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Rödgen

Das 1260 erstmalig urkundlich erwähnte Rödgen ist heutzutage nicht mehr mit der „Seestadt“ vergleichbar, von der Spötter in den Nachbarorten früher meinten, demnächst werde dort ein Hafen gebaut werden, wo „Margarinedampfer“ landen könnten. Die alljährlichen Überschwemmungen im Tal der Wetter gehören der Vergangenheit an. Das Dorf ist auch nicht mehr mit einem „Pannekuche“ (Pfannekuchen) vergleichbar: Denn die Rödger Hauptstraße ist inzwischen nicht mehr nur auf einer einzigen Seite bebaut. Die besondere Lage im eingeengten Wettertal führte noch vor Jahren zu einer gewissen Abgeschiedenheit des Ortes in unmittelbarer Nähe des umtriebigen Weltheilbades Nauheim. Der allseitige Wandel hat auch Rödgen grundlegend verändert.

Ein Dorf des Amtes Dorheim

Rödgen hatte keine Burgherren wie die benachbarten Orte Nauheim, Friedberg, Dorheim oder Steinfurt, in deren Schutz sich der Ort hätte stärker entwickeln können. Die Territorialherren von Rödgen, Schwalheim und Dorheim („Amt Dorheim“) waren von 1535 an die Grafen von Stolberg, seit 1572/78 die Grafen von Hanau-Münzenberg und ab 1642 war es die Linie Hanau-Lichtenberg. Etwa 100 Jahre danach fiel Rödgen an die Landgrafschaft Hessen-Kassel, das spätere Kurfürstentum. Nach dem preußisch-österreichischen Krieg wurden 1866 die drei Dörfer zusammen mit Nauheim an das Großherzogtum Hessen-Darmstadt abgetreten. Anstelle von Hanau war seitdem Friedberg die zuständige Kreisstadt.

Rödgen ist eine derjenigen Ortschaften im Wetteraukreis, an die man wohl zuletzt denkt, wenn einem die alte Redensart in den Sinn kommt, man solle doch die Kirche im Dorf lassen. Denn Rödgen hat eigentlich keine Kirche, vielmehr ein Evangelisches Gemeindezentrum - und das erst seit 1977, in dem i.d.R. an jedem zweiten Sonntag ab 10.45 Uhr Gottesdienst gefeiert wird. Zur Bereicherung trägt gelegentlich die Kantorei Wetterau oder der örtliche Gesangverein bei.

Die Ersterwähnung

Erstmals in der Zeit von 1250/1260 tauchte der Name ,,Rode iuxta Swalheim“ (=Rödgen nahe Schwalheim) in einer Urkunde auf. Nach Ansicht des Lokalhistorikers Max Liebig geht ,,Rödgen“ als ,,kleine Rodungssiedlung“ auf die Gründung durch Aussiedler aus Schwalheim zurück, die im 12. Jh. oder in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine Rodung unterhalb des Holzberges vornahmen und zwischen heutiger Rathausstraße/Ecke Gaststätte Römerhof und dem Grasweg bis zum Bach Wetter die ersten, mit Stroh gedeckten Lehmhütten erbauten.

Entwicklungen in der neueren Zeit

Im Laufe der folgenden Jahrhunderte kam es zu einer nur geringfügigen Bevölkerungszunahme — erst im Jahre 1895 zählte Rödgen 225 Personen. Das lag nicht nur an den Kriegen, besonders dem Dreißigjährigen Krieg und dem Siebenjährigen Krieg, die die Dörfer des Wettertals heimsuchten, sondern auch an der dürftigen Ernährungslage in der nur 169 ha großen Rödger Gemarkung mit kleinem Viehbestand — im Vergleich dazu gehörte zu Schwalheim eine fast dreimal so große Agrarfläche. Heute gibt es in Rödgen gar keine landwirtschaftlichen Betriebe mehr, die Felder sind an Landwirte in den Nachbardörfern verpachtet. Jahrzehntelang waren viele Einwohner als Maurer, Zimmerleute und Weißbinder beschäftigt, im 19. Jahrhundert noch als Bergleute beim Abbau von weißem Sand, in Steinbrüchen auf dem Holzberg oder als Müller in der Rödger Mühle am Ausgang des Dorfes in Richtung Schwalheim bzw. in der Holzmühle am Ortsausgang nach Wisselsheim. Beide Mühlen existierten schon seit dem 16. Jahrhundert, mussten aber trotz technischer Verbesserungen in der Zeit des allgemeinen Mühlesterbens um 1900 den Betrieb einstellen. So waren die Einkommen der meisten Dorfbewohner sehr niedrig, ebenso das Steueraufkommen der Gemeinde. Das wirkte sich auf die Infrastruktur aus: Als drittletzte Gemeinde im Kreis Friedberg bekam Rödgen erst 1965 eine öffentliche Wasserleitung. Damit hatten die neun privaten Brunnen ausgedient, von denen noch einer in der Hauptstraße steht.

Volks- und Grundschule

Auch der Schulunterricht verlangte nach der Umsiedlung von etwa 200 Heimatvertriebenen aus Schlesien und dem Sudetenland 1945/46 sowie dem Zuzug von Bauwilligen aus den Städten des Rhein-Main-Gebiets in den sechziger und siebziger Jahren mehr Schulraum am Ort. Rödgen erhielt deshalb einen modernen Neubau, die „Wettertalschule“, und eine bescheidene Turnhalle - ein großer Fortschritt in Rödgens Geschichte.

In den früheren Jahrhunderten hatten die Rödger Schulkinder einen langen Schulweg zu bewältigen, nämlich bis zur Schule in Schwalheim. Aber von 1770 an unterrichtete ein Lehrer in Rödgen die wenigen Rödger Schüler in seiner Wohnstube; seit etwa 1831 fand der Unterricht bis kurz nach 1900 im „Gemeindehaus“ statt, das am Beginn der Brunnenstraße stand. 1906 war das stattliche, hoch aufragende neue Schulhaus in der jetzigen Rathausstraße 8 für zwei Schulklassen fertig gestellt; es erregt noch heute durch seine Schmuckelemente im Stil des Jugendstils die allgemeine Aufmerksamkeit. Zu einer weiteren Veränderung der örtlichen Schulsituation kam es, als 1961 am Nordrand des Dorfes die „Wettertalschule“ eröffnet wurde, die für Grundschüler aus Rödgen und Wisselsheim gebaut worden war.

Weitere Verbesserungen

Weitere Verbesserungen in der öffentlichen Daseinsfürsorge kamen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hinzu: Erweiterung und Umbau des Feuerwehrgerätehauses (1966/1991), eine Kläranlage (1969/1999), Kreistierheim (1972ff), Bürgerhaus für Rödgen und Wisselsheim (1982), ein neuer Sportplatz (1988), Kindergarten (1996) und Trauerhalle (1991). Zwar hatten die zwei bzw. drei bisherigen Kolonialwarenläden oder Gemischtwarenläden im Dorf inzwischen schließen müssen, aber vor den Toren der Stadt Bad Nauheim sorgte nun ein relativ großes Gewerbegebiet für ein besseres Angebot, zu dem auch neue Stadtbuslinien führen. Der Anschluss an das überörtliche Straßennetz ist seit dem Bau der B 3a wesentlich verbessert worden. Allerdings müssen die Rödger Bürger auf die Dienste der Poststelle und der Bankfiliale verzichten.

In den letzten Jahrzehnten sind weitere Bürger zugezogen, deren Arbeitsplätze im Frankfurter Raum von hier aus per Pkw oder Eisenbahn gut zu erreichen sind. Von dieser Entwicklung profitieren auch die Rödger Vereine. Aber an eine Erschließung weiterer Baugebiete in Rödgen ist derzeit wohl nicht gedacht, zumal Rödgen nach dem Intermezzo eines freiwilligen Zusammenschlusses mit Wisselsheim zur Gemeinde Wettertal (1971) durch die Gebietsreform von 1972 ein Stadtteil von Bad Nauheim geworden ist. Somit sollte auch auf kommunalem Gebiet Weitläufigkeit die althergebrachte Engstirnigkeit abgelöst haben.

Verpasste Gelegenheiten

Trotz dieser insgesamt recht positiven Entwicklung Rödgens ist der Ort letztendlich so etwas wie ein Dorf der verpassten Gelegenheiten:

  • Im nördlichen Bereich des Rödger Holzberges, unweit der Gemarkungsgrenze zu Wisselsheim legten die Römer 8. v. Chr. ein Versorgungslager an, das sie bis etwa 7 v. Chr. unterhielten. Bei den Ausgrabungen anlässlich des Baus der Wettertalschule (1961-1964) wurden keine Spuren eines Lagerdorfes gefunden, aus dem sich, wie im Falle späterer Römerlager, eine städtische Siedlung hätte entwickehi können.
  • Der für Rödgen geplante Bahnhof an der Butzbach-Licher Eisenbahn (Wettertalbahn) wurde 1909 nicht realisiert: Rödgen erhielt keinen Anschluss an das Eisenbahnnetz.
  • Die moderne „Schwimm- und Badeanstalt“ in der Wetter, die auch von Badegästen aus Bad Nauheim aufgesucht wurde, konnte von dem Eigentümer der Holzmühle nur von 1905 bis 1909 betrieben werden.
  • In die Rödger Mühle war nach 1900 eine Fabrik eingezogen, die chemische Produkte herstellte, während in der Holzmühle eine „Dampf-Wäscherei“ eingerichtete wurde, der eine Mosterei und später ein Metall verarbeitender Betrieb folgten. Einen Schritt in Richtung der Industrialisierung ergab sich daraus dennoch nicht.
  • Auch der Besuch des russischen Zaren Nikolaus II. im Oktober 1910 hinterließ keine beliebenden Spuren in Rödgen, der etwa dem Tourismus einen Auftrieb hätte geben können.

Herbert Pauschardt

Literatur: Herbert Pauschardt: Aus der Geschichte eines Dorfes im Wettertal, Rödgen. Mit einem Beitrag zur Geschichte  von Landschaft und Naturraum von Michael Pirl. Festschrift zur 750-Jahr-Feier, Bad Nauheim 2010 (erhältlich in der Stadtverwaltung Bad Nauheim).

 

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