmee, an die Flüchtlingsheime, die Krankenhausseelsorge und Besuchsdienste, die Gefängnisseelsorge.

„Die leisen Kräfte sind es, die das Leben tragen.“ (Romano Guardini) Die Stillen im Lande, die da sind, wo es nötig ist, die zupacken, ohne viele Worte zu machen! Sie können von sich selbst absehen, nehmen sich nicht so wichtig, handeln selbstlos und uneigennützig, nehmen Abschied von dem Motto: „Sei dir selbst der Nächste!“

Gesegnet sind wir – so Jesus am Ende seines Wirkens in der Endzeitrede bei Matthäus, - gesegnet sind wir, wenn wir uns aus Mitgefühl leiten lassen. Wenn das unser Antrieb ist. Nicht aus Nützlichkeitserwägungen wie z.B. „Flüchtlinge sind langfristig gut für unsere Volkswirtschaft“. Gesegnet sind wir, wenn wir eben nicht berechnen: „was bringt mir, was bringt uns das“.

Was ihr einem der Geringsten getan habt …“ „… das habt ihr mir getan.“

Wir begegnen Christus. Das ist mehr als Pflichterfüllung. Es kommt nicht auf die Menge der Hilfeleistungen an. Wahre Menschlichkeit kommt aus der Herzensgüte, die fühlt, fremdes Leid nicht vom eigenen trennt.

Ich bin nicht der überlegene Helfer, nicht die alleskönnende und alleswissende Helferin, die anderen „armen und bedauernswerten“ Geschöpfen hilft. Vielmehr lasse ich mich berühren vom Mangel und der Bedürftigkeit – und begegne so dem eignen Menschsein in der Verwundbarkeit und Verletzbarkeit, im (leiblichen und seelischen) Hunger und Durst nach Leben, im eignen Fremdsein in der Welt und im eignen Gefangensein und Verstricksein.

Deswegen entspringt das eigene Tun nicht der Furcht vor Bestrafung – weder vor dem Jüngsten Gericht Gottes noch vor einem weltlichen.

Volkstrauertag.

Vor 100 Jahren tobte der erste Weltkrieg, ihm folgte der Zweite. Die massenhafte Tötung von Menschen mit hoher Kriegstechnik: Soldaten an der Front, in den Gefangenenlagern, Männer, Frauen, Kinder in den Bombenkeller, bei der Flucht und Vertreibung, in den Gaskammern, den Konzentrationslagern. Unbarmherziges, trostloses, sinnloses Sterben. Die Folgen sind mit den Kriegskindern und -enkeln noch mitten unter uns. Soll dies alles im Nichts enden, im toten Vergessen?

Nicht bei uns. Und vor allem nicht bei Gott.

Es wird ein Gericht geben. Es wird zur Rechenschaft gezogen – wie auch immer das aussehen wird.

Es wird ein Gericht geben.

Ein zurecht richten unseres Lebens durch Gott.

„… als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.

Gott selbst richtet uns – auf.

Und der Friede Gottes welcher höher ist als alle menschliche Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

am 18.10.2015 von Pfarrer Rainer Böhm

Von der Ehescheidung 

„Und er bricht von dort auf und kommt in das Gebiet von Judäa jenseits des Jordan, und wieder strömen ihm die Leute zu. Und wie es seine Gewohnheit war, lehrte er sie wieder.

Und es kamen Pharisäer zu ihm und fragten, um ihn auf die Probe zu stellen, ob es einem Mann erlaubt sei, seine Frau zu entlassen. Er antwortete ihnen: Was hat Mose euch geboten? Sie sagten: Mose hat erlaubt, einen Scheidebrief zu schreiben und sie zu entlassen. Jesus aber sagte zu ihnen: Angesichts eurer Hartherzigkeit hat er für euch dieses Gebot aufgeschrieben. Doch vom Anfang der Schöpfung an hat er sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die beiden werden ein Fleisch sein. Also sind sie nicht mehr zwei, sondern sie sind ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.

Im Haus fragten ihn die Jünger ihrerseits danach. Und er sagt zu ihnen: Wer seine Frau entlässt und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch an ihr. Und wenn sie ihren Mann entlässt und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch.“

Liebe Gemeinde, 

am liebsten hätte ich mich gedrückt und einen anderen Predigttext genommen. Ich bin ja selbst sozusagen Betroffener, geschieden und wieder verheiratet.

Und da sind Frauen und Männer, die zwar noch verheiratet sind, aber in ihrer Ehe Enttäuschung, Gewalt und Verletzung erfahren. Es gibt Frauen und Männer, die allein leben, ihr Gegenüber verloren oder gar nie gefunden haben. Und es gibt Frauen die mit Frauen, Männer die mit Männern zusammenleben in einer liebevollen Gemeinschaft. Was müssen sie alle empfinden, wenn sie die grossen, steilen Worte hören, die Jesus über die Ehe sagt: „Vom Anfang der Schöpfung an hat er sie als Mann und Frau geschaffen ... und die beiden werden ein Fleisch sein..“

Viele Gründe also, diesen unzeitgemässen Text beiseite zu legen. Aber dann könnte man, weil es unter uns Kranke, Behinderte, Gelähmte, Blinde und Gehörlose gibt, auch nicht gut über jene Geschichten predigen, die davon erzählen, wie Jesus Kranke und Behinderte geheilt, Blinden die Augen und Tauben das Gehör geöffnet hat. Müssten sie dann nicht ihre Krankheit oder Behinderung erst recht schmerzlich spüren? Wir kommen mit dem Evangelium ganz schön ins Gedränge, nicht nur im Blick auf Ehe und Ehescheidung. Denn es ist radikal, was Jesus uns zumutet.

*

Mit ihrer Frage, ob es einem Mann erlaubt sei, seine Frau zu entlassen, wollen die Pharisäer Jesus aufs Glatteis führen. Antwortet er: Ja, es ist erlaubt, dann rechtfertigt er die Ehescheidung und untergräbt die gesellschaftliche Bedeutung der Ehe. Antwortet er: Nein, es ist nicht erlaubt, dann setzt er sich in Widerspruch zu einem Gesetz, das im Deuteronomium (24,1) überliefert ist. Dieses Gesetz sieht vor, dass ein Mann seiner Frau einen Scheidebrief schreibt und sie verstösst, weil er etwas Anstössiges an ihr gefunden hat.

Zur Zeit Jesu gab es im Judentum verschiedene Auffassungen darüber, was unter diesem „Anstössigen“ zu verstehen sei. Jesus lässt sich auf diesen Auslegungsstreit nicht ein. Gewiss, es gibt in der Bibel ein Gesetz, das die Fälle regelt, in denen eine Ehe geschieden werden darf. Aber das ist ein Menschengesetz, das notdürftig versucht, der Tatsache gescheiterter Ehen Rechnung zu tragen. „Angesichts eurer Hartherzigkeit hat er für euch dieses Gebot aufgeschrieben.“ Aber der gute Wille Gottes ist das nicht. Vor Gott gibt es keinen einzigen Grund für die Scheidung einer Ehe. Schon für die frühen Christengemeinden war diese Haltung eine Zumutung. Matthäus hat in seinem Evangelium diesen Abschnitt von Markus übernommen. Aber er hat ihn abgeschwächt.

Jesus denkt völlig anders als wir über den Zusammenhang von Scheidung und Ehebruch. Bei uns gilt Ehebruch als Grund für die Scheidung einer Ehe. Jesus sieht das anders: „Wer seine Frau entlässt und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch. Und wenn sie ihren Mann entlässt und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch.“ Nicht schon der sexuelle Seitensprung, sondern erst die Ehescheidung und Wiederverheiratung ist für Jesus Ehebruch.

Die Liebe zwischen Mann und Frau mag erkalten, Frau und Mann ihre wechselseitigen Pflichten versäumen, Mann oder Frau lassen sich auf eine Beziehung mit einem Dritten ein, und was alles es sonst noch geben mag: Die Ehe ist wichtiger als das alles.

Für Jesus sind dies alles keine Gründe, um eine Ehe aufzulösen. In der Ehe „werden die beiden ein Fleisch sein. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“.

Aber es kann doch sein, dass eine Ehe unerträglich wird: So viel tägliches Missverstehen, so viel Enttäuschung, Erniedrigung, Beleidigung, Gewalt und Verletzung. Dann ist eine Scheidung wirklich das kleinere Übel – eine Befreiung aus einem unerträglich gewordenen Joch. Auch für die Kinder im Übrigen. Und da ist es doch hilfreich, dass es gesetzliche Regelungen gibt, die eine Trennung unter halbwegs würdigen Umständen ermöglichen. Und schliesslich: Ist es nicht eine masslose Überschätzung zu behaupten, Gott habe in jedem Fall die Beiden zusammengefügt? 

*

Jesus fragt nach dem Willen Gottes. Und er findet ihn in der Schöpfung: Die Geschichte vom Anfang der Schöpfung ist eine Vision. In ihr scheint auf, wozu die Menschen erschaffen sind. In ihr leuchtet der gute Wille Gottes auf.

Gott will nicht, dass die Menschen allein sind. „Nicht gut ist, dass der Mensch allein sei, ich will ihm eine Hilfe machen, ein Gegenüber, das zu ihm passt. Gott hat uns Menschen als sein Ebenbild geschaffen: männlich und weiblich. Und so soll auch das Füreinander-Dasein von Mann und Frau in der Ehe zum Abbild und Gleichnis für Gott werden: für seine Treue. Deshalb darf und soll vor Gott eine Ehe nicht geschieden werden. Sie ist ein Gleichnis seiner Treue.

Es gäbe für Gott ja Gründe genug, die Menschen aufzugeben. Weil wir seinen Namen vergessen und missbrauchen; ihn enttäuschen und verletzen; in seiner guten Schöpfung herumfuhrwerken, dass sie fast zugrunde geht. Aber Gott liebt seine Schöpfung. Er hält seinen Bund aufrecht, er bleibt uns auf Gedeih und Verderb verbunden. Es gibt für ihn keine Rückzugsklausel, keine Scheidung. Er kann und will nur Gott sein im Gegenüber, in Partnerschaft mit uns Menschen.

Und dafür ist die Ehe ein Zeichen und ein Gleichnis. Damit wird die Ehe nicht idealisiert. Sie ist nicht das Reich Gottes. Männer und Frauen bleiben sich in der Ehe vieles schuldig. Sie werden aneinander schuldig. Sie enttäuschen einander. Sie verletzen sich. Sie haben Gründe, einander zu misstrauen. Sie haben sich gegenseitig vieles vorzuwerfen. Sie zweifeln, ob sie wirklich zueinander passen, für einander bestimmt sind. Sie meinen oft zu kurz zu kommen. Sie liebäugeln mit andern Möglichkeiten. Es gibt schliesslich noch andere Frauen als die eigene, andere Männer als den Angetrauten.

So ist die Realität, die Ehe-Realität unserer Welt. Was Jesus über die Ehe sagt, ist ein Wort aus einer andern Welt, ein Wort vom Anfang der Schöpfung her, ein Wort vom kommenden Reich Gottes her. Eine unzerstörbare Vision, was die Ehe sein könnte, sein dürfte, was sie nach dem Willen Gottes ist: ein Zeichen und Abbild von Gottes Treue, ein Ort der Verlässlichkeit und Freundschaft.

Aber das ist kein Urteil, und schon gar keine Verurteilung der Frauen und Männer, deren Ehe scheitert. Oder der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, die in liebevoller Gemeinschaft zusammen leben. Oder derjenigen, die alleine leben. Was Jesus über die Ehe sagt, hat nichts mit Moral zu tun. Es ist nicht gesagt, um allen Geschiedenen ein schlechtes Gewissen zu machen. Jesus mutet uns die Treue zu. Er gibt uns Mut zu ihr. Es ist wirklich eine Zu-Mutung.

*

Und noch etwas gilt es nachzutragen. Jesus ist weit davon entfernt, in der Ehe die einzige Lebensform zu sehen, die dem Willen Gottes entspricht. Er selber war ja nicht verheiratet, und seine Jünger waren es wahrscheinlich auch nicht, oder sie haben ihre Frauen und Familien verlassen. Es gibt andere Möglichkeiten eines erfüllten Lebens als die Ehe.

Und eine letzte Beobachtung: Für jüdische Ohren jener Zeit sagt Jesus etwas Unerhörtes. Nicht nur der Mann, der seine Frau entlässt und eine andere heiratet, bricht die Ehe. „Und wenn sie ihren Mann entlässt und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch.“ Nach damaligem jüdischen Recht konnte nur der Mann eine Scheidung vollziehen. Die Frau war gar kein Rechtssubjekt. Sie konnte nicht heiraten, sondern nur geheiratet werden. Jesus bricht diese patriarchale Ordnung der Ehe auf. Für ihn sind Männer und Frauen gleichwertige, in gleicher Verantwortung stehende Menschen. Für ihn bedeutet die Ehe keine Überordnung des Mannes über die Frau. Jesu Ethik ist radikal.

In dem, was Jesus über die Ehe sagt, scheint das Licht einer andern Welt auf, vom Anfang der Schöpfung und vom Reich Gottes. In diesem Licht erscheinen alle menschlichen Ordnungen als gegenstandslos. Das Leben und Zusammenleben der Menschen hängt nicht mehr davon ab, was Menschengesetze erlauben oder verbieten. In diesem Licht werden Menschen, Frauen und Männer, erlöst aus der Härte ihres Herzens; dazu befreit, für einander da zu sein, miteinander in Achtung und Freundschaft zu leben, in allen irdischen Realitäten und Unvollkommenheiten die Treue Gottes zu preisen, die jeden Morgen neu ist, und für die die Ehe ein Gleichnis sein kann.

am 11.10.2015 Gospelgottesdienst mit Pfarrerin Susanne Pieper (Audio)
Gospelgottesdienst Dankeskirche
am 4.10.2015 (Erntedank) mit Pfarrerin Meike Naumann (Audio)
Erntedankgottesdienst - Dankeskirche
am 23.8.2015 von Pfarrerin Barbara Wilhelmi

über Markus 7,32-37 Die Heilung eines taubstummen Menschen

Der Friede Gottes sei mit Euch -

Liebe Gemeinde,

manche von Ihnen mögen den Spielfilm kennen: The kings speech. Er handelt von Georg dem VI, Vater der jetzigen Königin von England, Elisabeth der Zweiten. Dieser König hatte eine Sprechhemmung, er stotterte. Der einfühlsame Film erzählt die wundersame Besserung durch einen australischen Therapeuten – der als Schauspieler eigentlich keine Ausbildung als Sprachlehrer hatte. Aber er hatte sich selbst etwas Heilsames ausgedacht. In seiner Methode bezog er die frühe Lebensgeschichte des späteren Königs ein – und schaute gemeinsam mit ihm die Traumata an – und das war zu jener Zeit des ersten Drittels des vergangenen Jahrhunderts nicht allgemein üblich.

Er wandte sich ihm zu – ließ ihn das, was ihn im Inneren peinigte er-innern und aussprechen. Das löste die Zunge, sodass die zukünftigen Reden des Königs nicht mehr so furchtbar klangen - wie sie es vorher getan hatten.

Der Film erzählt eine Geschichte des Sprechenlernes, die uns zu der Geschichte aus dem Markusvangelium führt, die heute ausgelegt werden soll. Darin geht es nicht nur um das Wieder-sprechen-können und sonder auch um das Hörenkönnen:

Markusevangelium 7,32-37 (Lutherübersetzung):

Und sie brachten zu Jesus einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die
Hand auf ihn lege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in
die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte
und sprach zu ihm: Hefata! - das heißt: Tu dich auf! Sogleich taten sich seine Ohren auf
und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig. Er gebot ihnen,
sie sollten´s niemandem sagen. Je mehr sie er´s aber verbot, desto mehr breiteten sie
es aus. Sie wunderten sich übber die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht:
die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.

Über den kranken Menschen wird nichts erzählt – keine Hintergrundinformation gegeben – kein Rückbezug zur Lebensgeschichte wie bei jenem englischen König, Georg dem VI.

Dennoch kann ich mich – als selbst ziemlich Schwerhörige – gut in seine Leidensgeschichte hineinversetzen: Die Gefahren des Schlecht-Hörens sind vielfältig, z.B. die Gefahr vor ein Auto zu laufen oder in früheren Zeiten vor ein Pferdefuhrwerk, wenn man sich nur auf seine Ohren verlassen will... und da gibt es die Gefahr von Missverständnissen, die zu Konflikten mit den Mitmenschen führen, wovon noch die einfachste Version ist, dass jemand etwas zu Ihnen sagt, sie aber nicht reagieren, was als Absicht, vielleicht sogar als Arroganz ausgelegt wird.

Die größte Gefahr ist der Rückzug – sich zurück zu ziehen von Menschen und von der Teilhabe am äußeren Leben, um nicht immer mit dem eigenen Versagen konfrontiert zu werden und um sich nicht ständig anstrengen zu müssen, sich auf das Gesagte zu konzentrieren oder die Menschen zum besseren Sprechen aufzufordern, womit man sich oft unbeliebt macht...

Unsere biblische Geschichte setzt voraus, dass wir um diese Situation des Kranken wissen.. eines tauben Menschen, der möglicherweise stumm ist, weil er gar nie hat sprechen lernen können oder aber, der verstummt ist, weil er es aufgegeben hat zu sprechen aus dem einen oder anderen Grund – vielleicht wurde ihm ja in frühen Jahren verboten zu sprechen und er sollte etwas verschweigen..

Wie auch immer es gewesen sein mag, die Therapie beginnt hier, dass sich Jesus dem taubstummen Menschen zu wendet - nebenbeigesagt ist es für Hörgeschädigte immer so, dass sie wirklich wesentlich besser hören können, wenn sich das Gegenüber zuwendet beim Sprechen und den Kopf beim Sprechen nicht abdreht oder die Hand vor den Mund hält.

Jesus arbeitet mit dem Speichel – früher durchaus als heilsam bekannt und bei kleinen Kindern auch heute noch praktiziert, wenn nach einem Sturz nicht nur gepustet, sondern oft auch der Schmutz nach dem Hinfallen mit etwas Spucke weggeputzt wird. Jesus erbittet von Gott: Geist und Kraft und blickt dabei nach oben. Er seufzt, ein Ausdruck, der in Verbindung mit dem Atem steht und auch mit der Seele, denn das damalige Wort für Atem, war auch das Wort für Kehle und für Seele. Wir spüren, es war ein intensiver, tiefer Moment bis zum Kraftwort:
Hephata (Luther übersetzt Tu dich auf), das ja auch gehaucht beginnt.

Jesus verbietet anschließend, über die Heilung zu berichten. Damit ist wahrscheinlich gemeint, dass er nicht möchte, dass die Methode einfach so ausposaunt wird, damit sie vermarktet werden kann. Hier – wie auch in allen anderen Heilungsgeschichten – ist deutlich, dass jeder kranke Mensch ganz speziell behandelt wird von Jesus. Da gibt es keine 0815 Heilungsmethode, wie es die Jünger vielleicht vorher noch annehmen, denn sie gehen ja davon aus, dass Jesus die Hand auflegen könnte. Aber er macht anderes. Es kommt also darauf an, die Person ganz eigen, individuell wahrzunehmen, sich auf sie zu beziehen – hier: sich zuzuwenden und sie aus der Isolation zu holen...

Gerade das verstand Jesus aus Nazareth als praktizierten Glauben, und er hat es anscheinend von seinen Schülern und Schülerinnen erwartet, denn er fordert sie ja auf, auch selbst zu heilen und böse Geister auszutreiben, wenn er die Jünger aussendet, damit sie zu anderen Menschen gehen. Es ist Jesus wichtig, dass die ihm Nachfolgenden in der Gesellschaft heilsam wirken.

Eine Heilung wird immer das Wunder behalten – und unverfügbar sein – auch bei den ersten Jüngern, die noch direkt von Jesus die Methode haben lernen können und die leider später im Laufe der Geschichte oft als angebliche Hexerei den Christen und Christinnen ausgetrieben wurde. Aber sie bleibt dennoch Auftrag Jesu – auch an uns, die wir ja auch Jesus folgen wollen.

Schauen wir nun also noch einmal auf die Art und Weise, wie Jesus geheilt hat, ob wir etwas davon aufnehmen können:

Jesus soll geseufzt haben. Das könnte einerseits heißen, er fühlte mit dem tauben Menschen. Der Atem, das war in der früheren Vorstellung auch der Odem Gottes, der als Leben in die Menschen eingehaucht wurde und gleichzeitig auch die Seele eines Menschen war.

Jesus war also mit Leib und Seele dabei.

Das Seufzen ist aber auch ein tiefes Luft-holen, die Lungen füllen, um laut genug zu sein... im Sprechen. Wer sich in der Kraft Gottes weiß, sie erbeten hat für sich, darf selbstbewusst sein, muss sich nicht verstecken und etwa leise sprechen – so als ob es auf ihn oder sie und die eigenen Worte nicht ankäme... Und vor allem so, als ob es auf den Hörenden nicht ankäme, der sich nicht gemeint fühlen kann, nicht angesprochen..

Für mich ist das Wichtigste bei dieser Heilung das wirkmächtigen Wort Hephata - öffne Dich.

Das könnte einmal in den Himmel gerichtet, die Bitte um Kraft für die Heilung bedeuten. Es könnte – wie im Text angedeutet - auch die Öffnung der Ohren sein - nicht nur medizinisch die freie eustachische Verbindungsröhre oder auch der geöffnete Mund zum Sprechen bedeuten... Vor allem könnte Hephata heißen: Öffne Dich – für neue Situationen im Leben... Nimm wieder am Leben teil... Versuche etwas Neues... Nimm wieder Menschen wahr und mache dich selbst auch wahrnehmbar für andere... Zeige dein offenes Wesen – so wie wir es bei kleinen Kindern so lieben. Lass dich nicht vom Misstrauen leiten...

Wir verstehen ja OFFENHEIT – als das Gegenteil von Verschlossensein und Abgegrenztsein.

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In der protestantischen Kirche wurde das Hören und Sprechen zentral: Das Verkündigen des Wortes Gottes und das Hören der Botschaft wurde mehr als anderes im Gottesdienst gewertet, so verzichten bis heute die rein reformierten Gotteshäuser auf den Altar zugunsten des Lesepultes und der Kanzel.

Aber die Betonung des Hörens und Sprechens hatte nicht nur eine freie Tradition, und Offenheit gehörte Jahrhunderte lang – auch in der evangelischen Kirche - nicht zum Hören und Sprechen. Das Bibelwort „Wer Ohren hat zu hören, der höre“ wurde oft als eine Aufforderung zum Ge-horchen ausgelegt und das Sprechen war selten eine freie Kommunikation.

Auch darüber gibt es einen berührenden Film: Das weiße Band - den ich hier nur mit einem Satz erwähnen will: „Wer nicht hören will – muss fühlen“.

Und wer wie ich in den 50-iger Jahren in einem evangelischen Kindergarten war, kann möglicherweise auch mit mir die Erfahrung teilen, dass Kindern, wenn sie zuviel sprachen, an falscher Stelle oder Falsches sagten, der Mund mit einem mittelbraunen Leukoplaststreifen zugeklebt wurde. Es war nur ein kleiner Streifen, der aber höllisch wehtat, beim Abreißen... Genug der Beschreibung von sadistischen Erziehungsresten aus der Nazi- oder der Kaiserzeit, heute ist es zum Glück nicht mehr so.

Freuen wir uns mit den heutigen Kindern – auch mit den beiden vorhin Getauften – dass sie das nicht erleben werden...

Kommunikationsprozesse sind mehr als erwünscht in unserer Zeit, die Teilhabe aller weltweit vorausgesetzt, obwohl die Einschränkung auf eine bestimmte Zeichenanzahl bei Mitteilungen, auch die ständigen Bewertungen und Kommentare nicht wirkliche Inhalte von Gefühlen und Gedanken vermitteln können.
Es ist also auch in unserer Zeit ein Hephata – Tue dich auf – nötig.

Erbitten wir also ein wenig mehr Offenheit in unserem Sprechen und in unserer Zuwendung zu anderen im Hören und Reden...in unserer Wahrnehmung, ohne gleich zu Verurteilen, mit weniger Angst zu leben, mit mehr Vertrauen auf das, was mit Gottes Hilfe noch werden kann.

So können wir vielleicht uns selbst auch daran machen, den Auftrag Jesu zu erfüllen und heilsam wirken!! Erinnern wir uns wie das geht, Stumme sprechen zu lehren, wie König George, der VI, dem geholfen wurde, einmal das zu erzählen, was ihn kaputt gemacht hatte als kleiner Junge....

Wir können auch andere dazu ermutigen, das Ausgesprochene miteinander auszuhalten. Vielleicht erst einmal nur zu hören und zu schweigen, um dann das Wesentliche sagen zu können – was heilt.

Und alle diese Situationen würden damit anfangen, dass Sie sich – dass ich mich – der Person zuwende – so wie es auch hier am Anfang des Heilungsprozesses erzählt wird. Und das ist in vielen Situationen schon viel:

Den einzelnen Menschen wahrzunehmen, ohne ihn gleich einzuordnen und Menschen zu ermutigen, sich selbst wahrnehmbar zu machen für andere – das bedeutet ja „zu sprechen“.

Mitunter kann das Sich-Wahrnehmbar-Machen auch seltsame Wege gehen – unbeabsichtigt, wie von Gott geführt:

Ich erinnere mich an das Ende unserer diesjährigen Frauenkreisfahrt im Sommer, die uns zunächst nach Wittenberg und Quedlinburg geführt hatte, dann aber mit einem Stopp im Kloster Bursfelde endete. Das ist ein sehr altes Kloster, einsam an der Weser gelegen. Architektonisch soll es nach dem Michaelston gebaut worden sein, davon zeugen noch die Fresken an den Wänden und Säulen und deshalb wollte ich auch gerne, dass wir dort in dieser leeren Kirche – ohne Holzbänke und Einrichtung – singen. Eine Teilnehmerin schlug das Lied vor „Du meine Seele singe“, aber einige meinten, nicht singen zu können (auch eine Form von: Nicht sprechen zu können). Ich schlug vor, dass sich jede doch mindestens einen Ton suchen solle, ihn summend durch die Nase und dann mit geöffnetem Mund singen solle - immer hörend auf einander.. jede an der richtigen Stelle im Raum stehen. Der Gesang wurde feierlich, groß und klein in einem. Wir hatten uns wahrnehmbar – vor allem für die Pilger, die sich auf ihrer Wanderschaft an jenem Tag dem Kloster näherten. Sie fühlten sich gerufen und sprachen uns danach an. Sie sagten, wie schön das gewesen sei für sie das zu hören.

Wir hatten ihnen etwas geschenkt, dadurch, dass jede sich wenigstens an einen Ton gewagt hatte. Die Pilger wurden willkommengeheißen - fühlten sich gemeint, nur weil sich ein paar Bad Nauheimer Gemeindefrauen für eine kurze Zeit hörbar gemacht hatten, und den Mund geöffnet hatten..   AMEN

...Und der Friede Gottes, welcher höher ist als unser Denken, bewahre unsere Sinne von nun an bis in Ewigkeit.

Ansprache zur Einführung als Altenseelsorger von Pfarrer Ernst Rohleder

31. Mai 2015, Johanneskirche

Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein. (Psalm 92,15)

Liebe Gemeinde,

manchmal wollen Computer uns ja helfen.

Als ich zu Beginn meiner neuen Tätigkeit nachsehen wollte, ob diese Pfarrstelle auf der Homepage unseres Dekanats schon eingepflegt sei und ich die Suchfunktion startete, zeigte die Suchfunktion den Satz an: Nichts gefunden für Altenseelsorge. Meinten Sie Altenheimseelsorge? Nein, meinte ich nicht.

Und weil es den Menschen ja nicht anders geht als dem Computer ist der Erklärungsbedarf, wo immer ich hinkomme, groß, um was für eine Pfarrstelle es sich denn eigentlich handele, in die ich ja nun eingeführt bin, berufen, gesandt, gesegnet.

Nun, ich möchte ein paar Gedanken anreißen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, und ich freue mich, wenn wir miteinander in Zukunft über diese und andere Themen ins Gespräch kommen.

Ich habe eben als persönliches Segenswort zugesprochen bekommen: So spricht der Herr ‚Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.‘ (Jesaja 46,4)

Ich bin dankbar dafür, denn es ist ein Zuspruch, den ich dringend brauche, auch für mein eigenes Altwerden. Dieses Wort wählten viele kirchliche Äußerungen der Vergangenheit, die sich mit dem Thema Älterwerden und Altsein beschäftigten.

Dennoch: dieses Wort spricht von den Defiziten, die das Alter mit sich bringt, mit sich bringen kann. Wer nicht mehr selbst laufen kann, muss getragen werden, oder heutzutage im Rollstuhl fahren. Wäre das eine angemessene Übersetzung in inkludierter Sprache heute: Auch bis in euer Alter bin ich, Gott, derselbe, ich will euch im Rollstuhl fahren, euch mit dem Lifter heben und euch erretten. In jedem Fall spricht das Wort aus dem Propheten Jesaja von Dingen, die Gott tut und die der alternde Mensch von ihm erfährt. Und wer wollte bezweifeln, dass das gut ist und eine wunderbare Verheißung. Aber das Wort birgt die Gefahr in sich, den altgeworden Menschen als Objekt der Handlungen zu verstehen, die an ihm oder ihr getan werden, getan werden müssen, wer will das verleugnen. Gehoben werden, getragen werden, gefahren werden, geduscht werden, gefüttert werden. Und Gott sei Dank, gibt es sehr viele, die das engagiert tun: tragen, fahren, duschen, füttern. Trotzdem:

Es bahnt sich ein Perspektivwechsel an mit dem Wort, das ich als Motto über diesen Gottesdienst habe schreiben lassen: Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein. Merken Sie es: Grammatikalisch sind es in diesem Satz die Alten, die im Aktiv stehen: sie blühen, sie sind fruchtbar. Ich möchte dazu zweierlei sagen. Ich verstehe es erstens so, dass der alte Mensch hier zunächst die Würde zugesprochen bekommt, Subjekt seiner Handlungen zu sein und zu bleiben. Wirklich? Auch der dementiell Erkrankte, Veränderte? Ja, auch wenn das nicht immer einfach sein mag. Sie blühen, sie sind fruchtbar, bringen also etwas hervor, was geerntet werden kann. Lebenserfahrung, Altersweisheit, Früchte, die unsere Gesellschaft braucht. Früchte werden ja auch einmal reif, ich glaube das muss ja auch jeder älter gewordene leisten, und welch ein gewaltiger Prozess ist das: Reif werden zum Sterben, die letzte Frucht, die das Leben hervorbringt.

Ich sehe aber auch noch ein Zweites in dem Wort. Noch in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kam man, soziologisch gesehen, nach der Phase ein älterer Arbeitnehmer gewesen zu sein, nach der Verrentung schon sehr bald ins Greisenalter. Sprach man vor wenigen Jahrzehnten nach von vier Lebensaltern, Kindheit, junger Erwachsener, Erwachsener, Greis, sprechen wir heute in der Biografiearbeit eher von 7 Lebensabschnitten, die Jugend, der Ruhestand und die Hochaltrigkeit sind dazu gekommen. Dank medizinischer Fortschritte und einer langen Friedensphase in unserer Gesellschaft erfreuen sich viele Menschen im Ruhestand bis in die Hochaltrigkeit hinein ihrer Schaffenskraft, geistigem und spirituellem Interesse, sie blühen und bringen Frucht im wörtlichen Sinne. Sie stehen ganz anders als noch vor einem halben Jahrhundert vor der Aufgabe, diese zusätzlich geschenkten Jahrzehnte als geschenkte Zeit anzunehmen und zu gestalten. Deshalb gilt es für uns als Kirche, uns von überlieferten Altersbildern auch zu lösen, Potentiale und Talente wahrzunehmen und die Impulse aufzunehmen, die von den älter werdenden ausgehen.

Unsere Kirche hat ja in der Vergangenheit viele Phasen mitgemacht: Wir wollten kinderfreundlicher werden: Das war und ist dringend nötig, wir wollten familiengerechter werden, das brauchen wir auch weiterhin. Aber die Phase einer altersgerechten Kirche steht uns gerade ins Haus, damit meine ich nicht nur barrierefreie Zugänge zu Räumen und Veranstaltungen. Ich nenne ein Stichwort, das aus meiner Sicht die verschiedenen Aspekte zusammenfasst, nämlich intergenerationell. Ich glaube, es tut unserer Kirche gut, neben interkulturell, interreligiös, auch intergenerationell zu denken und zu planen. Das Praktikum oder der Tag der Konfis im Altenzentrum, das Erzählcafe der 90jährigen: „Meine wilden Jahre“, oder oder. Tatsächlich, sagte mir eine 90jährige vor einigen Tagen bei einem Besuch: Ich war ein echter Feger, ich hab es ihr sofort geglaubt!

Potentiale und Talente im 6. Lebensabschnitt, dem Ruhestand, wahrzunehmen, heißt nach dem ehrenamtlichen oder bürgerschaftlichen Engagement in dieser Lebensphase zu fragen.

Der Mediziner und Psychiater Prof. Dr. Klaus Dörner, übrigens langjähriges Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages, beginnt sein Buch: „ Leben und Sterben. Wo ich hingehöre.“ mit den Worten des bekannten Beatles Lied: „Will you still need me Will you still feed me When I’m sixty-four (das war 1966). Wirst du mich brauchen, wirst du mich füttern, wenn ich 64 bin. Wenn die Beatles diesen Song heute, also vierzig Jahre später, gesungen hätten, würden sie wohl sicher eighty-four als Alter gewählt haben, also das heutige durchschnittliche Heimaufnahmealter. Diese Erinnerung daran, wie rasant wir in den letzten Jahrzehnten gesellschaftlich gealtert sind, offenbart zugleich auch schon die Absicht seines Buches; denn die Beatles-Frage ist aktuell geblieben: Wird es für mich, wenn ich alt bin, einen anderen geben, der mich einerseits braucht und der mich andererseits füttert?“ Dörner schreibt, jeder Mensch braucht das Gefühl, Bedeutung für einen anderen, eine Bedeutung zu haben. Landläufig sagt man, jeder Mensch brauche eine Aufgabe. Aber eine Bedeutung im Leben eines anderen zu haben ist noch einmal etwas anderes: Will you still need me…

Dörner beschreibt in seinem Buch einen dritten Sozialraum als neues Hilfesystem. Dieser dritte Sozialraum ist das Feld zwischen dem privaten und öffentlichen Raum, die Nachbarschaft, der Wir Raum, in dem Menschen sich kennen und bereit werden, sich gegenseitig zu helfen. Die Kirchengemeinden sind – öder können es noch mehr werden – ein Wir Raum. Ein Raum jenseits der ökonomischen Bedingungen und Notwendigkeit, etwa eines Pflegesystems, dessen Finanzierbarkeit längst an seine Grenzen stößt.

Kirchen und Gemeinde spielen hier eine wichtige Rolle. Unsere Gemeinden können ein Gemeinschaft und Geborgenheit vermitteln.

Die EKD Denkschrift: „Im Alter neu werden“, formuliert das so:

„Wenn in Gemeinden die Verknüpfung von diakonischer Professionalität – ich denke hier an die stationären Einrichtungen und an die ambulanten Dienste – und diakonischen und gemeindlichem Ehrenamt gelingt, verändert sich das Bild der Kirche, auch das, was außen stehende von ihr halten. Dass es zum Wesen der Kirche gehört, nicht vorrangig für den eigenen Bestand da zu sein, sondern als Kirche für und mit anderen die Botschaft des Evangeliums überzeugend zu leben.

Dies ist die große und tragfähige Vision für Kirche und Diakonie: Eine Kirche, die Gemeinschaft und Solidarität ermöglicht und sich Menschen in ‚caring communities‘ gegenseitig Aufmerksamkeit und Anerkennung Hilfe und Zeit schenken.“

Besuchsdienste sind ein solcher Teil einer caring Community. Und ich denke, dadurch wird schon deutlich, es geht hier nicht um Ehrenamt, das weniger werdendes Hauptamt ersetzt, sondern um die schlichte und existentielle Frage, wie werden wir als Kirche und Gesellschaft miteinander und in Würde alt, denn diese Frage stellt uns die demografische Entwicklung. Familiäre Unterstützungssysteme brechen einfach weg. Arbeitsplätze von Kindern sind über die Bundesrepublik – und darüber hinaus – verstreut. Ich erlebe Hochbetagte, deren Kinder nicht mehr leben oder bereits selbst Hilfe bedürftig sind. Nicht umsonst sagt der Sterbende Jesus am Kreuz zu Maria und dem Jünger, den er liebhatte: Siehe das ist deine Mutter, das ist dein Sohn. Er stiftet eine Caring Community jenseits der familiären Bande.

Als Kirche sind wir nur ein Teil dieses Prozesses. Wir brauchen das Miteinander aller bürgerschaftlich Engagierter. Öffnung der Einrichtungen zu den Kirchengemeinden, Öffnung der Kirchengemeinden in die Gesellschaft hinein und umgekehrt.

Ein Beispiel: Unter der Überschrift: „Wenn der Manager zum Gärtner wird“ war in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nachzulesen:

„Social Days“ haben sich in vielen Unternehmen etabliert. Der freiwillige Einsatz von Mitarbeitern soll nicht nur sanierungsbedürftigen Schulen oder Kindergärten dienen, sondern auch der Personalentwicklung.

Der freiwillige Einsatz für gemeinnützige Zwecke – in der Managementsprache „Corporate Volunteering“ – ist vielerorts Teil der Unternehmenskultur geworden. Die Betriebe geben ihren Mitarbeitern einen Tag frei, damit sie sich für den guten Zweck engagieren.

Ich glaube, mit diesen und ähnlichen Ideen lässt sich noch viel in unserer Region entwickeln.

Ich komme zuletzt auf die Geschichte von Marias Besuch bei Elisabeth und damit auf die Bedeutung der Besuchsdienste. Meistens kennen wir diesen Text aus der Adventszeit.

Maria macht sich auf, geht ins Gebirge um ihre Verwandte Elisabeth zu besuchen. Im Haus des Zacharias begrüßt sie Elisabeth.

Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach: Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!

Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe. Und selig bist du, die du geglaubt hast!

Lassen wir mal das, was wir von Advent wissen beiseite und wechseln auf eine andere Ebene des Textes, auf die andere Deutungen verweisen: (Hans-Peter Daub) Hier spricht der Text von dem Lebendigen, was in uns ist und das sich in uns bewegt, wie ein Kind im Bauch der Schwangeren. Indem wir uns begegnen, uns für einander öffnen, uns wahrnehmen und wertschätzen, dann wird in der Begegnung spürbar, was in uns wächst und was noch werden will und was Gott weiter in uns bewegt. Menschen kommen ins Gespräch miteinander über das, was in ihnen rumort und was noch erst an Licht kommen will. Ans Licht kommen will durchs Gespräch, weil sie achtsam füreinander sind und der Geist Gottes auf der Begegnung liegt:

Im Gespräch entdecken wir im Gegenüber dem Jungen wie dem Alten einen Menschen, der dazu beiträgt, dass Gottes Zukunft wird. Im Gespräch gehen wir schwanger mit Gottes Zukunft der Welt, auch in der Altenseelsorge, weil jedes Gespräch etwas entwickelt, was noch nicht war, das blühen will und Frucht bringen. Amen

zur Konfirmation am 31.5.2015 von Vikarin Evelin Talmon

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

jetzt ist es also soweit.

Ein Jahr lang habt Ihr, Euch auf diesen Tag vorbereitet.

Ein Jahr lang habt ihr Euch mit verschiedensten spannenden Projekten und Aktionen, mit Euch selbst und mit Gott auseinandergesetzt.

Ihr ward im Konfi-Unterricht – Dienstagnachmittags nachdem Ihr bereits einen anstrengenden Schulvormittag hinter Euch hattet – das ist stark.

Ihr habt während des Unterrichts alles, was wesentlich für den christlichen Glauben ist, kennengelernt. Ihr habt nachgefragt und diskutiert.

Ihr habt verschiedenste biblische Erzählung anhand des Markusevangeliums kennengelernt – manchmal war die doch fremd und z.T. altertümlich anmutende Sprache irritierend. Aber ihr habt Euch nicht abschrecken lassen. Ihr habt Euch dem jede Woche neu gestellt.

Ihr habt Gebete selbst formuliert und Euch für andere Menschen engagiert und habt z.B. bei der Sammlung für das Diakonische Werk interessante Begegnungen gehabt.

Auf der Konfi-Freizeit haben wir uns dann ganz intensiv mit dem Vater unser beschäftigt. Und wir, das Freizeit-Team, wir haben das sehr deutlich wahrgenommen, dass es Euch ernst ist. Da war auch viel Sport und Spaß, aber das Thema Beten, damit konntet Ihr auch persönlich etwas anfangen. Und danach Euer Vorstellungsgottesdienst zusammen mit den beiden anderen Konfi-Gruppen war ein echtes Gottesdienst-Highlight!

Aber nicht nur Ihr, sondern auch Sie, liebe Eltern, Patinnen und Paten, haben sich ebenfalls ein Jahr lang auf diesen Tag vorbereiten können. Manche von Ihnen haben das Angebot der Elternprojekte wahrgenommen. Aber ob Sie diese Angebote genutzt haben oder nicht: der heutige Tag bedeutet für sie Ihre Kinder, die nun als Jugendliche vor Ihnen stehen, wieder ein Stück mehr loszulassen. Das ist gut und wichtig, aber auch schmerzhaft.

Denn aus den einstigen Kindern sind Jugendliche geworden, die ihre eigenen Vorstellungen vom Leben entwickeln. – Und das ist nicht so ganz einfach auszuhalten. Da unterscheiden sich bisweilen die Ansichten und Bedürfnisse der Jugendlichen von denen ihrer Eltern erheblich.

Gehören Sie zu den Eltern, die ihre Kinder gerne schützen wollen vor den Gefahren und Enttäuschungen der harten Realität? Und wie erleben Sie Ihre Kinder mit ihrem Drang nach eigenen Erfahrungen, nach dem Ausleben ihrer Vorstellungen, in Freiheit, außerhalb der schützenden Wände ihres elterlichen Heimes?

Das Bild hier [Vorderseite des Gottesdienstheftes] veranschaulicht diese Situation:

Ein Jugendlicher steht in der weit geöffneten Tür. Das Zimmer, das er verlässt, ist ein Kinderzimmer. Schaukelpferd und Teddybär lugen um die Ecke.

Das Bild fängt genau diesen Moment auf der Schwelle ein. Die Schwelle, der Übergang von dem vertrauten Raum der Kindheit, einem Schutzraum, der vielleicht jetzt zu eng geworden ist?

Und nun:

Über die Schwelle mit leichtem Gepäck.

Der Weg ist angedeutet, eine Treppe, die irgendwohin führt, ist noch (?) nicht zu überschauen.

Wie mag es dem Jugendlichen gehen, wie fühlt er sich?

Mutig und stark – endlich das eigene Leben in die Hand nehmen – oder auch ein bisschen unsicher und ängstlich – was mag da wohl kommen, bin ich dem gewachsen? Welcher Raum steht mir zu, welchen traue ich mir zu, einzunehmen?

Unter dem Bild steht der Satz:

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Dieser Satz ist aus einem Psalmengebet. Es geht in dieser Gebetszeile um Raum, um das Bedürfnis nach Weite, die Freude darüber, aber gleichzeitig verbunden mit dem Wissen: es gibt Grenzen, ich bin gestellt, es hängt nicht nur von mir alleine ab, wie weit der Raum ist, der mich umgibt.

Bei Kindern ist das sehr offensichtlich. Kinder werden genommen, gepackt und irgendwo hingesetzt oder -gestellt.

Verdeckter taucht das später auf:

Mitschülerinnen und Mitschüler, Lehrerinnen und Lehrer, Kollegen, Chefs oder Eltern und Geschwister, die können einem manches eng machen und begrenzen – und man muss dennoch mit ihnen auskommen.

Dazu kommt als Begrenzung noch Trauer über Abschiede.

[Zu den Konfis]

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Gott schenkt euch die Weite: die Weite eurer Möglichkeiten, eure Fähigkeiten, mit denen ihr die Welt um euch gestalten sollt und sie steht euch offen.

Wenn ihr gleich gesegnet werdet, dann bestärkt Gott sein Versprechen aus der Taufe an euch:

„Mit euch, mit dir will ich sein, ich gehe mit, ich will dich begleiten, immer.“ – das ist Gottes Versprechen.

Das begründet eine Nähe die nicht einengt, die eben nicht den Atem nimmt. Eine Nähe die ermutigen will und euch den Rücken stärken.

Unser Wunsch ist es, dass ihr dieses Angebot annehmt, eure Füße auf weitem Raum stellen lasst. Dass ihr die Weite annehmt, um euch zu entfalten und Verantwortung zu übernehmen im Rahmen Eurer Möglichkeiten.

Dass ihr die Freiheit spürt, euch entwickeln zu können und damit auch anderen diese Entwicklung ermöglicht.

Vielleicht ist die Konfirmation wie diese abgebildete Tür, eine Tür zum Erwachsenenleben. Mit dem heutigen Tag geht nicht nur das Amt eurer Patinnen und Paten zuende, sondern ihr werdet im religiösen Sinne volljährig. Kirchliche Ämter - wie eben das Patenamt - stehen euch nun selber offen. Ihr habt Euch Gedanken dazu gemacht, wie Ihr dieses Amt ausfüllen würdet, was Euch für Euer Patenkind wichtig wäre und einiges dazu notiert. Und vielleicht habt Ihr in der letzten Konfi-Stunde auch ein bisschen gespürt, dass sich etwas verändert hat im Vergleich zum Vorjahr?!

Ihr steht auf der Schwelle - Die Tür ist weit geöffnet.

Und das drückt dieses Bild eben auch aus:

Euer Elternhaus ist euch nicht verschlossen, aber ihr steht an der Tür.

Manchmal stehen da eure Eltern noch mit an der Tür. Die Rückkehr ist möglich.

Vielleicht muss es dann auch mal wieder zwischendurch Schaukelpferd und Teddybär sein, um mutig die andere Seite zu erkunden.

Noch steht alles auf Anfang. Noch ist nicht der Tag, an dem ihr draußen bleibt und euch irgendwo euer eigenes Heim einrichtet.

Die offene Tür dient nicht nur dem Verlassen, sondern auch der Rückkehr.

Und ihr werdet noch andere, schützende Räume und tragfähige Beziehungen zu Menschen, denen ihr euch anvertrauen könnt, finden. Menschen, bei denen ihr Geborgenheit und Ansporn zur Weiterentwicklung findet, die euch helfen, auf eurem Weg zum Erwachsen werden.

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Gott begleitet und unterstützt euch, indem er euch Menschen schickt, die euch mit offenen Händen und Herzen Wege weisen, die euch darin stärken, auch eigene Wege zu wagen.

Und so werdet ihr ermutigt, euch selbst zu finden.

Weil Gott euch zutraut, dass ihr etwas könnt, braucht ihr euch durch mögliche Fehlschläge nicht entmutigen zu lassen. Fehlschläge gehören zum Leben dazu.

Ihr könnt darauf vertrauen, dass Gott euch liebt, dass ihr in seinen Augen für Gott wertvoll seid. Ihr könnt Gutes für andere tun – und habt es schon getan! Ihr könnt für andere zum Anstoß werden und zum Segen.

Die Konfirmation steht für ein Wagnis, vor die Tür, ins offene Leben hinaus zu treten. Im Vertrauen auf den Gott, der dieses Wagnis segnet und begleitet.

Sich konfirmieren lassen bedeutet: Einen Schritt in die Freiheit des Lebens tun und dies im Geist der Taufe, im Vertrauen auf die Segenszusage Gottes.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum

dass wir alle – und insbesondere ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden – das erfahren,

dazu helfe und bewahre uns die Gnade Gottes,

die um so vieles höher ist, als unsere Vernunft es je sein kann,

durch Jesus Christus.

Amen.

zur Konfirmation am 24.5.2015 von Pfarrerin Meike Naumann

Psalm 119,105: DEIN WORT IST MEINES FUSSES LEUCHTE UND EIN LICHT AUF MEINEM WEG.

Motiv: gepackter Rucksack für den Lebensweg

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

liebe Eltern,

liebe Patinnen und Paten,

liebe Gemeinde,

ein Rucksack – nicht gerade klein steht hier. Da kommt bei einigen vielleicht Urlaubsstimmung auf. Oder Erinnerungen an die eigene Jugend, die Zeit des Interrail quer durch Europa. 

Ich möchte euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, und Sie alle mitnehmen auf eine kurze Phantasiereise, einen virtuellen Urlaub. Stellt euch vor, dieser Rucksack steht  in eurem Zimmer fertig zur Abreise. Wo es hingehen soll? Das ist noch unklar. Eigentlich hat euch keiner so genau gesagt, wo es lang gehen soll. Ihr dürft euch in euren Gedanken ruhig ein schönes Ziel ausmalen. Vielleicht einen warmen, weichen Sandstrand mit Palmen und blauem Meer, das leise ans Ufer plätschert.  Doch jetzt kommt die entscheidende Frage: Was packt ihr ein? Ihr wisst nicht genau was euch erwartet. Ihr braucht etwas zu essen, zu trinken, Kleidung. Da ist der Rucksack ganz schnell voll.

Leider werden wir heute nicht aufbrechen an einen sonnigen Strand auf einer einsamen Insel. Wir können also unsere Phantasiereise abbrechen. Aber die entscheidende Frage möchte ich trotzdem noch einmal stellen: Was würdest du auf eine Reise mit unbekanntem Ziel mitnehmen? Der Platz ist knapp, das zulässige Höchstgewicht darf nicht überschritten werden! Smartphone und ipod sind zum Glück so leicht, dass sie überall noch untergebracht werden können. Aber gehen wir einen Schritt weiter, gehen wir einmal weg von den Gegenständen, die dir wichtig sind. Weg von materiellen Dingen.

Was ist dir in deinem Leben so wichtig, dass du es immer dabei haben willst, dass du auf keinen Fall darauf verzichten möchtest? Was würdest du einpacken in einen Rucksack, der dich in deinem Leben begleiten soll. Was ist unentbehrlich? Es ist die Frage nach den „essentials“ in deinem Leben.

Und während ihr euch die Frage stellt, wird euch vielleicht etwas ganz Überraschendes klar: Der Rucksack, der da steht ist gar nicht leer. Er ist schon mit einigem gefüllt. Obwohl ihr noch nichts entscheiden habt, obwohl ihr noch keine Wahl getroffen habt.  Ohne euer Zutun ist ein großer Teil des Fassungsvermögens dieses Rucksacks schon ausgenutzt.  Kommt ihr darauf, was sich da alles findet?

Der Rucksack ist voll mit der Liebe eurer Eltern und eurer Familien. Mama und Papa, Oma und Opa – sie haben euch viel mitgegeben auf euren Lebensweg und sie hören nicht auf, für euch zu sorgen. Auch wenn es manchmal Streit gibt oder die Erwachsenen fürchterlich nerven – das ist überall so und das gehört auch dazu zum Familienleben mit Kinder, die erwachsen werden. In den ersten Jahren haben eure Eltern euch den Rucksack gepackt, wenn ihr in Urlaub gefahren seid – in den Familien Urlaub oder vielleicht auch schon allein auf eine Kinderfreizeit oder dann auf Klassenfahrt. Jetzt müsst ihr euren Koffer selbst packen. Und damit auch selbst bestimmen, was alles hinein soll  in den Rucksack und wohin es überhaupt geht. Natürlich habt ihr eure Eltern im Rücken, die euch gern beraten und mit euch zusammen überlegen, wie der Weg so aussehen könnte, den ihr gehen wollt.  Und irgendwann trennen sich dann auch örtlich eure Wege von denen eurer Eltern.  Aber auch dann ist die Liebe eurer Eltern und eurer Familien in eurem Lebensgepäck mit drin. Sie unverzichtbare Grundlage eures Lebens.

Und es gibt noch mehr zu entdecken in eurem Rucksack. Jetzt kommen neben den Eltern, Geschwistern und Großeltern auch die anderen Verwandten und Freunde dazu. Vielleicht auch eure Schulklasse oder eure Fußballmannschaft, die Pfadfindergruppe – die Gemeinschaft mit anderen Menschen. Die Zusammensetzung der Menschen wird immer mal wieder wechseln, ein Leben lang werden nicht alle mit euch unterwegs sein. Aber die Stärke, das Selbstvertrauen, die Zuversicht, die mir gute Freunde, eine Gemeinschaft geben, diese Zuversicht, die bleibt ein Leben lang.

Und noch jemand ist in eurem Rucksack: Gott. Er ist da, wenn ihr vor lauter Glück die ganze Welt umarmen könntet, er ist aber auch dann da, wenn sich dunkle Wolken vor die Sonne geschoben haben und tiefschwarze Schatten auf euren Lebensweg werfen. Gott ist da. Auf ihn könnt ihr vertrauen. Er ist und bleibt im Hintergrund für euch tätig.

Vielleicht werdet ihr Gottes Gegenwart in eurem Leben nicht immer unmittelbar spüren, es wird vielleicht Zeiten geben, wo er weit weg zu sein scheint. Manche von euch schauen schon jetzt auf ernste Erlebnisse zurück, wo man sich fragt: Wo ist Gott denn?

Das Erdbeben in Nepal oder der Krieg in Syrien, die Terroranschläge – es passiert so viel um uns herum auf dieser Welt, wo sich die Frage stellt: Ist Gott eigentlich mit uns auf unserem Lebensweg unterwegs? Oder sind wir nicht doch ziemlich allein?

„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinen Weg“ – Diesen  Vers aus Psalm 119 habt ihr im letzten Jahr öfters gehört – auch wenn ihr euch jetzt gerade vielleicht nichtdaran erinnern könnt.  Oft wird er im Gottesdienst am Ende der Schriftlesung gesprochen. 

Es gibt viele Wege: breite asphaltierte Straßen, holperige und krumme Wege, Einbahnstraßen und Sackgassen. Unser Lebensweg ist nie nur auf einen Typ Weg festgelegt. Es wird Zeiten geben, da ist mein Lebensweg genauso breit und super asphaltiert wie der Zieleinlauf bei einem Formel Eins Rennen, dann kann es aber Zeiten geben, in denen ich in einer Sackgasse feststecke oder mein Lebensweg ist eher holperig und krumm und es kostet unendlich viel Kraft einen Fuß den anderen zu setzen und diesen Weg zu gehen.  Was soll ich da in meinen Rucksack einpacken? Kann ich mich für alle Eventualitäten wirklich vorbereiten?

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg!

Gott geht mit uns auf unserem Lebensweg. Auch wenn wir es nicht immer greifen können. Gott ist an unserer Seite. Aber er drängt sich nicht auf. Gott geht mit wie eine Freundin, wie ein Freund, die es ehrlich und gut mit uns meint. Der uns nicht vorschreibt, wie das Leben funktioniert.  Gott will uns stützen und stärken, uns aufrichten und weiter helfen.

Gottes Wort finden wir in der Bibel. Ihr habt euch im letzten Jahr mit ganz unterschiedlichen Geschichten aus der Bibel beschäftigt. Auf der Konfi-Freizeit zum Beispiel  mit dem Vater unser. Ihr habt euch Bibelverse für eure Einsegnung  ausgewählt, die eure Hoffnung und euer Vertrauen auf Gott ausdrücken und die zeigen, was ihr euch für euer Leben wünscht.  Allen diesen Sprüchen, die wir gleich bei der Einsegnung noch hören werden, ist gemeinsam, dass sie davon sprechen, dass Gott uns Menschen nicht allein läßt. „ist Gott für mich, wer kann gegen mich sein?“ Bei allem, was uns in dieser Welt begegnet, bei allem, was uns ängstigt und uns manchmal an uns selbst, an den Menschen und an Gott  zweifeln oder sogar verzweifeln lässt, zeigen die Bibelworte, die ihr ausgewählt habt, dass Gott auf unseren Wegen mit uns ist, dass er uns nicht in der Sackgasse zurück läßt und uns nicht aufgibt. Gott geht jeden Schritt auf unserem Lebensweg mit. Das ist tröstlich und kann Mut machen und es kann uns dazu motivieren, nicht alles immer als gegeben hin zu nehmen, nicht nur in der grauen Masse mit zu schwimmen, sondern Verantwortung zu übernehmen auf unserem Lebensweg für uns selbst, aber auch für  das, was uns auf unserem Lebensweg begegnet, in unsere, Freundeskreis, in unserer Stadt, in der Welt.  „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Röm 12,21“ Mit der Konfirmation seid ihr auch ein Stück mehr Erwachsen geworden und dazu gehört es Verantwortung zu übernehmen und verantwortlich zu leben. Ihr geht eigenständig euren Weg in die Zukunft. Gottes Wort als Licht auf eurem Weg kann euch dabei helfen euren Lebensweg zu sinnhaft zu gestalten für euch und für andere Menschen. Das ist ein Gewinn.

Wie ihr seht, ist in eurem Rucksack schon einiges an Überlebensgepäck drin. Es ist natürlich noch Platz für eure ganz speziellen Ziele und Wünsche. Ihr seid mit eurem Rucksack auch nicht allein unterwegs. Viele andere sind mit euch unterwegs. Andere, die Kraft und Rückhalt im Glauben erfahren, die die Liebe Gottes in die Tat umsetze wollen und nicht vor den ganzen negativen Schlagzeilen resignieren. Viele Christinnen und Christen sind gemeinsam unterwegs, denn Gemeinschaft stärkt und gibt Halt auf dem Lebensweg.  Ich wünsche euch, dass ihr den Kontakt zur Gemeinde haltet, denn bei allen Fehlern, die unsere Kirche, das  gebe ich gern, zu hat, gibt es doch genug Grund, gern und mit Freude evangelisch zu sein.

zur Konfirmation am 17.5.2015 von Pfarrerin Susanne Pieper

Die Liebe Gottes,

die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden und liebe Gemeinde,

das ist ein besonderer Festtag heute. Wir alle haben schon eine lange Zeit auf ihn zu gelebt. Dieser Tag steht am Ende eines Jahres, das für uns alle beides ist: ein kurzes und zugleich ein unglaublich erfülltes Jahr. Ist es vielleicht gerade deshalb so kurz gewesen, weil so Vieles geschehen ist? Im besten Sinne also ein kurz – weiliges Konfijahr? Das könnte sein….

Wie auch immer - wenn ich zurückdenke an unsere gemeinsame Zeit, so waren die Stunden mit euch immer lebendig. Sie waren nie langweilig. Und ihr hattet immer soo viel zu erzählen….

Und heute all das aufzuzählen, was wir gemeinsam erlebt haben oder was Ihr auch mit Frau Talmon erlebt habt, die mich so manches Mal vertreten und unterstützt hat, das geht gar nicht. Doch an Einiges möchte ich mich heute noch einmal mit Euch erinnern.

Ihr habt Gemeinschaftsspiele gespielt am Anfang. So habt Ihr Euch näher kennengelernt und seid zu einer Gruppe zusammengewachsen. Auf diese Weise hat sich auch erfüllt, was eine von Euch zu Beginn zum Ausdruck gebracht hat, als sie schrieb: „Ich wünsche mir von unserer Gruppe, dass wir Spass haben und eine Gemeinschaft sind.“

Ihr habt Euch Ich – Kisten gebaut; jede und jeder von euch. Dabei seid ihr Euch klarer darüber geworden, wer Ihr selbst als Person seid und was zu Euch gehört. Ich wünsche Euch, dass diese Kiste Euch weiter begleitet. Dass Ihr z.B. die Merksätze dort hineinlegt, die Ihr notiert habt, als Extrakt unserer Konfistunden und die Glückwunschkarten, die Ihr heute zu Eurer Konfirmation bekommen werdet, und den Konfipass. So kann Eure Ich – Kiste zur Erinnerungsbox werden an eine wichtige Zeit Eures Lebens.

In dem Feedback zur Konfizeit habt Ihr geschrieben, dass Euch die Projekte gut gefallen haben, die ihr Euch ausgesucht hattet: ob es der Besuch im Dialogmuseum war oder das Klettern an den Eschbacher Klippen. Ob Ihr Bad Nauheim auf seine Barrierefreiheit geprüft habt oder einen Konfigottesdienst mitgestaltet habt. Ob Ihr geholfen habt beim Gottesdienst mit der Kirchenmaus oder bei einem Familiengottesdienst. Es ist viel passiert in diesem einen Jahr. Es war eine intensive Zeit. 

Ihr habt wahrhaftig nicht nur im Unterricht gesessen und habt nachgedacht; Ihr habt auch ein großes Zeichen der tätigen Nächstenliebe gesetzt, habt Euch praktisch eingesetzt. Denn Ihr habt alle Euren Mut zusammengenommen, habt als Kleingruppen Eure Hemmungen überwunden und seid über Euch selbst hinausgewachsen, als Ihr Spenden gesammelt habt für die zutiefst bedürftigen Menschen in unserer Stadt. Alle drei Gruppen haben dabei eine Summe von 937 Euro zusammen bekommen. Das Diakonische Werk dankt Euch herzlich dafür: Ihr habt Mut und Durchhaltekraft bewiesen! Und es dankt allen, die ihre Spende für diese wichtige Arbeit gegeben haben!

Ich freue mich auch darüber, dass Sie, liebe Eltern, manche Angebote wahrgenommen haben, die wir in diesem Konfijahr für Sie geplant haben. Das waren besondere und intensive Begegnungen. So sind viele neue, schöne Kontakte entstanden.

Nun ist die Konfizeit zuende. Alle Konfipässe sind ausgefüllt. Was wird nun bleiben aus der gemeinsamen Zeit? Welche Werte nehmt Ihr mit in Euer Leben, das viele Abenteuer und Herausforderungen für Euch bereit hält?

Die Antwort auf diese Fragen hat mit alle dem zu tun, was heute hier auf der Kanzel steht. Eine blaue Hortensie. Ein grüner Efeu und rote Rosen. Blau, grün und rot. Diese prachtvollen Pflanzen haben es zu tun mit dem Predigttext von heute. Mit dem, was Paulus im 1. Korinther 13 schreibt:

„Die Liebe hört niemals auf. Die Erkenntnis wird schwinden und unser Wissen von Gott ist Stückwerk. Jetzt kennen wir Gott nur unvollkommen, dann aber werden wir ihn völlig erkennen, so wie er uns jetzt schon kennt. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Am größten jedoch ist die Liebe.“

Für den Glauben, für die Hoffnung und für die Liebe stehen diese Pflanzen und Blumen. Blau: das ist die Farbe des Himmels. Der Unendlichkeit. Die Farbe der Treue und des Glaubens. Das Blau steht für den Glauben. Das Blau lädt Euch heute ein: vertraut Euch Gott an – mit Eurem ganzen Dasein. Mit Eurem Glück wie auch mit Euren Fragen. „Für mich ist Gott wie die Sonne. Für mich ist er immer da.“ So habt Ihr Gott in Eurem Vorstellungsgottesdienst beschrieben. Darum: lasst diese Sonne weiter in Eurem Leben scheinen. Ihr werdet merken, dass sich Euer Glaube im Laufe des Lebens verwandelt. Er muss sich auch mit Widerständen auseinandersetzen: in Zeiten der Not oder wenn Zweifel kommen und Fragen, die sich nicht so einfach beantworten lassen. Aber auch durch solche Zeiten wächst der Glaube. Lasst ihm Zeit dafür.

Jürgen Klopp, der Noch – Trainer von Borussia Dortmund, sagt über den Glauben: „Für mich ist der Glaube an Gott wie ein Fixstern, der immer da ist. Gott ist ein treuer Begleiter, der dir oft genau dann Kraft schenkt, wenn du gar nicht mehr damit rechnest. Der Glaube ist aber auch ein starker Rückhalt, der mir die Lockerheit gibt, mit einem Lächeln und dem nötigen Vertrauen durchs Leben zu gehen.“ 

Grün: das ist die Farbe der Natur. Die Farbe der Hoffnung. Das Grün ist gut für die Seele. Es tut gut, es beruhigt, in der Natur zu sein. Im Grünen. Es macht den Kopf wieder frei. Grün steht für die Hoffnung. Die Hoffnung hilft uns leben. Wir brauchen sie in der Tat zum Leben wie die Luft zum Atmen. Lasst das Grün der Hoffnung weiter bei Euch wachsen: hofft weiterhin darauf, dass die Menschlichkeit in unserer Welt stärker bleibt als die Unmenschlichkeit. Lasst Euch nicht davon abbringen, dass es möglich ist, diese Welt zum Besseren zu verändern. Und ich hoffe, dass Ihr uns, die Erwachsenen, dabei so erlebt, dass wir mit Euch zusammen diese Welt verändern und von falschen Wegen umkehren. Lasst Euch von niemandem die Hoffnung nehmen, dass es lohnt, für eine gute Zukunft zu streiten.

Und nun vor allem das Rot. Das Rot der Rosen ist die Farbe der Liebe und des Festes. Ohne Liebe können wir nicht sein. Sie ist unser Lebenselixier. Auch wenn wir manchmal an ihr leiden - sie treibt unser Leben an. Das Rot der Liebe sagt Euch heute: ihr seid von Gott geliebt. An jedem Tag Eures Lebens. Vertraut auf diese Liebe Gottes. Sie macht Euch stark. Und Gottes Liebe will auch in Euch wachsen. Er traut Euch zu, dass Ihr seine Liebe hineintragt in unsere Welt. Er weiß, dass Ihr das könnt. Er benötigt Euch. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten dazu. So wie Ihr es im letzten Jahr gelernt habt. Und wie es Augustinus, der Kirchenvater, gesagt hat: „Liebe und dann tu, was du willst.“ Nehmt Gottes Liebe mit in Euer weiteres Leben.

Und sollte es Euch passieren, dass Euch einmal der Glaube abhanden kommen will oder die Hoffnung oder die Liebe - dann erinnert Euch daran, dass sie alle drei seine Gaben sind. Seine Geschenke für uns. Dann bittet Gott darum, dass er Euch seine Gaben von neuem schenkt.

ER wird es tun.

Und sein Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

zu Ostersonntag 2015 von Pfarrer Rainer Böhm

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

“Sie flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.”

Das ist der Schluss des Markusevangeliums.

Die Verse danach haben spätere Leser dem Evangelium hinzugefügt. Sie sagten sich: So kann das Evangelium nicht enden. Es ist eine frohe Botschaft - und Markus sagt: Sie fürchteten sich.

Ganz anders Matthäus. Der Auferstandene erscheint den Jüngern und spricht zu Ihnen “siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Das ist tröstlich.

Oder Lukas: Der Auferstandene erscheint den Jüngern, er fährt in den Himmel. Die Jünger „waren allezeit im Tempel und priesen Gott„.

Österliche Gemeinde, wie sie sein soll. Ein gutes Vorbild.

Und Markus: „Sie fürchteten sich.“

Spätere Leser haben nach dem Muster von Matthäus und Lukas dem Markusevangelium einen tröstlichen Schluss angehängt. Damit haben sie durchaus im Sinne des Markus empfunden. Er wollte wohl das persönliche Osterbekenntnis herausfordern. Nur dass ein paar Leser sehr weit gegangen sind, indem sie sein Evangelium veränderten.

Furcht, Zittern und Entsetzen hatte die Frauen ergriffen. Es ergreift uns auch oft: Wenn wir es mit dem Tod zu tun haben: so wie in den letzten Wochen bei diesem Flugzeugabsturz. Oder wie zuletzt an einem Grab, als wir dort standen. Oder dann dieser Sturm der letzten Tage. Mit Entsetzen reagiert in der Bibel ein Mensch, wenn er Gott begegnet. An ihrem Entsetzen erkennen wir, dass die Frauen wirklich Gott begegnet sind. Beschrieben wird es nicht. Der Stein, der die Grabkammer verschlossen hat, ist einfach weg. Wir erfahren nicht, wie.

Ein Jüngling in weißem - himmlischem - Gewand, sitzt - thront - im Grab, auf der rechten Seite - der glückverheißenden, der Seite des Lebens.  Ist es ein Engel, ein Bote Gottes, der Auferstandene?

Sie entsetzen sich. Er sagt: Entsetzt euch nicht! Typischer Engelgruß. So spricht der Herr: Fürchte dich nicht; der Herr ist mit dir. Entsetzt euch nicht. Er ist auferstanden. Sie entsetzen sich.

Es ist kein Leichnam da. Wie das kommt, erfahren wir auch nicht. Er ist nicht hier, nicht im Grab. Seine Anhänger sollen nicht einen toten Helden verehren. Es ist nichts da, was man in einer Vitrine aufbewahren kann. Das geht nur mit Totem. Der Herr aber ist auferstanden, er lebt auf neue Art.

Sie verstehen nicht, fürchten sich. Diese Reaktion ist angemessen, weil etwas ganz Großes geschehen ist, das alles Begreifen übersteigt. Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Das Leben triumphiert.

Sehr früh, die Sonne geht auf. Der Sabbat, die Ruhe im Grab ist vorüber. Es ist der 1. Tag der neuen Schöpfung. Ein neuer Anfang ist geschehen. Das Osterlicht ist schon aufgegangen über den Frauen. Sie sind aber noch in den Gedanken an den Tod gefangen - wie wir. Sie bringen zwei Dinge mit zum Grab wie wir.

Zum einen: Wohlriechende Öle.

Der Wohlgeruch soll den Tod überdecken, damit er irgendwie auszuhalten ist. Wir wollen etwas tun, mit dem Guten, Schönen und Wahren umgehen, sind bereit, etwas Wertvolles zu opfern. Eigentlich wird der Leichnam vor der Bestattung einbalsamiert. Dazu war am Freitag keine Zeit mehr. Aber auch Jesus ist für sein Begräbnis und als König gesalbt worden, schon in Betanien. Nun geht das nicht mehr.

Ostern bedeutet zuerst, den Tod wirklich wahrzunehmen. Er ist das Nichts. Es bleibt nichts mehr zu tun. Auch darüber entsetzen wir uns. Wir sind noch mit dem Vergangenen und Vergänglichen beschäftigt. Das ist umsonst. Wir können ihn nicht wie ein Museumsstück bewahren. Er ist der Herr, er lebt, er ist nicht tot.

Zum andern: Wir bringen unsere Sorgen mit.

Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Er ist sehr groß. Der Angststein liegt auf unserer Seele. Vom Grab ist er schon entfernt. Wir denken, das ist zu einfach. Es darf nicht so leicht sein. Wir wollen etwas leisten. Mit unseren Anstrengungen vergrößern wir die Sorge nur, immer unsicher, ob es wohl genügt.

Neue Lebensmöglichkeiten schenkt allein Gott. Wir entsetzen uns darüber, dass all unsere Sorge umsonst ist. Das ist aber eine heilsame Erkenntnis.

Nun bekommen die Frauen zwei Dinge aufgetragen und wir mit ihnen:

Geht und sagt.

Geht zu den andern. Tut euch zusammen, die ihr zu ihm gehört. Geht ins Leben, denn da ist er. Er wird euch vorangehen. Ausgrabungen in den Grabkammern von Sorgen und Schuld, Verehrung von Totem - das bringt nur Furcht und Zittern. Bleibt nicht beim Grab stehen. Geht nach Galiläa.  Galiläa ist die Alltagswelt im Evangelium. Jerusalem ist der Ort der Feste. Da kann man nicht immer bleiben. In Galiläa ist Jesus mit ihnen gewandert, hat Vergebung zugesprochen und geheilt.

In unserem jeweiligen Galiläa, in unserer Alltagswelt erwarten wir genau das von ihm. Er geht alltäglich mit uns, steht uns zur Seite in unserem unfeierlichen Dasein.

Der Angststein schließt unser Herz ab wie ein dunkles Grab. Für uns allein ist er viel zu schwer. Wegwälzen kann ihn nur ein anderer. Er geht euch voran in den neuen Morgen.

Geht und sagt es euch gegenseitig.

Einer sagt dir: Bleib nicht im Dunkeln zurück. Das Osterlicht scheint schon. Geh in deinen Alltag, er wird dir vorangehen und dir den Weg zeigen. Das Wort richtet dich auf, du kannst nicht sagen, wie. Aber dein Herz wird leicht. War es ein Engel, der zu dir sprach, ein Bote Gottes, der Auferstandene?

Jesus hatte bei Wundern Schweigen geboten. Keiner hatte sich daran gehalten, sie haben geredet.

Jetzt wird ihnen geboten zu reden und sie schweigen.

Schweigen ist allemal besser als verständnisloses Plappern. Das Auferstehungswunder entzieht sich allen Begriffen. Wir sind sprachlos.

Irgendwann werden wir genug geschwiegen haben. Das Entsetzen wird weichen. Dann werden wir reden können.

Es wird Morgen werden, wir werden einen Weg erkennen. Wir werden gehen und sagen.

Das Evangelium bekommt viele persönliche Schlüsse, deinen und meinen.

Deshalb lässt Markus das Ende offen. Er kann es nicht für uns schreiben. Keiner kann das für den anderen vorschreiben. Jeder hat seinen eigenen Ausgang aus dem Grab. Mit jedem findet Gott einen Weg ins Osterlicht.

Wir sollen das Evangelium nicht zuklappen und sagen: Unglaublich war das damals. Wir schreiben es fort. Es weist in unser jeweiliges, ganz normales Leben. Da findet das Evangelium seine Fortsetzung. Die drucken wir nicht in die Bibel, wie es vor langer Zeit einige mit dem Markusevangelium getan haben. Das Evangelium hat einen offenen Schluss. Offen für Gottes Weg mit jedem einzelnen. Der Herr ist auferstanden.

Amen.

zur Christvesper 2014 von Pfarrer Rainer Böhm

Wie Josef schon – Weihnachten zu Hause sein … 

 „Es begab sich aber zu der Zeit,.."                           Lk 2, 1 - 20 

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend, 

1. Sie haben diese Worte unzählige Male gehört, selber vorgelesen, gespielt gesehen. Man sollte meinen, irgendwann reicht´s. Es ist alles gesagt, alles bedacht! Aber kaum beschleicht einen solche ketzerische Ehrlichkeit, geschieht etwas Merkwürdiges: Die Geschichte wird wach, unruhig, lebendig wie ein Kind, das ins Bett soll. Hast du dich eigentlich schon mal gefragt, fragt Sie die Weihnachtsgeschichte, warum dieser Josef zu dieser allerersten Weihnacht nach Hause fährt? ...da machte sich auf auch Josef aus Galiläa ... in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war ... Warum wollen Josef und seine junge Frau Weihnachten im Heimatort sein? Wegen der Volkszählung? Diese Begründung traf schon zu Lukas´ Zeiten nicht ganz ins Schwarze. Die Zählung wurde von vielen Juden boykottiert. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa. Vielleicht, überlegt die Weihnachtsgeschichte, vielleicht fährt auch Josef nach Hause, weil ihn dasselbe seltsame Heimweh befällt wie uns. Zugegeben, es ist ein Gedankenspiel. Aber lassen Sie uns doch mal davon ausgehen.

Kennen Sie auch diese eigenartige Gravitationskraft? Weihnachten wollen alle zuhause sein, unter Freunden, mit den Kindern, den Großeltern, Geschwistern. An einem der Feiertage braucht es die Wiedervereinigung. Wenn es ausfällt, dann fehlt was. All die amerikanischen Driving-home-for-Xmas-Sentimentals würden längst nicht mehr gespielt, wenn es anders wäre. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa ... in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem. Das Christkind kommt zuhause in Bethlehem zur Welt, wo Josef her ist und wo seine Familie lebt, das entschieden die ersten Christen. So war´s verheißen. Da gehört es hin. So hat Lukas es uns in die Weihnachtsgeschichte geschrieben. 

2. Dabei wissen wir: Das biblische Weihnachten lässt sich nicht in Wohnzimmern einsperren. Es ähnelt unseren Tagesschaunachrichten auf schauderhafte Weise. Kindermassaker, Söldner und Milizen, Flüchtlingsdramen - das ist die Kulisse der ersten Weihnacht. Und was uns nahe geht, das sind die Menschen: Maria und Josef, Hirten und Weise, denen sie später Namen gaben, und die an Heiligabend zur Familie gehören, auch wenn sie so ein komisches Deutsch sprechen: Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot ausging vom Kaiser Augustus... - wissen Sie noch, wo Sie das zum ersten Mal gehört haben? Daheim, im Licht der Kerzen? Oder in der Kirche in Ihrem Ort? Wie alt waren Sie da? Roch es nach Tannengrün, Harz und Streichhölzern? Wurde gesungen? Was wurde gegessen? Was war das erste Weihnachtsgeschenk, an das Sie sich erinnern? Und wer war damals dabei, wer gehörte zu Weihnachten dazu?

Wenn wir im hohen Alter allmählich unser Gedächtnis verlieren, gehören Weihnachtserinnerungen zum letzten Wachbestand. Weder Erwachsenenklugheit noch Lebenserfahrung können das löschen oder lächerlich machen. Luthers Sprache und Weihnachtsmelodien lösen eine Bilderflut in der Seele aus. Weihnachten holt zusammen, was zusammen gehört. Und manchmal, in stillen Minuten des Festes, stellen sich sogar jene ein, die gar nicht mehr da sind, aber früher immer dazu gehörten. Es mag kitschig klingen, aber es ist so: Weihnachten ruft uns heim, und zu Weihnachten sollte man zuhause sein. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa...in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war...mit Maria. 

3. Und genau an diesem Punkt, wo es so richtig familiär und idyllisch wird, genau da schiebt die Weihnachtsgeschichte das nächste Stück Realität nach. Als Maria und Josef daselbst - d.h. zuhause, in Bethlehem - waren, kam die Zeit, da sie gebären sollte. Und Maria gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Josef und Maria kommen nach Hause und passen irgendwie nicht rein. Sie kommen heim, wollen ihre Plätze einnehmen, in ihre Weihnachtsrollen schlüpfen und stellen fest: Das passt nicht mehr wie angegossen. Ich platze aus den Nähten. Alle erwarten, man sei ganz der Alte, und man ist eben nicht mehr so wie früher. Josefs Eltern bleiben Eltern ihres Sohnes, aber es ändert sich etwas, wenn die Kinder selber Eltern werden. Maria hat ein eigenes Kind dabei, das Platz braucht, das Prioritäten verschiebt. Die Weihnachtsgeschichte erzählt, Maria und Josef kommen nach Hause, und dann ist kein Platz. Und was passiert: Die drei werden nach unten geschickt, zwischen die Schafe und Ziegen, dorthin, wo im Haus der Stall war. Maria gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Auch wenn es bei uns nicht so ist: aber immerhin! Während wir hier zum Gottesdienst beisammen sind, gibt es auch die Unglücklichen. Menschen, die an Heiligabend heimatlos sind. Die Patienten in Krankenhäusern und Reha-Kliniken, in einer fremden Stadt über die Feiertage. Diejenigen, die sich in dem alten Fest nicht mehr zu Hause fühlen können. Die Trauernden, die nun alleine sind. Und denken Sie nur an die Leute, die als Flüchtlinge in unsere Stadt gekommen sind, und von denen nicht wenige bis vor kurzem Weihnachten als Familienfest gefeiert haben. Und jetzt gibt's kein Zuhause mehr, nur ein Zimmer mit fremden Möbeln, und eine Umgebung, die nicht weiß wohin mit ihnen. - Es gibt viele Menschen, die heute das Gefühl haben, nicht reinzupassen. Die spüren: es ist kein Raum in der Herberge

4. Menschen brauchen ein Zuhause. Zugleich sorgt das Leben dafür, dass wir keine bleibende Stadt haben. Das ist der Heiligabendspagat. Die Weihnachtsgeschichte erzählt, die Lösung liege nicht in unserer Hand. Zur Lösung brauche es Hilfe von außen, brauche es einen Löser. Einen Er-Löser, in Luthers Bibeldeutsch einen „Heiland". Und es braucht einen himmlischen Boten, einen „Engel des HERRN", der für Klarheit sorgt, der sagt, was gesagt werden muss: Ihr könnt das Problem nicht lösen. Ihr könnt euer Zuhause nicht konservieren. Ihr könnt die Zeit nicht anhalten und nicht zurück drehen, dass alles ist wie früher. Weihnachten heißt nicht, wir feiern uns und das, was einmal war. Euch ist heute der Heiland geboren, der Erlöser, der Lösungswege weist und bahnt. Weihnachten, sagt der Engel, ist etwas, was heute geschieht. Gott selbst mogelt sich in unser Leben, in dem nichts bleibt, wie es ist. Gott sucht sich einen Platz in der Welt, die keinen Platz für Gott hat. Der große Himmel macht sich winzig und kriecht in die kleinste Hütte, ins engste Zimmer, und ins einsamste 200-qm-PenthouseAppartment. Es braucht eigentlich weder Lametta noch Festtagsreden – in einem Stall schafft Gott sich Raum, und Sein Zuhause. Und sagt: ICH bin da. Mach dir keine Sorgen, du musst MICH nicht einquartieren. ICH bin da.

Und wenn Sie heute Abend und in diesen Festtagen die Häupter Ihrer Lieben zählen, und es fehlt jemand; jemand, den Sie wirklich vermissen, weil sie/er wichtig war und es ohne sie/ihn irgendwie nicht richtig Weihnachten werden will, dann lesen Sie die alte in- und auswendig bekannte Bibelgeschichte noch einmal nach, Wort für Wort. Und dann werden Sie merken, wie aus dem leeren Platz eine Chance wird.

Sagen Sie: Lieber Gott, mir fehlt jemand. Hier ist Raum in der Herberge. Und Gott wird sagen: Das trifft sich gut! ICH komme!

Amen

am 9.2.2014 von Pfarrerin Susanne Pieper

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

Licht macht Laune. Das Licht beeinflusst die Stimmung. Je mehr und je länger die Sonne scheint, umso besser fühle ich mich. Wolkenverhangene Tage dagegen schlagen mir aufs Gemüt. Und je trüber ein Tag ist, umso mehr freue ich mich über jedes Licht.

Licht macht Laune. Daran erinnern mich an jedem Tag die kleinen Sonnenkollektoren in unserem Vorgarten, auf dem Weg vom Pfarrhaus zum Gemeindeamt. Wie Steine sehen sie aus. Ihre Solarzellen nehmen das Tageslicht auf und geben es umso heller in der Dämmerung und in der Dunkelheit ab. Manchmal richte ich dann beim Anblick dieser kleinen Sonnenfänger meinen Blick nach innen. Und frage mich: „Leuchtet eigentlich auch etwas in dir? Wie ist es eigentlich mit dem Licht in dir bestellt?“

Vom Licht, vom Glanz außerhalb und im Inneren des Menschen spricht auch der Predigttext dieses Tages. Er ist uns vorgeschlagen aus dem 2. Petrusbrief 1,16-19:

„Wir sind nicht ausgeklügelten Märchen gefolgt, als wir euch die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus bekannt gemacht haben. Sondern wir haben seine Herrlichkeit selbst gesehen.

Er empfing von Gott ,dem Vater, Ehre und Preis durch die Stimme, die zu ihm kam von Gottes Herrlichkeit: ‚Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.‘  Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren.

Umso fester haben wir in uns das profetische Wort, und ihr tut gut daran, darauf zu achten. Es ist wie ein Licht, das scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.“

Ein geheimnisvoller, ein poetischer Text.

Der Verfasser dieses 2. Petrusbriefes wendet sich an die Christen des beginnenden 2. Jahrhunderts nach Christus. Sie sind schwer verunsichert. Denn die Wiederkunft Jesu, mit der sie längst gerechnet haben, ist immer noch nicht eingetroffen. Sie warten. Und sie sind dem Spott ausgesetzt - dem Spott ihrer Zeitgenossen, die sich über sie lustig machen und sich über sie überheben, und die das Naheliegende aussprechen: wenn die angekündigte Parusie, die angekündigte Wiederkunft eures Jesus nicht eintrifft, dann stimmt auch alles Andere nicht an eurem Glauben.

Dagegen nun wirft der Verfasser unseres Briefes mehrere Argumente in die Waagschale. Er erinnert daran, dass „tausend Jahre vor Gott sind wie ein Tag und ein Tag wie tausend Jahre“ (Psalmen), dass es ein Zeichen von göttlicher Barmherzigkeit ist, wenn er den Menschen bis zur Ankunft Christi noch mehr Zeit lässt, um zu Gott umzukehren. Und er verweist darauf, dass trotz aller zeitlichen Verzögerung der Glaube an Gottes kommendes Reich ungebrochen ist. So heißt es auch im selben Brief:“ Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt.“

Das Neue also wird kommen, so sicher, wie die Augenzeugen einst die Verwandlung Jesu auf dem Berg Tabor gesehen haben, so sicher, wie der Himmel und die Erde sich in diesem besonderen Moment nahegekommen sind, wie sie sich berührt haben.

In unserem Brief macht der Verfasser den verunsicherten Christen Mut. Er tut es in sehr poetischen Worten, wenn er sagt: „Achtet auf Gottes Wort wie auf ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.“

Der Morgenstern - zur Zeit und besonders am 15. Februar sieht man ihn, die Venus, besonders hell am Sternenhimmel, bevor die Sonne aufgeht.

Ursprünglich waren der Tagesanbruch und das Aufgehen des Morgensterns biblische Symbole für ein künftiges, kosmisches Geschehen. Doch nun lesen wir: holt dieses kosmische Geschehen schon jetzt in eure Gegenwart, holt es in euer Herz. Das meint: haltet euch mental nicht auf in einer fernen Zukunft. Überlasst die Wiederkunft Jesu ruhig Gott. Haltet euch auch nicht nur in der Vergangenheit auf, sondern seid mit allen Sinnen in eurer Gegenwart. Holt das Licht des künftigen Geschehens schon heute in euer Herz. Hier und heute lebt ihr. Hier und heute ist es eure Aufgabe, euer Leben zu gestalten. Gottes Wort und Gottes Licht ist ja auch heute schon für euch da!

So fordert der 2. Petrusbrief auch uns heute auf, die Jetzt – Zeit wahrzunehmen und mit zu prägen. In unseren Berufen, in unseren Familien, in unserer Gemeinde, in unserer Gesellschaft. Dieser Brief macht uns Mut, heute bewusst zu leben und uns nicht an eine ferne Zukunft zu verlieren. Aktiv zu sein - so lange, bis Gott etwas Anderes geschehen lässt. „Und wenn morgen die Welt unterginge, so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

In der Jetzt – Zeit erfüllt und lebendig leben, das möchten wir ja auch. Es ist eine große Sehnsucht in uns, erfüllt zu leben. Es ist eine große Sehnsucht in uns, mit Freude und Zufriedenheit zu leben, innerlich lebendig zu sein, das Licht in uns zu haben. Im Grunde ist eine große Sehnsucht in uns, Gottes Licht in unserem Leben zu finden.

Liebe Gemeinde, ich habe mich gefragt: wie können wir Gottes Licht in unserem Leben entdecken? Wie ist das möglich?

Drei Beispiele sind mir dazu eingefallen.

  • Wir finden Gottes Licht in unserem Leben, wenn wir wieder einmal Zeit haben. Wenn wir spüren: wir können einfach einmal da sein. Nur da sein, ohne Zweck. Ohne das Abhaken von unseren To –Do – Listen. Einfach so. Einatmen und ausatmen. Das muss ja nicht nur im Urlaub sein. Es kann ja auch zwischendurch geschehen. Da fällt Gottes Licht in unser Leben.
  • Wir können Gottes Licht in der Musik finden. Musik hören oder gemeinsam singen - da kann Gottes Licht in unser Leben fallen. Kürzlich traf ich einen älteren Herrn, der Mitglied in der Kantorei unserer Gemeinde gewesen ist. Voller Freude, mit strahlenden Augen erzählte er mir: “ Ich bin so froh, dass ich im letzten Jahr noch die Schöpfung von Haydn mitsingen konnte!
  • Göttliche Lichtmomente finden wir auch in guten Gesprächen, in Begegnungen, wo wir spüren: da wendet sich jemand mir ganz zu, ist ganz bei mir und nimmt mich ernst. Fröhliche Feste gehören auch dazu: vielleicht ein Tauffest, ein besonderer Geburtstag oder ein Ehejubiläum. Lichtvolle Momente, diamantene Zeiten sind das, und der Dank dafür macht unser Leben hell.

Vom 2. Petrusbrief her hören wir es: „Lasst das Lichtvolle, lasst das Glanzvolle in euer Herz und lasst es groß werden! Daraus gewinnt ihr die Kraft für euren Alltag. Und ihr müsst dabei nicht nur von eurer Erinnerung leben. Gott schenkt euch mehr! Gott schenkt euch heute sein Wort. Es ist das Wort von seinem Sohn, der den Himmel auf die Erde gebracht hat, der den Menschen mit Liebe begegnet ist und mit Verständnis, der sie gelehrt hat, was Versöhnung heißt und wie der Frieden möglich ist.  Dieses fleischgewordene Wort Gottes ist und bleibt das Licht eures Lebens. An ihm könnt ihr euch ausrichten.“

Licht schenkt uns Gott auch mit dem Wort der Bibel. Ich denke dabei an eine Frau aus unserer Gemeinde, die vor einigen Jahren aus Kasachstan nach Deutschland ausgewandert ist. Dort, damals, unter kommunistischer Herrschaft, hatte sie zusammen mit ihrem Mann eine kleine Hausgemeinde geleitet. Aus dieser Zeit hatte sie ein Notizbuch aufbewahrt - vollgeschrieben mit Auslegungen zu vielen Bibelstellen. Dieses Buch hatte sie mitgenommen nach Deutschland - eine von wenigen Habseligkeiten, mit denen sie gekommen war. Es war ein Buch voller Licht, für sie und nun für ihre Familie.

Licht schenkt uns Gott mit seinem Wort. Wir können uns mit diesem Wort beschäftigen. Können auf den Worten der Bibel herumkauen, wie D. Sölle es einmal sagte, können auch mit ihnen kämpfen. Und wenn wir wieder etwas mehr von ihnen verstanden haben, dann wird Gottes Wort in uns leuchten; es wird uns und den Menschen um uns herum Hoffnung schenken. Wir werden es erleben.

…Ach ja, und wenn ich wieder vorbeigehe an den Sonnenfängersteinen bei uns, vor dem Haus, und wenn ich unterwegs bin zum Gemeindeamt oder zur Post oder zum Hausbesuch, dann werde auch ich mich erinnern, welches Licht in mir leuchten kann: Gottes gutes Wort, das mich anspricht, das mir den Alltag hell macht. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

am 4.3.2012 von Pfarrer Dr. Ulrich Becke

Predigt an Reminiscere 4.3.12 Dankeskirche

Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.

Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.

Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!

Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde.

Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.                       (Jes 5, 1 – 7)

Liebe Gemeinde, 

die Stimmung ist feucht-fröhlich in Jerusalem: das alljährliche Weinfest wird gefeiert – genau wie bei uns in Bad Nauheim im Sprudelhof. Obwohl das eigentlich ein religiöses Fest ist wie unser Erntedankfest, ist es doch auch wie jedes Weinfest ein Ort der Ausgelassenheit. Kaum einer ist nüchtern, das Mittrinken scheint eine religiöse Pflicht zu sein wie in der jüdischen Tradition am Vorabend des Schabbat, an Pessach und beim Purimfest. Uns offiziell asketischen Protestanten, die wir oft lieber sieben Wochen ohne (oder gar 52 Wochen ohne…) leben, kommt das komisch und unverständlich vor.

Aber: harte Arbeit liegt hinter den Winzern. Wenn sie religiös sind (und das sind damals auch nicht alle), sehen sie den Weinstock als großes Gottesgeschenk – und für die anderen ist er eben eine hohe Kulturgabe. Trauben gehören im alten Israel zu den so genannten sieben Früchten des Landes. Das sind in der Bibel Weizen, Gerste, Feigen, Granatäpfel, Oliven, Datteln und eben Trauben – also die Ernte des gelobten Landes, in dem Milch und Honig fließt. Überschäumende Feststimmung herrscht also in der Stadt und auf dem Land  an diesem Tag. In Jerusalem tritt nun, zunächst unbemerkt, einer hinzu, der nicht unbedingt beliebt ist beim Volk (und auch nicht bei den Herrschenden: Jesaja, der Mahner und Kritiker im Auftrag Gottes.

Als sie ihn erkennen, stoßen die Leute sich verstohlen an: was will er hier, er, der Land und Leute kritisiert und mahnt? Die Leute niedermachen wegen ihrer Fröhlichkeit? Askese predigen, wo alle feiern? Will er wieder der Störenfried sein? Gesichter und Blicke werden hart. Dann kommt jedoch die große Überraschung: Jesaja greift zur Laute und beginnt zu singen. Es wird schnell still vor lauter Überraschung, der Coup scheint gelungen.

Aber: Was singt er denn da? Von seinem Freund und dessen Weinberg? Großes Gegröle, einander Anstoßen und allgemeine Erleichterung. Klar, das kennt doch jeder! Weinberg und Besitzer: das sind bekannte Bilder, Bilder für einen Mann und seine Geliebte. Für uns heute ist das schwierig zu übertragen, ich versuche es:

Es ist Weinfest in Bad Nauheim im Sprudelhof. Der Sänger singt: „Mein Freund hat einen Hasen, der hat ziemlich viel Holz vor der Hütte“. Der Sänger meint keinen Brennholzstapel vor dem Hasenkäfig… Jedem ist klar, was gemeint ist. Alle warten gespannt auf die Geschichte des Liedes. Genauso das war damals vor 2700 Jahren in Israel: Die Hörer grölen bei den Pointen, jeder weiß, wie das gemeint ist: umgraben und einen Turm bauen und so weiter…

Gleichzeitig bleibt Jesaja aber auch in der Ebene der Winzer: was sein Lied schildert, ist typische Weinbergsarbeit. Und jetzt kommt die negative Überraschung: die Missernte trotz aller Bemühungen des Winzers bzw. auf der erotischen Ebene die Untreue der Geliebten. Schadenfrohes Gelächter der angetrunkenen Hörer ist die Folge.

Aber jetzt kommt die dramatische Wende des scheinbar lustigen  Volkssängers: die Rache des Winzers oder eher des Liebenden, Zerstörung, Bestrafung, Gewalt – und noch ein dramatischer Schlag auf dem Gipfel der Spannung:

Ich will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Endlich ist völlig klar, wer da spricht: das kann nur Gott sagen. Unbequemes Frösteln bei manchen Hörern: wir sind gemeint, unser Land, der Undank der Menschen gegenüber Gott, der uns Land und Fruchtbarkeit und Zukunft gab. Sein Bund ist gebrochen worden. Der Prophet Jesaja hat sehr ernst Gottes Strafgericht angedroht. Aber: das sind doch gewiss die anderen, die er meint! Wir sind doch immer in Ordnung gewesen, wir feiern heute ja auch aus Dankbarkeit gegenüber Gott! Und mit einem Male herrscht Unsicherheit und Katerstimmung auf dem bis dahin so fröhlichen Weinfest…

Liebe Gemeinde, wir können jetzt leicht  den Fehler der damaligen Hörergemeinde nachmachen: es geht nicht gegen uns, es geht gegen das undankbare Israel, das nicht mehr verdient, Gottes Volk zu heißen.

Der christliche Antisemitismus wuchert als giftiges Unkraut in alten und dunklen Ruinen unserer evangelischen Kirche und tarnt sich jetzt nur als Antizionismus. Nein, liebe Gemeinde, wie damals: wir sind gemeint – du und du und ich, wir alle!

Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Nicht Kirchgang und fromme Sprüche retten uns in einer Welt, in der Nord und Süd durch heftige Ungerechtigkeit getrennt sind, in der unser globaler Wohlstand im Norden auf der himmelschreienden Armut im Süden beruht und sie weiter bedingt. Auch bei uns sagen ja viele sehr  leicht angesichts aller Ungerechtigkeit bei uns und in der Welt: die sind doch selber schuld am eigenen Scheitern, jeder kann seines Glückes Schmied sein!

Bei seiner Amtseinführung hat der neue evangelischen Landesbischof in Bayern, Bedford-Strohm, im Oktober 2011 gesagt:

Aus der Sicht christlicher Ethik muss eine Gesellschaft, wenn sie sich auf die christlichen Grundwerte beruft, bereit sein, von dem vielen Reichtum, der in der Gesellschaft vorhanden ist, auch die Menschen zu unterstützen, die entweder weniger Glück im Leben gehabt haben oder auch viele Fehler gemacht haben. Diese Menschen dürfen nicht allein gelassen werden.

Was sagt Jesaja von Gott?

Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Das klingt uns in diesen Tagen sehr aktuell im Ohr: Rechtsbruch und Geschrei über Schlechtigkeit, wo die Debatte über den Ehrensold des zurückgetretenen Bundespräsidenten überall geführt wird – nur ein Beispiel aus unseren Tagen. Und gewiss wird jede und jeder eigene Beispiele finden – aber auch bei sich selbst suchen müssen, wie damals Jesajas Hörer in Jerusalem.

Ob wir eine Missernte einfahren oder ob wir Frucht tragen im Weinberg Gottes – das liegt an uns. Darüber nachzudenken und miteinander zu reden, dazu lädt uns der Prophet auch heute ein.

Gott schenke uns ernsthaftes und selbstkritisches Nachdenken darüber, das Früchte trägt in unserem Leben, in unserer Welt. 

Amen.

 

 

 

am Fassnachts-Sonntag 2012 von Pfarrerin Claudia Niegsch-Marwitz

An diesem Sonntag steht der Sinn

bei vielen auf die Fastnacht hin.

Drum, ihr Lieben, will ich’s heut wagen,

gereimt die Predigt vorzutragen.

So wie's in manchen Kirchen Brauch,

so halte ich's heut morgen auch.

 

Es geht um Amos, den Propheten,

doch hören wir ihn hier nicht beten.

Er spricht von dem Zorn des Herrn,

davon sollen wir jetzt hörn -

als Ausnahm hier in dem Gedicht,

denn was er sagt, reimt sich nicht.

 

Propheten konnten wohl gut dichten,

doch reimen taten sie mitnichten;

in hebräischer Poesie

findet sich das Reimen nie.

So hört, was Amos allen schwur

in ungereimter Prosa nur.

 

[Predigttext Amos 5, 21-24:]

Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie

und mag eure Versammlungen nicht riechen.

Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert,

so habe ich kein Gefallen daran

und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.

Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder;

denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!

Es ströme aber das Recht wie Wasser

und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

 

Ja, das hat man nun davon:

Da geht man in die Kirche schon

und wird sogleich dafür beschimpft

von Amos, der die Nase rümpft

(in seinem Buch, Kapitel Fünf).

 

Die Gottesdienste machen’s nicht,

auf Opfer ist Gott nicht erpicht,

nicht hören will er unser Singen

und wenn Instrumente klingen.

 

Ja, ihr Leut, es fragt sich nun,

solln wir das denn nicht mehr tun?

Die Pfarrer predigen doch vor:

„Geht in die Kirche! Kommt zum Chor!“

Was ist denn dabei verkehrt,

dass sich Amos so beschwert?

 

So lasst uns in Gedanken reisen

 

in Israels vergangne Zeiten

und schauen, wie es damals stand,

und was uns davon scheint bekannt.

Warum sprach Amos seinerzeit

von Recht und von Gerechtigkeit:

»Nur wenn die wie die Ströme fließen,

dürft Ihr das Leben auch genießen.«?

 

Gott hatte Israel gegründet,

und ein Grundgesetz verkündet

an Mose auf dem Sinai

als Überlebensstrategie.

»Die 10 Gebote und noch mehr -

sie sind Euch Hilfe. Bitte sehr:

 

Du sollst nicht töten und nicht stehlen,

dann wird an Gutem Dir nichts fehlen.

Du sollst die Ehe niemals brechen

und immer halten Dein Versprechen.

Du sollst nicht fremdes Gut begehren

und allen bösen Taten wehren.«

 

Doch wie das ist in dieser Welt:

Auch damals zählten Macht und Geld

viel mehr als religiöse Werte.

Mit Unrecht man sein Gut vermehrte.

Wer konnte, boxte sich nach oben

und hielt gewaltsam sich dort droben.

 

Die Reichen wurden immer reicher

sie bauten immer größre Speicher,

die andren aber – Gott erbarm

die wurden dabei bettelarm.

Denn war einmal die Ernte spärlich

so war's für jene gleich gefährlich.

 

So manches Mal in ihrer Not

wurd’ aus dem Saatgetreide Brot.

Kam dann das Frühjahr in das Land

kein Körnchen man zur Aussaat fand.

Und Mutter sprach zu ihrem Kinde:

 

„Geh zu des Großbauern Gesinde

und höflich frag den reichen Mann

ob er uns nicht was leihen kann.“

Der aber sprach mit einem Grinsen:

"Oh sicher, ja! - Doch - ich will Zinsen."

So ging das ganze Jahr um Jahr

bis alles dann sein Eigen war.

 

So pressten sie die Armen aus

und trieben sie oh weh, oh graus

am Ende aus dem Hause raus.

Der Reiche hat nun noch mehr Land

zusamm'gerafft in seiner Hand.

Der Arme aber hat den Hohn

und schuftet nun im Tagelohn.

 

Am Sonntag geh'n die Reichen beten

der Arme aber schaut betreten

wie sie die andren Menschen blenden

mit etwas Geld, das sie dort spenden.

Nein - gottlos warn die Großen nicht.

Die Priester machten Doppelschicht,

sprachen schnell Vergebung zu,

dann hat die liebe Seele Ruh.

Man hielt durchaus die Feiertage:

Erst kam die Kirch - dann das Gelage.

 

Doch, wie gesagt, gab es Kritik

an solch verfehlter Politik

der Priester, Reichen und der Großen,

die gegen Gottes Recht verstoßen.

Sie kam von Amos, dem Propheten,

der nach Visionen und Gebeten

bekämpfte ihre Heuchelei:

 

»Da ist kein Glaube mit dabei,

wenn gleichzeitig an Gott Ihr glaubt

und Euren Nächsten Rechte raubt.

Wenn Ihr Euch da mal bloß nicht irrt.

Es könnte sein, das Ganze führt

Euch alle noch in das Verderben,

und auch die Priester werden sterben,

wenn Gottes Zorn sich einst erhebt

und unter Euch die Erde bebt.«

 

So ist es später auch gekommen:

Das Nordreich wurde weggenommen.

Amos hatte Recht behalten.

Darum hat man von diesem alten

Propheten Worte aufgeschrieben.

 

Durch die Jahrhunderte sie blieben

ein Mahnwort an die Genrationen,

dass Unrecht könne sich nicht lohnen:

»Gott könnte die Geduld verlieren,

weil wir uns auch nicht gut aufführen

auf Kosten noch viel Schwächerer.«

Auch unsre Zeit gibt dafür her

Stoff zur Kritik auf viele Weise,

so enden wir unsre Zeitreise.

 

Und komm’n in Deutschland wieder an.

Würd’ Amos, der Gottesmann,

heut hier bei uns in Deutschland wohnen,

würd’ er dann unsre Großen schonen?

Man parkt im Ausland schwarzes Geld

und spielt den Saubermann von Welt.

Damit die Aktienkurse steigen

spielt jeder den Entlassungs-Reigen.

Familien werden arbeitslos

egal – der Aktienkurs wird groß!

Und will ein guter Freund sein Geld anlegen,

kommt dies manchem ganz gelegen,

Wo eine wäscht die andre Hand,

verlässt die Moral schnell unser Land.

 

Jeder hat sich schon beschwert,

was alles läuft bei uns verkehrt.

Aber bevor wir uns beschweren,

müssen wir bei uns auch kehren,

und nicht nur vor des Nächsten Tür.

Auch wir selbst könn’n was dafür.

Um dem Recht im Weg zu stehn,

um Gerechtigkeit zu übersehn,

muss man nicht reich sein, ohne Frage -

jeder ist dazu in der Lage.

 

Würd Amos heute bei uns sein,

was fiel ihm zu uns allen ein?

Es könnte sein, dass er uns drohte

mit dem Verweis auf die Gebote,

die Gott einst gab am Sinai.

Schon die Konfis kennen sie.

Er könnte sie uns jetzt vorhalten,

den Jungen, Mittleren und Alten.

 

Zum Beispiel könnte ich hier nennen,

was wir als drittes Gebot kennen.

Denn sein Sinn, den Sonntag achten,

ist überhaupt nicht zu verachten.

Wunderschön für uns gemacht:

Nehmt euch - so ist es gedacht -

Zeit für die Seele, Zeit für Gott.

 

Doch viele bleiben in dem Trott

des Alltags ganz gefangen.

Kaum wird in die Kirch gegangen.

Wär wenigstens mehr Zeit für Kinder

und für sich innerlich nicht minder

statt auch am Sonntag noch zu kaufen,

dauernd in die Stadt zu laufen.

 

Das siebt Gebot, »Du sollst nicht stehlen«,

schärft ein, es sollte nie was fehlen

von fremdem Gut und fremdem Geld.

Doch halten wir`s so in der Welt?

Man kann die Welt nicht nur benützen.

Man muss auch seine Umwelt schützen.

Auch damit bricht man die Gesetze,

vergeuden wir der Erde Schätze.

 

Vom Lügen sprach das acht Gebot.

Auch Rufmord macht den andern tot!

Man handelt nicht aus Nächstenliebe,

wenn man mitmobbt im Betriebe.

 

Und wenn wir in der Kirche sitzen,

dürfen wir das nicht benützen,

uns auszuruhn mit gutem Gewissen

wie auf `nem sanften Ruhekissen.

Der Gottesdienst, schärft Amos ein,

darf niemals ein Ersatz uns sein,

das Gute, das wir kennen nun,

dies Gute dann auch schnell zu tun.

Ein Gottesdienst, der hat nur Sinn,

wenn ich bedenke, wie ich bin,

und was ich tun kann für die Welt,

sei es mit, sei’s ohne Geld.

 

So könnte ich noch mehr euch sagen,

wo Menschen sich und andere plagen.

Doch eigentlich, so glaube ich,

wissen wir ja innerlich,

was uns gut tut und was nicht.

Aber ha’m wir uns danach gericht’?

Das rechte Tun ist manchmal schwer,

und unbequem, und manchmal sehr.

 

Doch Amos hat ein schönes Bild

von Gottes Recht und dass es gilt.

Die Erde ist für ihn ein Land

fast wie's im Paradies sich fand:

Sie ist durchwoben und durchzogen

von Gottes Recht wie Wasserwogen,

die sich durch eine Gegend ziehen

und alle Dürre muss da fliehen.

Jedoch der Mensch mit seinem Sinn

baut hier und da 'ne Sperre hin

und stoppt das Recht und hält es auf

und hemmt des Rechtes freien Lauf.

 

Drum lasst das Recht unter euch fließen,

freut euch des Guten, lasst es sprießen!

Schaut nicht nur auf den eignen Nutzen.

Und - seht ihr Unrecht – tut ihm trutzen.

Stellt ihr dem Unrecht euch entgegen,

dann – glaubt es mir – seid ihr ein Segen.

Gott will nicht, dass wir Trübsal blasen,

sondern, dass wir Unrecht hassen.

 

Das bloße Zeigen trüber Minen

tut weder Gott noch Armen dienen.

Also: lebt nicht als die Miesepeter!

Seid unserm Gotte frohe Beter!

Drum: Macht sich breit die Faschingszeit

lobt Gott mit eurer Fröhlichkeit;

tanzt, singt und springt, seid heiter

im Alltag drauf gebt Gutes weiter!

 

Lasst euch die Tage nicht verdrießen,

man kann das Leben schon genießen,

wenn man auch immer mitbedacht,

was unserm Nächsten Freude macht.

Das wär für’s Leben guter Samen -

ich schließe nun und sage: Amen.

 

Und Gottes Friede allezeit

segne euch in Freud und Leid,

bewahre euer Herz und Sinn

auf unsern Christus Jesus hin.

Ansprache zum Abschluss der Dachsanierung von Pfarrer Rainer Böhm

„Wenn du ein neues Haus baust, so mache ein Geländer ringsum auf deinem Dache, damit du nicht Blutschuld auf dein Haus lädst, wenn jemand herunter fällt.“ 5. Mose 22, 8

Das gilt natürlich auch für das Dach einer Kirche: die Baustelle muss gesichert sein, der Arbeitsschutz gewährleistet, und anstelle einer Blutschuld gäbe es heute andere juristische Konsequenzen.

Vor dem eigentlichen Baubeginn im vergangenen Jahr stand die umfangreiche Planung, Ausschreibungen und Auftragsvergaben, die Einrichtung der Baustelle mit der Planung des Gerüstes und des Bauzaunes und Gespräche mit der Stadt. Von Anfang an und bis jetzt hat unser Architekt Steffen Mörler die Bauarbeiten geleitet und begleitet und für jedes Problem eine Lösung gefunden. Er hatte die Bauleitung. Ihm gilt unser allererster Dank.

Vom Bau-Ausschuss des Kirchenvorstands hat Herr Stamm alle Aufgaben, die mit der Dankeskirche zu tun haben, übernommen. Die Stunden, die er hier im Gebäude und vor allem auf dem Dach zugebracht hat, sind ungezählt. Die Dachfläche beträgt 1.200 m². Die Treppenstufen, die Sie in dieser Zeit gestiegen sind, bleiben ungezählt, Herr Stamm. Und auch die Kästen Wasser, mit denen Sie die Arbeiter versorgt haben.

Sicherlich könnten Sie beide, Herr Mörler und Herr Stamm, eine Menge zum Fortgang der Bauarbeiten sagen. Ich möchte ein paar Einzelheiten eher willkürlich benennen:

Ursprünglich sollten die Arbeiten nach dem Stuhlmodell durchgeführt werden, d.h. ein Stützpfeiler nach dem anderen ersetzt werden, sodass immer drei andere die Last des Daches tragen könnten. Jeder dieser Pfeiler ist übrigens 11-12 m lang. Dann wurden, im vergangenen Jahr, aber jeweils zwei Bauabschnitte zusammengefasst, also an jeweils zwei Pfeilern gleichzeitig gearbeitet. Es hatte sich heraus gestellt, dass die Verschalung des Daches zu dünn war und ebenfalls ersetzt werden musste. Sie wurde abgenommen, die Last war dadurch leichter, aber zugleich war die Aufgabe hinzugekommen, 1.200 m² Verschalung zu erneuern.

Der vergangene Sommer war regenreich. Es konnten immer nur kleine Dachflächen geöffnet werden, die jeden Abend wieder fest mit einer Plane verschlossen wurden, sodass kein Wasser in das Gebäude eindringen konnte. Das hat Herr Kämmerer von der Fa. Lambrecht hervorragend gewährleistet. Unter dem Dach herrschten Temperaturen von beinahe 50°.

Durch die Baumaßnahme am Dach hat sich der Einbau des Orgelfernwerkes verschoben. Der Vorteil war, dass große Teile des Fernwerkes durch eine geöffnete Luke im Dach auf den Dachstuhl transportiert werden konnten. Das wäre ohne Bauarbeiten mühsamer gewesen. Außerdem wurde in diesem Zuge auch noch der kleine Raum, in dem das Fernwerk untergebracht ist, denkmalgerecht restauriert.

Schließlich ruhten die Arbeiten in diesem Jahr für einige Zeit, weil es einen Lieferengpass beim Schiefer gab. Viele Gemeindemitglieder waren verwundert und besorgt, uns sei vielleicht das Geld ausgegangen. Aber wir wollten Qualitätsschiefer aus Deutschland, und den haben wir schließlich auch bekommen, Moselschiefer, 40 t sind dort oben verlegt worden. Viele haben die Arbeiten der Dachdecker in den vergangenen Monaten bewundert.

Trotz aller Überraschungen, Wartezeiten und Umplanungen wird der Bau nicht teurer und außerdem fristgerecht beendet.

Einen Dank an alle beteiligten Firmen und Personen.

Gott wollen wir danken dafür, dass diese zum Teil ja atemberaubenden Arbeiten in der Höhe ohne Verletzungen und Unfälle abgelaufen sind. In der katholischen Tradition ist die Barbara, deren Tag ja heute gefeiert wird, die Schutzheilige u.a. der Zimmerleute, Dachdecker, Elektriker, Architekten.

Fundraising


Das Baukosten in Höhe von 800.000 € sind zu einem ganz wesentlichen Teil von unserer Landeskirche aus Kirchensteuermitteln finanziert worden, einen Betrag von 60.000 € steuerte der Denkmalschutz bei. Aber unsere Gemeinde muss sich mit etwa 150.000 € aus Eigenmitteln beteiligen.

Eigenmittel – das ist jedoch ein Fremdwort in einer Kirchengemeinde! Damit die Bauarbeiten starten konnten, haben wir daher zunächst einmal ein Darlehen aufgenommen. Wir haben uns viel vorgenommen, um diesen Betrag von 150.000 € zusammenzubekommen.

Unsere Spendenaufrufe im Gemeindebrief, der Wetterauer Zeitung und in knapp 500 persönlichen Briefen im vergangenen Jahr wurden erhört. Wir danken den bis Oktober über 400 Spendern, die mit fast 700 Spenden 89.000 € zusammengetragen haben. Es freut uns sehr, dass sich so viele Menschen mit der Dankeskirche verbunden fühlen. Es sind viele kleine Beträge dabei, und auch viele sehr große. Viele Spender haben sogar mehrfach zum Überweisungsformular gegriffen! Besonders danken möchte ich auch hier Herrn Stamm, der mit unermüdlichem Einsatz Spendenbescheinigungen ausstellt und die Buchführung unserer Spendenkasse übernimmt.

Den Bauzaun mussten wir zur Landesgartenschau im letzten Jahr aufbauen – das hat nicht jedem gefallen. Und deshalb haben Heidrun Kroeger-Koch und Regina Reitz ein Projekt gestartet, Bilder zum Thema Schöpfung malen zu lassen und sie als Planen am Bauzaun aufzuhängen. In vielen Gruppen und Kreisen unserer Gemeinde – vom Kindergarten bis zum Senioren-Bastelkreis – sind 21 Kunstwerke entstanden. Und weil wir dachten, das sei doch schade, wenn die Originale bald verschwinden müssen, haben wir daraus Kalender für 2012 und Grußkarten drucken lassen. Die können Sie alle heute kaufen und auch auf diesem Wege die Dachsanierung unterstützen. Für ihren Einsatz danken wir Frau Kroeger-Koch und Frau Reitz, aber auch allen kleinen und großen Künstlern, die sich an dieser Aktion beteiligt haben. Und Elke Schulze und Thomas Leichtweiß für die Gestaltung der Karten und Kalender.

Alle freien Kollekten und die Erlöse der letzten drei Gemeindefeste haben wir für die Dachsanierung verwendet. Seit dem Gemeindefest 2010 macht ein Button mit der kranken Dankeskirche in sympathischer Form auf unser Großprojekt aufmerksam. Für die Gestaltung dieses Logos danken wir Christiane Roth aus Ober-Mörlen sehr herzlich.

Und schließlich haben zahlreiche Konzerte dazu beigetragen, dass wir unserem Ziel näher gekommen sind. Die Prinzen haben im vergangenen Jahr zwei ausverkaufte Vorstellungen gegeben, unser Gospelchor hat mit mehreren Konzerten geholfen, und auch unser Kantor Frank Scheffler hat sich mit Orgelkonzerten besonders engagiert. Besonders danken wir dem Kammerchor Cantus Firmus unter Leitung von Werner Ciba, dem Chor der Ernst-Ludwig-Schule mit ihrem Leiter Alexander Ziegler und der katholischen Regionalkantorin Eva-Maria Sokoli. Sie haben unseren dringenden Bedarf gesehen und spontan ein Konzert zu Gunsten der Dachsanierung gegeben.

Nun sind die Baumaßnahmen fast abgeschlossen. Aber unser Spendenziel haben wir noch nicht ganz erreicht. Daher bitte ich Sie weiterhin um Ihre Unterstützung. Vorbereitete Überweisungen für Ihre Spende finden Sie am Aquarium mit dem beschädigten Dachbalken vor dem Haupteingang, unsere Spendenkonten stehen natürlich auch auf unserer Homepage und im Gemeindebrief. Und: Kalender und Grußkarten haben wir auch noch für Sie!

„Wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. Und einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe“ – schreibt Paulus im 2. Korintherbrief.

Theologische Gedanken


Gemeinsam stehen die Bauarbeiter auf dem Gerüst und in luftiger Höhe. Gemeinsam sind sie dem Himmel nahe. Jeder steht an seinem Platz, jeder dient dem gemeinsamen Ziel mit seiner Gabe, seiner Fähigkeit. Bei einem Bauprojekt sind Ziele natürlich leicht zu formulieren: es gilt, das Gebäude zu errichten. Wie sicher der Bauzaun, wie offen und gewagt das Gerüst, wie unfertig das Gebäude.

Der Bau war eine gemeinsame Anstrengung. Viele haben ihre Gabe eingebracht. Jeder hat mit seiner Gabe dem Ganzen gedient. Miteinander hat die Kirchengemeinde den Bau bewältigt.

Die Kirche wird von Menschen gebaut. Von ganz normalen Menschen. Von Menschen, die eine bestimmte Haltung mitbringen, Interessen, die sich geformt haben. Sie sind ihrer Zeit verpflichtet und verhaftet, ihrer Erziehung, ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihrer Theologie.

Mir gefällt ein kleines Detail: die Kirchengemeinde hat für Getränke gesorgt, für Wasser und genügend Kaffee. Das hatte natürlich praktische Gründe. Aber damals wie heute gilt auch: Zum Verwirklichen eines gemeinsamen Ziels gehört mehr als ein Auftrag oder eine Anweisung. In einer Gemeinschaft sorgt einer für die anderen; geht es um Fragen des Betriebsklimas und der Motivation. Darum, Gaben zu ermutigen, den Blick für das Ganze, den Dienst für die Sache Gottes im Auge zu behalten. Er ist der Herr der Kirche.

Die Kirche als Baustelle: Das gilt auch im übertragenen Sinn: das ist eine Metapher, ein Bild für die Kirche überhaupt:

Mit der Vollendung des Gebäudes ist die Aufgabe nicht beendet, weiter an der Kirche zu bauen. Das gilt für das Gebäude selbst: einiges blieb unvollendet. Manches wurde nachträglich ergänzt. Jede nachfolgende Generation hat weiter an der Kirche gebaut. Eine Gemeinde lebt in ihrer Kirche; die Kirche lebt mit ihrer Gemeinde. Bis heute sind die einmal geplanten hinteren Schmuckfenster nicht eingesetzt, weil dazu vor 100 Jahren die Sponsoren fehlten. Manches musste inzwischen erneuert werden, wie jetzt das Dach. Manches ist offen geblieben, manches wäre zu ergänzen. Auch eine Innenrenovierung wird in einigen Jahren erfolgen müssen. Immer wieder steht die Gemeinde vor der Frage, wie sie die Kirche den Erfordernissen anpasst, sie ins Licht rückt, Mittelpunktfunktion wahrnimmt als Kirche in der Stadt.

Die Kirche im Bau: das gilt auch für die Kirche Jesu Christi: Miteinander sind wir unterwegs: Tradition zu bewahren, aber auch kritisch zu überprüfen und neues zu wagen. Immer wieder zu einem Aufbruch bereit: wie die Jüngerinnen und Jünger Jesu. Und gerade so ihm folgend: Jede und jeder dient mit der eigenen Gabe am Gelingen des Ganzen. Gemeinsam als Kirche kommen wir dem Himmel nahe, nicht jeder alleine für sich.

Wir bauen miteinander. Wir brauchen dazu seinen guten Geist. Denn „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.“ Ps 127,1 Amen.

am 27.11.2011 von Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bundesministerin a.D.

anlässlich der Landeskirchlichen Eröffnung der 53. Aktion „Brot für die Welt“ in Bad Nauheim

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

Schrebergärten, Gartenzäune, Rosengärten und Blumenbeete: das „Grenzen abstecken“ ist uns allen nicht fremd. Es ist das uralte Bestreben des Menschen, sich selbst einen Raum für sich zu schaffen, den man besitzt und in dem man oder frau selber „das Sagen“ hat. Für unsere Vorfahren mögen das Höhlen gewesen sein, heutzutage versucht sich jeder seinen eigenen individuellen Raum zu bewahren. Gerade viele Städter kennen dieses drängende Verlangen, dem Trubel der Großstadt zu entfliehen, hinaus aufs Land, in den eigenen Garten.

Die Hälfte der Bevölkerung weltweit lebt auf dem Land, das sind – seit ein paar Wochen kann man dies offiziell so sagen – etwa 3,5 Milliarden Menschen. Für sie ist die Frage des ländlichen Grundbesitzes keine Frage der Entspannung am Wochenende. Für sie bedeuten die Erträge aus der Landwirtschaft, die auf ihrem Grund gesät und geerntet wurden, die Lebensgrundlage. Es sind Kleinbauern, die mit dem geernteten Gemüse und Getreide versuchen, ihr Leben zu gestalten, ihre Kinder zu ernähren und irgendwie „über die Runden“ zu kommen.

Während der Nahrungsmittelkrise sind die Preise für Grundnahrungsmittel weltweit zwischen 70 und 80 % gestiegen. Das hat vielschichtige Ursachen: natürlich die wachsende Weltbevölkerung, Naturkatastrophen und der vermehrte Anbau von Agrarenergieträgern. Rohstoffe und Agrarrohstoffe werden dabei zunehmend zu Spekulationsobjekten.

Allein im Jahr 2009 wurden rund 45 Millionen Hektar an Ackerland in Staaten Afrikas, Lateinamerikas, Osteuropas und Asiens an ausländische Investoren verkauft oder verpachtet. Weltweit wurden seit dem Jahr 2001 in Entwicklungsländern 227 Millionen Hektar Land verpachtet oder an Investoren verkauft. Das entspricht in etwa der Größe Westeuropas. Mehr als 70% der gesamten Nachfrage nach Ackerland bezieht sich auf afrikanische Staaten, in denen mehr als 300 Millionen Menschen hungern.

Die Zahl der Hungernden weltweit erreichte im Jahr 2009 – erstmals seit 1970 – den Stand von 1 Milliarde Menschen. Das entspricht einem Siebtel der Weltbevölkerung. 80 Prozent der Hungernden leben auf dem Land. Aber es ist wie so oft: das Ausmaß der Katastrophe kann noch so groß sein, es hindert nicht diejenigen am Geschäftemachen, die sich daran bereichern können.

Hierzu findet sich eine Stelle im Alten Testament, im Prophetenbuch Nehemia. Darin geht es um die Not der Kleinbauern und ihre Angst vor dem Verlust ihres Landbesitzes:

(Nehemia 5, 1-6 und 9-12) „Und es erhob sich ein großes Geschrei der Leute aus dem Volk und ihrer Frauen gegen ihre jüdischen Brüder. Die einen sprachen: Unsere Söhne und Töchter müssen wir verpfänden, um Getreide zu kaufen, damit wir essen und Leben können. Die anderen sprachen: Unsere Äcker, Weinberge und Häuser müssen wir versetzen, damit wir Getreide kaufen können in dieser Hungerzeit. Und wieder andere sprachen: Wir haben auf unsere Äcker und Weinberge Geld aufnehmen müssen, um dem König Steuern zahlen zu können. Nun sind wir doch wie unsere Brüder, von gleichem Fleisch und Blut, und unsere Kinder sind wie ihre Kinder; und siehe, wir müssen unsere Söhne und Töchter als Sklaven dienen lassen, und schon sind einige unserer Töchter erniedrigt worden und wir können nichts dagegen tun, und unsere Äcker und Weinberge gehören andern.

Und Nehemia sprach: Es ist nicht gut, was ihr tut. Solltet ihr nicht in der Furcht Gottes wandeln (um des Hohnes der Heiden willen, die ja unsere Feinde sind)? Ich und meine Brüder und meine Leute haben unseren Brüdern auch Geld geliehen und Getreide; wir wollen ihnen doch diese Schuld erlassen! Gebt ihnen noch heute ihre Äcker, Weinberge, Ölgärten und Häuser zurück und erlasst ihnen die Schuld an Geld, Getreide, Wein und Öl, die ihr von ihnen zu fordern habt. Da sprachen sie: Wir wollen es zurückgeben und wollen nichts von ihnen fordern und wollen tun, wie du gesagt hast. Und ich rief die Priester und nahm einen Eid von ihnen, dass sie so tun sollten.“

Die Botschaft dieses Textes ist deutlich: das Land soll den Menschen zurück gegeben werden und die Schulden sollen ihnen erlassen werden. Klar wird aber auch: der Landbesitz macht sie erst zu akzeptierten, gleichwertigen Mitgliedern der Gesellschaft, denn ohne Land fehlt ihnen jede Grundlage, sich selbst mit Nahrungsmitteln zu versorgen, zumal Frauen. In den Entwicklungsländern explodieren die Kosten für Nahrungsmittel. Durch landgrabbing wird den Menschen ihre Existenzgrundlage entzogen.

Nehemia ergreift in diesem Text die Initiative und ruft: „Es ist nicht gut, was ihr tut“. Mir fallen stellvertretend viele Gelegenheiten ein, bei denen ich ähnliches gesagt habe. Anders als Nehemia im Gespräch mit den Priestern konnte ich zwar niemandem einen Eid abringen, aber die Förderung ländlicher Entwicklung war mir während meiner Amtszeit als Ministerin sehr wichtig, und ich konnte die finanziellen Mittel im Bereich „Ländliche Entwicklung und Welternährung“ von 300 Millionen auf 1,5 Milliarden Euro steigern. Auch durch die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit konnten wir unsere Partnerländer darin unterstützen, eine nachhaltigere, gerechtere, Armuts- und Konfliktmindernde Bodenpolitik zu entwickeln und umzusetzen. Vor allem haben wir den Zugang von Frauen zu Land und die Respektierung tradierter Landrechte gefördert.

Für uns heute spielt Landwirtschaft oft nur noch eine untergeordnete Rolle. Wo die Kartoffel, die Karotte herkommt, wissen wir in den wenigsten Fällen. Kein Wunder, dass uns der Bezug zum Land als Lebensgrundlage verloren gegangen ist.

„Brot für die Welt“ fordert, dass das ‚Menschenrecht auf Nahrung‘ (Artikel 11 des UN Sozialpakts) in allen Fällen der Landvergabe garantiert wird. Dem müssen sich nicht nur alle Regierungen weltweit verpflichten, es braucht auch eine kritische Zivilgesellschaft, die diese Prozesse kritisch begleitet. Und Zivilgesellschaft – das sind Sie, das sind wir alle – die Gemeinde. Darüber hinaus müssen wir auch die Unternehmen, die in Entwicklungsländern tätig sind, in die Pflicht nehmen.

Die Importe von Agrotreibstoffen und Futtermitteln brauchen soziale und ökologische Leitplanken, die das Menschenrecht auf Nahrung zur Grundlage haben. Und: Der Spekulation mit Nahrungsmitteln muss entschlossen gegengesteuert werden.

Sie werden sich fragen: Was bedeutet dies nun für uns Christen? Was kann ich selber tun?

Christinnen und Christen können und müssen dafür eintreten, dass Gott auf der Seite der Armen ist und für die Menschen ein Leben in Fülle wünscht. Und es gibt durchaus einfache Handlungsempfehlungen, die wir zwar schon oft genug gehört, aber wohl immer noch viel zu wenig beherzigen:

Die Art und Weise, wie wir leben und wie wir uns durch die Welt bewegen, wird entscheidend sein für nachfolgende Generationen und entscheidet schon heute deutlich mit über die Lebensumstände, die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern zu ertragen haben. Was hindert uns zum Beispiel daran, unseren Nahrungsmittelkonsum kritisch zu hinterfragen? Woher kommen die Produkte, die wir hier genießen? Unter welchen Bedingungen sind sie wo entstanden? Entstammen sie aus fairem Handel?

Es geht nicht ums Miesmachen. Und ich gebe offen zu: das ist nicht immer leicht. Oft genug sind die Versuchungen eben doch zu groß. Aber: wir tun gut daran, uns mit diesen Themen zu beschäftigen und nicht teilnahmslos durchs Leben zu gehen. Unsere Lebensweise hier betrifft auch die Menschen anderswo und das sollten wir uns immer wieder bewusst machen.

Es gilt, das „Menschenrecht auf Nahrung“ zu gewährleisten – der Weg dahin ist jedoch noch weit und steinig.

Die 53. Aktion von Brot für die Welt „Land zum Leben – Grund zur Hoffnung“ gibt Hoffnung und Zuversicht, die wir nutzen sollten. In dem diesjährigen Aufruf steckt zurecht die Forderung, dass es nicht sein darf „dass Kleinbäuerinnen und Kleinbauern aufgrund von Profitinteressen anderer ihr Land verlieren.“

Für uns Christinnen und Christen sollte am Ende die Erkenntnis stehen, dass auch wir in Bezug auf die ländliche Entwicklung in der internationalen Zusammenarbeit die Initiative ergreifen müssen, um wie der Prophet Nehemia zu sagen: „Es ist nicht gut, was ihr tut“ – dies auch, um denjenigen eine Stimme zu geben, die hier in unserer so gut funktionierenden technisierten Welt oft nicht gehört werden: den Kleinbauern, den im Feld arbeitenden Frauen, den Hungernden.

Für meine eigene christliche Überzeugung war immer die Haltung des früheren Generalsekretärs des Ökumenischen Rates der Kirchen, Willem Visser´t Hooft, wichtige Mahnung, der 1968 bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates in Uppsala in seiner Rede sagte: „Uns muss klar werden, dass die Kirchenglieder, die in der Praxis ihre Verantwortung für die Bedürftigen irgendwo in der Welt leugnen, ebenso der Häresie schuldig sind, wie die, welche die eine oder andere Glaubenswahrheit verwerfen.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

zum Reformationsfest 2010 von Dekan Jörg-Michael Schlösser

Verehrte Reformationsgemeinde,

liebe Musizierende, Schwestern und Brüder
in Christus!


In den letzten Jahren waren Sie es gewohnt von mir im Reformationsgottesdienst Erläuterungen zur Festkantate oder zur Musik dieses Festgottesdienstes zu hören. Ich habe mir heute die Freiheit genommen, mein weniges musiktheoretisches Wissen für mich zu behalten. Heute rede ich zum Thema dieses Tages, zur Reformation: Das Lied und die Kantate „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ dient eher als Folie oder Illustration für mein Denken und Reden.

Die heutige Predigt steht unter der Überschrift:„Die ökumenische Dimension der Reformation“

Im Jahr des 2. ökumenischen Kirchentags in München ist das für mich Thema. Dieser Kirchentag hat manche trennende Themen und Facetten unseres Christseins beleuchtet. Doch waren für mich die gemeinsamen Grundlagen unseres Glaubens, die gemeinsamen Feste, Feiern und Gottesdienste viel beeindruckender. Ich glaube, dass die an der Basis gelebte Ökumene sich von amtskirchlicher Trennung nicht beeindrucken lässt.

Begonnen hat Ökumene – nach meinem Verständnis - vor fast 500 Jahren mit dem Augsburger Bekenntnis, mit der der „confessio augustana“. Dieses Bekenntnis war nicht als Trennungserklärung gedacht. Niemand konnte sich damals mehrere säuberlich getrennte Kirchen vorstellen. Sondern die „confessio augustana“ entwickelte ein Bekenntnis des Glaubens aus der Bibel heraus. Sie will die Erneuerung der damaligen römischen Kirche aus der Kraft des Wortes. Ziel ist nicht die Trennung, sondern die Erneuerung der einen, apostolischen und weltumspannenden Kirche. Diese Kirche versteht sich als Wirkung des ersten Pfingstfestes. Sie ist Ausdruck der uns allen einenden Taufe. Dazu vier Thesen:

1. Reformation will die zerrissene Christenheit im Wort Gottes, in der Feier von Taufe und Abendmahl einigen.
Bis heute halten manche an Ökumene interessierte Christinnen und Christen das Reformationsfest für antikatholisch und für die ökumenische Begegnung hinderlich. Da höre ich dann: „Man soll alte Gräben nicht wieder aufreißen; „ein feste Burg“ kann nicht mehr gesungen werden; wir wollen doch das Gemeinsame suchen.“

Die ökumenischen Entwicklungen des 19., 20. und 21. Jahrhunderts bestätigen diese Auffassung. Darum dürfen wir, wenn wir am 31. Oktober feiern, nicht alleine des reformatorischen Durchbruchs gedenken, sondern müssen eine ökumenische Erneuerung suchen.
Es gibt aber auch andere ernsthafte Christinnen und Christen, die fordern ein schärferes protestantisches Profil. Sie meinen damit eine stärkere inhaltliche Abgrenzung von der römisch-katholischen Kirche.
Beide Einstellungen gehen davon aus, dass Reformation ein Synonym für Trennung ist.
Für die eine Seite ist die Wiedergewinnung der Einheit der Kirchen das Gebot der Stunde. Die anderen beharren trotzig auf reiner, protestantischer Gesinnung. Sie geben der Einheit keine Chance.
Beide Seiten gehen in ihrem Denken davon aus, dass die Vorreformationszeit eine Zeit der kirchlichen Einheit gewesen sei. Das aber ist falsch. Denn schon das Apostelkonzil wenige Jahre nach Jesu Tod dokumentiert, dass sich christlicher Glaube in einer Vielzahl von Kirchen organisiert. Die Reformation war ein ökumenischer Versuch, die im späten Mittelalter zersplitterte Christenheit unter dem Evangelium, durch Wort und Sakrament zu einen.
Unbestrittene historische Einsicht ist die Trennung zwischen den orientalischen und orthodoxen Kirchen des Ostens und der römischen Westkirche. Wo war da Einheit?
Dazu kommen Hussiten, Waldenser und anderen vorreformatorischen Bewegungen in fast allen Ländern Europas. Klerus und Laien lebten in verschiedenen Welten. Die Privilegien des Klerus wurden von vielen Menschen als unerträglich empfunden. Dazu kam die Spaltung zwischen Welt- und Ordenspriestern.
Der Begriff der Sekte wurde in der Reformationszeit von protestantischer Seite für die verschiedenen Orden gebraucht. Sie waren die Zeichen der Spaltung.

Zu Beginn der Reformation hofften viele Menschen, die Zerrissenheit der Christenheit könnte überwunden werden. Sie hofften, dass eine erneuerte Christenheit attraktiv-missionarisch auf die nichtchristlichen Völker wirken könnte.
Diese Erwartungen beschreibt das Augsburgsche Bekenntnis in Artikel 7: "Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige christliche Kirche sein und bleiben muss, welche ist die Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden."


Liebe Gemeinde,
manche Menschen betrachten diese Beschreibung der Kirche als ökumenisch wenig hilfreich. Sie sehen darin den Versuch, einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Doch die „confessio augustana“ sagt etwas anderes. Das Evangelium kann man nicht hoch genug schätzen. Allein daran hängt die Einheit der Kirche. Darum sind rechte Verkündigung und der "dem Einsetzungssinn entsprechende Umgang mit den Sakramenten" entscheidend.

Verehrte Festgemeinde,
das auch heute noch gängige Geschichtsbild von der einheitlichen Kirche, die durch die Reformation ihre Spaltung erfuhr, wurde von vielen Menschen zur Zeit der Reformation nicht geteilt. Sie erhofften sich von der Reformation die Überwindung der Spaltungen. Sie hofften, durch die Konzentration auf die Verkündigung des Evangeliums zu neuer Einheit zu finden. Die ökumenische Dimension der Reformation ist ein Pfund, mit dem wir nach wie vor wuchern können.
Abgrenzung verfehlt dieses Ziel der Reformation. Aber der Abgrenzung zu widerstehen ist schwer. Jeder Kommentar dazu in Richtung einer anderen Kirche wäre apodiktische Selbstüberschätzung. Darum können wir alles Trennende zunächst nur nüchtern zur Kenntnis nehmen. Danach aber werden wir ökumenisch aktiv und bedenken die gemeinsame Basis der reformatorischen, orthodoxen und römisch-katholischen Kirchen.

2. Unser gemeinsames Bekenntnis: Die eine heilige, allumfassende, apostolische Kirche   
Kirchengeschichte beginnt zwischen Karfreitag und Pfingsten mit den ersten christlichen Gemeinden. So haben wir eine gemeinsame Geschichte mit den orthodoxen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche. Unsere gemeinsame Basis ist das alte Glaubenbekenntnis, das so genannte Nizäno-Konstantinopolitanum. Es steht auch in unseren Gesangbüchern. Dort heißt es zur Kirche: "Wir glauben an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche."
Obwohl dies unser gemeinsames Bekenntnis ist, sind bis heute die Worte "katholisch" und "apostolisch" hoch emotional besetzt. Ich spreche niemandem diese Apostolizität ab. Aber es gilt auch: wir Evangelische Christinnen und Christen aller Denominationen sind eine APOSTOLISCHE KIRCHE.
Unser Reformationstag ist ökumenisch, weil wir uns auf die gemeinsamen Bekenntnisse und die gemeinsame Grundlage der Bibel besinnen. Bei dieser Betonung des Gemeinsamen werden Abweichungen deutlich. Diese sind jedoch zweitrangig.

Die Kirchen der Reformation gehen von der Einheit der Kirche Christi aus. Es kann nur eine Kirche auf Erden geben. Diese eine Kirche ist allein die wahre, von Jesus Christus gestiftete Kirche. Kirchenspaltung bedeutet Kirchenabfall. Darum kann in der Reformation erfolgte Kirchenspaltung nur als ein Kampf um die rechte Einheit der Kirchen verstanden werden. Die Kirchen der Reformation sehen sich selbst darum als die EINE Kirche auf Erden. Sie verstehen sich nicht als Absplitterungen. Sondern es sind einzelne Christinnen und Christen, die von ihrem persönlichen Gewissen getrieben werden, die eine Kirche Jesu Christi auf Erden zu bewahren. Dietrich Bonhoeffer hat als erster darauf hingewiesen, dass die Kirchen der Reformation die Einheit nicht aufgegeben haben, sondern um diese Einheit kämpften.
Diese Einheit soll sichtbar werden. Das ist der Wunsch vieler Christinnen und Christen. Doch können wir nicht einfach alle Kirchen zu einer zusammenwerfen. Ich sehe die Problemlösung in einem anderen Verständnis:
Wir alle leben schon heute die EINE Kirche, weil wir Jesus als den Christus verkündigen. Er ist die  Einheit der Kirchen. Er gibt die EINE Kirche in seiner Person vor. Kirche ist ein Gedanke, der von Gottes Wort ausgeht. Diese Einheit lässt sich nicht mit weltlichen Kirchenorganisationen gleichsetzen. Die soziologischen Organisationen, die wir Kirche nennen, sind etwas ganz anderes, menschliches. Doch haben sie ihren Grund und ihre Daseinsberechtigung in Jesus dem Christus, der DIE Kirche ist.
Einheit wird nicht hergestellt, indem wir unsere Bekenntnisse addieren, sondern indem wir an Christus als den Grund von Kirche festhalten. Wo zwei Kirchen das tun, sind sie eins.

Verehrte Reformationsgemeinde,
diese Erkenntnis macht noch kein ökumenisches Klima. Es gibt dieses ökumenische Klima auch noch nicht lange. Ich erinnere mich noch gut an die Abgrenzungen innerhalb der reformatorischen Kirchen. Da gab es heftige Kämpfe und gewalttätige Auseinandersetzungen. Glücklicherweise sind die Gegensätze zwischen den reformatorischen Kirchen bei uns überwunden. Immerhin haben wir innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland volle Gemeinschaft, auch Abendmahlsgemeinschaft.

In unserer Region gibt es zwischen evangelischen und der römisch-katholischen Gemeinden eine so gute Atmosphäre, dass man sich die alten Kämpfe kaum noch vorstellen kann. Doch erschweren auch uns dogmatische Festlegungen Wege zu- und miteinander. Nur weil wir uns mit großer Achtung und hoher gegenseitiger Anerkennung begegnen, können wir problemlos den ökumenischen Alltag leben.
Protestanten verstehen das Ziel der sichtbaren Einheit der Kirche als Einheit in versöhnter Verschiedenheit.
Kirche war in ihrer Geschichte immer vielfältig. Das zeigen schon die Gemeinden, die hinter den einzelnen biblischen Büchern des zweiten oder neuen Testaments stehen. Weil wir uns auf diese Bücher berufen, müssen unser Glaube und unser Bekenntnis ebenso verschieden bleiben. Diese Vielfalt ist eine Chance der Christenheit. Sie ist eine "Perle" des Glaubens. Wir dürfen sie um des biblischen Zeugnisses willen nicht aufgeben.

Die Vielfalt der Konfessionen birgt aber auch Gefahren. Spaltungen, Verwerfungen und die Entstehung kleinster unabhängiger Kirchen finden bis heute in der ganzen Welt statt. Auch bei uns gibt es dieses Nebeneinander. Zum Glück gibt es in unserer Region kein aktives Gegeneinander mehr. Der Arbeitskreis Christlicher Kirchen wirkt hier zu unserer aller Segen.

Ein umfassendes Kirchenverständnis bleibt jedoch für die Zukunft unverzichtbar, sonst wird Kirche provinziell. In der Barmer Theologischen Erklärung lesen wir, "... Jesus Christus, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt wird, (ist) das eine Wort Gottes ..." Es gibt keine Offenbarung ohne Jesus den Christus. Der Grundartikel unserer EKHN bezeugt zu Recht die bleibende Erwählung der Juden. Das Erste Testament können wir nicht als „Altes Testament“, als überholte jüdische Tradition abtun.

Umfassende, allgemeine, ökumenische Kirche zu sein, ist eine Herausforderung für uns Protestanten. Denn wir fühlen uns im Schatten unserer Kirchtürme, in der Provinz, sehr wohl. Von daher soll es sogar konfessionelle Gegensätze mitten durch unsere Gemeinden geben. Solcher Glaube ist dann aber nicht mehr „apostolisch“. Apostolisch ist der durch Paulus erweiterte Dienst im Auftrag Jesu Christi. Er ist nicht auf die Zwölf Apostel beschränkt. Alle Zeugen der Auferstehung sind aufgefordert zur Weitergabe der frohen Botschaft. Dieser Auftrag gilt für uns alle bis heute.

Ich will mich heute nicht ausführlich mit dem Begriff der apostolischen Sukzession auseinandersetzen. Nur ein Wort Martin Luthers dazu: "... Was Christum nicht leret, das ist nicht Apostolisch, wens gleich Petrus oder Paulus leret, Widerumb, was Christum predigt, das ist Apostolisch, wens gleiych Judas, Annas, Pilatus und Herodes thett" (WA DN 7, 384, 29-32). Das Prinzip, die Schrift nach dem zu beurteilen, was Christum treibt, wird bei Luther im Blick auf die Apostel durchgehalten und gilt auch für uns.
Apostolisch ist eine Kirche durch die ständige Weitergabe des Evangeliums an alle Menschen in Gottesdienst und Lehre. Eine Kirche ist dann apostolisch, wenn sie dem Glauben und der Sendung der Apostel treu bleibt. Hier besteht eine große Differenz zwischen katholischem und protestantischem Verständnis von Kirche.

3. Ökumene in Politik und Kultur
Die evangelische Konzentration auf Wort und Sakrament wirkt bis heute in unsere Gesellschaft hinein. Deshalb müssen wir auch im Europäischen Kontext immer wieder an die Reformation erinnern.
Die Reformation war für unsere deutsche Sprachentwicklung wichtig. Die Bedeutung von Luther für die Entwicklung und Sprache in Deutschland ist bekannt. In anderen europäischen Ländern sind durch die Reformation Katechismen und Bibelübersetzungen in ähnlicher Weise prägend gewesen. Dazu kommen der Aufbau und die Reform von Universitäten und Schulen. Luther mahnte die Verantwortung der Regierenden für die Bildung aller Menschen immer wieder an. Was für unsere Sprache gilt, gilt auch für Kultur, Musik und Malerei. Ich nenne stellvertretend für viele Künstler nur die Cranachs, Dürer und die Bachfamilie.
Auch politisch hat die Reformation weit gewirkt. Vom reformierten Genf gingen Ideen aus, die Gewissensfreiheit, Toleranz, Demokratie, Freiheit und Menschenrechte erst möglich werden ließen. Der Protestantismus prägt bis heute weite Teile unseres Lebens. Es ist also eine ökumenische Dimension, wenn Glaube vor den Landesgrenzen nicht halt macht. Bei der Gestaltung Europas können wir auf diese Tradition aufbauen.

4. Unsere Zukunft kann nur ökumenisch sein   
Manches Hindernis wurde auf dem Weg zum 2. Ökumenischen Kirchentag in München sichtbar. Doch sehe ich den ökumenischen Gedanken in beiden Kirchen fest verankert. Uns verbindet mehr, als uns trennt. Im Gottesdienst und im Alltag machen wir gute, gemeinsame Erfahrungen. Die säkularisierte Gesellschaft ist für beide Kirchen - wie für alle anderen Glaubensgemeinschaften in unserm Land - eine Herausforderung. Darum nehmen wir viele theologische und ethische Aufgabenstellungen gemeinsam in Angriff. Die Kirchen werden oft als ein einheitliches Gegenüber gesehen: So tragen wir unsere Stärken und Schwächen gemeinsam, ob wir das wollen oder nicht.
Viele Menschen haben gespannt auf München geblickt. Viele haben erwartet, dass es, wie in Berlin, einen Eklat wegen gemeinsamer Abendmahlsgottesdienste geben würde. Unsere Antwort waren die aus der orthodoxen Tradition stammenden Brotfeiern. Sicher ein sehr niederschwelliger Ersatz. Aber es waren gemeinsame, ergreifende Gottesdienste.
Was brauchen wir mehr?

Natürlich werden wir Evangelischen unsere Einladung zum Abendmahl an alle Getauften aufrechterhalten. Das gehört zu unserem Abendmahlsverständnis. Aber wir können Tischgemeinschaft nicht erzwingen. Es gehört zum Respekt vor anderen, dass das, was man selber kann, vom anderen nicht erzwungen werden kann, wenn er oder sie es nicht nachvollziehen kann.

Wir können gemeinsam den Christus bezeugen. Wir können in vielen wichtigen Fragen unserer Zeit mit einer Stimme sprechen. Am wichtigsten ist aber dies: Wir müssen zusammen die Bibel lesen. Bibellesen ist gute, reformatorische Tradition. Aus dem Studium der Schrift wird richtiges Handeln folgen.

Schwestern und Brüder,
wir sind auf dem Weg. Es ist ein Weg, auf dem sich keine Kirche zu wichtig nehmen sollte. Denn Kirchen gibt es immer nur auf Zeit. Das Ziel aber ist Gottes Reich. Die Apostolizität unserer Kirchen öffnet den Horizont. So kann Hoffnung wachsen und Glaube blühen.
Eine schöne Blüte ist die Reformation als Zeichen der Ökumene und als ein Fest der Hoffnung.

Amen           

 

am 25.04.2010 von Kirchenpräsident Dr. Volker Jung

Predigt im Eröffnungsgottesdienst der 4. Hessischen Landesgartenschau
am Sonntag, den 25. April 2010, 12 Uhr in Bad Nauheim
von Kirchenpräsident Dr. Volker Jung

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!

Liebe Gemeinde,
ich möchte eine Geschichte erzählen: vom Licht und vom Garten und vom Menschen und von Gott. Es ist eine alte Geschichte. Und sie ist noch nicht zuende.

Die Geschichte geht so:

Am Anfang war eine große Dunkelheit. Eigentlich war nichts. In die Dunkelheit hinein sprach Gott: „Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Und mit dem Licht schuf Gott die Welt. Und die Welt wurde wie ein Garten – ein wunderschöner Garten: mit Erde und Wasser. Mit Gräsern und Sträuchern. Mit Blumen und Bäumen. Und in diesen Garten hinein setzte Gott die Tiere und den Menschen.

Die Bibel erzählt den Anfang der Geschichte noch viel ausführlicher. Wir wissen längst: Was da erzählt wird, ist kein naturwissenschaftlicher Bericht über die Entstehung der Welt. Es ist ein großes Bekenntnis des Glaubens. Und es ist damit ein großer Dank an Gott, den Schöpfer, und ein großes Lob des Schöpfers. Die Menschen, die diese Geschichte erzählten, die haben gesagt: Was ist diese Welt für ein großes Wunder! Wie wunderbar ist diese Welt! Macht die Augen auf! Schaut hinein in den Garten des Lebens! Seht das satte Grün des Grases und der Bäume und die Farben der Blumen! Seht das Wunder des Lebens – die Tiere im Wasser und auf der Erde, die kleinen und die großen! Spüre das Wunder des Lebens! Schau dich an und den Menschen neben dir! Es ist nicht selbstverständlich, dass alles so ist! Es ist auch kein Zufall! Gott, der Schöpfer, hat es so gewollt und hat es euch geschenkt! Er wollte nicht die Dunkelheit und das Nichts. Er hat das Licht gemacht und mit dem Licht das Leben!

Die Menschen, die diese Geschichte zuerst erzählt haben, haben genauso wie wir gespürt: Wir brauchen das Licht! Ohne Licht kein Leben! Wie wunderbar waren die ersten Frühlingstage, die hellen und warmen Tage nach dem langen und harten Winter! Wie schön ist es, wenn die Natur erwacht! Das weckt auch unsere Lebensgeister.

Die alte biblische Geschichte sagt aber noch mehr: Die Welt, der Garten Gottes, ist so schön. Sie könnte ein Paradies sein. Aber sie ist es nicht.

Die Menschheit lebt in einem wunderschönen Garten. Aber der Garten ist kein Paradies mehr. Es gelingt den Menschen nicht, friedlich in dieser Welt zu leben. Es gelingt den Menschen nicht, was Gott schenkt, gut und gerecht zu verteilen. Tief im Menschen ist die Angst, es könnte nicht genug da sein. Er könnte zu kurz kommen. Das ist wie Gift. Es bringt Hass und Streit und den Tod. Man kann es auch anders sagen: Das macht das Leben dunkel.

Gewiss: es gibt den normalen Wechsel zwischen hell und dunkel. Es gibt einen Rhythmus des Lebens mit Tag und Nacht. Aber es gibt auch eine Dunkelheit, die das Leben zerstört. Es gibt die Dunkelheit, die Menschen selbst einander bereiten – weil es ihnen nicht gelingt, im Frieden zu leben – im Frieden miteinander und im Frieden mit Gott ihrem Schöpfer.

Die alte Geschichte der Bibel erzählt dies in der Geschichte von Adam und Eva. Vom Baum des Lebens im Paradies. Von der Schlange. Und vom Misstrauen gegenüber Gott. Sie erzählt, dass die Menschen damit etwas Ursprüngliches verloren haben. Bald geht es dann so weiter, dass Kain seinen Bruder Abel erschlägt. Weil er findet, dass er gegenüber seinem Bruder zu kurz kommt.

Warum wurde das erzählt?

Mit diesen Geschichten wird erzählt: Das Paradies, der Garten des Anfangs, ist verloren! Aber die Welt hat nicht aufgehört, Gottes Welt zu sein. Die Welt hat nicht aufgehört, schön zu sein. Gott hat die Welt nicht zurück ins Dunkel fallen lassen. Und im Menschen ist so etwas geblieben, wie eine Sehnsucht nach dem Paradies, nach dem Leben, nach dem Licht!

Es lohnt sich wirklich sehr, darüber nachzudenken, wo diese Sehnsucht zu spüren ist. Ein Garten zum Beispiel ist dafür ein guter Ort. Warum haben Menschen zu allen Zeiten Gärten angelegt?

Ich denke: Weil es diese Sehnsucht gibt! Die Sehnsucht nach einem schönen Ort. Nach einem Ort, wo es wächst, wo Gottes Schöpferkraft zu sehen und zu riechen ist. Die Sehnsucht nach einem Ort des Lichtes und der Farben und des Friedens. Ich denke, dass viele Menschen mit irgendeiner Form dieser Sehnsucht im Herzen in den nächsten Monaten auch hierher kommen werden. Wir sind deshalb als evangelische Kirchen auch sehr bewusst hierher gekommen: in den großen Garten der Landesgartenschau. Und wir sind mit einer Kirche hierher gekommen. Wir haben eine Kirche in den Garten gestellt, damit Menschen die Sehnsucht neu entdecken können – die Sehnsucht nach Licht und Leben und nach dem Frieden in Gottes Garten!

Aber das ist nicht alles. Es gibt noch einen weiteren Grund. Es gibt noch einen weiteren Grund, weil die Geschichte Gottes mit den Menschen noch weitergegangen ist und weitergeht.

Wer die Geschichte Gottes mit den Menschen in der Bibel weiter liest, wird dort auch auf Jesus von Nazareth stoßen. Er ist deshalb so besonders, weil er den Faden vom Anfang wieder aufnimmt. Vom Anfang, wo von der großen Dunkelheit die Rede war, und vom Licht, das Gott schuf. Über ihn wird erzählt, dass er in der Dunkelheit der Nacht geboren ist. Und das plötzlich, mitten in der Nacht, der Himmel hell erleuchtet war. Und es wird über ihn gesagt: „Das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes ist ein Licht aufgegangen.“ (Mt 4,16) Und er selbst hat einmal gesagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12)

Es wird erzählt: In diesem Menschen ist das Licht Gottes auf eine ganz besondere Weise in diese Welt gekommen. Es ist gekommen in einem Menschen, damit die Dunkelheit nicht das Leben zerstört. Damit die Menschen die Kraft finden, dem zu widerstehen, was das Leben kaputt macht. Damit Menschen sich nicht zerfressen lassen von Hass und Neid und Gewalt. Mehr noch: damit der Tod seine Macht verliert und Menschen Kraft finden, sich dem Gott des Lichts und des Lebens anzuvertrauen.

Es ist kein Zufall, dass Jesus in einem Garten betet und in einem Garten verhaftet wird. Das gehört zu dieser großen Geschichte vom Licht, vom Garten, von den Menschen und von Gott. Es ist kein Zufall. Er wird verhaftet. Er wird sterben. Er wird auferstehen. Und damit wird erzählt: Das Paradies bleibt nicht auf ewig verloren. Gottes Licht ist stärker als jede Dunkelheit.

Und es ist wird zugleich verkündigt: Nehmt dieses Licht in euch auf! Nehmt es auf in euer Leben! Es erfüllt euch! Gebt es weiter. Hier an die Menschen in der Landesgartenschau, die voller Neugier und Sehnsucht her kommen. Zuhause in euren Familien, in der Nachbarschaft. Und wo immer ihr es leuchten lassen könnt. Es tut euch gut und den Menschen in dieser Welt!

Wer über dieses Licht der Welt nachsinnen und nachdenken will, dem bieten wir hier einen Ort an Wir laden hier in dieser Kirche Menschen ein, über sich nachzudenken: über ihr Leben, über den Garten dieser Welt, über das, was das Leben dunkel macht und über das, was das Leben hell und schön macht. Wir laden sie ein, ihren Blick auf Gottes Garten und sein Licht zu richten. Wir laden sie ein, darauf zu vertrauen, dass Jesus sein Licht weitergegeben hat und weitergibt. Wir laden ein, seine Worte neu zu hören. Er hat den Menschen zugerufen: „Ihr seid das Licht der Welt!“

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

zur Einführung des Kirchenvorstands 2009 von Pfarrer Dr. Ulrich Becke

Liebe Gemeinde,

„ja, ist euch denn gar nichts mehr heilig?“ schimpft Udo Steimle, ostdeutscher Kabarettist und  110-Kommissar in seinem Kleinkunstprogramm. Seine Rolle: er stellt einen ehemals hohen SED-Funktionär dar, jetzt Museums- und Kirchenführer für Touristen, der mit auffällig unauffälligen Spickzetteln eine Schlosskapelle erläutern muss. So lange hat er der Partei gedient, und jetzt das: „Ja, ist euch denn gar nichts mehr heilig?“

Was ist Ihnen, liebe Gemeinde, was ist uns denn heilig? Die Würde des Menschen? unser Privateigentum? mein Privatleben? meine Familie? meine Freizeit?

Was ist uns denn heilig? Komische Frage? Heute ist Allerheiligen, und damit fing es an. Luther wusste, was los war in der Schlosskirche in Wittenberg, Allerheiligen 1517: die Heiltumssammlung Friedrichs des Weisen wurde wie jedes Jahr an diesem Tag feierlich ausgestellt,

Reliquien en masse, en gros und en detail. Keine Fetische für Nekrophile sollten das sein, keine Horrorshow wie der überaus geschmacklose Pestzug der Friedberger Einzelhändler gestern Abend in unserer Nachbarstadt. Ursprünglich stand der Respekt vor den Heiligen dahinter, so etwa wie eigentlich wie bei einer Ikone: ein eindringlicher Blick in die Welt von Menschen, die uns exemplarisch Glauben vorgelebt haben, Männer und Frauen, von denen wir lernen können

Mit den Armen teilen, was wir haben: vom heiligen Martin, der für den Bettler seinen Mantel zerschneidet; Tiere als Mitgeschöpfe achten: vom heiligen Franziskus von Assisi, der den bösen Wolf von Gubbio durch einen Friedensvertrag zähmt.

In Friedrichs Heiltumssammlung in Wittenberg ist leider der respektvolle Blick auf Glaubensvorbilder auf den Hund gekommen. Um Ablass geht es dort, um Nachlass, also Rabatt auf Sündenstrafen im Jenseits, wenn jemand durch die Heiltumssammlung geht. Wo bleibt da der Gedanke an Buße?

Die ist Luther heilig, die Buße, die Demut vor Gott je und je, das konzentrierte Nachdenken über sich selbst vor dem Angesicht Gottes

hier: der Mensch – und da: Gott – einander unmittelbar gegenüber, ohne Vorzimmerdamen und –herren, wie Priester, Päpste und Heilige. Das ist der Blickwinkel der 95 Thesen, das ist der Blickwinkel der Reformation!

Heute ist Allerheiligen – und es bleibt die Frage: was ist uns heilig? Oder stimmt das: uns ist nichts mehr heilig….?

Heute wird unser neuer Kirchenvorstand eingeführt – allesamt sicher keine Heiligen, oder? Ich höre hier vorne keinen Widerspruch…

Ganz unterschiedliche Männer und Frauen sind das, unterschiedlich im Alter, im Beruf, in der Frömmigkeit, im Denken, in den Hobbies. Und das ist gut so! Gemeinde braucht in ihrem höchsten Gremium Verschiedenheit, gewissermaßen versöhnte Verschiedenheit, nicht nur hohe Sachkenntnis und Engagement über eigene Grenzen hinaus, auch Schlichtheit und Liebenswürdigkeit, nicht nur Glaubensüberzeugung, sondern auch suchende Skepsis.

Ich möchte Ihnen allen heute Morgen etwas über zwei Männer erzählen, beides Katholiken (also Menschen wie du und ich, oder?).

Der eine heißt Filippo Neri, von Beruf Stadtstreicher in Rom im Jahrhundert der Reformation. Er schläft in Schuppen und unter Tiberbrücken, seit er mit 17 Jahren von zuhause abgehauen ist.

Seine Besonderheit, sein Alleinstellungsmerkmal, wie wir heute zu sagen pflegen, unter anderen Stadtstreichern: er ist fromm, glühend fromm. Er sagt selbst von sich: ich bin wund vor Liebe zu Gott.

Er lacht und springt und tanzt durch römische Kirchen.

Eigentlich und ursprünglich wollte er auf der Gottsuche nach Indien –ein sehr moderner Zug, oder? Doch ein alter Mönch rät ihm: bleib hier in Rom. Le tue Indie sono a Roma. dein Indien liegt hier mitten in Rom, am Tiber.

Und dieser Filippo Neri, dessen Herz wund ist vor Liebe zu Gott, er erlebt religiöse Ekstasen bis an den Rand seiner Erlebnisfähigkeit und anschließend zieht er mit seinen Kumpels wieder witzereißend durch Rom, Witze über Päpste und Kardinäle und nicht zuletzt über sich selbst.

Wie geht die maßlos weise und gelegentlich wenig fehlbare römisch-katholische Kirche mit solchen Störern und schrägen Vögeln um? Richtig: sie integriert sie in den riesigen Apparat, um sie zu neutralisieren.

1551 wird Filippo Neri zum Priester geweiht, ohne nennenswerte Vorbereitung, also Hals über Kopf, unter einer einzigen Bedingung: er muss einen festen Wohnsitz nachweisen.

Dort in seiner winzigen Bude, feiert er spontane Andachten, wo jeder und jede zu Wort kommt und viel gesungen wird und nennt das Oratorium, die Andacht und die Lebens- und Wohngemeinschaft.

Zur gleichen Zeit lebt ein anderer bedeutender Katholik in Rom, ein spanischer Ex-Offizier, Don Inigo de Loyola, ein Meister der straffen Kirchendisziplin, der Planung und Organisation, ein Soldat Gottes will er sein, kein Narr Gottes wie Filippo Neri.

Wo Ignatius von Loyola, wie er in Rom heißt, der Gründer des Jesuitenordens, von seinen Anhängern Kadavergehorsam verlangt, sagt Filippo Neri: Gehorsam verschaffe ich mir dadurch, dass ich keine Befehle erteile. Gefragt, was sein Lebensprinzip sei, antwortet Neri: Ich überlege mir jedes Mal, was jetzt Ignatius von Loyola täte – und tue dann das Gegenteil

Er wird 80 Jahre alt – der Narr Gottes-

Und jetzt einen Moment Pause, denn es kommt ein großartiger Witz der Kirchengeschichte (und jetzt geht es an Allerheiligen auch wieder um Heilige): Am gleichen Tag, am 12. März 1622, spricht Papst Gregor XV. im Petersdom zu Rom zwei Männer heilig: den Soldaten Gottes Ignatius von Loyola – und den Narren Gottes Filippo Neri.

Was lernen wir daraus: egal, wem unsere Sympathien gelten: Kirche braucht Soldaten und Narren (und selbstverständlich, gerade nach dieser Woche gesagt: auch Soldatinnen und Närrinnen…). Das gilt auch und besonders für unseren Kirchenvorstand: die sachkundigen und fleißigen und engagierten Macher und Macherinnen und Manager und Managerinnen sind unendlich wichtig – und die, die fröhlich und ansteckend lachen und glauben.

Beide unter einen Hut zu bekommen und je und je zu versöhnen, das ist nun die Aufgabe des Vorsitzenden: viel Glück und Gottes Segen, lieber Rainer, und viel Glück und Segen, liebe neue Mitglieder im Kirchenvorstand!

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn! Amen.

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